Montag, 4. Dezember 2017

Jetzt ist in Zürich-Altstetten der Samichlaus wieder unterwegs

Wie Jahre zuvor, trafen am vergangenen Samstag 6 oder 7 Chlauspaare (Samichlaus und Schmutzli) zu einer Feier in der Kirche Heilig Kreuz in Altstetten ein. Viele Kinder waren gekommen, um den Zauber von Sankt Nikolaus auch dieses Jahr wieder zu erleben. Die Feier wurde von Laien gestaltet. 3 Kinder füllten mit ihrer feinfühligen Musik den grossen Kirchenraum. Ein kleines Mädchen und ein nicht viel älterer Bueb spielten Geige, ein etwas älterer Knabe Klavier.

Und mit Begeisterung wurden kindergerechte Lieder gesungen.

Diese von Laien mit den Kindern gestaltete Feier signalisierte die Aussendung der Chlauspaare für ihre Besuche in der Pfarrei. Die Kinder durften dabei behilflich sein. Sie überreichten den einzelnen Chläusen den Stab und ein goldenes Buch. Und die Schmutzlis bekamen Laternen.

Ich verstand diese Gaben als Symbole. Die Geschichte soll weiter bewahrt und erzählt werden. Darum der Stab als Autorität, die Laternen als Wegweiser und Lichtbringer. Und der helle Klang der Glöckchen grosse Freude.

Auf dem Heimweg sinnierte ich über die erlebte, kindergerechte Feier und ich fragte mich, wer was aus ihr bewahren kann.

In meiner Familie besuchte uns der Samichlaus nur ein einziges Mal. Am 6. Dezember stellten wir jeweils alle einen Schuh vor unseren Ofen. Meist nach dem Nachtessen waren sie dann gefüllt. Der Chlaus war da! Scheinbar unsichtbar.

Nach der Ansicht von uns Eltern ging es Primo und mir darum, eine Überraschung zu spielen. Dem Geheimnis einen Raum zu geben.

Natürlich ahnten unsere Töchter eines Tages, dass das ein Spiel sein muss. Und sie versuchten, uns zu beobachten und hinters Licht zu führen. Der Altersunterschied der beiden ist 6 Jahre. Die Ältere konnte sich gar nicht mehr recht freuen. Und die jüngere sorgte sich um den Klaus. Sie fragte mich einmal, dass ihr aufgefallen sei, dass unser Ofen, den wir mit Holz und Kohle heizten, immer noch starke Wärme ausstrahle. Sie fragte besorgt, wie könne der Klaus, von dem erzählt werde, dass er durch den Kamin ins Haus gelange, uns seine Gaben bringen…
Der persönliche Samichlaus besuchte uns nur einmal. Die Grosseltern waren an diesem Abend bei uns zu Besuch. Da polterte es plötzlich an unsere Fensterläden. Alle horchten auf, liessen Gespräche versanden. Letizia hatte sogar den Schatten vom Bischofstab an unseren geäzten Fensterscheiben entdeckt. Oha! Sie beteuerte, keine Angst zu haben, stand aber wie angewurzelt da. Eine Weile nur, dann sagte sie sehr bestimmend: Papi und ich gehen an die Tür. Der Vater an der Hand des Kindes oder umgekehrt? Letizia war gut vorbereitet. Sie trug Verse auf, sang Lieder und spielte ihre selbst komponierte Melodie. Der Klaus freute sich, dass sie ihn nicht fürchtete.

Er wurde auch beschenkt. Primo holte eine Flasche Wein mit dem Namen «Himmelsleiterli-Wy» aus dem Keller und übergab ihn dem Samichlaus, auf seinen Heimweg deutend. Dieser muss aber eher an die Leiter Richtung Ewigkeit gedacht haben, denn er antwortete, es sei wohl besser, er trinke ihn noch vorher.

Mein Schwager P. spielte an diesem Abend die Rolle von St. Nikolaus. Letizia erkannte ihn nicht, sagte aber später, er sei ihm ähnlich. Von mir wollte sie noch wissen, über wie viele Berge er gehen müsse, bis er zu Hause ankgekommen sei.

Sankt Nikolaus ist der Heilige, der Samichlaus sein Vertreter.
Oft sprechen wir auch nur vom Klaus oder Chlaus.

Einer meiner Blogs aus dem Jahre 2005 zum Thema Samichlaus:
Der unbekannte Samichlaus an der M-Kasse im Kreis 5

Samstag, 25. November 2017

Mein Samstag und der Samstag allgemein

Heute zeigt sich dieser garstig. Die Temperatur ist gesunken. Es regnet. Die Wetterprognosen kündigen den Winter an. Und lösen ein «Aha» aus. Darum fühle ich mich also gerädert. Schwachstellen im Körper jaulten auf.
Ausgleich finde ich dann auf der Velofahrt nach Schlierenberg, wo ich frische Milch hole. Die Anstrengungen bergwärts sind willkommen. Ich atme tiefer und entspanne mich dabei.
Ich begegne keinem Menschen. Obwohl der Himmel verhangen ist und die Bäume ihr Laub verloren haben, freue ich mich auch heute wieder an der offenen, weiten Landschaft. Und grüsse die Lärchen in ihrem seltsamen Altrosa auf der Krete.

Die Milch wird heimgefahren. Dann folgt noch der Lebensmitteleinkauf. Im Coop ist lebhafter Betrieb. Ich finde alles, was wir brauchen. Primo ist heute abwesend.

Es ist still hier. Die Zeit ideal für einen Beitrag ins Blogarchiv. Da meldet sich gleich die Frage nach dem Planeten, der aus astrologischer Sicht zum Samstag gehört. Die Venus! Wie soll ich sie umschreiben? Ich suche nicht in Büchern danach, sondern nach jenem Artikel, den ich 1986 für die Zeitschrift Natürlich schrieb. «Mensch, erkenne dich selbst. Eine Einführung in die Astrologie».

Ein einziges Exemplar ist noch vorhanden. Ich zitierte in diesem Beitrag Alfons Rosenberg nach klassischer Anschauung und lese hier vor:

Venus = Gegensatz zu Mars. Das weiblich Anschmiegsame und Bejahende – das frohe Ja zum Dasein wie es ist, zur Schönheit und zu den Sinnen.

Diese vielleicht etwas altmodisch anmutende Beschreibung soll symbolisch verstanden werden. Als Bild, der Samstag sei zum Aufatmen da. Und tatsächlich: Wer sich am Samstag in der Stadt aufhält, trifft viele Mitmenschen, die dieses Venus-Gefühl zelebrieren. Sie entspannen sich, sind in Gesellschaft, gönnen sich etwas.

Zur Zeit meiner Jugend und noch während meiner Lehre im kaufmännischen Bereich wurde immer auch am Samstagmorgen gearbeitet. Aber der Nachmittag gehörte schon damals der Freizeit.

Seit einem Jahr bäckt unsere venusianisch angehauchte Tochter Letizia für die Eltern regelmässig am Samstag einen Butterzopf und dazugehörig 2 Gipfeli. Aus eigenem Antrieb und eigener Freude. Immer ab 17 Uhr abholbar.

Heute hole ich die Backwaren ab. Wenn es nicht regnet, fahre ich sie mit dem Velo heim.

Das Rezept zum Fletschhorn-Zopf findet man bei Letizia. Link zum Rezept

Mittwoch, 25. Oktober 2017

Die Post – meine Lieblings-Organisation

Wer mich gut kennt, weiss bereits, dass für mich ein Leben ohne Post Vereinsamung wäre.
Darum erzähle ich gern wieder einmal eine Post-Geschichte, die Applaus verdient.
Wir meldeten unsere Adressänderung. Primos Schreinerei im Welti-Furrer-Areal sei aufgehoben. Alle an sie adressierten Briefe und Pakete sollen neu an unsere Wohnadresse umgeleitet werden.

Tochter Letizia kümmerte sich um das Formular im Internet und füllte es mit unseren Angaben aus. In solchen Augenblicken wird mir jeweils bewusst, wie alt wir geworden sind und ohne Hilfe nicht zurecht kämen.

Kein Problem für jüngere Leute. Die digitale Adressänderung von Letizia übermittelt, wurde sofort automatisch akzeptiert und 4 Tage später fanden wir die korrekt umgeleitete Briefpost im Briefkasten unseres Wohnortes.
Ohne uns zu informieren, hat Letizia für uns noch eine Kontrolle eingefügt. Mir schickte sie eine Fotokarte, wie üblich an unsere Wohnadresse. Für Primo adressierte sie eine Postkarte mit der Schreinerei-Adresse versehen, die nicht mehr gültig war. Jede Karte wurde am selben Tag, aber nicht am selben Ort in der Stadt Zürich in den gelben Briefkasten geworfen. Und beide kamen gleichzeitig bei uns zu Hause an. Beide wurden im Briefzentrum Mülligen zur selben Zeit bearbeitet. Beide Stempel tragen den Tag 18.10.17 und die Uhrzeit 22 Uhr. In dieser Bearbeitungszeit muss der Computer mit unsere Adressänderung konfrontiert worden sein und die neue Anschrift entdeckt haben. Diese drückte er maschinell ans untere Kartenende und ermöglichte so, dass beide Sendungen wieder zusammenfanden und miteinander in unserem Briefkasten landeten.

Wir staunten und freuten uns!

Tags darauf erhielten wir Briefpost mit gelben Klebern, auf denen unsere Heimadresse aufgedruckt worden ist. Offenbar können nur Sendungen maschinell bearbeitet werden, wenn die Briefumschläge sorgfältig und in einem gewissen Rahmen angeschrieben sind, damit sie der Computer problemlos erfassen kann. Aber offensichtlich kann er keine Adressen vom Fenstercouvert automatisch bearbeiten. Mit Unebenem arbeitet er nicht. Ich stellte auch fest, da wo gelbe Adresskleber nötig waren, ist der Brief uneben. In einem gelb beklebten Couvert fand ich zum Beispiel einen Weihnachtsstern, in einem anderen Bettelbrief einen Kugelschreiber. Solche Sendungen können nicht maschinell bearbeitet werden, folgere ich jetzt.

Wahrscheinlich gehören die gelben Kleber noch zur postalischen Handarbeit. Ebenso die Korrektur der Postleitzahl 8084 auf einem Brief für uns. Richtig wäre 8048 gewesen.

Letizias Karte «Ich hol Dir die Sterne vom Himmel» verlangt noch einen Hinweis:
Letizia spricht da ihren Vater als Kunigunde Elfriede Pümperlitz an. Diese ist in unserer Kommunikation eine Figur, mit der wir Spass machen und kleine Geschichten erzählen, damit das Leben nicht immer nur ernst ist.

Tage zuvor ist im Tages Anzeiger ein Artikel über jene Mieter aus dem Welti-Furrer-Areal erschienen, die ihre Werkstätten jetzt verlassen müssen. Auch Primo wurde befragt und fotografiert. Und dieses Interview hatte Kunigunde Elfriede Pümperlitz natürlich gelesen. Dass den 4 Männern je eine Figur aus den Geschichten von Asterix und Obelix übertragen wurde, faszinierte natürlich unsere Kunigunde.
Das gallische Dorf von Zürich-West – Tages-Anzeiger-Artikel vom 12.10.2017

Samstag, 7. Oktober 2017

Ein Ausflug ohne festgesetztes Ziel

Primos Idee: Unvorbereitet reisen. Ohne Fahrplan, ohne fixes Ziel usw.

Dafür eignet sich im Kanton Zürich der 9-Uhr-Pass bestens. Mit ihm lässt sich günstiger und unkonventionell reisen. Einsteigen und aussteigen wo es einem gerade gefällt. Mit diesem Pass reisten wir an jenem Tag im Tram und Postauto. Die Eisenbahn wurde uns verwehrt.

Gerade als wir im Tram in Oerlikon angekommen waren, erlitt die Fahrleitung im Umfeld dieses Ortes einen Defekt. Wir konnten nicht mit der Bahn weiter reisen.
Das Tram führte uns dann zum Flughafen. Dort konnten wir zur Mittagszeit essen, aber nicht mit der Bahn weiter reisen. Im überdachten Bushof standen Postautos zur Abfahrt bereit. Wir liessen uns von einem Chauffeur beraten. Er nahm uns mit auf seinen Kurs, meldete nach vorheriger Absprache unseren Umsteigeort und die Busstation rechtzeitig zur Weiterfahrt nach Freienstein und Teufen. Die Fahrt in eine uns nicht bekannte Falte im Kanton Zürich.
In Rorbas hatten wir noch Zeit, um uns umzusehen. Imponiert hat mir die Tössbrücke. Und die Wege, obsi und nitzi (aufwärts und abwärts). Und die von weitem her sichtbare reformierte Kirche. Ebenso die vielen gepflegten Häuser nach alter Manier. Zu ihnen gesellen sich farbige Frauen aus Holz und zeigen uns, dass alte und junge Schönheit zueinander passen.

Nach der Rückfahrt nach Kloten auch Rückfahrt wieder im Tram zum Zürcher Hauptbahnhof. Da war der Tag noch jung und die Ideen noch nicht verbraucht. Erneut wendeten wir uns dem Tram zu, allerdings in eine andere Richtung, zum Römerhof. Dort wartete bereits die Zahnradbahn und führte uns in wenigen Minuten zum Dolder, dem bekannten Erholungsgebiet.

Hoch über der Hektik der Stadt wanderten wir ein Stück weit über den Zürichberg. Die Alpen grüssten. Die Aussicht Rigiblick war unser nächstes Ziel. Dort wollten wir noch die Seilbahn Rigiblick benützen. An diesem Tag wurden Renovationsarbeiten ausgeführt. Eine Reise in der Seilbahn nicht möglich. Wir wurden auf einen kleinen Bus verwiesen. Er werde uns ins Tal führen. Und diese Fahrt, sie gab unserem Ausflug noch das letzte Tüpfli aufs i. Sie führte Serpentinen gleich durch Strassen, die wir noch nie betreten haben. Vorbei an vornehmen Häusern mit Bäumen und schönen Gärten. Hier wohnt das reiche Zürich.

Obwohl uns an diesem Tag verschiedene Hindernisse im Weg standen, empfanden wir unseren Ausflug vielseitig und spannend. Ich freute mich besonders auch, dass wir hier oben auf dem Zürichberg eine Stele entdeckten, die

Susanna Orelli-Rinderknecht 1845—1939 gewidmet ist.

Sie ist die erste Frau, der 1919 die medizinische Ehrendoktorwürde verliehen worden ist.
Sie starb im Jahr 1939 und ich kam 1939 auf die Welt.

Sie war eine Vertreterin der Schweizer Abstinenzbewegung und Gründerin des Zürcher Frauenvereins.
Wie wahr auch ihre Weisheit, die auf der Stele festgehalten ist:
IM GUTEN LIEGT EWIGE LEBENSKRAFT.

Die Begegnung mit ihrem Andenken gab unserem Ausflug zum 55. Hochzeitstag einen besonderen Glanz.

Freitag, 22. September 2017

Augen oder Gesichter, die mich angesprochen haben

Diese erste Foto entstand im Frühjahr 2010, als wir an einem Sonntagmorgen zu dritt Bärlauch suchten. Anfänglich regnete es. Am Waldrand angekommen, brauchten wir keine Schirme mehr. Wir steckten sie weg, ohne dass ein besonderes Bild hätte entstehen müssen.

Erst als wir unsere Portion Bärlauch gepflückt hatten, entdeckten wir das schöne Bild, das die Schirme darstellen. Ich mag Zufälligkeiten und fotografiere sie gern. Jetzt, 9 Jahre, später treffe ich das Bild in meinem Fotoarchiv unverhofft an. Und wieder denke ich an Vögel.

Meist sprechen mich aber Gesichter an, wenn ich Gemüse oder Früchte rüste, Brot aufschneide oder bei Primo in der Werkstatt aufgeschnittenes Holz betrachte.

Augen und Gesichter, die ich hier zeige, sind nicht speziell für diesen Beitrag gestaltet worden. Es sind Momentaufnahmen, Zufälligkeiten, wie ich das Bild unverhofft gesehen habe. Auch am Grashalm wurde nichts gestaltet. Er schaute mich so freundlich an. Mit Augen, die eigentlich Grashalmäste sind.

Freitag, 8. September 2017

Die Stadt Schlieren kennen gelernt

Lisbeth hatte angerufen und mich zu einem Mittagessen im Garten des historischen Stürmeier-Hauses in Schlieren eingeladen. Wir haben uns lange nicht mehr gesehen. Sie war krank, brauchte Ruhe und Abgeschiedenheit. Als sie anrief, fühlte sie sich stark und traute sich zu, mich anderntags durch das neue Schlieren zu führen. Sie liebt ihren Wohnort, ist immer informiert, was sich da regt und entsteht.

Die leckeren Speisen mundeten. Der Aufenthalt im Freien am Rand eines kleinen Parks vermittelte mir Ferienstimmung. Lisbeth führte mich nach dem Essen noch an einen Teich, zum Ortsmuseum und zur Mozart-Tafel, die davon erzählt, dass die längste und grösste Konzertreise im Leben von Wolfgang Amadeus Mozart mit seiner Familie im Spätsommer und Herbst 1766 durch die Schweiz führte. Damals war das Wunderkind erst 10 Jahre alt
Artikel aus dem Tages Anzeiger

Schlieren sei die erste und bisher einzige Mozartstadt im Kanton. Lisbeth erzählte, dass hier in gewissen Abständen in Schlieren Mozartwerke aufgeführt würden. Wenn ich recht verstanden habe, hier im Park. Die rote Säule, die davon berichtet, ist leider beschädigt worden. Wie an vielen Orten, wenn es unzufriedene Menschen nicht ertragen, dass andere sich an Kultur oder nur auch an Ordnung freuen können, beschädigen sie diese.

Weiter wurde ich auf den Kirchplatz geführt. Der rund gestaltete Festplatz liegt wie ein Teppich vor der Kirchentür. Er ist aus verschieden ornamental eingelegten Pflastersteinen gestaltet. Die wenigen Häuser in diesem Umfeld ergänzen den Platz und lassen ihn zu einem Raum wahrnehmen.
Ich wusste bis anhin nicht, dass der Stadtkern von Schlieren eine so gut erhaltene Schönheit ist. Gern liess ich mich durch den Park und an den Teich führen. Die Sonne schien und spielte mit dem Grün verschiedener Parkbäume. Mütter und Kinder spazierten hier. Kaum zu glauben, dass nicht weit daneben starker Verkehr braust. Wie der Park trotzdem Ruhe schenken kann, ist sein persönliches Geheimnis.
An diesem Nachmittag hatten wir zusammen auch noch das neue Schlieren mit seinen gigantischen Hochbauten für Wohnungen und Geschäftsräume angeschaut. Was für eine architektonische Vielfalt! Und wie viel Grün in den Räumen zwischen den Wohnhäusern gepflanzt worden ist. Eine Wohltat. Noch sind hier nicht alle Räume schon besetzt. Geschäfte und Gaststätten werden wohl demnächst einziehen.
Ich fragte mich, was denn in diesem riesigen Areal früher angesiedelt war. Wie schnell man alte Bilder vergisst, wenn neue dominant werden und einen in Bann ziehen. Primo erinnerte mich daran, dass hier auf einer grossen Fläche noch vor wenigen Jahren ein mächtiger Occasions-Autohandel stattfand.
Die alten hochgewachsenen Bäume aus dem kleinen Park der Firma Geistlich, die früher in diesem Gelände ihre Leimsiederei betrieb, stehen noch alle treu beisammen. Unternehmer aus vorigen Jahrhunderten bauten oft neben der eigenen Fabrik eine Villa und pflanzten exotische Bäume. Diese Geistlich-Baumgruppe, ganz in der Nähe vom SBB-Bahnhof Schlieren ist heute noch von weitem sichtbar. Sie erscheint jetzt klein, weil das umgebrochene Land nochmals so gross zu sein scheint, wie dasjenige, auf dem die futuristischen Wohn- und Geschäftshäuser bereits aufgezogen worden sind.

Begeistert bin ich dann gegen Abend hin auf dem Veloweg, der Eisenbahnstrecke Baden-Zürich entlang, wieder heimgefahren. Nochmals schaute ich zu den Parkbäumen hin. Könnt ihr hier bleiben? fragte ich. Grosse Stille. Ich sah sie alle zusammen in ihrem Verbund, in ihrer Aufgabe ein Park zu sein. Obwohl der eine, den ich die «Tanne» nenne, wie eine Kirchturmspitze wahrgenommen werden könnte, wenn dieser Park aus einem günstigen Blick betrachtet wird. Die Gruppe ist aber mehrheitlich homogen zu sehen.

Verständlich, dass ich zu Hause rapportierte und bewirkte, dass wir beide am darauffolgenden Sonntag nach Schlieren fuhren, wo ich einige von mir beschriebenen Orte noch vorstellen konnte.
Auch Primo kannte den alten Stadtkern noch nicht, aber wie voraus gesehen, interessierten ihn die Neubauten mit ihren gigantischen Häuserreihen und grundsätzlich die vielfältige Architektur. Und selbstverständlich auch jene Fläche, die als Nächstes überbaut wird.

Vor der Heimkehr wollte ich noch den schönen Platz vor der Kirche im alten Ortskern zeigen. Und da wartete dann eine Überraschung auf uns. Es fand ein lebensfrohes Fest mit Auftritten von ausländischen Trachtengruppen statt. Von mildem Wetter begleitet. Musik in Fülle. Die ersten beiden Gruppen wurden von mitgebrachten Instrumenten begleitet. Wunderschön die feinen Klänge für den Tanz. Ganz anders dann jene Gruppen mit lauter Konserven-Musik. Da wurden meine Ohren strapaziert. Ich empfand diese Lautstärke noch schmerzvoller als die brausende Orgelmusik in der Kirche.

Samstag, 12. August 2017

Schreibpapier und Packpapier – Spielen mit der Enkelin

Wollen wir wieder einmal Faltbilder machen?
Jaaa! tönte es sofort zurück.
Papierstreifen waren schnell zugeschnitten und zweifach gefaltet. So, dass 3 Flächen entstanden. Die Farbstifte waren ebenfalls griffbereit und die Ideen am Start.

Nora kannte dieses Spiel schon von früher. Auch ihr macht es Spass. Man zeichnet auf der obersten Fläche ein originelles Gesicht und gibt mit feinem Strich auf das Mittelstück des Papiers den Ort ab, wo sich in der Zeichnung der Hals befindet. Dann wird das Papier weiter gegeben, ohne dass das bereits vorhandene Bild angeschaut werden darf.

Wieder steht eine weisse Fläche zur Verfügung. Das Mittelstück. Man weiss, auf diesem sollen Brust und Bauch, und ebenso die Arme dargestellt werden. Wieder helfen zwei feine Bleistiftstriche am Faltübergang, dass Beine oder Hosen im dritten Bildteil am richtigen Ort plaziert werden können. Dann wird die dritte Fläche gestaltet.

Die Bilder werden am schönsten, wenn nicht geschnüffelt wird. Man soll immer nur die weisse Fläche vor sich haben, nicht wissen wollen, was vorher gezeichnet worden ist.
Die hier abgebildeten Zeichnungen sind zu dritt entstanden. Nora, der Grossvater und ich übernahmen das Faltpapier linksseitig voneinander und gaben das eigene rechtsseitig weiter.

Waren die Zeichnungen fertig, durften sie geöffnet werden. Dass wir uns an ihnen freuten und auch lachten, ist gewiss verständlich.

Dieses Spiel stammt noch aus meinem Elternhaus. Meine Mutter sorgte immer dafür, dass bei uns Papier vorhanden war. Sie brachte sogar fortgeworfene Papiere aus Papierkörben nach Hause, wenn sie beim Büroputzen unbeschriebene Blätter vorfand. Sie sorgte dafür, dass wir mit Papier spielen konnten. Schreibpapier und Packpapier waren in unserem Haushalt immer vorhanden.

Und manchmal kam auch ein seltsames Wortspiel aus ihr heraus.
Eines, das sich steigern lässt, aber schlussendlich zusammenbricht, weil die Wiederholung der immer gleichen Worte sehr anstrengend ist.

So lautete der Text:

Ein Bigebogä blaus Packpapier
zwei Bigeböge blaus Packpapier
drü Bigeböge blaus Packpapier
viär Bigeböge blaus Packpapier
föif Bigeböge blaus Packpapier

usw . . . . . . . . . . . . . usw.

Dienstag, 20. Juni 2017

100 Fragen möchten beantwortet werden

Heute entnahm ich dem Briefkasten einen dicken Briefumschlag, Absender PRO SENECTUTE Kanton Zürich.

Es wurde mir eine Publikation zum 100 Jahr Jubiläum dieser Fach- und Dienstleistungsorganisation für das Alter zugestellt. Die dicke Post enthielt ein fein gestaltetes Büchlein, ein Geschenk, das Denkanstösse vermitteln soll.

Buchstaben, Worte, gedruckte Gedanken wecken immer mein Interesse. Ich begann sofort zu blättern und zu lesen. Jede der 100 Seiten präsentiert eine Frage rund ums Alter.

Jeder Satz steht allein da, kommt zur Geltung. Es sind Fragen, die nicht nur alte Menschen stellen. Fragen auch, die weit in die Zukunft verweisen, die wir heute ehrlicherweise nicht beantworten können. Es sind zum Teil sorgenvolle Gedanken.

Wie lange haben wir noch sauberes Trinkwasser?
Existiert noch Regenwald, wenn meine Enkelinnen pensioniert sind?
Wann genau war die gute, alte Zeit?
Wird es auf der Welt irgendwann gerechter sein?
Und zur Frage 1 lese ich: Wie geht es mir heute?

Dieser erste Satz liess mich sofort an Nora, die 11-jährige Enkelin, denken. Immer wenn sie uns schreibt, beginnt ein Brief mit dieser Frage:

Liebes Grosy oder lieber Gropi
Wie geht es Dir?
Mir geht es gut.


Wie schön, dass das Wohlbefinden sowohl für die Grosseltern wie für sie selbst wichtig ist und darum am Anfang des Briefes steht. Darum geht es ebenfalls der Organisation PRO SENECTUTE, die 1916 als Hilfswerk gegründet wurde. Sie darf heute auf wertvolle Hilfe zurückschauen.

Ich werde das erwähnte Büchlein bei einer Gelegenheit den Enkelinnen zeigen und nach Antworten von ihnen fragen. Diese sind für sie ebenfalls wichtig.

Z.B. Was heisst «vergänglich?»
Was ist mir egal?
Trinke ich täglich genug Wasser?
Wird das Gute gewinnen?

Ich hoffe, dass wir dafür Zeit haben, wenn sie nächstes Mal bei uns sind.
Dieses Büchlein ist anregend. Aus meiner Sicht können einige Fragen bis ans Lebensende nicht beantwortet werden. Aber die Gedanken um sie herum, sie sind wertvoll und geben uns Auskunft, wie und wo wir im Leben stehen.

Wie geht es Ihnen?
Diese Frage geht auch an mich.

Es geht mir immer sehr gut, wenn ich auf Schlierenberg durch den Friedhof spaziere und von der Anhöhe her die Aussicht geniesse. Das habe ich heute Nachmittag getan. Es ist ein friedlicher Ort, die Luft rein, der Wald nahe. Die Wege gut begehbar. Spaziergänge reinigen hier die Unruhe im Herzen. Oft habe ich diesem Ort schon ein Lob gesungen.

Als Primo und ich vor 9 Jahren an diesen Stadtrand umgezogen sind, entdeckten wir bald das Friedhofgelände Eichbühl und befreundeten uns mit ihm. Der Ort am Waldrand: wunderschön. Das schlichte Gemeinschaftsgrab mit seinen jungen Kischbäumen feinste Gartenarchitektur. Die Anhöhe mit Sicht gegen die Stadt hin: ein Ort des Friedens.

Als wir später wieder dorthin kamen, blühten die Kirschbäume. Wir schauten uns nur an, wussten sogleich, dass dieser Ort einmal unsere letzte Heimat sein wird. Ohne dass wir sofort darüber hätten sprechen können.

Ein Jahr später traf ich dort oben mit einem älteren Mann zusammen, der ein paar reife Kirschen stibitzte. Er zupfte auch ein paar Früchte für mich ab. Es war wie eine Bestätigung, dass wir zu diesem Ort gehören. Und jedes Jahr, wenn die Kirschen reif sind und ich zur rechten Zeit dort vorbei komme, denke ich an das Sprichwort, das da lautet: Mit dir isch guet Chriesi ässä. (Mit Dir ist es gut, Kirschen zu essen.)

Und heute Nachmittag überraschten mich die Bäume in ihrer schönen Anordnung auf dem Gemeinschaftsgrab erneut. Die Kirschen strahlten. Sie strotzen vor Gesundheit. Ihre Farben leuchten. Der kurzfristige Frühling, der an verschiedenen Orten in den Winter zurück fiel, hat hier oben keine Blüten erfrieren lassen.

Dienstag, 30. Mai 2017

Sogenannt schlechtes Wetter verwandelte sich in eine Art himmlischer Schau

Als wir meinen Besuch in Bulle festlegten, fühlten wir uns schon im Sommer. Es gab da ein paar heitere, sonnige Tage und wir nahmen an, diese seien nun wegweisend. 2 Tage vor meiner Abreise, als ich die Zugsankunft meldete, verkündeten die Wetterprognosen für meinen Reisetag einen markanten Temperatursturz, Regen und möglicherweise Schnee.

Maria liess sich nicht verunsichern. Mein Besuch bei ihr war angesagt. Daran wollte sie festhalten. Sie erwarte mich. Wenn es wirklich garstig sein sollte, dänn hocked mer i dä Stubä und erfindät d'Wält neu. (Ihr Schlechtwetterprogramm: In der Stube sitzen und zusammen die Welt neu erfinden.)

Dieses Programm für alle Fälle imponierte mir sofort. Ich mag ihre unerwarteten Gedanken. Sie ist eine feinsinnige Frau, Krankenschwester mit viel Erfahrung, vor allem auch mit Kranken in afrikanischen Spitälern.

Sie kann gut erzählen, nimmt einen mit in ihre Welt und wer gern zuhört, kann erleben, dass eine Geschichte unerwartet in einen Wortwitz mündet. Dann lachen wir und das Thema ist gleich abgeschlossen. Ich denke manchmal, sie könne ein Thema auf heitere Art beenden. Und sie sorge dafür, dass wir unsere Gedanken nicht überhöhen.

Die Welt an einem Nachmittag neu erfinden, dieses Angebot hatte sich rasch verflüchtigt.
Wir erinnerten uns aber gern an gemeinsame Erlebnisse aus der Vergangenheit. Unsere Männer arbeiteten in jungen Jahren eine Zeit lang miteinander. Ihnen verdanken wir unsere Frauen-Freundschaft. Und gemeinsame, unvergesslichen Ausflüge.

Und jetzt das:
Vor wenigen Minuten fand ich im Briefkasten eine Karte von Maria, die mir gerade noch gefehlt hat. Sie kann nicht wissen, dass ich begonnen habe, in einem Blog von meinem Besuch in Bulle zu erzählen.

Der französische Kartentext sagt: Macht Blödsinn, macht ihn aber mit Begeisterung! Dieser heitere Befehl spricht uns alte Frauen besonders darum an, weil unsere Jugend von strengen Rahmen in allerlei Richtungen umgeben waren. Und Lebensfreude eher nicht dank Blödsinn erwartet werden durfte.

Der Wetterbericht für Bulle am Tag meiner Reise entsprach exakt dem Wetter, das wir dann erlebten. Erst am späten Nachmittag hellte sich der Himmel auf. Auf umliegenden Bergen entdeckte ich Schnee. Maria begleitete mich noch in die Altstadt von Bulle, zeigte mir Gebäude und Orte, die mich interessierten. Und sie führte mich in eine Bäckerei und zum Metzger, damit ich ein Mümpfeli aus der Region heimbringen konnte.

Dann weiter zum Bahnhof. Im Kiosk kaufte Maria für mich die regionale Zeitung, von der sie mir berichtet hatte. Und schon war der gemeinsame Tag vorbei.

Kaum war der Zug abgefahren, begann für mich ein unbekanntes Lichtspiel am Himmel. Noch war es nicht Zeit für den Sonnenuntergang. Viele der grauen Wolken, die am Vormittag für Düsternis sorgten, hatten ihren Schnee teilweise fallen gelassen. Es entstanden verschiedenste Himmelsbilder, weil die Eisenbahn keine schnurgerade Linie fuhr aber auch weil verschiedene Höhenunterschiede mitspielten. Auf tiefer liegenden Orten, weit weg von der Bahn, sassen immer noch dicke Wolkenfrachten. Ich folgerte, dass ich jetzt streckenweise über den Wolken reise. Dort, wo sich Nebel aufgelöst hatte, entstand ein Fenster und öffnete die Sicht zum strahlend blauen Himmel. Die Landschaft bekam eine besondere Form nur für diesen Tag und den persönlichen Augenblick. Es fehlen mir Worte, die ich gern aussprechen möchte, wenn ich an diese Reise zurückdenke. Auf der Strecke nach Fribourg begleiteten uns dann die frisch verschneiten Alpen, deren Namen ich nicht kenne. Markante Gesteine, alle im Schneekleid. Aufgestellt, wie in einem überirdischen Museum. Und immer wieder offene Fenster zum blauen Himmel.

Die Fahrt bis Fribourg und zum Teil auch noch bis Bern, beschenkte mich mit manchen Wetter bedingten Bildern und vor allem Lichtern.

Kein Mensch in meinem Umfeld schaute aus dem Fenster. Eine junge Frau kämmte auf der schönsten Strecke Richtung Fribourg hingebend ihre langen Haare und alle andern Reisenden waren mit ihren E-Mails beschäftigt. Wie traurig!
Da werden am Himmel Lichtbilder geboten, die kein Mensch herstellen könnte und niemand schaut hin.

Zu Hause habe ich selbstverständlich alle diese Bilder beschrieben.

Um Mitternacht dann erwachte ich und sah diese himmlischen Stimmungsbilder nochmals. Um nicht süchtig zu werden oder die Augen zu überfordern, befahl ich mir nach einer Stunde, dieses Ereignis jetzt abzulegen.

Es war unglaublich schön.

Dienstag, 9. Mai 2017

Vergessen – aus der Erinnerung verlieren

In der Schlange vor der Kasse im Supermarkt wartend, entstehen manchmal kleine Gespräche unter Kunden, die ein Thema ansprechen, über das ich dann auf dem Heimweg nachdenken kann.
Dieser Tage hat sich wieder einmal eine solch kleine Geschichte ergeben. Wir Kunden standen hintereinander, warteten bis wir zahlen konnten. Plötzlich bemerkte ein ebenfalls wartender älterer Mann, dass er etwas vergessen hatte. Er trat aus der Warteschlange, schimpfte über sich selbst und liess uns wissen, dass er wegen einem Liter Milch hieher gekommen sei. Nun habe er alles andere in den Einkaufskorb gelegt, nur keine Milch. Dann ging er weg.

Einem jungem Mann fiel dann ein tröstliches Wort ein, das sein Vater in jeweils ähnlichen Situationen ausspreche:
Nur Derjenige,
der nicht mehr in dieser Welt lebt,
vergisst nichts.
Dieser Gedanke hat mir sofort gefallen. Es interessierte mich, aus welchem Land er ihn mitgebracht habe. Ich hörte aus seiner Stimme, dass er kein Schweizer sei.

Zuerst antwortete er, dass dieser Gedanke für alle Menschen gültig sei. Sie gehöre nicht zu einem bestimmten Land. Aber dann verriert er mir doch noch die Heimat seines Vaters: Albanien.
Sturm im Wasserglas

Vergessen… diese Schwäche meldet sich mit zunehmendem Alter und verlangt Geduld. In meinem bildhaften Denken existiert eine mächtige Tonne, in die alles Erlebte, alles Gelernte, alles Gehörte, alles Verstandene und Bestandene im Laufe der Lebensjahre hinein geflossen ist. Alle Ereignisse schwimmen in ihr. Alles Erfahrene wird dort als eine Art Reichtum empfunden. Kommt im Altwerden viel Neues hinzu, erlebe ich manchmal das Neue wie ein Sturm im Wasserglas. Es sind neue Ordnungen entstanden, die ich nicht immer sofort verstehe. Es stehen uns heute Techniken zur Verfügung, die meiner Generation eher fremd sind. Darum höre ich oft von Menschen die älter sind als ich, das frühere Leben sei viel schöner gewesen. Es war vermutlich darum schöner, weil die damaligen Ordnungen gut bekannt waren und sich für die damalige Verhältnisse auch verlässlich erwiesen. Meine Generation fühlt sich jetzt oft zwischen den Welten.
Dem Lexikon der Synonyme entnehme ich einige Deutungen zum Wort Vergessen:

Aus der Erinnerung verlieren.
Nicht im Kopf behalten.
Verschusseln.
Der Vergessenheit anheim fallen.
Auch: zerstreut

Aus diesen wenigen Worten leite ich für mich einen Hinweis ab, dass die Fähigkeit sich zu erinnern, bis zu einem gewissen Grad aufrecht erhalten werden kann. Ruhe ist wichtige Voraussetzung, stelle ich an mir immer wieder fest. Nicht schusseln. Erst dann können wir Mitteilungen und Geschichten besser aufnehmen, wenn wir in uns ruhig sind. Nur gerade einer Sache verpflichtet. Oft bitte ich Primo, wenn er etwas erzählen will, dass er den ersten Satz, den er soeben ausgesprochen hat, nochmals wiederhole. Ich erlebe solches Nachfragen als fühlbare Verankerung von Namen oder Gedanken und kann danach des Gehörte besser behalten.

Die Sinneseindrücke, die uns heute an vielen Orten zufallen, bewirken viel Unruhe und manchmal Verwirrung. Vieles saust auch an uns vorbei. Darum ist es wichtig, wenigstens im eigenen Zuhause eine wohltuende Ruhe zu schaffen, die unsere Gedanken nicht zerstört. Geduld ist wichtig geworden. Langsam sein — plötzlich ein Gebot.

Donnerstag, 13. April 2017

Das grosse Osterei und die saubere Laube

Letztes Jahr um diese Zeit brachte «die Frau im Eichenstamm» meinen Ostergruss. Diesmal überbringt ihn ein dekoratives Ei. Es hängt im Eingangsbereich unseres Wohnhauses und stimmt auf die Feiertage ein.

Feiertage die dem christlichen Kalender entspringen, erinnern mich sowohl an Stimmungen aus meinem Elternhaus, als auch an religiöse Festtage aus der eigenen Familie.

Exakt einen Tag bevor das Hausverwalter-Ehepaar das grosse Ei im Eingangsbereich aufgehängt hatte, fühlte ich einen Drang in mir, einmal den Laubengang nach alter Manier zu schrubben. Der steinerne Boden, dem Wind und Wetter ausgeliefert, wurde bis anhin nur gebürstet und den Staub aufgewischt.

Im Elternhaus, in einem Fabrikgebäude, wo alle Arbeiter eintraten, musste ich von einem gewissen Alter an bis zur Heirat jeden Samstag auf den Knien einen ähnlichen Boden mit Schmierseifenwasser schrubben.

Uns 5 Geschwistern wurde eine dem Alter entsprechende Aufgabe zugeordnet. Da wir in grossen Zeitabschnitten geboren wurden, wissen wir teilweise gar nicht, welche Aufgaben das einzelne Kind zu erfüllen hatte. Wenn je in der Familie darüber gesprochen wurde, hörte ich nur, wie verschieden diese Aufgaben bewertet wurden. Ich hörte auch schon das Wort Kinderarbeit. Es entspricht mir nicht. Unsere Eltern haben uns nicht überfordert. Aus der bescheidenen Mitarbeit aber beobachteten wir, wie sie ihre Aufgaben erfüllten. Und lernten von ihnen.

Meine Aufgabe, den steinernen Boden zu erfrischen, entsprach mir. Noch heute, wenn ich einen Boden auf den Knien putze, tun mir die Bewegungen im Rücken gut. Und zusätzlich liebe ich einen mit Wasser gereinigten Boden, weil er den ganzen Raum erfrischt. Wenn wir jeweils am Sonntagmorgen das Haus verliessen, signalisierten meine Sinne den Sonntag.

Der saubere Laubengang macht mir jetzt gerade Freude, obwohl ich weiss, dass die Reinigung ausser mir niemand bemerkt hat. Die momentane Frische wurde auch sofort vom Wind weggetragen. Es genügt mir aber, dass ich es allein weiss. Verständlich, denn ich schrubbte ja eine Art Strassenpflaster.

Meine Gedanken kommen zum Osterfest zurück. Weil ich dieses Thema schon zweimal behandelt habe, füge ich die Links dazu hier an.

16. April 2006: Vom Osterfest und der «Pas-cha» aus dem alten Russland
24. April 2011: Die wieder erwachte Natur begleitet uns zum Osterfest

Herzliche Ostergrüsse

Donnerstag, 6. April 2017

Ein Novum: Begleitung nur mit Gesten

Meine Tageskarte für Tram, Bus und S-Bahn war noch einen halben Tag lang gültig, als mich das frühlingshafte Wetter kitzelte und mich verführte, die Arbeit zu Hause liegen zu lassen und in die Stadt zu fahren.

Es traf sich, dass ich in Zürich-Altstetten einen Zug erwischte, der ohne Zwischenhalt in den Hauptbahnhof fuhr. Ich landete in der untersten Etage, die wir die goldene nennen, weil ihre Decke mit Goldfarbe geschmückt ist.

Ich tauchte im Umfeld des Landesmuseums auf und empfand diesen Ausgang aus der Unterwelt als guten Hinweis, der Limmat entlang zu Fuss nach Altstetten zu gehen. Ich war ohne fixes Programm unterwegs.

Noch war ich nicht am Platzspitz angekommen, da wo sich Limmat und Sihl vereinen, als eine junge, englisch sprechende Frau auf mich zukam. Ich verstand, sie sei Chinesin, käme aus Peking. Sie suchte den Ort des Hotels Helmhaus. Ich konnte ihr signalisieren, dass ich den Weg dorthin kenne. Ich spreche nicht englisch, kann aber einfache Sätze verstehen. Unsere Konversation bestand auf ihren englischen Sätzen und meinen antwortenden Gesten.

Ich führte sie diagonal durch die grosse Bahnhofhalle, weiter auf den Steg über die Limmat, wo die Seitenwände mit unzähligen Schlössern bestückt sind. Eine Form von modernen Liebesschwüren. Sie zeigte auf sie, als ob sie solche schon kenne. Als ich dazu sagte, I love you, I love you schmunzelte sie verständnisvoll.

Der schwere Rollkoffer machte ihr auf dem Steg zu schaffen. Auch die Pflästerung auf dem Trottoir am Limmatquai bremste ihn. Mühsam für sie und für ihren Koffer. Aber helfen durfte ich nicht. Ich versuchte auch, nachzufragen, ob sie ein Ticket fürs Tram besitze. Die Antwort war für mich nicht verständlich. Wir näherten uns aber bald dem Ziel. Sie erkannte das Helmhaus von der Foto im iPhone und schien erleichtert. Ich bewunderte ihr Vertrauen in meine Begleitung.

Am Limmatquai, unter den Arkaden, servierten junge Kellner aus dem Gasthaus Saffran Gäste im Freien. Den erstbesten fragte ich nach dem Hotel Helmhaus und dass ich diese Frau aus Peking dorthin führen möchte. Er bestätigte, dass es dieses Haus gebe und wie wir dorthin kämen. Ein zweiter informierte die Chinesin auf Englisch, und mich wies er mit ähnlichen Gesten, wie ich die junge Frau hierher geführt hatte zum Ziel. Ihr erlösender Seufzer, als sie den Namen Hotel Helmhaus lesen konnte, werde ich nicht so schnell vergessen.

Vor dem Hoteleingang stand ein kleiner Gartentisch mit 2 Stühlen. Sie bat mich, hier zu warten. Sie werde jetzt ihre Ankunft melden.

Ich setzte mich, vertiefte mich in den Hotelprospekt. Kurz darauf brachte mir die Rezeptionistin ein erfrischendes Wasser in einem sehr schönen Glas und dankte, dass ich die Frau aus Peking hierher begleitet habe.

Und ich danke den Kellnern und der Rezeptionistin, dass ich von ihnen unterstützt worden bin. Ich half jemandem und mir wurde ebenfalls geholfen.

Diese Einsicht machte meinen freien Nachmittag wertvoll.