Donnerstag, 13. April 2017

Das grosse Osterei und die saubere Laube

Letztes Jahr um diese Zeit brachte «die Frau im Eichenstamm» meinen Ostergruss. Diesmal überbringt ihn ein dekoratives Ei. Es hängt im Eingangsbereich unseres Wohnhauses und stimmt auf die Feiertage ein.

Feiertage die dem christlichen Kalender entspringen, erinnern mich sowohl an Stimmungen aus meinem Elternhaus, als auch an religiöse Festtage aus der eigenen Familie.

Exakt einen Tag bevor das Hausverwalter-Ehepaar das grosse Ei im Eingangsbereich aufgehängt hatte, fühlte ich einen Drang in mir, einmal den Laubengang nach alter Manier zu schrubben. Der steinerne Boden, dem Wind und Wetter ausgeliefert, wurde bis anhin nur gebürstet und den Staub aufgewischt.

Im Elternhaus, in einem Fabrikgebäude, wo alle Arbeiter eintraten, musste ich von einem gewissen Alter an bis zur Heirat jeden Samstag auf den Knien einen ähnlichen Boden mit Schmierseifenwasser schrubben.

Uns 5 Geschwistern wurde eine dem Alter entsprechende Aufgabe zugeordnet. Da wir in grossen Zeitabschnitten geboren wurden, wissen wir teilweise gar nicht, welche Aufgaben das einzelne Kind zu erfüllen hatte. Wenn je in der Familie darüber gesprochen wurde, hörte ich nur, wie verschieden diese Aufgaben bewertet wurden. Ich hörte auch schon das Wort Kinderarbeit. Es entspricht mir nicht. Unsere Eltern haben uns nicht überfordert. Aus der bescheidenen Mitarbeit aber beobachteten wir, wie sie ihre Aufgaben erfüllten. Und lernten von ihnen.

Meine Aufgabe, den steinernen Boden zu erfrischen, entsprach mir. Noch heute, wenn ich einen Boden auf den Knien putze, tun mir die Bewegungen im Rücken gut. Und zusätzlich liebe ich einen mit Wasser gereinigten Boden, weil er den ganzen Raum erfrischt. Wenn wir jeweils am Sonntagmorgen das Haus verliessen, signalisierten meine Sinne den Sonntag.

Der saubere Laubengang macht mir jetzt gerade Freude, obwohl ich weiss, dass die Reinigung ausser mir niemand bemerkt hat. Die momentane Frische wurde auch sofort vom Wind weggetragen. Es genügt mir aber, dass ich es allein weiss. Verständlich, denn ich schrubbte ja eine Art Strassenpflaster.

Meine Gedanken kommen zum Osterfest zurück. Weil ich dieses Thema schon zweimal behandelt habe, füge ich die Links dazu hier an.

16. April 2006: Vom Osterfest und der «Pas-cha» aus dem alten Russland
24. April 2011: Die wieder erwachte Natur begleitet uns zum Osterfest

Herzliche Ostergrüsse

Donnerstag, 6. April 2017

Ein Novum: Begleitung nur mit Gesten

Meine Tageskarte für Tram, Bus und S-Bahn war noch einen halben Tag lang gültig, als mich das frühlingshafte Wetter kitzelte und mich verführte, die Arbeit zu Hause liegen zu lassen und in die Stadt zu fahren.

Es traf sich, dass ich in Zürich-Altstetten einen Zug erwischte, der ohne Zwischenhalt in den Hauptbahnhof fuhr. Ich landete in der untersten Etage, die wir die goldene nennen, weil ihre Decke mit Goldfarbe geschmückt ist.

Ich tauchte im Umfeld des Landesmuseums auf und empfand diesen Ausgang aus der Unterwelt als guten Hinweis, der Limmat entlang zu Fuss nach Altstetten zu gehen. Ich war ohne fixes Programm unterwegs.

Noch war ich nicht am Platzspitz angekommen, da wo sich Limmat und Sihl vereinen, als eine junge, englisch sprechende Frau auf mich zukam. Ich verstand, sie sei Chinesin, käme aus Peking. Sie suchte den Ort des Hotels Helmhaus. Ich konnte ihr signalisieren, dass ich den Weg dorthin kenne. Ich spreche nicht englisch, kann aber einfache Sätze verstehen. Unsere Konversation bestand auf ihren englischen Sätzen und meinen antwortenden Gesten.

Ich führte sie diagonal durch die grosse Bahnhofhalle, weiter auf den Steg über die Limmat, wo die Seitenwände mit unzähligen Schlössern bestückt sind. Eine Form von modernen Liebesschwüren. Sie zeigte auf sie, als ob sie solche schon kenne. Als ich dazu sagte, I love you, I love you schmunzelte sie verständnisvoll.

Der schwere Rollkoffer machte ihr auf dem Steg zu schaffen. Auch die Pflästerung auf dem Trottoir am Limmatquai bremste ihn. Mühsam für sie und für ihren Koffer. Aber helfen durfte ich nicht. Ich versuchte auch, nachzufragen, ob sie ein Ticket fürs Tram besitze. Die Antwort war für mich nicht verständlich. Wir näherten uns aber bald dem Ziel. Sie erkannte das Helmhaus von der Foto im iPhone und schien erleichtert. Ich bewunderte ihr Vertrauen in meine Begleitung.

Am Limmatquai, unter den Arkaden, servierten junge Kellner aus dem Gasthaus Saffran Gäste im Freien. Den erstbesten fragte ich nach dem Hotel Helmhaus und dass ich diese Frau aus Peking dorthin führen möchte. Er bestätigte, dass es dieses Haus gebe und wie wir dorthin kämen. Ein zweiter informierte die Chinesin auf Englisch, und mich wies er mit ähnlichen Gesten, wie ich die junge Frau hierher geführt hatte zum Ziel. Ihr erlösender Seufzer, als sie den Namen Hotel Helmhaus lesen konnte, werde ich nicht so schnell vergessen.

Vor dem Hoteleingang stand ein kleiner Gartentisch mit 2 Stühlen. Sie bat mich, hier zu warten. Sie werde jetzt ihre Ankunft melden.

Ich setzte mich, vertiefte mich in den Hotelprospekt. Kurz darauf brachte mir die Rezeptionistin ein erfrischendes Wasser in einem sehr schönen Glas und dankte, dass ich die Frau aus Peking hierher begleitet habe.

Und ich danke den Kellnern und der Rezeptionistin, dass ich von ihnen unterstützt worden bin. Ich half jemandem und mir wurde ebenfalls geholfen.

Diese Einsicht machte meinen freien Nachmittag wertvoll.

Samstag, 25. März 2017

Alle Neuerungen benötigten einmal oder benötigen jetzt Leitungen und Kabel

Das überall auftauchende Glasfaserkabel ist auch in unserem Haus installiert worden. Ich erhaschte einen günstigen Augenblick für eine Foto, als dieses in unsere Wohnungen eingezogen worden ist. Mich hat es als Kalligraphie angesprochen.


In unserem Haus soll eine Erdwärme-Heizungsanlage erstellt werden. Die Oelheizung wird durch eine Erdwärmesonden-Wärmepunpenanlage ersetzt. Die Vorarbeiten sind bereits abgeschlossen. Wir beobachteten die beiden Männer, die diese ausführten. Sie bewegten sich so aufeinander eingespielt, dass keine unnötige Bewegung gemacht werden musste. Ich sah sie arbeiten, als wären sie Ballett-Tänzer. Sie installierten meterweise Kabel.

Und früher, als die elektrifizierte Bahn erfunden worden war, mussten zuerst Leitungen geschaffen werden, die den Strom zur Lokomotive führen.

Man schrieb das Jahr 1944, als die Bahn von Wald ZH nach Rüti ihre Dampfbahn einstellte und die Züge mit elektrischer Lokomotive ausrüstete.

Obwohl ich damals erst 5 Jahre alt war, kann ich dieses wichtige Ereignis aus meinem inneren Archiv immer noch abrufen. Es warteten viele Familien am Bahnhof von Wald ZH, als der erste elektrisch gesteuerte Zug eintraf. An der Front der Lokomotive markierte die Schweizerfahne den Festtag. Noch immer sehe ich dieses Bild und weil die wartenden Menschen wahrscheinlich applaudiert hatten, fühlte ich erstmals so richtige Festfreude.

Im Restaurant Schwert in Wald ZH sah ich vor Jahren eine grosse Foto, die dieses Ereignis festhält. Meine Familie stand nicht zuvorderst am Geleise. Ich habe mich auf diesem Bild nicht gefunden. Aber die Erinnerung als ein prägendes Ereignis, es sitzt immer noch in mir.

Von diesem Tag an ging aber etwas verloren. Wir hörten den Atem der Dampf-Lokomotive nicht mehr. Der Zug fuhr nun ruhiger ein. Bis dahin hatte es Mutter verstanden, uns auf den Atem der «Loki» aufmerksam zu machen. Sie erklärte uns, dass die Arbeit der Lokomotive anstrengend und mühselig sei. Sie vermittelte Verständnis und Mitgefühl. Wenn wir gut zuhörten, konnten wir aus den Dampfausstössen keuchende Worte erahnen. Mutter sprach sie uns vor: Ich muäs schnuufä, ich muäs schnuufä… (schnuufä = schnaufend atmen).

So war das in jenen Jahren. Nicht nur die Natur war beseelt. Auch die Werke der Menschen. Darum konnte meine Mutter die Seufzer der Dampf-Lokomotive auf eine besondere Art verstehen.

Zum Thema Elektrische Eisenbahn gehören die nachfolgenden Fotos. Entstanden im Februar 2017 auf einem Ausflug auf 3 Brücken (Europabrücke, Hardbrücke, Gottlieb Duttweiler-Brücke in Zürich). Einige Aufnahmen könnte man mit dem Dialektbegriff «Chrüsimüsi» (Durcheinander) bezeichnen.

Montag, 6. März 2017

Spektralfarben finden den Weg in unsere Stube

Wenn das Sonnenlicht in unsere Stube flutet und Regenbogenfarben auf Wänden, Böden, Türen und manchmal auch auf Vorhangstoff auftreten, dann begrüssen wir sie wie alte, gute Freunde. Sie melden uns jeweils die Ankunft des Frühlings und später jene für den Herbst.
Das Prisma verwandelt das weisse Licht in die Spektralfarben. Seit Jahren fängt es diese auf und plaziert sie in unserer Stube oder an einer Tür im Korridor. Da es nicht immer exakt am selben Ort auf dem Fenstersims steht, treffen die Farben jeweils verschieden stark und an verschiedenen Orten auf. Und jedesmal wenn wir wieder auf sie aufmerksam geworden sind, erfahren wir einen feierlichen Augenblick.
Eine Variante dieses Schauspiels ergab sich zufällig auf einem Spaziergang. Als Spass gedacht, fotografierte ich das Wassertröpfchen an Primos Nase und entdeckte dann auf der Foto, dass es die Rolle des Prisma übernommen und seine Farben auf Primos wollene Mütze geworfen hatte. Grossartig. Da kann ich nur staunen.
Gestaunt habe ich auch, als ich dieser Tage im Friedhof Eichbühl die vielen Krokusse entdeckte. Auch sie strahlen Licht aus und ihre Farben verkünden den Frühling.

Dienstag, 21. Februar 2017

Geschenk eines Augenblicks

Kornhaus und Mühle

Den dazugehörigen Text schrieb ich vor mehr als 20 Jahren. Eine Leserin hat mich dieser Tage auf die kleinen Texte, die ich damals fürs Textatelier Hess von Biberstein geschrieben habe, angesprochen. Sie erschienen in der Zeitschrift Natürlich. Die Texte wurden damals von der Redaktion noch auf Papier angenommen. Ich besass zu jener Zeit noch keinen Computer. Darum bin ich in meinem Archiv nicht mehr auf sie gestossen.
Nun habe ich sie aber im Internet gefunden. www.textatelier.com Bereich Artikel nach Autoren und Wer was geschrieben hat.

Hier stelle ich den Text Geschenk eines Augenblicks vor:

In meinem Quartier ist die Zürcher Stadtmühle angesiedelt. (Heute ist sie die grösste Getreidemühle der Schweiz. Swissmill ihr Name.) Wenn die Getreide-Lieferungen zu ihr hin rangiert werden, muss der Verkehr anhalten. Die Eisenbahn-Waggons überqueren dann die viel befahrene Limmatstrasse am Escher-Wyss-Platz.

Da stand ich auch wieder einmal und wartete. Es war der Todestag meiner Mutter. Sie starb unerwartet. Mein Leben stand damals für einen Augenblick ebenfalls still. Noch ganz benommen und auf grenzüberschreitenden Wellen schaute ich den vorbeiziehenden Waggons nach. In der Regel interessiert es mich, woher die Getreidelieferungen kommen: Von Kanada, Holland, Finnland, Norddeutschland usw. Und der Zucker aus Paris. Diesmal schaute ich den Federn zu, wie sie es ermöglichen, mit starren und schweren Wagen aus Eisen Kurven zu fahren. Dieses Schwingen! Faszinierend. Und sofort wusste ich: Meine heute verstorbene Mutter war eine solche Feder. Beweglich, hilfsbereit, spontan. Gar nicht starr oder stur. Und sofort wusste ich auch noch, dass dies ebenfalls meine Aufgabe im Leben sei.

Seither sind Jahre vergangen und jedesmal, wenn ich, auf meinem Velo sitzend, die Vorbeifahrt des Getreidezuges abwarten muss, erinnere ich mich an jenen Tag, der mir eine Erschütterung, aber auch eine tiefe Einsicht gebracht hat.


* * *

Seit ich in Zürich-Altstetten lebe, habe ich keine Beziehungen mehr zum Getreidezug. Der Escher- Wyss-Platz wurde komplett umstrukturiert und meine spärlichen Velofahrten in die Innenstadt tangieren ihn nicht.

Der Hinweis der erwähnten Leserin auf die damaligen kleinen Geschichten, haben meinen Gwunder (meine Neugier) geweckt. Ich wollte wissen, wo der Getreidezug heute aus dem SBB-Gelände Zürich-Hardbrücke auf seiner nur ihm zugedachten Schiene über Tramschienen und auf der Strasse zur Mühle führt.

Danke allen, die dafür sorgen, dass wir unser tägliches Brot essen können.
Getreidezug in Zürich angekommen. Zug wartet.

Von Zeit zu Zeit öffnet sich die Abschrankung. Der Kornzug verlässt hier das SBB-Trasse.

Sirene und abends Lichter sorgen für Sicherheit.

Geleisewirrwar unter der Hardbrücke. Baustelle.

Schnur gerade zum Escher-Wyss-Platz.

Ab Sihlquai mit offenem Schotter.

Ziel erreicht.

Absauganlage bereit.

Sonntag, 5. Februar 2017

Jubiläum. Seit 12 Jahren schreibe ich Blogs. Dies ist der 400.

Am 14. Januar 2005 ist mein erster Beitrag im Textatelier Hess von Biberstein veröffentlicht worden. Ich erinnere mich gut. Es waren Tage voller Freude. Es hatte sich für mich ein grosses Tor geöffnet. Bis dahin schrieb ich vor allem Geschichten in persönliche Briefe verpackt.

Walter Hess war begeistert, wie sich sein Textatelier, das wir später Blogatelier nannten, entwickelte. Als ehemaliger Chefredaktor der Zeitschrift Natürlich lud er nach seiner Pensionierung ehemalige Mitarbeitende ein, am Textatelier mitzuschreiben. Auch ich wurde eingeladen.

Jetzt habe ich mich vom damaligen ersten Blog inspirieren lassen und erzähle, wie ich mein heutiges Umfeld erlebe. Ich wohne nicht mehr am selben Ort. Ich lebe in Zürich-Altstetten am Abhang von Schlierenberg. Hier ist es stiller und ich begegne weniger Menschen. Aber die Kinder, die in diesem Umfeld zur Schule gehen, versprühen viel Energie.

Hatte ich damals einen Rundgang schon vor Sonnenaufgang beschrieben, gehe ich heute später und zweimal aus dem Haus. Ich möchte noch Lebensmittel einkaufen, bevor ich in die Stadt fahre. Beabsichtigt ist auch, dass ich heute das Velo aus dem Winterschlaf hole. Der Schnee ist geschmolzen, Velofahren ist wieder möglich und meine Freude entsprechend gross. Ich treffe niemanden an. Auch im Schulhof nebenan ist es still.
Zu Hause, im Treppenhaus, begegne ich dem Hausbesitzer. Er kam gerade von einem Spaziergang mit dem Hund wieder heim. Wir bleiben einen Augenblick stehen und erzählen, was gerade ansteht. 1 Stunde später verlasse ich das Haus, überquere unsere Strasse und schon bin ich auf dem alten Weg, der mich beinahe schnurgerade zur Bus- und Tramstation Farbhof führt. Er trägt den Namen Schlierenberg. Er ist schmal, sehr alt und auf eine altmodische Art sehr schön. Er gehört nur den Fussgängern. Ich liebe ihn, fühle mich wohl bei ihm. Auch die Enkelinnen gehen diesen Weg gern. Wenn sie zu Besuch kommen, wollen sie dort jeweils die Zwerge grüssen.

Interessant ist der Name dieses Fussweges. In ihm sind Weg und Ziel vereint: Schlierenberg. Er heisst nicht Schlierenberg-Weg.
Ich gehe markant abwärts. Eine Gruppe begleiteter Kinder kommt mir entgegen. Ich stehe still, weil diese den Raum beinahe ausfüllen. Sie ziehen an mir vorbei. Die bunten Farben ihrer Jacken malen ein fröhliches Bild. Auch für sie hat der Tag erst jetzt richtig begonnen.
Im Tal angekommen, wähle ich für die Fahrt in die Innenstadt den Bus. Ich muss nicht lange auf ihn warten. Die kurze Wartezeit reicht noch, dass ich einer jungen Frau, die mit ihrem Kind im Kinderwagen unterwegs ist, Münzen wechseln kann. Der Automat akzeptiert keine 5-Räppler.

Der Bus trifft ein. Genügend Sitzplätze sind vorhanden. Er führt uns durch die Hohlstrasse. Ich schaue aus dem Fenster, nehme immer wieder Veränderungen wahr. Seitdem ich diesen Ort im Blog Augenblicke wie in den Ferien am 28. August2012 beschrieben habe, bin ich interessiert, die Wandlungen an dieser wichtigen Strasse mitzuverfolgen. Wie damals erahnt, mussten alle kleinen Gebäude und Schuppen den Neubauten weichen. Zum Leidwesen vieler Handwerker und Kunstgewerbler. An ihrer Stelle sind schon einige gigantisch hohe und langgezogene Bauten entstanden, die dem Namen Hohlstrasse immer noch entsprechen. Die Art eines Couloirs, wie es dem Fussweg Schlierenberg eigen ist, gilt auch für die Hohlstrasse. Nur x-fach grösser. Zur Hohlstrasse gehören Kastanienbäume. Auf der Strecke von über 1 Km lebt und steht hier immer noch eine prächtige Allee.

Diese Buslinie ist beliebt und begehrt. Auch von Menschen aus fernen Ländern. Auf der langen Fahrt ins Stadtinnere beobachte ich interessiert den ewigen Wechsel von Kommen und Gehen. Und ich bewundere oft junge Frauen, wie sie den Kinderwagen in den Bus hieven. Und auch wie selbstsicher sie Platz beanspruchen.

Am Löwenplatz angekommen, wird mir bewusst, dass sich die Zeit für die Mittagspause nähert. Es sind viele Menschen zu Fuss unterwegs. Bei der Durchfahrt erhasche ich einen Blick in die Bahnhofstrasse. Der immer noch grau verhangene Himmel lässt keine Farbspiele zu. Alle Menschen scheinen in grauen, dunkelblauen oder schwarzen Jacken und Mänteln daher zu kommen. Weiterfahrt über die Bahnhofbrücke.

Der Bus kann nicht zufahren, bleibt eine Weile stehen. Da sehe ich eine weisse Sonne mit hellblauer Aura am Himmel. Ein Zeichen, dass sich der Nebel bald auflösen wird. Gleich danach erhasche ich das Bild eines Mövenschwarms, der vielleicht vom Wind zerzaust worden ist. Die zusammengehörende Gruppe wird mehrmals auseinander gerissen und rauft sich dann wieder zusammen. Es dauert jeweils eine Weile, bis sich die Vögel erneut zusammenfinden und gemeinsam in ihrem Verbund weiterfliegen.

Ob wirklich nur der Wind einen Schwarm auseinander reissen kann? Muss die Führung auch Opposition ertragen? – Ich weiss es nicht.

Am Central verlasse ich den Bus. Als persönliche Einstimmung zum Treffen mit Mitschülerinnen schaue ich kurz zum Hirschengraben hinauf. Dort erlebten wir damals unsere gemeinsame Sekundarschulzeit.

Im Gasthaus dann ist die Stimmung unter uns Freundinnen immer noch dieselbe wie einst. Unsere Eigenarten sind bekannt.

Mehr und mehr zeigen sie sich stärker. Wir haben viel Gemeinsames erlebt, auf das wir nicht mehr zurückkommen müssen. Unsere Wege gingen in verschiedenste Richtungen. Und jetzt bringen wir unsere eigene Welt, unsere Erfahrungen und ganz speziell auch die persönliche Eigenart mit. Viele Einflüsse von den damaligen Lehrpersonen haben sich schon längst aufgelöst. Ebenso der Schwarm — unsere Klasse — an sich. Für zwei, drei Stunden an diesem Tag bewegen wir uns jetzt zwischen Vergangenheit und Gegenwart und werden für diese Zeitspanne wieder zu einem kleinen Schwarm.

Ich war schon früh angekommen, wurde vom Kellner an den reservierten Platz begleitet, konnte mitverfolgen, wie die Mitschülerinnen eintrafen, aber auch wie sich das Gasthaus mehr und mehr füllte. Und wir, die wir nach und nach mit den neuesten Geschichten aus unseren Familien beschäftigt waren, die Umwelt gar nicht mehr wahrnahmen.

Auf einmal bemerke ich, wie viele der Gäste schon weggegangen sind. Scheinbar lautlos. Gerne wüsste ich, wie ein solcher Raum isoliert ist. Alle Geräusche hatte er geschluckt. Oder waren wir vielleicht so intensiv am Erzählen, dass uns nichts und niemand übertönen konnte…?
Auch das weiss ich nicht.
Aber, dass ich soeben den 400. Blog geschrieben habe. Das ist sicher.

Mittwoch, 25. Januar 2017

Der strenge Winter in meinem Umfeld

Es wurde gemeldet, dass sich der Winter seit 30 Jahren nicht mehr so kalt zeige wie gerade jetzt. Obwohl Strassen und Teile von Fusswegen vom Schnee geräumt wurden, blieben doch auch Restanzen liegen. Vorsicht ist geboten. Velofahren habe ich mir verboten. Lebensmittel trage ich jetzt im Rucksack heim. Hin und wieder auch mehrmals am selben Tag, damit die Last den Rücken nicht schädigt.

Der Winter ist ein strenger Abschnitt im Jahreslauf. Er kann hart sein wie gefrorener Schnee. Kalt, abweisend und gefährlich. Von uns verlangt er Achtsamkeit und Vorsicht. Obwohl die städtische Schneeräumung dafür sorgt, dass wir überall gesäuberte Wege finden, gibt es auch kleine Abweichungen. Etwas Vergessenes. In meinem Umfeld z.B. die Treppe, die von der Strasse zu den Glas-Containern führt. Obacht! sagen wir an solchen Orten und das heisst Achtung! Aufgepasst! Glücklicherweise gibt es bei diesem Treppenabgang rechtsseitig eine niedrige Wand, die mir als Geländer dient.

Als der erste Schnee gefallen war, bewunderte ich die Bäume in ihrem weissen Kleid. Auch die verschneiten Dächer, die Wiesen in unserem Umfeld usw. Aber Tag um Tag verblasst die Schönheit im Schnee. Er ist schmutzig geworden. Aber ich weiss, eines Tages, wenn uns die Sonne wieder erreicht, und der Schnee schmilzt und das Schmelzwasser allen Schmutz davon trägt, dann kann ich wieder unbeschwert gehen und aus der strengen Vorsicht heraustreten, einfach wieder meinem eigenen Temperament entsprechend.

Noch bevor es soweit ist, möchte ich ein paar Fotos zeigen, auf denen der Winter seine Kunst darstellen kann. Beim Bahnhof Zürich-Alststetten wurde zur Zeit, als der Vorplatz gestaltet wurde, eine Gitterwand installiert, an der Gewächse hochklettern sollten. Diese machten aber nicht mit. Das dürftige Experiment blieb erfolglos. Die Pflanzen fühlten sich an dieser Wand nicht wohl.

Aber jetzt hat die Eiskönigin eingegriffen und die armseligen Grünflächen am Gitter zu Naturschönheiten erhoben.

Samstag, 21. Januar 2017

Eine Briefmarke wirbt für einen sensiblen Umgang mit der Natur

Dem Briefkasten entnahm ich eine Postkarte, die in der Ukraine aufgegeben wurde. Sofort erkannte ich die von der Schweizer Post herausgegebene Sondermarke mit dem Thema Ökologie in Europa (Think Green, Be Green). Solche habe ich öfters und gern benutzt. Gestaltung, die Farbe Grün und besonders ihre Botschaft entsprechen mir.

So vertraut mir die erwähnte Briefmarke einen Augenblick lang erschien, sie ist nicht deckungsgleich mit unserer Sondermarke. Jene aus der Ukraine ist eine Verwandte von ihr. Auch sie wirbt speziell für den Umweltschutz. Sie trägt ebenfalls Grün. Aber sie trägt auch Details auf sich, die nur für die Ukraine wichtig und passend sind.

Links von ihr die Ergänzung im kleineren Format: Die abgebildete Frucht eines gesunden Baumes mit einem seiner Blätter.

Die beiden Sondermarken ergänzen sich gut. Aber nur jene links mit der Zahl 3oo ist für das Porto zuständig.

Ich habe die Fotos aus der Schweizer Philatelie und jene auf der Postkarte zusammen fotografiert. Viel Spass beim Suchen der Unterschiede.

Die Postkarte selbst ist auch ein Unikat. Mit Schwüngen geschmückt. Links und rechtsseitig und auch am unteren Rand hüllen sie die Grüsse in einer Art Umarmung ein. Und für eine gute Reise «Par Avion» ist sogar ein Engel verantwortlich.

Im Dezember entdeckte ich in der Sihlpost Zürich eine neu eingerichtete Philatelie. Und dort konnte ich nochmals von den erwähnten Sondermarken Ökologie in Europa kaufen.

Die Briefmarken «Europa 2016 - Ökologie in Europa» sind auch online im Postshop der Schweizerischen Post käuflich: www.postshop.ch
Schade, dass ich den Text unter der Foto nicht verstehe.

Und schon ist das Rätsel gelöst. Tochter Letizia überraschte mich mit der Übersetzung des handschriftlichen Textes. Sie konnte berichten, dass es sich bei dem Bild auf der Postkarte um das Hauptgebäude der Nationalen Jurij-Fedkowstsch-Universität Czernowitz handle. Früher Erzbischöfliche Residenz in Czernowitz (Residence of Bukovinian and Dalmatian Metropolitans). Und heute UNESCO-Weltkulturerbe. Der handschriftliche Text auf der Postkarte lasse sich übersetzen mit: «Immer von Bedeutung, über die Zeit hinaus».
Link zu UNESCO-Weltkulturerbe: whc.unesco.org

Aber wie kommt meine Tochter zu einer solchen Übersetzung? Man könnte es moderne Brieffreundschaft nennen. Im vergangenen Herbst suchte Letizia auf der ganzen Welt nach antikem Christbaum-Schmuck. Sie kaufte im Onlineshop von Marina alte sowietische Kugeln. So kam sie auf die Idee, bei ihr anzufragen, ob sie uns helfen könnte. Dass sich Czernowitz dann noch als Marinas Heimatstadt herausstellte, freut uns ganz besonders.

Donnerstag, 12. Januar 2017

Der Puls der Zeit – der Zeitenlauf

Die Uhr als Zeitmesser
Die Uhr im Kirchturm und Glockenklänge aus der Bilderuhr

Plötzlich fügen sich einzelne Erlebnisse zu einem Ganzen zusammen.

Erste Geschichte:

Es war ein gewöhnlicher, ruhiger Morgen, als ich im Supermarkt meines Wohnortes Gemüse aussuchte, es wägen und mit dem Preis markieren wollte.

Vor der einen Waage stand ein Afrikaner. Vor einer zweiten andere Kunden, die sich hier zufällig getroffen hatten, stehen blieben und neueste Nachrichten austauschten.

Der Mann aus dem fernen Land klebte gerade die Etikette für die ausgesuchten Früchte an den Plastiksack. Es schien mir, dass er unser System kenne. Im späteren Gespräch dann bemerkte ich, dass ihm auch die deutsche Sprache geläufig ist. Er blieb aber vor seiner Waagschale stehen, obwohl es für ihn nichts mehr zu wägen gab. Er beobachtete die Kundschaft und ihr Benehmen. Mittlerweile hatte sich um diesen Ort ein kleiner Stau ergeben. Wir warteten. Dann fragte ich ihn, ob die Waage frei sei? Er nickte und trat einen Schritt zurück. Als dann auch mein Gemüse seine Preisetikette bekommen hatte, winkte mir der Fremde zu sich und sagte selbstbewusst: «Ich bin Afrikaner. Sie wissen, wir sind langsam. Aber wir haben immer Zeit. Sie haben keine Zeit. Was sagen Sie dazu?»

Ich sah sofort weder die eine noch die andere Lebensart als die einzig richtige und sagte darum: Für ein gutes Zusammenleben müsste ich wahrscheinlich etwas langsamer werden und er etwas schneller. Dann könnten wir uns in der Mitte treffen. Dazu machte ich noch eine passende Handbewegung. Er verstand mich sofort. Er lachte und dankte. Die Antwort hat ihm gefallen.

Eine zweite Geschichte:

Führung durch das Archiv des Uhren-Herstellers LONGINES in Saint Imier, einem Unternehmen, das sich seit mehr als 180 Jahren erfolgreich der Zeitmessung widmet.
Die Begrüssung vor der raumhohen Sanduhr im Haus LONGINES werde ich kaum vergessen. Ebenso beeindruckte das Archiv mit den handschriftlich geführten Archiv-Büchern, die seit 1867 aufbewahrt werden. Sie geben Auskunft über das Modell, den Kunden und wohin die Uhr geliefert wurde. Der Raum mit diesen Büchern wird «Das Gedächtnis von LONGINES» genannt. Ich durfte einen Katalog mit dem aufgezeichneten Lebenslauf dieser erfolgreichen Firma mitnehmen. Jede Seite spricht von Präzision, Schönheit und Kultur. Die Uhr und ihr verwandte Messgeräte dienen uns allen.
Longines Uhrenmuseum in St. Imier: www.longines.ch

Eine dritte Geschichte:

Das Nachtessen mit Kirchturmgeläute aus der Bilderuhr. Wir staunten, dass aus einem gemalten und üblich gerahmten Bild Kirchenglocken ertönten. Die Stunde war voll. Es fühlte sich an, wie wir es im Dorf oder sogar in der Stadt gewohnt sind. Sofort brach das Gespräch am Tisch ab. Wir staunten. Die Stimmung veränderte sich. Sie wurde feinsinniger. Es folgten dann alle Viertelstunden kürzer gehaltene Töne.

Der Besitzer dieser Bilderuhr erklärte:
Unsere Bilderuhr stammt aus Österreich, von dem Kunstmaler Carl Ludwid Hofmeister, Wien 1828 signiert. Hofmeister gilt heute als der bedeutendste Bilderuhr-Maler des 19. Jahrhunderts. Er war gelernter Glasmaler, hat also mit feinstem Pinselstrich Miniaturen bemalt. Seine Bilderuhren sind daher nicht auf Leinwand, sondern fein auf Kupferblech gemalt. Die frühesten Bilder stammen von ca. 1822. Alle von ihm persönlich gemalten Bilder sind signiert, die Bilder seiner Werkstatt sind nicht signiert.

Wir haben die Bilderuhr wegen ihres zeitgenössischen Bezugs auf Koblenz und der Darstellung des Rheins mit Moselzufluss bei Koblenz und Ehrenbreitstein erworben. Es zeigt gleichfalls eine seltene Darstellung einer schwimmenden Brücke über den Rhein aus Kähnen, mit Fußgängern und Reitern.


Und ich füge noch hinzu, dass das Bild auch ein Liebespaar zeigt, das sich in dieser Welt offensichtlich glücklich fühlt.

Und die vierte Geschichte:

Unsere Gastgeber im Jura freuten sich über das gute Sommerwetter. Das Essen wurde auf die Veranda getragen. Wir sassen auf einer hölzernen Bühne, das weite Jura-Gelände vor uns. Eine Landschaft, die das Herz öffnen kann. Wiesen, Weiden mit Kühen und Wälder, die umfangreiche Flächen abgrenzen, vermitteln Grosszügigkeit und auch Schutz.

Die in unseren Augen jungen Leute – sie würden sich aber gewiss eher als Mittelalterleute bezeichnen – freuten sich, ihr umgebautes Zuhause und die dazugehörige Umgebung zu zeigen. Das aus einer Konkursmasse gekaufte Jurahaus konnte seinen Charme behalten. Und doch wurde es auch nach heutigem Schönheitsbewusstsein und den Bedürfnissen unserer Zeit im Innern angepasst.

Als die Sonnenuntergangsfarben erloschen, hüllte uns die Dunkelheit ein. Weit und breit kein künstliches Licht. Eine Erfahrung, die wir in unserem Lebensumfeld in der Stadt nicht mehr machen können. Diese Dunkelheit ängstigte nicht. Im Gegenteil. Ich fühlte mich gut aufgehoben bei Freunden und gleichzeitig auch aufgehoben im Universum. Ich entdeckte im Laufe des Abends, als sich die Dunkelheit noch mehr verstärkte, dass ich meinen Augen den Himmel öffnen konnte, indem ich das Gesichtsfeld abgrenzte. (Aufrecht geschlossene, seitlich am Kopf angelehnten Hände). Wenn ich noch den Kopf nach hinten fallen liess, öffnete sich der Sternenhimmel sofort. Seine Fülle und die Stimmung an diesem Ort – unbeschreiblich schön.
Es zeigte sich hier die Sternenzeit.

In diesen vier Geschichten meldete sich in mir das Thema der Zeit.
Was ist für mich die Zeit?
Es muss sich um das allumfassende Leben handeln. Für uns Menschen ist sie oft Geheimnis und doch allen bekannt. Ihrem Namen begegnen wir in vielen Worten und in verschiedenen Zusammenhängen. Z.B. Arbeitszeit, Freizeit, Auszeit, zur Zeit, zeitgemäss, zeitlang, Zeitschrift, zeitlos, Zeitmangel etc.

Aus dem geläufigen Ausdruck Puls der Zeit höre ich heraus, dass die Zeit ein lebendiger Raum sei, in den wir hineingeboren wurden.

Uhren und Messgeräten verdanken wir, dass die Zeit gemessen werden kann. Sie dienen den persönlichen Zeitabschnitten in der Familie, im Beruf, in der Freizeit, in der Forschung, im Wettbewerb, im Sport und unterwegs, wenn wir uns auf vorgegebene Zeiten nach Fahrplänen einrichten müssen. In vielen Wettbewerben wird die Uhr zur Schiedsrichterin. Und rückwärts blickend bekommt sie in der Geschichtsforschung ihre Aufgabe.

Manchmal erleben wir Situationen, die scheinbar nicht mehr mit der Uhrzeit übereinstimmen.
Immer dann, wenn ich jemanden oder etwas sehnlichst erwarte, erscheinen mir berechnete Zeitabschnitte extrem lang. Es sind dann meine Gefühle, die mitmischeln und die Zeit ausdehnen.

Mein Leben verstehe ich als ein Stück Lebenszeit aus der gesamten Zeit, die unser aller Leben umfasst. Diese persönliche Zeit kann aber erst dann exakt gemessen werden, wenn wir gestorben sind.