Montag, 24. Dezember 2012

Was Weihnachten sein soll, misst sich an der Erinnerung

Ich kann mich nicht erinnern, dass ich einmal den Duft frisch geschnittener Christbäume so intensiv wahrgenommen habe wie am Freitag, 21.12.2012, als ich mit Primo zusammen nach unserem Tannenbaum suchte. Diese Düfte und dieser kurze Besuch unten auf dem Lindenplatz von Zürich-Altstetten gibt mir gerade den nötigen Schwung für einen Beitrag zur Weihnachtszeit.

Ich erinnerte mich wieder einmal an den Übergang von der Herkunfts- zur eigenen Familie, als ich mit Primo zusammen plötzlich dafür verantwortlich war, dafür zu sorgen, dass Weihnachten zu einem besinnlichen Fest werde.

Zu den schönsten Augenblicken meiner Kindheit gehören definitiv die Momente am 24. Dezember, wenn wir 5 Geschwister das Christkind erwarteten. Für ein Fest gekleidet und zurechtgemacht, erwarteten wir den Glockenton, der die Weihnacht ankündigte und eröffnete. Der Vater rief uns in die Stube: „Äs isch cho“ (Es ist gekommen).

Dieses „Es“ war das Christkind, das uns besuchte und mit einem Baum voller Lichter beschenkte. In keiner Weihnachtsfeier habe ich je wieder diese Ehrfurcht gefühlt wie damals, als wir, unwissend und auf eine Art unverdorben, den Christbaum bestaunen durften. Da war Licht in unserem Haus, und viele der Sorgen wurden für einen Abend lang von diesem verscheucht.

Als ich kürzlich in der Stadt weilte und mir auf der Bahnhofstrasse viele Menschen entgegen kamen, fragte ich sie in meinen Gedanken: „Was sucht ihr noch? Was fehlt euch noch? Wie werdet ihr das Weihnachtsfest feiern?“ Unvorstellbar, die Antworten.

Ich besuchte dann noch den Christmas Tree, die Plattform für Schülerchöre auf dem Werdmühleplatz. Hier wurden vom 24. November an Weihnachtslieder gesungen. Schon allein die Bühne mit dem abstrahierten Tannenbaum, auf dem die Chöre auftreten können, ist ein Kunstwerk. Pyramidenförmig gestaltet, mit Tannästen verputzt, bietet dieser Christbaum auf 7 balkonähnlichen Etagen Raum und Platz für Sängerinnen und Sänger. Sie tragen rote Zipfelmützen und verkörpern die Weihnachtskugeln am Baum.

Diese Institution besteht schon seit 1998 und begeistert uns jedes Jahr neu. Sie verströmt eine frische, echte Weihnachtsstimmung.

Als ich dort war, begeisterten gerade junge Leute aus der 2. Sekundarschule Käferholz aus Zürich-Affoltern das zahlreiche Publikum. Sie sangen amerikanische und englische Weihnachtslieder. Und ernteten viel Applaus. Ein junger Schweizer, neben mir stehend, rief begeistert in die Menge: Da mues mer ja gar nüd uf New York! (Da erübrige sich eine Reise nach N.Y.).

Zu Hause erzählte ich von meinen Eindrücken. Was ich berichtete, löste Erinnerungen aus. Sie holten Begebenheiten aus unserer Kindheit ans Licht. Primo erzählte mir erstmals von einer Weihnacht in der Zeit des 2. Weltkriegs, als die Fenster verdunkelt werden mussten und man sich zu Hause wie in einer Höhle befand. Seine Familie wohnte im Kreis 5, nahe beim Zürcher Hauptbahnhof.

Da sassen sie in der schwach erleuchteten Stube im Parterre. Es hatte geschneit. Es sei still, ganz still gewesen. Auch wegen des vielen Schnees. Die Fensterläden waren geschlossen, die Fensterscheiben mit schwarzem Stoff abgedeckt und die Vorhänge, die zur persönlichen Wohnungseinrichtung gehörten, darüber gezogen. Und dann hörten sie ein Pferdefuhrwerk vorbeiziehen. Aber niemand durfte die Vorhänge lüften. Primo hätte gerne hinausgeschaut. Gefeiert wurde auch still, so still wie möglich. Mit einem bescheidenen Baum. Mit einigen Liedern und bangen Gedanken. Wann denn der in den Texten besungene Friede hier wieder eintreffe, mögen sich die Eltern gefragt haben.

Aus dieser Zeit mag das Kerzenlicht unter dem Thema Hoffnung und Zuversicht in uns abgespeichert sein. Das gilt auch für mich. Noch immer sind uns grelle und der Werbung dienende Lichter fremd.
Später, in unbelasteterer Zeit, durften Primo und sein Bruder dann dem Vater zuschauen, wie er den Baum schmückte und ihm vorher noch zusätzliche Äste einsetzte, um ihn harmonischer zu machen. Primo sagt heute dazu: Er frisierte ihn auf Ästhetik. Die Buben durften zuschauen und danach Kugeln aus den Schachteln holen und sie aus dem Seidenpapier herauslösen. Sie wählten jene aus, die ihnen am besten gefielen. Die Farben waren prächtig und wichtig. Aus diesem Erbe haben wir einige wenige Kugeln geschenkt erhalten. Sie haben bei uns ihren Platz.

Einen Christbaum mitgestalten, macht sicher Freude. Aber so wie es in meinem Elternhaus Tradition war, brachte das Christkind den Baum, und wenn wir die Stube betraten und die Kerzen ihr Licht verströmten, war das einfach unbeschreiblich schön.

Mit Primo zusammen entwickelten wir diese 2. Variante weiter, und noch heute, wenn die Töchter mit uns feiern, ist es selbstverständlich, dass man wartet, bis das Glöcklein läutet und der Vater einlädt, in die Stube zu kommen.

Einmal, die ältere Tochter war vermutlich 9-jährig, die jüngere 3, war das Christkind auch gekommen. Die Glocke hatte geläutet. Die Kinder stürmten aus dem 1. Stock in die Stube hinunter. Da stand der Christbaum und strahlte. Felicitas, die ältere, konnte nicht genug staunen und ihre Gefühle überfliessen lassen, während Letizia, die jüngere, als erstes wissen wollte: Das hat alles Papi gemacht?

In Primos Familie gab es zu Weihnachten Nussgipfel, die der Vater gebacken hatte. Eine Erinnerung an seinen 1. Beruf als Bäcker und Konditor. Und als Erbe aus der italienischen Grossfamilie kamen immer auch die Capelletti auf den Tisch. Tage vorher vorbereitet, beanspruchten sie am Fest selbst nicht mehr viel Kochzeit und Aufmerksamkeit. Man wärmte sie in einer Fleischbrühe, liess sie ziehen. Auch diese Capelletti fabrizierte der Vater. Nach seiner Pensionierung lehrte er mich noch, wie ich diese selber zubereiten kann.

Sonntag, 9. Dezember 2012

Meine Geschichten rund um die amerikanischen Parkas



Jetzt habe ich gerade Heimweh bekommen. Für diesen Beitrag schaute ich mich im Internet nach der Beschreibung der Parka um und fand dort eine Foto unserer damaligen Allzweckjacken aus Beständen der amerikanischen Armee. Das Modell Army Parka M-65 ist abgebildet. Ja, das war es. Dieses besassen wir. Es gab beinahe Tränen der Rührung.

Möglicherweise deutet die Zahl 65 im erwähnten Modell das Produktionsjahr dieser Jacke an. Wir konnten sie vermutlich 1967 kaufen. Damals war das Wort Parka erst im Kommen. Heute steht es für eine Allerweltsjacke mit Kapuze, die länger geschnitten ist als die herkömmliche Windjacke. Als ein in jeder Beziehung dienliches Kleidungsstück.

Jene, die wir kaufen konnten, waren gebrauchte, gereinigte Stücke aus den Beständen der amerikanischen Armee. Sensationell das wärmende Innenfutter, die tiefen Taschen und der robuste Reissverschluss. Da und dort waren sie etwas geflickt. Das gab der Parka gerade noch den letzten Schliff, um als Original zu gelten. Eine Jacke jenseits von Eleganz, aber ungeheuer praktisch. Im Winter wärmend, in den übrigen Monaten ohne Futter getragen, wurde sie zum Regenmantel. Ich schätzte sie, weil sie unkompliziert war. Besonders auch als junge Mutter, wenn ich mit den Kindern unterwegs war.

Trug ich die Parka, fühlte ich mich gut angezogen, geschützt und vor allem auch eigenständig. Sie unterstützte uns, dass wir Velofahrende bleiben konnten. Wohl gab es damals, kurz vor der 68er-Revolte, Leute, die meinten, sie müssten uns aufmerksam machen, wie man sich kleide. So hörten wir auch die hämische Frage: So, seid ihr alternativ? Primo antwortete einmal ganz treffend. Nein! Wir sind jungnativ.

Einmal wollte unser Kinderarzt die Parka genauer ansehen, als ich in der Praxis aufkreuzte. Er wusste nicht so recht, ob er uns ebenfalls belehren müsse, fand diese dann aber ganz originell. Er schaute sie mit den Augen eines Seglers an.

Und einmal trugen wir die Parkas in Istanbul. Dort sprach uns ein Herr an, als wir in einem Schaufenster die Teppichauslagen betrachteten. Wo solche Jacken zu kaufen seien. Er gehe öfters auf die Jagd, und diese Jacke wäre ideal für ihn. Hier befinde sich sein Teppichgeschäft, er lade uns ein, hier einzutreten und ihn darüber zu informieren.

Wir nannten das Geschäft in Zürich und auch den damaligen Preis. Ob er Primos Jacke probieren dürfe? Sie passte gut, nur der abgewetzte Ärmelumschlag störte ihn. Ich bot ihm meine Parka an. Es war dasselbe Modell. Sie war am Ärmel nicht beschädigt. Aber eine Jacke, die von einer Frau getragen wurde, die wollte er nicht. Primos Parka würde er gerne abkaufen. Aber dieser signalisierte Widerstand. Er sei nicht nach Istanbul gekommen, um seine Jacke abzugeben. Ich aber wusste, dass wir in Zürich problemlos Ersatz finden werden und schlug vor, doch auf einen Verkauf einzugehen. Das ergebe ein ungewöhnliches Ferienerlebnis. Gut! Dann wollte der Teppichhändler noch markten. Also CHF 120.— (der Handelspreis in Zürich) für eine gebrauchte und etwas beschädigte Jacke, das sei zu viel. Primo aber blieb dabei. Er hätte seine Parka sowieso gerne weiter getragen. In der Zwischenzeit hatten sich 7 Angestellte aus diesem Teppichgeschäft im Halbkreis um uns gestellt und verfolgten den Handel. Als der Teppichhändler einsah, dass sich Primo nicht überreden lasse, offerierte er einen Tausch. Er holte eine gebrauchte Lederjacke aus seinem Büro und offerierte sie. Und sie passte so gut, wie wenn sie für ihn zugeschnitten worden wäre. Er zog sie nicht mehr aus. Neben ihm trug der Teppichhändler die Parka. Dann sagten beide Ja zum Geschäft und umarmten sich.

Und ich beobachtete die Angestellten, wie sie ihrem Chef zunickten, und ich sah in ihrer Mimik, dass sie annahmen, Primo sei hereingelegt worden. Das war ganz und gar nicht der Fall. Auch wenn der Jackenschnitt nicht der neuesten Mode entsprach, er entsprach Primos Gestalt. Sie diente ihm noch lange. Und die Parka konnte in Zürich dann auch sofort ersetzt werden.

Es sind nun ein paar Jahrzehnte vergangen, und die Parka hat einen neuen Stellenwert erlangt. Heute gehört sie zu den interessanten Modeerscheinungen. Mehr und mehr faszinieren mich heute die aktuellen Modelle, die nichts mehr mit Armeebeständen zu tun haben.

Aber leider passt meine Figur, vor allem meine Grösse, nicht in diese schönen Kurzmäntel, die sich Parka nennen. Ich habe nun lange gesucht und nur jene Modelle für Grossgewachsene gefunden, deren Gewicht mich belasten würden.

Und jetzt habe ich, dank der Vorbereitungen für diesen Beitrag, im Internet unerwartet jenen Händler gefunden, der damals die Armee-Parkas importierte. Er führt neuerdings einen Army-Shop für Jeans und Jacken in einem anderen Stadtkreis. Ich werde ihn noch aufsuchen, auch wenn ich jetzt das anfangs erwähnte Modell als Grossmutter gar nicht mehr tragen würde. Ich vermute, dass es eher im Museum als in seinem aktuellen Geschäft zu finden wäre.

Sonntag, 2. Dezember 2012

Der Sankt Nikolaus in Zürich und Saint Nicolas in Paris

Vor vielen Jahren, als wir mit den Kindern einmal ein Weihnachtsspiel besuchten, erklärte ihnen Primo, dass die Figuren hier aus der Geschichte herauskommen und am Ende des Spiels wieder in sie zurückkehren. Wenn ich daran denke, „sehe“ ich noch heute ein grosses, offenes Buch, aus dem die Darsteller heraustreten ‒ wie auch am Ende Stücks, wenn die verkörperten Worte vom Buch wieder eingezogen werden.

Im Theater begegnen wir auch Figuren, die etwas darstellen, die es draussen in der realen Welt so nicht oder nicht mehr gibt. Dem Ur-Nikolaus zum Beispiel bin ich noch nie begegnet, wohl aber grundgütigen Menschen. Bischof Nikolaus von Myra gilt als ein solches Vorbild. Jahr für Jahr wird dieser heiligmässige Mann am 6. Dezember gefeiert und dargestellt, soweit es uns überhaupt möglich ist. Was würde er wohl sagen, wenn er sich dazu äussern könnte? Was haben wir aus ihm gemacht?

Wenn Sankt Nikolaus – hier nennen wir ihn Samichlaus – in Zürich eintrifft, stehen wir in der festlich erleuchteten Bahnhofstrasse und tauchen in Szenen ein, die uns mit dem Umzug vorgeführt werden. Sein kleines Haus im Wald zieht vorüber, sein Büro mit dem Telefon, das andauernd klingelt, weil er für Hausbesuche gefragt ist. Es wird die Backstube gezeigt, in der Zwerge Teig kneten und Lebkuchen backen. Es scheint, dass alles gelingt, wenn Zwerge dabei sind. Sie tragen rote Zipfelmützen, und die Brust steckt im ledernen Wams. Sie ziehen sogar einen Wagen. Engel spielen Flöte. Die Heilige Familie mit ihrem Neugeborenen fährt auch schon vorbei. Ebenso das erleuchtete Grossmünster und Petrus, der mit seinem grossen Schlüssel das Himmelstor bewacht. Es herrscht dann eine feierliche Stimmung, und Fotos halten fest, wie Kinder staunen und sich Erwachsene freuen.

In Paris erscheint Saint Nicolas auch, jeweils an seinem Namenstag*. Er wird von Zwergen, den Lutins, begleitet. Unsere Enkelin Mena gehört in die Gruppe dieser kleinen Helfer. Sie sind Saint Nicolas Gefolge. Aufgabe der Lutins, alles Mädchen, sei es, ihn beim Einzug ins Quartier und weiteren Umzügen zu begleiten. Die grösseren Lutins dürfen Bonbons verteilen. Dieser Pariser Samichlaus wandelt sich anschliessend zum Père Noël, der bis zu Weihnachten auf der Place des Abbesses anzutreffen ist. Teilweise im Häuschen, wo ihn die Kinder ansprechen können, dann auch als kollegiales Gespann zusammen mit dem Drehorgelmann. An diesem Ort steht eine grosse Tanne, von weit her sichtbar. Letztes Jahr war sie mit Papierengeln geschmückt, alle von Schulkindern gestaltet.

Ich freue mich, dass unsere Enkelkinder vom Zauber der Vorweihnachtszeit erfasst werden. Sie sind stolz, zu den Lutins zu gehören. In ihren roten Kapuzenmänteln mit den weissen, flauschigen Schärpen sind sie als Heinzel- oder Wichtelmännchen gut erkennbar. Begeistert spielen sie ihre Rolle.

Innerhalb einer Foto, bei der Ankunft von Saint Nicolas im Vorjahr entstanden, ist mir eine Gruppe Trommler in Soldatenuniformen von Napoleons Infanteristen aufgefallen. Sie begleitete ihn auf der Ausfahrt mit Pferd und Wagen. Dazu wurde mir ihre Geschichte erzählt. Man nenne sie Les P’tits Poulbots nach dem Familiennamen des berühmten Plakatmalers Francisque Poulbot 1879—1946. Dieser Künstler hatte ein grosses Herz und Charisma. Die damalige Misere der armen, desillusionierten Jugendlichen bewegte ihn. Er wollte sie aus den Gossen von Montmartre befreien. Er fand eine Hütte als Treffpunkt für sie. Dort traf er einmal auf einen Trommler, und gleichzeitig flammte in ihm eine Idee auf: Eine Tambourengruppe mit diesen Burschen! Er verwirklichte sie. Sie besteht bis heute. Fotos im Internet zeigen, wie sie auftreten.

Mir ist aufgefallen, dass beide Auftritte – in Paris und Zürich – von Hilfsbereitschaft motiviert sind. Einerseits erinnern die Poulbots, die den Père Noël begleiten, an den Wohltäter und Gründer ihrer Truppe, und andererseits wird von den Zürcher Samichläusen und seinen Helfern viel Arbeit geleistet. Diese kommt notleidenden Familien, Alleinerziehenden und benachteiligten Kindern unserer Stadt und Menschen aus der Bergbevölkerung zugute. Gegen 40 Samichläuse mit je einem Schmutzli (Helfer) besuchen in den Tagen nach dem Einzug in Zürich Familien, Heime, Schulen und Organisationen. Ungefähr 1000 Anmeldungen liegen jeweils vor. Verständlich, dass darum der Festtag des Heiligen Nikolaus auf 12 Tage ausgedehnt werden muss, um allen Anfragen nachzukommen. Mit dem Erlös dieser Besuche kann die St. Nikolausgesellschaft die erwähnte Hilfe leisten.
*

*Aus Paris sind gerade rechtzeitig noch die Daten des Auftritts von Père Noël eingetroffen. Am 9. Dezember 2012 weilt er in den Quartierstrassen von Lepic Abbesses, am 16. Dezember findet die grosse Ausfahrt mit Pferd und Wagen statt.

Französisch tönt es vornehmer: Le 9 Décembre Passage du Père Noël dans les rues du quartier Lepic Abbesses. Le 16 Décembre Grand Défilé du Père Noël dans sa carriole.

Donnerstag, 15. November 2012

17 Personen brachten Schätze ins Ortsmuseum Höngg

Die Ausstellung unter dem Titel Kunst und Objekte des Handwerks kann als Vorläuferin von den Weihnachtsmärkten verstanden werden. Noch ohne Flitter und Glitzer präsentierten Künstler und Handwerker am Wochenende vom 10./11.11.2012 ihre Eigenkreationen im historischen Haus zum Kranz in Höngg ZH. Zu bewundern gab es Keramik, Mineralien-Schmuck, Textiles, Glas-Kunsthandwerk, Bilder, Porzellan, Holz, Töpferei, Leder, Pelzfiguren, Handfilz-Hüte, Edelstein-Schmuck, Kerzen, Stoffwerke und gebrannte Mandeln.




Höhepunkt für mich: Walter Pfenninger, einer der 5 Zeichner, welche die Globi-Abenteuer illustrieren, war anwesend und brachte sein neuestes Werk mit: „Backen mit Globi“ (60 Rezepte salzig und süss. Aus allen Regionen der Schweiz.) Ein Kinderbuch? So wird es genannt und ist doch eines für alle, die ihre Backkünste verfeinern wollen. Mit Globi als Lehrling bei Bäckermeister Imfang können wir über die Bildergeschichten seiner Ausbildung folgen. Und miterleben, wo die handwerklichen Tücken sind und wie sie gemeistert werden. Auch die professionellen Werkzeuge sind dargestellt. So sollten alle Rezeptbücher daherkommen! Zeichnungen erklären detailreicher als Worte allein. Wie auch schon in einem meiner Beiträge erwähnt, ist Globi ein liebenswürdiger Kerl, ein Fabelwesen und die erfolgreichste Kinderbuchfigur der Schweiz. Das erwähnte Buch ist nun das 83. www.globi.ch

Mit Letizia zusammen habe ich dieses Rezept- und Geschichtenbuch Seite um Seite angeschaut. Wir bewundern das Fachwissen des Zeichners und seinen feinen, persönlichen Schalk, den er mit Globi teilt und aufblitzen lässt.

Primos Arbeiten wurden auf dem Dachboden vorgestellt. Intarsienkunst mit verschieden farbigen Hölzern. Entstanden aus Abschnitten von grossen Möbelschreinerarbeiten. Spielerisch zu ungegenständlichen Bildern zusammengefügt. Als Bildplatten, Kuchenplatten, Gläseruntersetzer und Dekorationselemente.

Bleistifte und Farbstifte aus Baum- oder Strauchästen, denen er eine Miene eingepflanzt hatte, wurden als Humorbeitrag gut verstanden. Über sie kamen mein Mann und ich mit den Besuchern sofort ins Gespräch.



Kein Ausstellungsteilnehmer wird an diesen beiden Tagen grossen Umsatz verbucht haben. Alle Märkte scheinen übersättigt zu sein. Zudem wird gespart, und das Handwerk ist ohnehin ein Auslaufmodell.

Noch einmal stand es hier im Mittelpunkt. Man trauert ihm nach, weiss aber, dass es nicht mehr rentabel betrieben werden kann. Und in manchen Belangen ist es überflüssig geworden. Ein gewisses Heimweh nach ihm war spürbar. In verschiedenen Gesprächen weckten der Ort und die Schätze der Ausstellenden weit zurückliegende Erfahrungen. Besonders in unserem Bereich mit Holz und in einem Museumsraum mit der Werkbank und den Werkzeugen des Küfers. Dadurch war man rasch in die eigene Jugend zurückversetzt.

Dass Vater oder Grossvater es zuliessen, dass Kinder erste handwerkliche Erfahrungen machen konnten, bedeutet ihnen viel. Dass sie im Umfeld der Grossen mitschaffen durften, machte sie stolz. Sie durften hämmern, sägen und in den Hobelspänen wühlen. So redeten Männer und Frauen aus meiner Generation.

Die ruhige Präsenzzeit nützten wir Ausstellende für Gespräche. Wir kannten einander nicht, hörten hier manche Lebensgeschichte und Schicksalsschläge beruflicher Art. Alles ganz ungezwungen, schlicht, ehrlich und demzufolge echt. 2 Tage genügten, um sich auf ein zufälliges Wiedersehen zu freuen.

Etliche Besucherinnen oder Besucher klagten über Schwindel, als sie bei uns oben ankamen. Der schräge Dachboden und das ungewohnt rudimentäre Gebälk irritierten. Die unbewusste Raumorientierung funktionierte plötzlich nicht mehr. Kein Wunder! Das Haus zum Kranz besteht seit 1506.

Am Tisch in der Grossmannstube rückten wir abwechslungsweise zusammen und löffelten eine Suppe oder tranken Kaffee. 2 fürsorgliche Frauen sorgten für Wärme und Gemütlichkeit. Ob die Wärme aus dem alten Kachelofen strömte, habe ich nicht überprüft. Hier war es einfach angenehm warm. Gewiss auch darum, weil wir mit unseren Gesprächen und den dazugehörigen Gesten selbst Wärme erzeugten.

Während unser Ausstellungsnachbar in den letzten 5 Ausstellungs-Minuten noch ein Bild verkaufen konnte, packten wir die verbliebenen Schätze wieder ein und rüsteten uns für den Heimweg. Im Militärrucksack fanden die meisten den entsprechenden Platz. Primo freute sich speziell, wie sich dieser immer noch als anpassungsfähiger Freund an seinen Rücken schmiegt.

Sonntag, 11. November 2012

Wo wir mit Menschen und Emotionen zusammentreffen

In war noch allein im Wartzimmer, als ein Mann eintraf, seinen Rucksack auf einen Stuhl fallen liess und wieder hinausging – Hoppla! Ich erwachte sofort aus meinem dösenden Wartezustand. Wahrgenommen hatte ich nur die polternden Schritte. Die Person sah ich noch nicht. Ob da ein Mann aus den Bergen angekommen war?

Kurz danach kam er erneut ins Wartzimmer. In feines Tuch gekleidet und in schweren, offensichtlich massgeschneiderten Schuhen gehend, erschien mir da eine starke Persönlichkeit. Mit einem Auftritt wie auf einer Bühne. Er trug eine markante Corbusier-Brille, setzt offenbar überall auf saubere Form und Qualität. Er ging zur Fensterfront hin, kam zurück, sprach mich an. Ob er den Vorhang zur Seite schieben dürfe, ob das Licht meine Augen nicht störe. Er wolle die Sicht in die Weite prüfen. Ich hatte nichts dagegen, als er auch das Fenster öffnen wollte. Erst jetzt bemerkte ich, dass er keine normale Brille, sondern jenes metallene Brillengestell aus dem Untersuchungsapparat trug, das für den Aufbau eines Brillenrezeptes benützt wird. Für meinen Fall wickelte sich seinerzeit alles sitzend ab.

Dann sprach der Mann einerseits vor sich hin, aber auch zu mir, dass es ihm zu schaffen mache, dass er nun eine Brille benötige. Eine, die ihm zur klaren Sicht in die Weite verhelfe. Also eine, die er nun bis ans Lebensende immer tragen müsse. Nicht mehr nur eine Lesebrille. Er zeigte mir mit einer Geste den Raum, in dem er Geschriebenes noch lesen könne. Dann erzählte er mir, wie viele farbige Lesebrillen er besitze.

In diesem Mann erkannte ich ein Temperament, das ich sofort verstand. Ein ähnliches lebt auch in mir. Wenn Zwängen nicht ausgewichen werden kann, baut sich im Innern ein beängstigender Druck auf, den ich in diesem Augenblick mitfühlte. Es verjagte ihn beinahe, empfand ich. Ich konnte aber nichts mehr dazu sagen, denn die Ärztin stand unter der Tür und rief: Frau Lorenzetti!

Am Abend berichtete ich beim Essen von diesem Erlebnis. Ich schilderte den Mann, den ich weiter nicht kannte und verglich ihn mit einem Kunden, für den Primo vor etwa 30 Jahren ein exklusives Möbel herstellen durfte.

Hin und wieder dachte ich noch an ihn, besonders in jenem Augenblick, als bei mir ein zu hoher Augendruck festgestellt wurde und für mich plötzlich auch Zwänge anstanden. Da habe ich mich ähnlich verhalten und Widerstand markiert. Und bin dann später doch der Vernunft gefolgt.

Nach ein paar Monaten sass ich mit Primo in einem Gasthaus, als ein Mann in Begleitung anderer hier eintrat und entfernt von uns Platz nahm. Primo sass mit dem Rücken zu ihm, sah ihn nicht. Kurz musterte ich ihn und er auch mich. Beide mögen sich in diesem Augenblick gefragt haben: Wer ist das? Die oder den kenne ich doch. Könnte es jener Mann aus dem Wartzimmer sein, fragte ich mich. Eigenartig, wie in solchen Situationen eine Art Lampe im eigenen Inneren aufleuchtet und die Frage erhellt.

Als wir gegessen hatten und bevor wir das Lokal verliessen, schauten wir einander nochmals an und dann sagte er unverhofft zu Primo: Sali!

Und in diesem Augenblick waren alle Fragen beantwortet. Er war derjenige, mit dem er verglichen worden war.

Sonntag, 28. Oktober 2012

Immer Ende Oktober wird das Thema Friedhof aktuell

Es mögen etwa 30 Jahre her sein, als 2 Journalisten der Tageszeitung Tages-Anzeiger im Zürcher Friedhof Sihlfeld übernachten wollten. Sie erhielten die Erlaubnis und schrieben danach über ihre Erfahrungen. Sie interessierten sich vor allem, was in der Geisterstunde von 24 Uhr bis 01 Uhr geschehe ...

Ihren Bericht habe ich nicht aufbewahrt. Ich erinnere mich wahrscheinlich nur darum an sie, weil ich damals hoffte, dass sie bedeutsame Erfahrungen machen und uns darüber berichten würden. Aber es gab nichts Aussergewöhnliches zu berichten. Es spukte nicht. Es ängstigte sie nichts. Vielleicht froren sie ein bisschen, und den Nachtlärm haben sie möglicherweise eine Zeit lang analysiert und mit andern Orten verglichen.


In jenen Jahren verstand ich den Friedhof weder als Park noch als Paradiesgarten. Er war für mich ein Ort der Toten, der Trauer, des Abschieds. Eher etwas Düsteres. Und ein Ort, wo sich vielleicht unerlöste Geister tummeln.

Meine aus Finnland stammende Schwägerin aber hatte ein ganz anderes Verhältnis zu diesem Ort. In der Nähe des erwähnten Friedhofs wohnend, war er ein Park, in dem sie ihr Kind spazieren fuhr. Das grosse Areal ist ein gesunder Lungenflügel unserer Stadt. Und ein Ort, wo sie zur Ruhe kommt.

Eines Tages beschloss ich, mich mit dem Friedhof anzufreunden. Ich nahm an allen Beerdigungen aus meinem Umfeld teil, wollte diesen Ort und die dazugehörigen Ordnungen kennenlernen. Ich wollte gerüstet sein, wenn mich dann einmal ein naher Tod erschüttern sollte. Das war ein vernünftiger Entscheid. Seither habe ich für verschiedene Verwandte die letzte Begleitung und ihren letzten Willen erfüllt. Und dadurch ist mir der Friedhof vertraut geworden. Ebenso sind es Grabmalarbeiten von meinem Ehemann Primo, deretwegen ich oft in Friedhöfe kam.

Weiter profitierte ich von Historikerinnen, die Friedhof-Rundgänge anboten und alte Gewohnheiten und Rituale erklären konnten. Immer auch in Bezug auf die Rolle der Frau.

Und heute schätze ich in erster Linie die wertvolle Arbeit von Grün Stadt Zürich. Sie hat in den letzten Jahrzehnten die früher strenge und zum Teil düstere Gartenarchitektur in einen Naturpark verwandelt. Der Tod hat hier nicht mehr das letzte Wort. Den Bäumen, Sträuchern, Wiesen und Blumen wird jetzt mehr Natürlichkeit zugestanden.

Ja, der Friedhof ist ein Ort voller Leben. Hier wirken Insekten und Kleinstlebewesen als Bodenverbesserer. Mäuse und Würmer leisten grosse Arbeit. Maulwürfe werden auch in diesem Gebiet den Boden lockern. Nachts mag der Fuchs seine Runden drehen.

Vögel bevölkern den grossen Baumbestand. Bienen, Wespen und Schmetterlinge bestäuben Blüten und sammeln Honig. Ihre Ernte wird im Friedhof Forum verkauft. Dieses wurde erst kürzlich im Friedhof Sihlfeld eröffnet. Es ist eine Stelle für alle Fragen zum Tod, dem Grabangebot und der Vorsorge für die Gestaltung der Beerdigung.

Über den Tod wurde noch nie gern gesprochen. Oft wird dieses Thema zu lange ausgegrenzt. Sicher ist aber, dass wir alle einmal sterben werden. Darum ist es sinnvoll, sich um einen würdigen Abschied zu kümmern. Und den Hinterbliebenen etwas Vorarbeit abzunehmen. Im Bereich des Friedhofs geht es vor allem um die Beerdigungsform, um den Entscheid fürs Erdgrab oder die Kremation, für ein Einzel- oder Gemeinschaftsgrab. Es geht auch weiter um die Wünsche für oder gegen eine religiöse Abdankungsfeier und später dann um das Grabmal.

Unter dem Titel „Verschieden bis zuletzt“ las ich zum Thema Gestaltungsspielraum für Grabmäler im Veranstaltungskalender des "Friedhof Forums", "dass es normal ist, verschieden zu sein – im Leben ebenso wie auf dem Friedhof."

Mein erster Besuch in diesem Forum hat Fragen beantwortet und Ideen zugelassen. Jetzt können wir als Eltern den Wunsch unserer Töchter erfüllen. Sie erwarten von uns klare Hinweise, wie unser Abschied gestaltet werden soll. Wäre ich alleinstehend, könnte ich meine Wünsche beim Friedhofamt hinterlegen. Es ist sogar möglich, eine CD mit einer zum Abschied passenden Lieblingsmusik abzugeben, und diese würde dann nach meinen Angaben abgespielt.

Im vergangenen Frühjahr erlebte ich erstmals eine Abschiedsfeier, die von 2 Fährfrauen geleitet worden ist. Sie nennen sich Fährfrauen, weil sie ihre Begleitung beim Ableben mit dem Fährdienst in einem Boot von einem Ufer ans andere vergleichen. Die Reise aus dem hiesigen Leben in die uns noch unbekannte Anderswelt. Im Internet erklären sie ihre Philosophie. www.faehrfrauen.ch.

Diese Abschiedsform, ohne Religion, wirkte sehr respektvoll, feinfühlig und war schlicht. Auch darüber lohnt es sich, noch nachzudenken.

Das Thema Tod und Friedhof ist Ende Oktober immer präsent. Eingeläutet wird es regelmässig durch Angebote, die jetzt wieder vor den Lebensmittelfilialen stehen. Da die Töpfe mit den kleinen Astern, dort die Windlichter, mit denen die Gräber zu Allerheiligen und Allerseelen geschmückt werden.

Für mich ist das Thema Friedhof auch sonst noch aktuell. Dieser Tage feierte ein Schreiner aus unserem Freundeskreis das Bestehen seiner 33-jährigen Schreinerei und lud zu einer Führung ein. Er demonstrierte die Herstellung von hölzernen Grabkreuzen, wie sie jede verstorbene Person fürs 1. Jahr erhält, sofern sie christlichen Glaubens ist.

Dieses Kreuz, mit dem Namen der verstorbenen Person versehen, dient dem Auffinden ihres Grabes. Ein Jahr lang versieht es diesen Dienst. Erst wenn sich die Erde gesenkt hat, kann ein Grabstein, auch wieder mit Namen und Daten, gesetzt werden.

Und in der ersten Novemberhälfte 2012 wird das Grab meiner Eltern aufgehoben. Ich besuchte es dieser Tage nochmals mit einer meiner Schwestern. Diese hätte die hölzerne Stele, die Primo seinerzeit geschaffen hat, gerne zu sich nach Hause genommen und in die Stube gestellt. Ich konnte ihr dann zeigen, dass das Holz, jetzt 26 Jahre im Freien stehend, vom Xylariapilz befallen ist. Nun wird es entsorgt. Vielleicht geschreddert und einer neuen Aufgabe zugeführt. Oder verheizt und spendet irgendwem Wärme. Das ist auch gut so.

Dienstag, 9. Oktober 2012

Dem offenen Fotoalbum entstiegen unsere Geschichten

Vor ein paar Wochen stellte unsere Tochter Letizia fest, dass es in ihrem Fotoalbum kein Hochzeitsbild von uns Eltern gebe. Kein Wunder, fügte sie gleich hinzu. Da war ich noch lange nicht auf der Welt. Ich konnte ihr den Wunsch erfüllen, fotografierte die ein halbes Jahrhundert alten Bilder und schickte sie ihr per E-Mail.
Und für mich gab das Album dann noch überraschende Funde preis. Es lagen in ihm die Rechnungen für das Hochzeitsessen und ebenso für die Autocarfahrt mit den Gästen.
Die grösste Überraschung aber bot ein amtlicher, an mich gerichteter Briefumschlag von der Einwohnerkontrolle der Stadt Zürich, per Nachnahme zugestellt. Kosten 65 Rappen. Aufgeklebte Briefmarken: 25 Rappen Porto.

Ich hatte dort nach dem Geburtsdatum jenes jungen Mannes gefragt, den ich dann auch heiratete. Ich wollte ihn an seinem Geburtstag überraschen. Durch meine kaufmännische Lehre war ich mit der Einwohnerkontrolle vertraut, musste dort von Zeit zu Zeit nach Adressen säumiger Kunden fragen, wenn diese wegen einer Adressänderung unerreichbar geworden waren.
Die Auskunft wurde mir auf dem Brief meiner Anfrage unverzüglich zugestellt. Mit dem roten Schreibmaschinenfarbband getippt ist zu lesen: Bericht: Obgenannter ist geboren am XY und Jahrgang. Hochachtungsvoll Einwohnerkontrolle der Stadt Zürich Adjunkt XY.

Der Anfrage hatte ich 60 Rappen in Briefmarken beigelegt. Die Bearbeitung hätte aber 1 Franken gekostet. Darum erreichte mich dann die Antwort per Nachnahme. Der vom Postboten eingezogene Betrag setzte sich aus den 40 Rappen, die bei den Briefmarken fehlten, und dem Porto (25 Rappen) für die Zustellung zusammen.

Das war ein richtiger Humorbeitrag. Ich war alleine, als ich die Dokumente entdeckte. Ich lachte herzhaft und auch dann wieder, als ich Primo davon erzählte. Ich lachte vor allem über mich selbst und wie ich im Leben alles, was mit Schreiben möglich war, mit Schreiben erreichte. Und unsere Töchter fragten sofort, wie denn das mit dem Datenschutz gewesen sei, damals, vor mehr als 50 Jahren? Hat man Dir diese Frage wirklich beantworten dürfen?

Diesen Datenschutz gab es in der heutigen Form noch nicht.

Und dann wunderten wir uns auch über diese kleinen Beträge, die man heute nicht einziehen würde, weil der Aufwand dafür zu gross wäre. Sie sehen kleinlich aus, doch müssen wir zu dieser Geschichte auch einen Monatslohn von damals kennen.

Vorab nenne ich noch die Kosten für eine Nachnahmesendung, wie sie heute verrechnet wird. CHF 18.– Grundgebühr. Die Höhe des einzuziehenden Betrages spielt für sie keine Rolle. Aber es muss noch das Brief- oder Paketporto dazu gerechnet werden.

Als ich die kaufmännische Lehre 1958 beendete, riet uns der Kaufmännische Verein, keine Stelle unter dem Mindestlohn von CHF 450. – anzutreten. Und heute: Im Internet fand ich die Angabe des Mindestlohns für das Jahr 2011: CHF 63 100.– Jahressalär = CHF 5258.– pro Monat.

Als wir 1962 heirateten, kostete uns das Hochzeitsessen für 17 Personen:

Mittagessen mit Wasser, Wein, Kaffee, 12 % Service und für die Entgegennahme eines Telegramms (50 Rappen) total CHF 179.90.

Im Verhältnis zu den bisher genannten Preisen empfinden wir die Autocarfahrt als ganztägige Begleitung rund um den Zürichsee und einem Abstecher ins Züricher Oberland mit CHF 216.– teuer. Aber solche Autofahrten waren früher wirklich mit einem Hauch Luxus umgeben.

Unsere Monatsmiete von damals CHF 75. – für eine 3- Zimmer-Wohnung in einem alten Haus.

Mit diesen Zahlen lässt sich auch belegen, dass ich in den ersten Monaten unserer Ehe Lebensmittel für einen Tag kaufen konnte, auch wenn keine Banknote im Portemonnaie lag. Plötzlich war das dann nicht mehr möglich.

Und meine Mutter hatte als Weberin in der Textilindustrie CHF 600.– für ihre Aussteuer erspart und wegen der Weltwirtschaftskrise anfangs der 1930er-Jahre alles verloren, weil die Sparkasse Bankrott ging. Erst jetzt begreife ich besser, wieviel Geld das bei den damaligen Verhältnissen bedeutete.

Und die eingangs erwähnten fotografierten Fotos inspirierten Letizia dann zu einer feinen Tischdekoration zur schlichten Feier unserer goldenen Hochzeit. Zu sehen bei machetwas.blogspot.com.



Die Enkelkinder lieferten dazu ebenfalls einen Beitrag. Sie malten Tischsets als Tellerunterlagen und liessen sie laminieren. Auf ihrer Reise nach Zürich kam die Sendung nur langsam voran. Sie erreichte mit nur einer Stunde Vorsprung die Zeit des festlichen Mittagessens bei Letizia. Ende gut, alles gut. Jene, die die Ankunft der Sendung sehnlichst erwartet hatten, konnten endlich wieder durchatmen.

Das war ein Etappenhalt. 50 Jahre gemeinsames Leben, von dem ich immer sage, Primo und ich seien 2 Ochsen vergleichbar, die denselben Karren ziehen. Geschichten stiegen auf. Freude und Dankbarkeit waren mit uns am Tisch. Ich konnte meiner Freundin, damals Trauzeugin, zeigen, welch feinsinnige Glückwünsche sie uns für den Hochzeitsglückwunsch aufgeschrieben hatte. „Wo habe ich diese Worte wohl abgeschrieben?" sinnierte sie. Und wir meinen, dass wir diesen Text wohl erst jetzt, nach 50 Jahren gemeinsamen Lebens, verstehen können. Und so lautet er:

Wenn du weniger bist, als ich dich denke,
und warum ich dich liebe,
dann muss ich dich umso mehr lieben
auf dass du wirst, wie ich dich dachte
und warum ich dich liebte.

Montag, 24. September 2012

Reminiszenzen: Eintritt in Kindergarten und Primarschule

Das neue Schuljahr 2012/13 ist angelaufen. Die anfänglich täglich eingetroffenen Nachrichten aus Paris sind verklungen. Diesmal gehörte die 6-jährige Nora zu jenen Kindern, die in die Primarschule eingetreten sind. Sie freute sich enorm, will der älteren Schwester nacheifern. Als sie ihr Zuhause verliess, habe sie begeistert gerufen, jetzt lerne sie rechnen.

Am Abend jenes 1. Tags verkündete sie, die Schule sei gut. In dieser Klasse möchte sie immer bleiben. Mama wollte wissen, wo ihr Sitzplatz sei. In der ersten Reihe! Dort sehe man alles am besten. Diesen Platz muss sie sich selbst ergattert haben. Anderntags rief sie schon beim Aufwachen, heute sei ihr 2. Schultag, und am Abend erfuhren wir von ihrer Freude an der Hausaufgabe. Es musste ein kleines Gedicht gelernt werden.

Solche Begeisterung möchte ich allen Kindern gönnen. Auch unsere Kinder erlebten den Schuleintritt als etwas Aufwertendes. Sie waren glücklich, jetzt zu den Schülern zu gehören.

Nun steigen allerlei Erinnerungen auf. Kurze Momente von damals werden wieder einmal beleuchtet. Nichts Weltbewegendes, aber wichtig für ein Kind und auch für die Eltern. Und fürs erste etwas zum Schmunzeln.

Am Tag, als Noras Mutter in den Kindergarten eintrat, hatte sie beim Mittagessen viel zu erzählen. Sie berichtete lebhaft, was sich an diesem ersten Morgen abgespielt hatte. Sie kannte schon Namen von Mädchen und Buben. Und die Kindergärtnerin imponierte ihr. Dann, auf einmal, stockte sie und fragte mich: „Wofür hast du den Lieferschein gebraucht?“ Sie sprach damit die Bestätigung der Aufnahme in den Kindergarten an. Mit den Daten zum Schulanfang, dem Ort und der Zeit des Erscheinens. Diese hatte ich mitgenommen. Das Wort Lieferschein amüsierte uns. Felicitas kannte es aus Vaters Werkstatt.

2 Jahre später dann der Eintritt in die Primarschule. Wieder war unsere Tochter erwartungsvoll gestimmt. Dass sie den langen Schulweg alleine gehen musste, störte sie vorerst nicht. Den Hinweg bergwärts vom Limmatufer durch den Weinberg bis nach Höngg.

Im Schulhaus trafen wir Rolf, damals gerade Zweitklässler geworden, auf dem Weg zum Pausenplatz. Im Kindergarten hatte er mit Felicitas ein gemeinsames Jahr erlebt. Er grüsste uns und wünschte ihr einen schönen Frühlingsanfang. Damals begann das Schuljahr noch im April. Es war ein aussergewöhnlicher Glückwunsch, an den ich mich gern erinnere. Mittlerweile ist Rolf ein einfühlsamer Arzt geworden.

Und wie war der weit zurückliegende Schuleintritt für uns Eltern, als wir Erstklässler waren? Primo kann sich nicht an den ersten Schultag erinnern. Aber daran, dass ein Polizist an der Wohnungstür erschien und sich nach seiner Schulreife erkundigte. Was da mit der Mutter genau besprochen werden musste, verstand er nicht. Er hatte aber die Tür geöffnet, als es läutete und stand dann verwundert vor dem uniformierten Mann. Offenbar wurde damals der Polizei die Aufgabe übertragen, den Familien ausländischer Herkunft den anstehenden Schuleintritt im Gespräch zu erklären. Primos Vater besass damals noch den italienischen Pass.

Und mein Schuleintritt? Was mich selbst betrifft, daran erinnere ich mich gut. Die Ankunft im Schulhaus. Mutter begleitete mich. Das eher dunkle Treppenhaus. Die offene Tür zu einem Schulzimmer. Davor ein Mann, der uns begrüsste. Er hielt jedem Kind einen schwarzen Zylinder hin. Darin lagen auf gefalteten Zetteln die Namen von 2 Primarlehrern. Einen solchen durften wir ziehen. Und somit unser Los oder Schicksal selber bestimmen. Noch immer bin ich begeistert von diesem Empfang. Dass uns diese Freude geschenkt wurde. Es hat mit einer Spur vermeintlicher Selbstbestimmung zu tun und die begleitet mich ein Leben lang. Auch wenn die Wahl nach einem bestimmten Lehrer nicht möglich war, wir durften das Los selber ziehen. Die Mutter öffnete das Papier und las mir den Namen vor. Sie wusste, dass es ein sehr guter Lehrer sei. So habe ich ihn dann auch erlebt.

In Wald, Kanton Zürich, im Schulhaus Binzholz, wurden zu meiner Zeit noch Doppelklassen geführt. Derselbe Lehrer unterrichtete 2 Klassen abwechselnd im selben Zimmer. Während die eine Hälfte schriftliche Arbeiten erledigte, wurde die andere mündlich geschult. Ich fühlte mich wohl, ging gern zur Schule. Gut gefallen hat mir auch der Schulweg. Ich wurde öfters gescholten, weil ich viel zu spät heimkam. Besonders im Winter, wenn wir zeitvergessen im Schnee über Abhänge rutschten.

In der Stadt sieht ein Schulweg ganz anders aus. Letizia erlebte ihn 2 Jahre im Taxi. Der Kindergarten in der Nähe unseres Wohnortes wurde aufgehoben und die wenigen Kinder, die es hier gab, im Auto zum Kindergarten ins Nachbarquartier gefahren. Der Treffpunkt für die Abfahrt war unsere Haustür. Ich hatte dafür zu sorgen, dass alle zur rechten Zeit hier starten konnten. Es entstand eine dicke Freundschaft unter diesen 5 Mädchen. Eine Westschweizerin, ein Bernermeitschi, eine Italienerin, eine Spanierin und unsere Letizia, die Zürcherin. Für manchen Taxi-Chauffeur wurden diese lebenslustigen Mädchen zur Nervensäge. Einer fuhr einmal vor den Polizeiposten und rief einen Polizisten heraus, dass er ihnen beibringe, was sich gehöre: Ruhe während der Fahrt.

Und in Paris fahren Mena und Nora mit der Metro zur Schule. Mena hat mir kürzlich beim Skypen jene Schachtel gezeigt, in der sie die Metrotickets ihrer bisherigen Primarschulzeit aufbewahrt. Seit 4 Jahren sammelt und bündelt sie diese zu 10er-Päckli. Eindrücklich. So kann ein Schulweg auch dargestellt werden.

Nun beginnt eine neue Ära. Erstmals wurde ein unlimitiertes Metroabonnement auch für Primarschüler zum Kauf angeboten. Der „Pass-Navigo“. Musste früher an der Schranke für jede Fahrt ein einzelnes Billett in den Automaten gesteckt werden, genügt heute der digitale Pass, damit sich der Durchgang öffnet. Die Kinder sind stolz darauf.

Schon früher hatte ich die Gewissheit, dass ich mit den eigenen Kindern zusammen auch ein Stück persönliche Jugend ergänzend miterlebe. Und ähnlich vollzieht sich nun das Aufwachsen der Enkelinnen und ihr Einfluss auf mich. Sie verbinden mich mit dem aktuellen, modernen Leben. Sie tragen die Zukunft in sich, und das färbt ab, auch wenn sie weit weg von uns aufwachsen.

Samstag, 8. September 2012

Zürcher Knabenschiessen: Einst das Fest der Stadtheiligen

In seiner Eigenart ist das Knabenschiessen das grösste Volksfest von Zürich. Bis zur Reformation feierte man jeweils am 11. September die Stadtheiligen Felix und Regula festlich religiös und selbstverständlich auch ausgelassen fröhlich. Überlebt hat vor allem diese zweite Seite. Die religiöse wurde durch einen Schiesswettkampf für Knaben ersetzt. Seit 1991 sind auch Mädchen zum Wettschiessen mit einem modernen Gewehr zugelassen, und letztes Jahr wurde eines von ihnen Schützenkönigin.
 
Das Festgelände befindet sich am Fuss des Uetlibergs. Über die Strecke einer Tramstation hinweg ist die Strasse jeweils beidseitig mit Marktständen gesäumt, und oben im Albisgüetli breitet sich ein gigantischer Rummelplatz aus. Jedes Jahr erscheinen mir die Vergnügungsbahnen raffinierter, verrückter. Letztes Jahr besuchten über 850 000 Personen dieses beliebte Volksfest. In diesem Jahr 2012 findet das Knabenschiessen vom 8. bis 10. September statt.
Knabenschiessen 2010 Zürich
Knabenschiessen 2010 Zürich
Das Riesenrad im Albisgüetli mag ich noch zu verkraften. Die Ruhe der Drehungen sind angenehm und bei entsprechendem Wetter ist die Rundsicht über den See und zu Alpen hin einmalig.
 
Primo liebt diese Jahrmarktatmosphäre ganz besonders, und er hat meist einen Grund, dass wir uns diesem Rummel aussetzen. Es sind die Angebote an den Marktständen, die ihn interessieren, und er hört den Marktschreiern extrem gern zu. Und wenn ich mitgehe, bin ich ebenfalls neugierig und lasse mich vom Sog dieses Festes treiben. Die Gemüseraffel stammt beispielsweise immer vom Knabenschiessen, auch wenn wir eine solche ebenso gut in einem Warenhaus kaufen könnten. Dann finden wir dort wackere Taschentücher aus Textilien, die andernorts schon längst verschwunden sind.
 
Die allgemeinen Warenmarktangebote empfinde ich heute nicht mehr so individuell wie einst. Als unsere Kinder klein waren, besuchten wir jeweils einen bestimmten Stand, an dem von Hand gefertigte, auch gestrickte Puppenkleider angeboten wurden. Ein Eldorado für unsere Mädchen. Einmal konnte ich an einem Stand eine rein wollene Stoffjacke aus Katmandu kaufen, wie ich solche danach nie mehr gesehen habe. Die modernen, synthetisierten Materialien haben die Stoffe aus Naturfasern verdrängt. Auf allen Warenmärkten finden wir heute billige Massenware, wie sie über Kontinente hinweg verstreut wird. Eine der Ausnahmen ist im Albisgüetli zu finden: Die Hemden aus dem Märithüsli von Ballenberg.
 
Zu diesem Fest gehören traditionell die Zuckerwatte, der türkische Honig, das Magenbrot und die Bratwurst. In neuerer Zeit werden auch Pouletschenkel angeboten und vom Wallis wurde das Raclette (geschmolzener Käse) übernommen. Aus dem Tessin oder von Italien inspiriert, wird Risotto angepriesen. Frisch gepresstem Süssmost aus Äpfeln und Birnen wird gern zugesprochen. Früher schauten wir immer nach den ersten Trauben aus Italien aus. Wir mögen die markanten Zeichen zu den Jahreszeiten. Diese sind heute aber mehrheitlich verwischt.
 
Für unsere Familie war auch das gelbe Postauto ein Magnet, das abseits des Schützenhauses seinen festen Platz hatte. Alle Briefe und Postkarten, die dort aufgegeben wurden, bekamen den Knabenschiessen-Sonderstempel. Die schnelle E-Post hat diesen schönen Brauch leider sterben lassen.
 
Primo erinnert sich immer auch noch an menschliche Raritäten, wie er sagt. Extrem kleinwüchsige oder extrem dicke Personen fanden ihr Auskommen, indem sie sich ausstellten. Man konnte sie im Zelt besuchen, sie ansehen, sogar berühren. Die dicke Berta etwa war vor 65 Jahren ein Begriff. Ich habe sie nie gesehen.
 
Letztes Jahr schlenderte Primo mit Letizia ausschliesslich in dieser Gauklerwelt umher. Sie erzählte mir später, dass er unerwartet auf eine Schiessbude zuging. Er wolle mir eine Rose heimbringen. Sie schilderte mir, was dann abgelaufen sei. „Er setzte die Brille auf, nahm das Gewehr in die Hand. Die Dame, die es ihm überreicht hatte, schaute ihn eher mitleidig an. Der alte Mann da? Ein Schuss. Die Manschette war durchbrochen, die Rose gewonnen. Für nur Fr. 1.–. Er verblüffte alle.“ Und heute wundert er sich immer noch, wie ihm das gelang.
 
 
Rückschau in die Geschichte von Felix und Regula
Im Albisgüetli-Rummel denkt wohl niemand mehr an die Stadtheiligen. Ihre Geschichte ist von diesem Fest abgetrennt, aber immer noch auffindbar, z. B. in der Wasserkirche und in vielen Texten und Büchern.
 
Das Geschwisterpaar Felix und Regula erlitt in Turicum, dem heutigen Zürich, das Martyrium. Nach der Überlieferung waren die beiden Angehörige einer römischen Militäreinheit aus dem ägyptischen Theben, der im Wallis stationierten Thebäischen Legion. Wegen ihres christlichen Glaubens erlitten auf Befehl von Kaiser Maximilian in Verolliez im Kanton Wallis 6600 Soldaten den Märtyrertod. Sie hatten sich geweigert, an Christenverfolgungen teilzunehmen. Ihr Anführer Mauritius soll Felix und Regula und einigen Gefährten zur Flucht verholfen haben. Sie flohen über die Furka, durch das Urnerland nach Glarus und erreichten schliesslich Turicum, wurden aber von Häschern eingeholt und ebenfalls enthauptet. Nach der Legende sollen die Getöteten ihre abgeschlagenen Häupter an sich genommen und bergan an den Ort ihrer Grabstätten getragen haben. Dort wurde später das Grossmünster erbaut.

Im 13. Jahrhundert wurde diese Legende noch mit einem dritten Märtyrer, dem „Diener“ Exuperantius, ergänzt. – Im Siegel der Stadt Zürich sind die 3 Geköpften als Stadtheilige von Zürich verewigt.
 
Die damalige Stadträtin Ursula Koch schrieb 1988 im Vorwort zum Buch „Die Zürcher Stadtheiligen Felix und Regula“*, dass die Reformation mit den Zeugen der Zürcher Stadtheiligen unerbittlich aufgeräumt habe, aber:
 
"Die Legende schaffte sie allerdings nicht aus der Welt. Würden die Häupter noch in der Pfarrkirche Andermatt aufbewahrt, wohin sie ein frommer Auswärtiger in aller Heimlichkeit hingebracht haben soll? Die Vergangenheit wird man nicht einfach los, dies belegt auch das Zürcher Staatssiegel, auf welchem noch heute die kopftragenden Märtyrer abgebildet sind."
 
Ihre Reliquien müssen nun nicht mehr versteckt werden. Wir haben sie bei einem Besuch im Sommer 2011 in Andermatt in der Pfarrkirche Sankt Peter und Paul je auf dem linken und rechten Seitenaltar sofort erkannt.
 
Und im Wallis, in der Abtei von Saint Maurice, haben wir erfahren, dass jedes Jahr hunderte von Afrikanern, die in der Schweiz leben, hierher reisen, um ihren Mauritius zu feiern. Er sei der erste schwarze Heilige. Auch er starb den Märtyrertod und wird seither als Heiliger verehrt. Die Abtei und der ihn umgebende Ort tragen seinen Namen in französischer Sprache: Saint Maurice.
 
In Zürich kann in der Wasserkirche die Krypta besucht werden. Es ist der Ort, wo im Mittelalter die Hinrichtungsstätte der Stadtheiligen Felix und Regula verehrt wurde. 1940/41 fanden hier umfassende archäologische Ausgrabungen statt, die besichtigt werden können. Es lohnt sich, hier vor den aufgebrochenen Mauern und dem Märtyrerstein zu verweilen und über die Texte, die in diesem Raum zu lesen sind, etwas zu sinnieren.
 
Speziell angesprochen hat mich der folgende:
 
"Hat es Felix und Regula gegeben?"
Die Wissenschaft stellt diese Frage schon lange. Man sieht heute eher eine religiöse oder „fromme“ Dichtung aus der Zeit ihrer Niederschrift. Dennoch ist nie auszuschliessen, dass sich nicht doch eine historische Wahrheit dahinter verbirgt."
*
* Das Buch „Die Zürcher Stadtheiligen Felix und Regula“ wurde 1988 vom Hochbauamt der Stadt Zürich/Büro für Archäologie, herausgegeben. Zeitgleich fand im Landesmuseum Zürich eine Ausstellung über die Stadtheiligen statt. Es wurden Erinnerungsstücke, die vor der Reformation zum Kirchenschatz verschiedener Gotteshäuser gehört haben, ausgestellt.

Dienstag, 4. September 2012

Besucher aus Bolivien erkennt seine Schweiz nicht mehr

Obwohl an meinem Wohnort am Stadtrand von Zürich viele Mehrfamilienhäuser stehen, haftet ihm immer noch etwas Ländliches an. So wirkte er auf mich, als ich zur Zeit der Wohnungssuche hier erstmals ankam. Und so ist es geblieben.
 
Auch unsere Busstation „Rautihalde“ ist ein ruhiger Ort. Passanten gibt es keine. Es kommen nur Leute hierher, die mit dem Bus wegfahren wollen. Wer aber dort ankommt, grüsst die bereits Anwesenden, auch wenn wir uns nicht persönlich kennen. Und manchmal entsteht auch ein Gespräch.
Heute Morgen war ich die erste, die sich auf die Bank setzte. Bald danach kam ein Mann mittleren Alters an. Und dieser begann sofort zu reden. „Schlecht Wetter?“ war seine Frage. Es hatte geregnet. Ob es mich störe. Nein. Zur Natur gehöre doch ein normales Auf und Ab. „Nicht, wie wenn der Mann zu Hause ist?“ fragte er weiter. Ich hätte nichts zu beklagen. Später dachte ich über dieses Gespräch, dass der Mann den Puls fühlen wollte. Wie zufrieden die Menschen hier seien. Es stellte sich heraus, dass er vor 23 Jahren nach Bolivien ausgewandert und nun in seine Heimat zurückgekommen ist. Und jetzt gefällt sie ihm nicht mehr.
 
Er berichtete über seine Eindrücke aus Gesprächen mit jungen Menschen jetzt in Zürich. Dass hier der Egoismus weit verbreitet sei. Nur das persönliche Weiterkommen wichtig. Aus allem einen Gewinn ziehen. Mangelndes Mitgefühl. Dann beklagte er die Unordnung an allen Tram- und Busstationen. Dass die Zigaretten vor dem Einsteigen einfach fallen gelassen werden.
 
Ja, in dieser letzten Aussage stimmte ich zu. Auch mich stört das. Aber vor allem darum, weil Ertappte immer sagen, es existierten ja Reinigungsteams von ERZ (Entsorgung und Recycling Zürich), und diese würden entlöhnt. Für mich ist solches Verhalten frühkindlich. Als Kleinkind lässt man alles irgendwann fallen, weil der Ordnungssinn noch nicht entwickelt ist.
 
Als der Bus, den ich benützen wollte vorfuhr, rief er mir noch nach: „Ich gehe vermutlich wieder zurück.“
 
Das Gespräch hatte nicht lange dauern können. Jetzt würde ich ihn noch fragen, wie das Leben in Bolivien gewesen und warum er zurückgekehrt sei. Und was er denn hier erwartet habe. Seine Welt von damals? – 23 Jahre sind eine lange Zeit. Äusserer und innerer Wandel, gewiss auch in der Fremde enorm.
 
Ich kann mir vorstellen, dass Zürich nach 23 Jahren Abwesenheit vom Erscheinungsbild her als fremde Stadt wahrgenommen wird. Und wie die Reaktionen zeigen, hatte der Zurückgekehrte sofort auch einen inneren Wandel festgestellt. Und dieser scheint ihm nicht zu gefallen. Auch für uns war und ist er herausfordernd.
 
Noch immer ist uns eine saubere Stadt lieb, aber nicht alle hier Ansässigen sind bereit, ihren Beitrag dazu zu leisten.
 
In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an die Situation von 1958, als ich mich für mein Stagiaire-Jahr in Paris vorbereitete. Ich wurde aufmerksam gemacht, dass in Frankreich manches nicht so ordentlich sei wie bei uns in der Schweiz. Mein Lehrmeister wies sogar daraufhin, dass die Züge aus Frankreich, wenn sie in Basel eingetroffen seien, abgespritzt, also gewaschen würden, bevor sie ins Landesinnere weiterreisten. Ich solle nur darauf achten, werde es erleben.
 
Solange wir in unseren Grenzen lebten und nicht viel reisen konnten, nicht viel über unsere Nachbarn wussten, wurde die schweizerische Ordnung als eine unserer grossen Stärken und eine Art Auszeichnung gepriesen. Wir waren damals entsprechend kontrolliert und wurden rasch zurechtgewiesen, wenn festgeschriebene Ordnungen nicht eingehalten wurden. Es gab überall „Tüpflischiisser“ (Pedanten), die einen zurechtwiesen. Aber sobald die 68er-Bewegung diese Überheblichkeit als Scheinheiligkeit entlarvte und mehr Lebensfreude aufbrechen konnte, entwickelte sich auch hier in der Schweiz mehr Légèreté (Leichtigkeit, Ungezwungenheit). Und die Einsicht wuchs, dass wir nicht besser sind als andere.
 
Interessant ist aber, dass die Schweiz, astrologisch gesehen, vom Tierkreiszeichen „Jungfrau“ beeinflusst ist*. Die Verfassung vom 12.09.1848, 11.12 h, Bern, als Grundlage für die heutige Bundesverfassung ist ihr Geburtstag. Unter diesem Einfluss stehen alle Einwohner der Schweiz.
 
Da sind die Qualitäten wie Ordnung, Reinlichkeit, Detailtreue, Präzision, Kontrolle, Sparsamkeit, Bescheidenheit, Vorsorge, Sicherheit, Versicherungen und auch Gesundheitsbewusstsein wichtige Bereiche, mit denen hier erfolgreich gearbeitet wird.
 
Kein Wunder, dass in den Primar- und Sekundarschulen von einst im Zeugnis auch „Ordnung und Reinlichkeit“ bewertet wurden. In meiner Herkunftsfamilie wurde diese Rubrik ebenso gewichtet wie die Noten für die einzelnen Fächer. Wie die Zeugnisse von heute aussehen, weiss ich nicht.
 
Und die Wandlungen, die wir in den letzten 23 Jahren durchgemacht haben? Wir können sie rückblickend gar nicht mehr exakt beschreiben. Sie vollzogen sich stetig, manchmal leise, öfters auch mit Paukenschlag. Und sie kümmerten sich nicht darum, ob sie uns passten oder nicht. Der Mann aus Bolivien aber, er erlebte bei seiner Rückkehr die Veränderungen unmittelbar.
 
*Quelle: Cortex Astrologischer Computer Service, Adliswil.

Dienstag, 28. August 2012

Augenblicke wie in den Ferien, unweit von zu Hause weg

Zürich ist eine grosse Baustelle geworden. In vielen Quartieren muss Altes verschwinden. Das sogenannt verdichtete Bauen erfindet Zürich ausserhalb der Altstadt neu.


Auch Zürich-Altstetten ist davon betroffen. Da stehen an der Hohlstrasse aber noch manche alte Schuppen und Scheunen. Ihr Todesurteil ist aber schon gesprochen. Dort ist eine grosse Überbauung geplant. Die hier seit Jahrzehnten angesiedelten Gewerbler mit ihren Hütten und Unterständen müssen verschwinden. Auch grössere Gebäude werden abgebrochen. Primo lud mich ein, mit ihm einen Rundgang zu machen, damit ich das hölzerne Gerippe von 2 Lager- oder Werkstatthallen noch sehen könne. Auf seinem Arbeitsweg kommt er hier täglich vorbei und beobachtet die Veränderungen sehr genau.

Die immer noch gut erkennbaren Gebäude sind jetzt aber bis aufs Knochengerüst ausgehöhlt. Die Form noch intakt. Die Verschalung abgenommen und darum jetzt durchsichtig. Eine klassische Zimmermannskonstruktion, in meinen Augen ein Kunstwerk. Vor diesem Knochengerüst aus schmalen Latten stehend, verstand ich das Wort Rückbau sehr gut. Hier findet rücksichtsvoller Abschied statt.




Interessant ist es auch, tiefer ins Gelände hinein zu sehen. Seit Jahrzehnten wucherten hier kleine Unterstände und abgedeckte Lagerplätze, für die wohl kaum je eine Baubewilligung beantragt worden ist.

Primo hatte aber auch etwas Neues entdeckt. Das Bistro METRO an der Hohlstrasse. Eine städtische Form von Gartenwirtschaft an einer stark befahrenen Autostrasse. Mit überdachten Plätzen im Freien. Abgeschirmt durch Gebüsche in Töpfen. Begrenzt mit einem militärischen Tarnnetz. Dahin wurde ich zum Mittagessen eingeladen. Ich fühlte mich wie in den Ferien. An einem bisher unbekannten Ort, nur 10 Minuten Velofahrt von unserem Zuhause entfernt. Gast bei einem türkischen Ehepaar, das uns grillierte Lammspiesse mit Pfefferschoten, Couscous, griechischen Salat und frische Brötchen auftrug.

Während wir aufs Essen warteten, fuhr eine amerikanische Limousine vor das Nachbargebäude, das als Automobil AG (Garage, Autospenglerei, Autospritzwerk und Pneuhaus) gekennzeichnet war. Sofort standen junge Männer von ihren Tischen auf, gingen hinüber, umkreisten den „Schlitten“. Solche Oldtimer sieht man heute selten. Und wer sie fährt, wird bewundert. Die Männer aus dem Gasthaus stützten die Hände in die Hüfte und markierten mit einem vorgestellten Bein imaginären Besitzerstolz. Offensichtlich ein Traum für sie. Sie umkreisten das prachtvolle Gefährt und taxierten es.

Kaum waren sie an ihre Plätze in der Gartenwirtschaft zurückgekommen, lagen auf der Kühlerhaube Klebband, Schere, Tüllstreifen, Rosaband und verschiedene Schnittblumen, die, an die hintere Fensterscheibe angelehnt, den Fond des Wagens festlich schmücken mussten. Blumen auch für die Front am Gitter der Kühlerhaube. Das Rosaband konnte zu einem Bouquet gekräuselt werden und wurde auf die Kühlerhaube geklebt.

Ich sah noch, wie der Autoverleiher die Tüllstreifen zurechtschnitt, sie an jede Türe band und Wind simulierte, um die Wirkung zu überprüfen. Dann war die hellblaue Hochzeitslimousine für den grossen Auftritt bereit und plötzlich wie vom Erdboden verschwunden.

Wir wurden abgelenkt, schauten zu, wie am Grill hantiert wurde. Ein junger Mann belebte die Glut mit einem alten Haarföhn. Es knisterte. Kleine Funken sprangen auf. Und sofort sah ich mich als Primarschülerin in der Stube in meinem Elternhaus. Dort knisterte es auch einmal, jedoch überraschend für mich. Wir heizten mit Holz und Kohle. Über Nacht erlosch das Feuer jeweils. An einem solchen Wintermorgen musste ich die Stube staubsaugen und wollte die Arbeit ganz besonders gut machen. Ich reinigte auch den Ofen, sog die Asche mit dem Staubsauger auf. Die Luft entflammte die restliche, noch vorhandene Glut ... den Rest kann man sich denken. Der Stoffsack im Staubsauger verbrannte. Es stank fürchterlich.

Selbstverständlich wurde ich entsprechend gerügt. Wie genau, weiss ich nicht mehr. Aber dass meine Idee sehr dumm war, das habe ich schon damals begriffen und darum nie vergessen.

Als sich der Wirt erkundigte, ob uns das Essen geschmeckt habe, stimmten wir zu, und ich sagte, ich fühle mich hier in den Ferien. Das freute ihn. Damit wir sein Bistro in guter Erinnerung behalten, wurde uns noch ein Bittermandel-Likör offeriert.

Dann führte mich Primo ins hintere, an die Bahngeleise angrenzendes Gelände. Hier erkannte ich verschiedene Fotosequenzen, die er kürzlich heimgebracht hatte. Ganz besonders hat uns dann auch das verwitterte, dunkle Holzhaus gefallen, an dem eine SBB-Stationstafel „Zürich-Flughafen“ angebracht war. Auf dem Dach flattert, hoch oben an einem Mast, eine einfache hellblaue ausgefranste Fahne.


Später ist mir aufgefallen, dass die Hohlstrasse nicht nur eine stark befahrene Ausfallstrasse ist, sondern auch eine Allee. Es sind dort über eine grosse Strecke viele Rosskastanien-Bäume gewachsen; sie weisen ein respektables Alter aus.



Auch auf der anderen Strassenseite existiert noch ein altes Eldorado ähnlicher Art. Primo ist auch mit ihm vertraut, hatte dort im Laufe seines Berufslebens mit Handwerkern, Künstlern und Gewerbetreibenden zu tun.

Wir fragen uns, wohin die Menschen ziehen werden, wenn auch gegenüber Häuser, Hallen und Schuppen abgebrochen werden müssen.

Und ob es dann in den zu erwartenden Bürokomplexen nur noch sterile Gaststätten gibt, keine improvisierten Gartenwirtschaften mehr, wie wir dieser Tage eine kennengelernt haben.

Freitag, 10. August 2012

Anlass zum Landschaftstheater gab der Villmergerkrieg

Mein Blog von heute berichtet über ein grossartiges Theaterereignis auf dem Hintergrund des Villmergerkriegs von 1712, ohne ihn aber genau nachzuzeichnen. Musik führte uns in längst vergangene Zeiten.



Die Musiker waren in Uniformen gekleidet, wie wir sie von der Heilsarmee kennen. Die Sphäre, die sie schufen, trug uns weit weg. Immer dort, wo sie aufkreuzten, gelang es ihnen, uns in eine spezielle Situation mitzunehmen. Ihre Musik wirkte verbindend. Es mag eine weitgehend übereinstimmende Wellenlänge entstanden sein.

In den Bildern aus längst vergangenen Zeiten schimmerten immer auch Bezüge zur Gegenwart auf. In vielen Belangen gibt es nichts Neues unter der Sonne.

Die Gründe, die zum Krieg führten, werden heute nicht mehr nur als solche religiöser Natur gesehen. In der Zeitung zum Landschaftstheater lese ich dazu die Frage: „Religion – Mittel zur Macht? Ging es in diesem Krieg um Religion oder um Macht? Um beides.“

Im 1. Teil des Schauspiels „Mit Chrüüz und Fahne“ waren wir zu Fuss unterwegs, wurden auf verschiedene Schauplätze in den Garten und Hof des Schlosses Hilfikon mitgenommen. Primo und ich hatten uns unter die Fahne der Schwyzer einreihen lassen. Da wurden wir gleich auf den Platz der Gaukler mitgenommen, wo uns markige Spässe und Sprüche, aber auch Lebensweisheiten entgegenflogen. Für uns ein starker Einstieg ins Spiel.

Der 2. Schauplatz für die Schwyzer spielte sich unter einem grossen, alten Laubbaum ab. Als wir dort eintrafen, ging eine etwas verhärmte Frau umher und warnte alle Ankommenden, man solle denen (die dann sogleich erschienen) nicht glauben. Sie verkörperte die Vorsicht und Verantwortung. Dann der Auftritt des Waffenhändlers Kubli, ein Schauspieltalent sondergleichen. Wie er uns die seinerzeit modernsten Waffen empfahl, seinen Mitarbeiter aus Spanien vorstellte und die neuesten unverzichtbaren Modelle durch 2 junge, attraktive Frauen vorstellen liess. Raffiniert. Die Choreographie dieser Sequenz wirkte auf uns wie ein Ballett. Kubli agierte machtvoll, eindringlich und vor allem lebensfreudig, denn er konnte immer wieder daraufhinweisen, dass der Krieg für alle Gutes bringe. Er nannte die Gewerbe, die daran beteiligt seien und wirtschaftliches Wachstum generierten. Solch einseitige Übertreibungen sind auch heute noch geläufig. Grotesk. Manchmal schaute ich Primo an, und er nickte, kennt mich ja. Und dann schluckten wir leer.

Schwungvoll dann der Schluss dieser Sequenz, als der Waffenhändler den aus Spanien heimgekehrten jungen Mann als seinen Sohn, die beiden Schönheiten als seine Töchter und die verantwortungsvolle Frau, die vor ihnen gewarnt hatte, als seine Ehefrau vorstellte. Selbstsicher legte er den Arm um sie. Der perfekte, fürsorgliche Familienvater! Da konnten viele herzhaft lachen. Wir auch.

Die 3. Sequenz, die uns unter der Schwyzer Fahne zustand, beschäftigte sich mit dem Aargauer Lied, das ich aus meiner Jugend auch kenne. Da ging es um eine junge Liebe, die daran zerbrach, dass der Jüngling in Kriegsdienste zog, die Liebste zurückliess und sie nach einem Jahr mit einem anderen, reicheren Mann schon verheiratet wieder antraf. Im Lied heisst es, wenn er zu Hause geblieben wäre, hätte er sein „Schätzeli“ (die Liebste) noch. Gingen die jungen Männer wirklich freiwillig in den Krieg? Drängte sie nicht die Armut dazu? Die Aussicht auf ein besseres Leben muss verlockend gewesen sein. Der Mann aus dem Aargauer Lied kam aber schwer verletzt zurück. Und hinter ihm tauchte ein lebendiger Pfau auf, ohne sich aber aufzuplustern. Der verletzte Stolz?

Unter insgesamt 8 Fahnen wurden die Gäste an Orte und ganz verschiedene Situationen aus alter Zeit hingeführt. Auf Hin- und Rückwegen von Glockenklängen und Musik begleitet oder begrüsst. Jede Fahnengruppe erlebte 3 Theater-Schauplätze. Die Erlebnisse aller sind deshalb ganz verschieden.

Der 2. Teil gehörte dann allen. Und für diesen wurden alle Theatergäste wie in einer Prozession durch einen Hohlweg vom Schloss Hilfikon weg auf eine Anhöhe zur Bühne und zu den überdachten Sitzplätzen geführt.

Hier wurde für eine Hochzeit die Tafel gedeckt. In der Zeit, bis alle Gäste ihre Plätze gefunden hatten, spielte sich auf der Bühne wieder eine Art Ballett ab. Wunderschön der Auftritt des Servicepersonals mit dem Besteck. Diese Bilder habe ich innerlich fotografiert. Dann trafen die Hochzeitsgäste ein. Pferde zogen die Kutsche. Und oben an der Krete bewegten sich die Ahnen. Wir sahen sie mit Kreuz und Fahnen vorüberziehen. Sie zeigten uns, woran sie geglaubt haben und wem sie gefolgt sind. Rechtfertigung und Mahnung zugleich, schien mir. Am Schluss dieses Zugs ein einzelner Mann mit einer weissen Fahne. Für mich Max Dätwyler, der schweizerische Friedensapostel, konsequenter Pazifist und erster Kriegsdienstverweigerer der Schweiz. Auf Sonntagsspaziergängen mit den Eltern konnte ich ihn einige Male in Zürich am Bürkliplatz erleben. Dort stand er dann auf einer Leiter, damit man ihn sehen konnte. Er prangerte manche Verlogenheit an und warb für echten Frieden und Versöhnung nach Krieg oder Streit. Ich beobachtete, wie mein Vater diesen Gedanken grundsätzlich zustimmte und doch betreten war.

Dätwyler wurde auch belächelt, und man versuchte sogar, ihn zu entmündigen. Seine Heimatgemeinde Zumikon aber liess das nicht zu. Unverdrossen verkündete er seine Friedensbotschaft bis zum Ende. Wenn ich jetzt an ihn denke, fällt mir das Sprichwort ein: „Derjenige, der seinen Weg kennt, muss sich keiner Karawane anschliessen.“

Zurück zum Spiel. Dort stiegen künstliche Wolken auf. Donner grollte, Unheil zog auf. Im Dialekt sagen wir „Es dräuet“ und meinen, dass es rumort. Hier in diesem Spiel innerhalb der Hochzeitsfamilie drehte bald einmal der Wind. Anfängliche Heiterkeit zerbrach, als eine der Mütter den Wert der Toleranz in Frage stellte und gleich die ganze Gesellschaft verunsicherte. Mit der Fröhlichkeit war es nun vorbei. Unfriede lauert immer irgendwo. Wie schnell können ein paar Worte an alte Verletzungen rühren und einen Streit neu entfachen.

So auch oben auf der Krete. Dort traten die Ahnen wieder auf. Sie trugen das Kreuz und viele Fahnen, uns mahnend, wie grausam der Krieg sei. Da stachen Krieger auf Menschleiber (aus gefülltem Sacktuch) ein. Von weit her nahmen wir sie als getötete Menschen wahr, die den Abhang herunterkollerten. Wie echt das aussah und einen erschütterte! Wir sahen Frauen, die sich um Verletzte und Tote kümmerten. Da war auch der Leichenwagen, der von lebenden Pferden gezogen wurde.

Und da fiel mir auf, dass die Kubli-Töchter in ihren feinen Kleidern, jetzt aber noch mit einem weissen Umhang gekleidet, sich ebenfalls um die Verletzten kümmerten. Auf der einen Seite unterstützten sie das Waffengeschäft ihres Vaters, auf der andern halfen sie jenen, die durch Waffen verletzt worden waren.

In diesen Gegensätzen sind wir wohl mehr gefangen, als wir sie je durchschauen können.

Unten, in der verunsicherten Hochzeitsgesellschaft, stürmte ein völlig erschöpfter Söldner, offensichtlich am Verdursten, in den festlichen Saal. Sein Gesicht schrie nach Hilfe. Er fiel hin, erbrach sich. Die Festgesellschaft fühlte sich gestört, rief nach Ordnung. Eine Person befahl sogar, dass dieser Mann ausgeschafft werde. Und eine junge Frau aus der Hochzeitsgesellschaft glaubte im Ernst, es handle sich doch nur um einen Showact, einen Unterhaltungsbeitrag zum Fest.

Tröstlich, dass es da eine Frau aus dem Servicepersonal gab, die sich um den sterbenden Mann kümmerte. Niemand aus der ganzen Gesellschaft fühlte seine Not. Allein diese Frau aus einem osteuropäischen Land, die den Krieg kannte und sehnlichst auf ein Zeichen ihres Verlobten wartete, war bei ihm, als er starb.

Am Schluss empfand ich, alle Ordnungen seien jetzt auseinandergefallen. Man stürmte von der Krete herunter, kam zurück, fand sich in der Gegenwart wieder. Kam heim.

Und wieder war es ein feiner Klang, der die Menschen zusammenführte. Das Lied, das dann alle zusammen sangen, gab ihnen offensichtlich neuen Halt, neue Zuversicht, einen neuen gemeinsamen Weg.

Im verstorbenen Söldner sah ich einer jener beiden Vorfahren aus Mutters Familie, die im Villmerger Krieg 1712 umgekommen sind. Ihretwegen bin ich nach Hilfikon gekommen. Leonhard und Georg Fässler stammten aus Oberiberg, Kanton Schwyz. Deshalb habe ich mir gewünscht, das Theater unter der Schwyzer Fahne mitzuerleben.

Herzlichen Dank für dieses Erlebnis. Wir sind tief beeindruckt und begeistert.

Hinweis
Diese Aufführung ist eine Gemeinschaftsproduktion der 4 Freiämter Theatergruppen: Kellertheater Bremgarten, Verein Kultur im Sternensaal Wohlen, Theatergesellschaft Villmergen, MuriTheater.

Mittwoch, 25. Juli 2012

Rhein und Thurauen und das Krokodil von der Tössegg


Wir hatten in Flaach das Naturzentrum Thurauen besucht und wanderten anschliessend zur Mündung der Thur, wo sie in den Rhein fliesst. Trotz unsicherer Wetterprognosen konnten wir den Ausflug geniessen. Zwischen vielen Wolkenfrachten grüsste immer auch der blaue Himmel.


Der Rhein beansprucht an diesem Ort einen weiten Raum, und auf den ersten Anblick war ich sogar unsicher, ob die Thur hier wirklich mit ihm zusammentreffe. Der Pegelstand war hoch und drängte den Zufluss eher zurück, als dass er die Strömung sichtbar werden liess. Nur auf dem Prospektblatt erkannten wir die Thur in grünlicher Farbe, den Rhein blau eingezeichnet. Die Thur speiste in diesen Tagen den grossen Bruder vielleicht aus dem Grund.


Dieses Auengebiet trägt den Namen Eggrank-Thurspitz. Eine alte Bezeichnung. Ihr Inhalt wirkt wie Sprudel auf mich, erklärt sich selbst. Egg = Ecke, Rank = Biegung, Kurve, Spitz = kleines Stück Land mit spitzer Kontur. Diese Bezeichnungen gestalten ein inneres Bild, das dem Anblick entspricht.

Dass dieser Ort nicht alle Geheimnisse preisgibt, macht ihn wertvoll. Er muss zu einem gewissen Grad unzugänglich bleiben, damit das Leben in ihm nicht gestört oder sogar zerstört wird. Auengebiete sind heilige Orte, an denen sich scheue Wesen gern niederlassen. Das Prospektblatt wirbt mit dem Eisvogel, der Haselmaus, der Ringelnatter, dem Perlgrasfalter und verschiedenen Blumen. Und es spricht von Fischen, Libellen und Vögeln.


Auf einem Steg konnten wir in urwaldähnliche Waldbestände schauen. Diese unbeeinflussten Gebiete regen an, über das Leben nachzudenken, über die Heilkräfte der Natur, wenn man sie machen lässt. Zuerst aber müssen ihr diese wertvollen Lebensräume zurückgegeben werden. Der Thur wurde einst ein denaturiertes Bett verpasst. Von ihm will man sich definitiv trennen. Die 1. Etappe des 1999 eigeleiteten Projekts Hochwasserschutz und Auenlandschaft Thurmündung konnte 2011 abgeschlossen werden. In diesem erfrischten Zustand nahm sie uns auf und zeigte manch verborgene Schönheit.


Zurück im Zentrum schauten wir uns nochmals um, betrachteten die Bücherauslage und die geschmackvollen Souvenirs. Ich entdeckte eine Postkarte, die den Eggrank exakt so zeigte, wie ich ihn an diesem Tag kennen lernte. Eine Bestätigung, ein schöner Schlusspunkt.


                                                                *
Themenwechsel. Plötzlicher Platzregen. Es goss wie aus Kübeln. Es stürmte. Der Wind hätte gerne unsere Regenschirme zerfetzt. Da wurden wir auf eine Wanderwegtafel aufmerksam, die zur Schiffstation Rüdlingen lenkte. Wir folgten ihr, erreichten den Ort, staunten, wie schnell am Ende des Rheincouloirs bei der Tössegg ein Schiff aus dem dicken Nebel auftauchte. Es nahm uns auf und führte uns nach Eglisau.

Anfänglich prasselten die Regentropfen noch an die Fenster, dann war der Spuk vorbei. Ruhig vollzog sich unsere Reise.


Hinter mir schaute ein Mädchen im Kindergartenalter aus dem Fenster, kommentierte vieles, was es sah. Es entdeckte Haufen aus Ästen und Zweigen und wollte wissen, ob es ein Biberbau sei. Das könnte sein, antwortete die Mutter, denn hier ist der Biber im Vormarsch und wird unterstützt. Dieses Kind war sehr aufmerksam, an allem interessiert. Es kommentierte aus der eigener Sicht. Ein kleiner Erdrutsch hatte offenbar einen von Bibern zusammengetragenen Asthaufen in den Fluss gestossen und diesen dort verankert. Aber es ragte doch noch ein markanter Ast aus dem Wasser, und in diesem sah das Kind ein Krokodil. Gut nachvollziehbar für mich. Aber die Mutter konnte dieses Sehen nicht goutieren. Immer wieder hiess es nein, nein, es sei kein Krokodil. Hier wäre das Wasser zu kalt. Doch, doch, es sei ein Krokodil gewesen, die kämpferische Antwort. Unvorstellbar für mich, einen Kinderblick nicht zu akzeptieren, auch wenn er mit der strengen Realität gerade nicht exakt übereinstimmt. Das Kind muss dieses Tier aus Büchern oder Filmen kennen. Darum sah es im Ast das Auftauchen eines Krokodilgrindes aus dem bewegten Wasser.


Ich erinnere mich an Zeichnungen der eigenen Kinder, wie sie ein Tier oder seine Bewegungen intuitiv richtig zeichneten. Und dann sehe ich Frauen und Männer vor mir, die sich im wissenschaftlichen Zeichnen ausbilden lassen und eines Tages die Abstraktion entdecken. Und dann werden ihre dürftig erscheinenden Arbeiten als Kunst vorgestellt. Das hätte ich dieser Frau gerne gesagt. Wahrscheinlich erfolglos.

                                                                *
Nochmals Themenwechsel. Am Morgen, als wir uns, von Rafz herkommend, im Bus der breiten Rheinbrücke näherten, sprang Primo vom Sitz, sprach gestikulierend, schilderte eine militärische Übung in einem Tempo, das dem fahrenden Bus entsprach. Es meldeten sich Erinnerungen an einen WK (Militärischer Wiederholungskurs) und diese wollte er mir genau am Ort, an dem sie ihren Ursprung hatten, vermitteln: „Ich erinnere mich gut. Hier starb ein Mann im Rhein. Er gehörte zu den Tauchern, musste eine befohlene Aufgabe erfüllen und verlor sein Leben. Es ist schon bald ein halbes Jahrhundert her.“

Als wir uns auf den Heimweg machten, wünschte ich, nochmals an diese zu Flaach gehörende Rheinbrücke zurückzukommen und dort etwas zu verweilen. Am Morgen „sah“ ich nämlich das Wasser von Wirbeln aufgewühlt. Das wollte ich nochmals sehen. Ich schreibe „sah“ in Gänsefüsschen, denn es muss sich um ein inneres Bild gehandelt haben. Als wir dorthin zurückkamen, floss der Rhein friedlich dahin. Wohl peitschten Regen und Wind auf seine Oberfläche, doch der Fluss blieb ruhig. Das zu sehen, überraschte mich. Entweder hat mich das tragische Ereignis, wie es Primo am Morgen schilderte, aufgewühlt, oder ein inneres Bild zeigte mir, dass der Taucher in einem Strudel umgekommen sei.

Die Frage ist unbeantwortet, wie so viele andere, die wir in unserem Leben noch nicht beantworten konnten. Auf jeden Fall sind wir beide der Meinung, dass Wissen immer mit äusserem Sehen und innerem Schauen verbunden sein muss. Die Wahrheit ist übergeordnet. Und dort hat auch das Krokodil aus Baumästen seinen Platz.

Freitag, 6. Juli 2012

Die herausragende Tanne – Nachbarin der Rautisiedlung

Die städtische Wohnkolonie Rautistrasse in Zürich war in den 1940er-Jahren ein Vorzeigemodell. Eine Wohnsiedlung nach skandinavischem Vorbild. Mit viel Holz, im Landistil erbaut. 7 zweistöckige Häuser beherbergten 44 Wohnungen auf einem leicht abfallenden Gelände. Ein Ort mit viel Grün, mit Natursteinplatten belegten Wegen, mit Büschen und Bäumen.

Verwachsen und doch nicht verwildert. Jedesmal, wenn ich dort vorbeigefahren bin, schaute ich nach ihm aus. Eine Art Idylle. Schon längere Zeit verlassen. Nun wird diese Siedlung abgebrochen. Sie ist verbraucht und entspricht nicht mehr den Ansprüchen und Raumnormen von heute. Neu werden hier 104 Wohnungen in 7 Neubauten entstehen.

Bevor die Bagger auffahren, haben wir noch Abschiedsfotos gemacht. Erst jetzt getrauten wir uns, näher in dieses Gelände hinein zu gehen. Wir entdeckten manch schöne Winkel und besonders auch die 3 Ateliers mit ihren von breiten Sprossen zusammengehaltenen Glasfronten. Ich sah sofort eine Verwandtschaft mit Bauten auf dem Monte Verità in Ascona, im Tessin.

Nach unserem Rundgang erinnerte ich mich, dass ich diesen Fussweg, auf dem wir gerade standen, schon einmal begangen habe. Kurz nach unserem Umzug nach Altstetten. Ich war da auf der Suche nach dem Standort der grossen Tanne, die ich von unserem Esszimmer aus sehe. Ein prächtiger Baum, gesund, stark und gross. Aus meinem Blickfeld ein ausstrahlender Mittelpunkt. Wie ein markanter Berg. Damals aber konnte ich seinen Standort nicht finden.

Es gibt in unserem Umfeld nicht nur eine mächtige Tanne. Und die Wege zu ihnen sind geheimnisvoll, gehören in private Bereiche. Und immer stehen entweder Häuser davor oder andere gross gewachsene Bäume, die die gesamte Sicht auf „unsere“ Tanne verunmöglichen. Die Suche entwickelte sich unglaublich spannend. Einmal standen wir ganz nahe bei ihr, ohne zu wissen, dass sie es sei, nach der wir fahndeten. Da kamen wir von der Abbruch-Siedlung her und waren nur durch einen Zaun von ihr getrennt. Wir sahen ihren Stamm, sahen die Wunden, die entstanden sind, als unterste Äste weggeschnitten wurden. Es war unmöglich, diesen Baum ganz zu erfassen. Der Abstand, der nötig gewesen wäre, ist hier nicht gegeben. Auch die dunkle Ausstrahlung, hier unten am Boden, wollte so gar nicht zum Bild passen, das wir von unserer Tanne entworfen hatten. Und doch war da auch eine Ahnung, diese da könnte die gesuchte sein.
Gingen wir andere Wege, zeigte sich immer wieder eine Tanne, aber nicht die unsere. Die Art ihrer Krone war beim Suchen hilfreich. Sie kannte ich. Auch Form und Haltung ihrer Äste konnten uns weiterhelfen. Von meinem Esszimmerfenster aus sehe ich sie, wie sie diese wie zu einem Sonnenritual erhebt. Aber nirgendwo konnten wir ihre gesamte Ausstrahlung so sehen, wie es aus unserer Wohnung möglich ist. Wohl zeigte sie sich da und dort ebenfalls dominant, aber nie so frei wie ich sie sehen kann.
Mit Primo zusammen betraten wir an diesem Abend auch Sackgassenwege. Allein hätte ich das nicht gemacht. Aber ohne die Sichten und Aussichten, die sich da ergaben, hätten wir die Mitte unseres Labyrinths nicht erreicht. Einmal wurde ein Fenster geöffnet und nach unserem Weg gefragt. Es war ein freundlicher Mann, mit Primo bekannt. Wir wussten nicht, dass er hier wohnt.
An diesem Abend kam ich an viele etwas versteckte Orte in meiner nächsten Umgebung. Und ich sah in manches Dahinter. Die Fronten, die ich mit meinem Blick aus den Fenstern unserer Wohnung sehe, wurden zu Gebäuden. Zu meinem Dorf. So empfinde ich die Umgebung am Abend, besonders nach dem Eindunkeln, wenn eine Strassenlaterne ihr mildes Licht ausstrahlt und uns den Weg weist. Mir wurde bewusst, dass diese Umgebung mein Daheim ausmacht, auch wenn ich die vielen Menschen, die hier wohnen, nicht kenne.
Am andern Morgen ging ich nochmals ins Geviert der Girhalden-, Meiental-, Stampfenbrunnen- und Rautistrasse. Wieder mit dem Fotoapparat, und mehr und mehr verdichtete sich die Gewissheit, wir hätten unsere Tanne gestern gesehen. Ich fotografierte sie an verschiedenen Orten und erzählte am Mittagstisch davon. Primo stellte Fragen, die ich nicht beantworten konnte, und darum ging ich am Nachmittag nochmals auf die Pirsch. Ohne Fotoapparat, also ohne Ablenkung, und da entdeckte ich dann den Zugang von der Stampfenbrunnenstrasse her. Er führte mich in ein stilles Gelände, vorbei an gepflegten Häusern und Gärten. Ich fragte mich, ob ich im Paradies angekommen sei. Und weit vorne, in voller Grösse, entdeckte ich den gesuchten Baum und das militärgrüne Haus, in dessen Garten er steht. Da stand ich, jetzt ohne trennenden Zaun. Sichtbar vom Erdreich bis zur Krone. Ich hatte die Labyrinthmitte erreicht, war am Ziel angekommen.
Auf eine Art trunken, kam ich wieder heim. Es hatte sich eine feinsinnige Stimmung ergeben, in der ich nun auch diesen Beitrag schrieb.
Jetzt hoffe ich, dass der Baum stehen bleiben darf. Glücklicherweise befindet er sich nicht im Gelände der Wohnkolonie, die abgebrochen wird. Für mich ist er ein Freund, mit dem ich in den Himmel schaue. Den Bewohnern des grünen Hauses aber nimmt er viel Licht weg. Ich könnte verstehen, dass er von ihnen nicht so geschätzt wird wie von mir.