Samstag, 31. Dezember 2011

Rostige Büchsen, Pflanzen und gute Neujahrswünsche


Ein schöneres altes Paar habe ich wohl noch nie gesehen. Zwei rostige Konservenbüchsen auf einer Granitsteinmauer. Ob Mann oder Frau, ist einerlei. Es sind zwei Persönlichkeiten, aus denen Pflanzen spriessen. In Erde gesetzte Fetthennen, die ihre Ableger über den Rand fallen lassen. Der kleineren Person sind sie zur Haarpracht geworden, der grösseren zu einem Umhang. Der grossen hat der Wind noch Samen von Weideröschen zugetragen, und daraus ist eine wilde Haarpracht gewachsen.

Sie stehen auf unebenem Granit. Die grosse aufrechter als die kleine. Sie weicht der mächtigen Ausstrahlung des Kumpanen etwas aus, ohne Abneigung anzudeuten. Sie gehören doch zusammen.

An diesem Bild stimmt alles. Ob für eine Foto hingestellt oder schon immer so dagestanden, ist es die Abbildung eines gemeinsamen Lebens. Diese beiden gehören zusammen, sind eine Schicksalsgemeinschaft, auch wenn sie nur simple Blechbüchsen sind. Ich sehe sie als Lebewesen, als Personen. Sie schauen mich an, obwohl keine Augen sichtbar sind und ihr Gesicht nur erahnt werden kann.

Als Primo diesen Neujahrsgruss aus dem Umschlag nahm, sagte er, ganz ergriffen: Lueg emal das a. Zwei alti Blächbüchse roschtet vor sich hi. (Schau das an: Zwei alte Blechbüchsen rosten vor sich hin.)

Sagt nicht die Psychologie, dass wir unser Spiegelbild erkennen, wenn wir von einem Anblick gepackt sind, aus ganzem Herzen zustimmend oder aus ebensolchem ablehnend?

Also muss dieses Blechbüchsenbild etwas mit uns beiden zu tun haben. Mit unserem Alter, mit dem Rost, den wir hie und da schon spüren. Mit dem, was das Leben mit uns gemacht hat. Aber auch mit dem, was noch in uns wächst und ausstrahlt.

Mehr als viele wohlmeinenden Worte zum Jahreswechsel spricht dieses Bild Optimismus aus. Es wird uns ins neue Jahr begleiten.

Diese Karte wird von pro natura herausgegeben, gestaltet von Marco Volken. Titel Stilleben in Roseto, Valle Maggia TI.

Die Foto auf der Karte kann ich Ihnen hier nicht anfügen. Einen Glückwunsch für unsere Leserinnen und Leser habe ich aber gleichwohl vorbereitet. Einer, der vielleicht gut zu den rostigen Figuren passt. Wir entdeckten ihn in den 90er-Jahren auf einem Kalenderblatt als Alter ukrainischer Neujahrswunsch und liessen ihn drucken. Wie es sich dann herausstellte, wurde er von einem liebenswürdigen, humorvollen Schweizer verfasst. Er lautet:
Gott schicke:
Den Tyrannen Läuse
Den Frauen Nerze
Den Einsamen Hunde
Den Kindern Schmetterlinge
Den Männern Wildschweine
Uns allen aber einen Adler
Der uns zu Ihm trage.

Montag, 26. Dezember 2011

Eine Tramfahrt durchs offene Neuland von Zürich-West

Vor 10 Monaten (Blog vom 16.02.2011) habe ich darüber berichtet, wie sich mir die Aargauer- und die Pfingstweidstrasse in Zürich neu erschlossen haben. Noch waren die Bauarbeiten in vollem Gange. Wir konnten den Einbau der Gleise für die Tramlinie 4 verfolgen. Diese ist nun verändert und verlängert und führt zum Bahnhof Altstetten hin. Das heisst für mich, dass ich mit diesem 4-er, wie wir die Linie immer nannten, in nur 7 Minuten von Altstetten zum Escher Wyss Platz fahren kann.
Auf Samstag 10.12.2011 luden die Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) zu einer Rundfahrt ein. Die Eröffnung wurde gefeiert. Mit allerlei Attraktionen, lauten und leisen. Erstmals durfte ich im Tramdepot Hard die Geleisehalle betreten, die an diesem Tag zur Konzerthalle umfunktioniert worden war. An diesem Tramdepot führte seinerzeit mein Schulweg vorbei.
Der Tages-Anzeiger präsentierte auf einer ganzen Zeitungsseite alle Attraktionen, die zu diesem Festtag gehörten. Eine Fülle an Angeboten, die ich hier gar nicht aufzählen kann. Der Festplatz erstreckte sich vom Tramdepot Escher Wyss Platz bis zum Schiffbau hin.
Lange verweilten wir dann in jenem Ausstellungsraum an der Hardstrasse, der das Stadtmodell „Bereich Zürich-West“ zeigte. Mit einem Ausmass von ungefähr 5 x 5 Metern ergab sich da eine übersichtliche Anschauung vom Neuland Zürich West mit seinen Strassenschluchten, Bahnführungen und den authentischen Hausformen in jenem Umfeld, in dem ich als Kind und später mit der eigenen Familie gelebt habe.

Da mein Vater in diesem Areal ebenfalls gärtnerte, berührt es mich besonders, dass hier keine Nahrung mehr wachsen darf und wir mehr und mehr Gemüse und Früchte aus dem Ausland importieren müssen.Da, wo die Erde früher hauptsächlich atmete, wo Kühe weideten und in den vielen Familiengärten Gemüse und Blumen wuchsen, dominiert jetzt die Gestaltung, der Strassenbau, die Tramführung und allen voran die Architektur. Asphalt und Beton decken die Erde zu. Es soll aber noch ein Park entstehen. Und in einen Abschnitt der Pfingstweidstrasse wurden bereits Bäume gepflanzt.

Solche Gedanken begleiteten meine Ersttagsrundfahrt. Aber ich freute mich auch an der Frische dieses neu auferstandenen Quartiers. Wieder ergab sich für mich eine neue Sicht. Eine weite Sicht sogar. Weil ich mich im Tram auf der Strasse befand.

Wenige Tage später benützte ich dann die Linie 4 ab Zürich-Altstetten Nord im normalen Kurs und fuhr zum Escher Wyss Platz. Eine angenehme Fahrt, die das Tram bieten kann. Anders als im Bus beispielsweise Richtung Dunkelhölzli. Da wird man geschüttelt. An diesem Morgen erlebte ich, wie rege die Linie schon benützt wird. Sie muss sehnlichst erwartet worden sein. Das war keine Rundfahrt mehr. Menschen stiegen ein und aus, können nun ihre Ziele zügig erreichen. Im Tram befanden sich auch einige wenige Passagiere, die zur persönlichen Rundfahrt eingestiegen waren und ebenfalls ausschauten und das Neue kommentierten. Ein Paar, hinter mir sitzend, beschäftigte sich intensiv mit der Geschichte jenes Nagelhauses beim Mobimo Tower, das nicht abgebrochen werden konnte. Die eine Hälfte des 118 Jahre alten Mehrfamilienhauses, das in privatem Besitz ist, soll nach dem Willen der Eigentümer stehen bleiben. Hier wird noch gewohnt. Die andere Hälfte, vormals im Besitz der Stadt, wurde abgebrochen.

Nun bleibt die private Hälfte des Mehrfamilienhauses, zu dessen Gesamtkomplex früher auch ein Kolonialwarenladen gehörte, als wertvolle Antiquität bestehen. Der Besitzer oder die Besitzerin verhielt sich widerständig, war nicht zum Abbruch zu bewegen. In wohltuendem Abstand zu den neuen Hochhausbauten kommt seine Schönheit noch mehr zur Geltung als das früher der Fall war. Es ist ein Haus mit Giebeldach, mit Mansarden-Gauben, mit Fenstern, die im Winter mit Vorfenstern versehen sind. Für mich hat es mehrere Gesichter. Es spricht mich an, verspricht Gemütlichkeit und alte, längst verschwundene Lebensqualität. Umgeben war das Haus von Gebüschen, Blumen und „Pflanzblätzen“. Wie überall vor 100 Jahren wurde auch in nächster Nähe des Wohnortes ganz selbstverständlich ein Teil der Ernährung angebaut. Etwas Weniges von dieser Kultur ist hier auch erhalten geblieben.

Und auch die 3. Fahrt wurde für mich dann zum Erlebnis. Tage später stieg ich um 6 Uhr abends in Altstetten Nord ins Tram. Die Sonne war längst untergegangen. Die Nacht früh eingebrochen, wie es zum Dezember gehört. Ich empfand sie schwarz. Aber bald überraschten mich Lichter vom grünen Prime Tower und den Hochhäusern in seiner Nachbarschaft. So wie die Räume gebraucht und erleuchtet wurden, gaben sie Muster ab. Sehr lebendig, nicht geometrisch vorgeschrieben. Ein grosser Adventskalender für Erwachsene. Linksseitig fuhren wir in der breiten Pfingstweidstrasse nahe an einem Bürohaus entlang und sahen in die Räume hinein. Am Lichtspiel, das mich bewegte, waren auch die Verkehrsampeln mit den wechselnden Farben rot und grün beteiligt. Ein Spektakel sondergleichen. Dieses katapultierte mich in Bruchteilen von Sekunden aus der Vergangenheit dieses Ortes in die Neuzeit hinein. Ich bin gut angekommen.

Als ich kurz darauf am Escher Wyss Platz ausstieg und sich mir nach wenigen Schritten auch noch die neue, nach dem Plan Lumière gestaltete Beleuchtung an der Hardbrücke präsentierte, stand ich einfach nur noch still und staunte.

Sonntag, 18. Dezember 2011

Kulturerbe in Einsiedeln: Erster Besuch im Museum FRAM

2010 wurde das Einsiedler Museum FRAM eröffnet. Es soll der Bewahrung und Förderung des reichen Einsiedler Kulturlebens dienen. Die Sammlung des Museums umfasst zur Hauptsache das Benziger Archiv mit rund 25 000 Büchern, Bildern, Drucken und Dokumenten des ehemaligen Einsiedler Benziger Verlags sowie die Sammlung Meinrad Lienert und Sammlung Einsiedelensia.
 
Gegenwärtig wird die Wechselausstellung Zauberwahn und Wunderglauben gezeigt. Wir haben sie an einem Werktag besucht, hatten alle Zeit, uns den Texten und Exponaten zuzuwenden, waren sofort angetan von der Atmosphäre dieses sanft renovierten Hauses und vom Respekt dem Ausstellungsgut und der dazugehörigen damaligen Glaubenswelt gegenüber. Schon im Text der Ausstellungs-Einladung wies ein Satz der Direktorin lic. phil. Detta Kälin in diese Richtung. Sie schrieb: Jede subjektive religiöse Erfahrung entzieht sich einer Wertung und ist als solche zu respektieren.
Vieles, was wir dann zu sehen bekamen, war uns noch bekannt. Die Schätze aus den kleinen Läden, die dem Kloster vorgelagert sind, hatten in jungen Jahren ihren Zauber auch auf uns ausgeübt. Und noch heute sind viele Andenken an eine Wallfahrt nach Einsiedeln unverändert erhältlich: Kerzen, Rosenkränze, Engel, Heiligenfiguren, Schmuckketten mit Kreuzen oder Medaillons.
 
Als Kinder schätzen wir Mädchen vor allem die sogenannten Bildli, Abbildungen von Engeln, Maria oder Heiligen, die wir ins Gesangbuch legten und während der Predigt anschauten oder tauschten. Religiöse Bildung entstand anfänglich durch Bilder. In der Ausstellung wurde auch berichtet, dass Heiligenbildchen als allgemeiner Schutz verstanden worden seien.
 
Der Glaube an etwas Geistiges braucht auch noch Unterstützung vom Fassbaren, an dem man sich halten kann, was man sehen, greifen und dann begreifen kann.
 
An Amulette kann ich mich nicht erinnern, obwohl es sie gegeben hat. Sie interessierten mich offenbar nicht. In der Ausstellung wurde ein hiesiges mit solchen aus Afrika, Kongo, Ägypten, Nubien und Tibet vorgestellt und ihre nahe Verwandtschaft aufgezeigt. Primo hatte da sein Aha-Erlebnis. Er hatte dieses in den Verkaufsauslagen vor Jahren schon gesehen, konnte es aber nicht einordnen. Ähnlich benützten wir früher Silberkettchen mit einem Medaillon, ohne zu wissen, was ein Amulett ist.
 
In der Ausstellung las ich: Die Kirche verbot von Anfang an alle Magie und Zauberei als Aberglauben, als ein Werkzeug des Teufels. Doch letztlich schwebte die Frömmigkeitspraxis der Menschen in der Grauzone zwischen dem, was Theologie „Glauben“ beziehungsweise „Aberglauben“ nannte, ohne dass sich die Gläubigen dessen bewusst geworden wären.
 
Die Verbote blieben wirkungslos.
 
Die Menschen von früher hatten ein hartes Leben. Sie waren den Naturgewalten ausgeliefert, hatten mit vielen Ängsten und Nöten zu kämpfen, die wir heute nicht mehr kennen. Sie fühlten sich dem Numinosen, unheimlich Geheimnisvollen ausgeliefert. Es ist nachvollziehbar, dass man sich in auswegsloser Situation an die Magie der Vorfahren erinnerte. Die Ausstellung zeigt Zauber- und Mirakelbücher.
 
Als Kind hörte ich von solchen Geschichten, meist an Beerdigungen innerhalb der Verwandtschaft in Zürcher Oberland. Sie machten mir Angst.
 
Einen Segen gegen alle Unbill zu erbitten, schien mir sinnvoller. In der Ausstellung werden gedruckte Haussegen ebenfalls vorgestellt (1856 bei J. Eberle, Einsiedeln gedruckt).
 
Gefallen hat mir folgende Geschichte:
 
Einst tränkte ein Bauer seine Kühe, da kam die Kastenvögtin, die bekannte Schwyzer Hexe, tätschelte einigen Tieren auf die Laffen und meinte: „Iär hend so schööns Veh" (Ihr habt so schönes Vieh). Der Bauer lachte, zeigte auf die Stalltüre und sagte: „Ja, ja, du kannst mir kein Veh verderben. Schau, was dort auf der Tür steht. Da stand geschrieben: „Phüeti Gott und walti Gott“ (Behüt euch Gott, es walte Gott).
 
Heute ist Einsiedeln auch ein touristischer Ort, ein Ort vor allem für den Skisport. Wer früher hieher kam, suchte das Heiligtum von Maria im Benediktinerkloster auf und sprach deshalb von Maria Einsiedeln. Dorthin wandten und wenden sich auch heute noch gläubige Menschen, wenn sie schwierige Entscheidungen treffen müssen, wenn sie krank oder in grosser Not sind. Es kommen aber viele Menschen einfach immer wieder gern hieher, weil sie die in der Gnadenkapelle ausströmende, ausgleichende Kraft fühlen. Blanche Merz hatte hier hohe Bovis-Einheiten gemessen.
 
Auf einer Postkarte von 1964 ist auf dem Poststempel das Kloster abgebildet. Der Text dazu lautete: „Einsiedeln 1000 Jahre Kulturstätte.“ Jener auf einem Brief von 2003 (und vermutlich auch heute noch so gebräuchlich): „Einsiedeln Kultur Sport Erholung.“
 
Wenn Gläubige bei Maria Hilfe erfahren hatten, dankten sie später mit einer Gabe für ihre Rettung. Ihre persönliche Geschichte, die sie als Wunder betrachteten, wurde als Bild auf Holz gemalt und dem Kloster als „Ex Voto“, als Dankesgabe, übergeben. Diese erstaunlichen Bildergeschichten hatten mich schon in jungen Jahren bewegt. Ein kleiner Teil davon ist noch im hinteren Bereich der Klosterkirche aufgehängt.
 
Die Ausstellung zeigt auch Protokollbücher, in denen die Geschichten jener Menschen festgehalten wurden, die wundersame Hilfe erfuhren und diese dem Kloster dann mitteilten.
 
Anderseits haben in der Ausstellung auch kritische Zeitungsartikel aus der Neuen Zürcher Zeitung ihren Platz. Sie schrieben gegen den Wunderglauben an, zweifelten, dass er echt sei.
 
Und jetzt nähme es mich wunder, wie eine vergleichbare Ausstellung in 50 oder 100 Jahren aussähe. Wenn ich es jetzt erführe, wäre es ein wirkliches Wunder.

Donnerstag, 8. Dezember 2011

Die Adventszeit heute: Vergangenes tritt wieder ans Licht

Plötzlich erinnere ich mich wieder an die dicke, rote Kerze, die wir am ersten gemeinsamen Weihnachtsfest in unserer Stube vor eine kleine Tanne stellten. Der Baum wurde nicht geschmückt. Sein frisches Grün genügte uns. Wir wollten uns von den gängigen Dekorationen verabschieden und begannen bei Null. Ich erinnere mich an Freunde, die uns wundershalber besuchten, weil sie wissen wollten, ob wir die Christbaumtradition weiterführten. „Abstrakt!“ hiess es.
 
Ähnlich erging es der Weihnachts- und Neujahrskarte. Auch sie wurde auf das Wesentliche reduziert. Unsere Botschaft zum neuen Jahr hiess damals Jeder Tag ist Anfang. Und wir füllten 2/3 der Karte mit dem aneinandergereihten Wort Anfang Anfang Anfang. Auch sie blieb nüchtern, wurde aber wohlwollend aufgenommen.
Nach und nach trug der Baum Äpfel, Strohsterne und viele Kerzen aus Bienenwachs. Bald auch Kugeln. Ich hatte plötzlich Heimweh nach den silbernen Halbkugeln mit der nach innen gestülpten Form. Schon als Kind bezauberten mich ihre Spiegelungen. Und wenn Verwandte vom italienischen Charme jener Christbäume schwärmten, die Primos Vater früher dekoriert hatte, trugen wir von solchen Einflüssen auch etwas weiter. Irgendwann gab es als Aussenseiter sogar einen hölzernen Baum und Steine als Krippenfiguren. Aber nie zweimal dasselbe.
 
Nun nach einem halben Jahrhundert haben sich die Variationen verdichtet. Und das trifft auch auf die Glückwunschkarte zu. Die diesjährige lässt Wortklänge zu Weihnachten aufleben. Anfänge alter Lieder können Erinnerungen anrühren. Was wir vor 50 Jahren zur Seite schoben, heissen wir heute willkommen. Der Kreis schliesst sich.
 
Ähnlich ergeht es dem weihnächtlichen Singspiel Zäller Wienacht, das zum 100. Geburtstag des Schweizer Komponisten Paul Burkhard wieder aufgeführt wird. Wir erlebten es am vergangenen Samstag in der Erlöserkirche in Zürich in seiner Originalfassung. 65 Kinder haben mitgewirkt. Dieses Krippenspiel wurde 1961 uraufgeführt und während Jahren in vielen Schulen und Kirchen gespielt. Die kindergerechten Lieder mit ihren zürichdeutschen Texten öffneten einen neuen Zugang zur Weihnachtsgeschichte. Und sie berühren Jung und Alt auch heute noch.
 
Die jungen Eltern, die als Kinder unter den ersten waren, die die Zäller Wienacht erlebten, freuen sich heute, dass ihren Kindern dieses Spiel auch wieder vermittelt wird. Es gab grossen Applaus, vielleicht gerade deshalb. Es war keine geschliffene Aufführung. Einige Kinder sprachen nur scheu und leise. Die Figuren um König Herodes aber hatten ihren besonderen Spass. Stolz verkündeten sie „Ich bin ein Gauner. Ich bin ein Räuber. Ich bin ein Gaukler“ usw. Die Kinder brachten sich ein, wie sie sind und zeigten uns ihre Persönlichkeiten.
 
Keine leichte Aufgabe, so viele Schülerinnen und Schüler und auch solche im Kindergartenalter, anzuleiten und zusammenzuhalten. Annette Wiesner ist das gelungen.
 
Eine erfrischte Version der Zäller Wienacht wird jetzt auch am Zürcher Schauspielhaus aufgeführt. Es sind Laienschauspieler, ältere Damen und Herren, die als Kinder ebenfalls in diesem Oratorium mitgesungen und jetzt eine neue Fassung erarbeitet haben.
 
Am 17. und 18. Dezember 2011 wird die Zäller Wienacht auch im Zürcher Grossmünster aufgeführt.
Dort singen dann der Altstadt-Kinderchor, Chöre der Musikschule Konservatorium Zürich und Collegium Musicum Grossmünster.
 
Zäller Wienacht überall!

Mittwoch, 30. November 2011

Farben: Rot leuchtende Lärchen erinnern an rotes Haar

In letzter Zeit fällt mir auf, wie viele Frauen meines Alters die Haare rot färben. Warum wohl? Fühlen sie sich so attraktiver? Werden sie jetzt mehr beachtet? Wollen sie noch jugendlich erscheinen, auch wenn sie das Pensionsalter schon erreicht haben? Oder soll diese Farbe die weibliche Kraft signalisieren? Ich weiss es nicht. Ich kann mich nur erinnern, dass eine meiner Schwestern, die mit rotem Haar auf die Welt gekommen ist, deswegen in der Schule gehänselt wurde.
 
Diese Haarfarbe gehöre zu den Hexen, meint der Volksmund. Man misstraute den Rothaarigen, fürchtete ihr aufbrausendes Naturell und vermutlich ihre Eigenständigkeit. Noch bevor sich die Frauenemanzipation durchsetzen konnte, machten temperamentvolle Frauen Angst. Als ich dann selbst ein Kind mit tizianblondem Haar (eine etwas mildere Farbe als das aggressive Rot) bekam, bemerkte ich, dass vor allem die Männer darauf reagierten. Das Kind wurde speziell beachtet. Fremde Männer sprachen mich begeistert darauf an.
Darüber sinnierte ich dieser Tage, als ich am Waldrand im Dunkelhölzli die rotgolden gewordenen Lärchen grüsste. Sie erschienen mir wie das erwähnte rote Haar. Auch hier oben sind sie die Ausnahmen. Ihre Gruppe ist klein. Umgeben von dunklen Tannen und Laubbäumen ohne Laub, kommt ihr inneres Licht wie brennende Fackeln zur Geltung.
 
Erst seitdem ich in Zürich-Altstetten lebe, bin ich den Lärchen näher gekommen. Bis heute bewunderte ich die Herbstfarben grosser Lärchenwälder hauptsächlich auf Fotos. Da, wo ich wohne, markiert eine einsame, hohe Lärche meinen Heimweg. Wie eine Wanderwegtafel steht sie exakt an der Abbiegung, die mich zu unserem Wohnhaus leitet. Damals, als wir hier einzogen, bestand in ihrer Nachbarschaft eine Baustelle. Spundwände leiteten das Grundwasser um. Der Baum litt. Es dürstete ihn. Er verlor seine aufrechte Haltung. Erst nachdem die Umbauarbeiten abgeschlossen waren, konnte er sich wieder aufrichten. Es dauerte mehr als ein Jahr, bis er wieder zu seiner selbstbewussten Haltung zurückgefunden hatte. Zur Zeit unseres Umzuges lagen dürre Äste mit kugeligen Zapfen um seinen Stamm. Ich hob sie auf. Sie dekorierten als erste unsere Stube.
 
Nachdem ich vom erwähnten Spaziergang ins Dunkelhölzli wieder nach Hause gekommen war, wusste ich nicht einmal, ob „meine“ Lärche auch in Flammen stehe. Sie ist so hoch gewachsen, dass wir sie nur von weitem ganz wahrnehmen können. Ich ging nochmals hinaus, schaute nach ihr aus. Ja, auch ihre Nadeln hatten sich verfärbt. Da sie aber vor einer Hauswand steht, fehlt ihr der dunkle Hintergrund, um ihre rötliche Ausstrahlung sichtbar zu machen. Es kommt also darauf an, wo Rot oder Rötliches auftrifft. Und um welches Rot es sich handelt.
 
Um zu den eingangs erwähnten Frauen zurückzukehren, erscheint die künstlich gefärbte Haarfarbe dominanter als sie in der Natur auftritt. Wie überall, wo Menschen der Natur noch etwas zufügen oder sie verbessern wollen, zerstören sie das Zarteste und Feinste an ihr.

Sonntag, 13. November 2011

Nora beschreibt den Ursprung und den Weg der Gedanken

Hinsitzen und Warten auf die Inspiration, das tue ich öfters, und mehr denn je erweist sich diese naive Art als untauglich. Das Wissen, es wäre an der Zeit, wieder einen Aufsatz abzugeben, genügt leider nicht, dass sich Ideen melden.
 
Heute ist so ein Tag. Ich wollte einen Beitrag ins Blogatelier abgeben, wusste aber lange nicht, was sich gerade jetzt als kleine Geschichte eigne. Zuvor habe ich die Schachtel mit den Zetteln konsultiert, auf denen Stichworte und Hinweise stehen, die einmal zur Sprache kommen könnten. Aber sie allein sind nur Gerüst.
 
Unter diesen Zetteln fand ich ein ausgedrucktes Mail, das mir unsere Tochter im Laufe des Jahres zukommen liess. Sie erzählte uns, dass Nora, damals 4 ½ Jahre alt, in noch ungelenkem Schweizerdialekt gesagt habe: 
Weisch du, wie hani dänkt?"
Mis Herz hät das gäh im Buuch,
und dä Buuch hät das gäh im Chopf,
und dänn han i d'Idee gha. 
In dieser Aussage legt sie offen, wie Herz, Bauch und Kopf zusammenwirken und Gedanken entwickeln.
 
Noras Denken ging schon immer durch den Bauch. Sie isst gern, ist eine lustvolle Geniesserin. Kein Wunder, dass ihre Ideen dem Bauch entspringen. Schon mit 3 ½ Jahren sagte sie einmal: Miin Buuch möchti Film luägä.
 
Und jetzt die Erfahrungen ihrer Grossmutter.
 
Wie gesagt, bewegte ich mich heute Morgen im Nebeldunst. Nichts von den Notizen versprach eine Geschichte. Ich gab auf, ging ins Schlafzimmer, öffnete die Fenster, lüftete die Betten, schüttelte die Decken, und während ich mich bewegte, stieg ein Bild in mir auf. Ich sah Zutaten für einen Kuchen. In einer Schale Mehl, Zucker, Butter und Eier. Vielleicht war auch Hefe dabei. Zutaten also, die noch gemischt und gerührt und erst dann zum Kuchen gebacken werden.
 
Und so lief heute auch der Prozess ab, dass dieser Beitrag entstehen konnte. Es brauchte offensichtlich die körperliche Anstrengung und das Loslassen meiner befehlenden Gedanken, heute müsse etwas herauskommen. Vorhandenes mischen, rühren und schütteln sind offensichtlich wichtige Voraussetzungen, dass sich ein Thema herauskristallisiert. Warten allein ist sinnlos.
 
Danke Nora! Grosy ist dir nahe. Auch sie hat über die Nahrung zur Idee gefunden, Deine und meine Erfahrungen aufzuschreiben.
 
Und: Es würde mich nicht verwundern, wenn man mir jetzt sagte: So läuft es auch bei mir.

Mittwoch, 26. Oktober 2011

Goldmarie-Gefühle: Linden auf dem Römerhügel-Kraftort

Herbstwetter. Die Sonne scheint. Farben leuchten auf. Da mache ich Pause, gehe zum Römerhügel, sitze unter eine der Linden, fühle mich wie die Goldmarie im Märchen. Die gelb gewordenen Blätter fallen über mich herab. Ich schaue ihnen zu, wie sie vom Wind weggeschubst werden und wie einige ihren Schatten im Flug vorausschicken. Hier verweile ich immer gern. Von hier aus kann ich auf Blumenfelder niederschauen. Noch immer blühen Dahlien. Nebenan stehen Sonnenblumen stramm da, und eine Frau sucht gerade nach den schönsten für einen Strauss. Weiter oben stehen die Treibhäuser von Tony Navarro. Eines beherbergt das Erlebnis-Restaurant Triibhuus. Hier wird in einem echten, umfunktionierten Treibhaus in tropischem Ambiente unter Palmen getafelt und gefeiert. Hierhin lade ich Freunde immer gerne ein.
Und da, wo ich sitze, sind die Archäologen auf Überreste des römischen Gutshofes Loogarten gestossen. Die beiden Linden scheinen über diesen Schatz zu wachen. Nebenan berichtet der Text auf einem Findling von der Geschichte dieses Ortes:
 
Auf Veranlassung der ortsgeschichtlichen Kommission Altstetten wurden in den Jahren 1955, 1960, 1963 und 1964 an dieser Stelle archäologische Ausgrabungen durchgeführt. Sie ergaben Überreste einer römischen Villa Rustica aus dem 2. + 3. Jahrhundert nach Christus.
 
Orte, wo Römer siedelten, gelten allgemein als gute Plätze. Und so erlebe ich es hier auch. Der Platz ist friedlich, schenkt Übersicht. Da ist mir wohl. Und die Bäume sind meine Freunde geworden. Es war Liebe auf den ersten Blick, als ich sie nach unserem Umzug nach Altstetten erstmals sah. Inzwischen konnte ich ihnen zu einem besonderen Status verhelfen. Die Zeitschrift OLIV nahm den Platz in der April-Ausgabe 2011 als „meinen Kraftort“ in ihre diesbezügliche Rubrik auf. Er ist auch im Internet unter Kraftorte Oliv abrufbar.
 
Im Blog vom 02.02.2011 erzählte ich, dass ich nach meinem Kraftort gefragt wurde. Da stand zuerst Schlierenberg als unser Lieblings-Naherholungsgebiet im Mittelpunkt , doch gelang es nicht, dieses weite Gebiet mit seinen vielen Facetten fotografisch auf einen Punkt zu bringen.
 
Es brauchte die Rückbesinnung auf eine ganz bestimmte Foto, die mir bewusst machte, dass der Römerhügel mit seinen Linden mein Kraftort sei. Schon die Art, wie ich zu dieser Aufnahme kam, erklärt, dass mich Linden magisch anziehen können. Damals ganz besonders. Ahnungslos kam ich auf dem Salzweg daher, schaute wie üblich nach dem Hügel aus und erlebte ein Bild, wie wenn in diesem Augenblick ein Theatervorhang hochgezogen worden wäre. In heiterem Licht standen die entlaubten Bäume auf der Bühne. Was war es, was mich so packte? Vielleicht die Art der beiden, wie sie zusammenstehen, ohne einander zu bedrängen. Nackt waren sie. Das Laub zu ihren Füssen. Ihr Wuchs gesund und stark. Ihre Formen harmonisch. Es ist ein Atem in diesem Bild, obwohl sich nichts bewegt. Das Leben ist hier eingefangen. Dass ich an jenem Tag einen Fotoapparat auf mir trug, war purer Zufall.
 
Nun ist dieser Hügel mit den Bäumen und dem offenen Himmel bei Kraftorte Oliv eingereiht. Anders als Menschen, die sich verändern, wenn sie ausgezeichnet werden, ist er der Ursprüngliche geblieben. Einer, der sich wie immer schon nur nach den Jahreszeiten ausrichtet. So wie er auf dem Bild erscheint, so ist er bald wieder anzutreffen. Noch trägt er etwas Laub.
 
Obwohl mich dieser Römerhügel seit unserer ersten Begegnung immer wieder ansprach, brauchte es noch diese Frage nach meinem persönlichen Kraftort, bis ich begriff, was er für mich ist.

Donnerstag, 13. Oktober 2011

Klänge: Im Dunkeln oder mit geschlossenen Augen sehen

Ich hatte die Augen geschlossen, hörte nur der Glocke von der kleinen Kirche am Suteracher zu. Ich wartete auf jemanden. In der Rückschau deute ich jene wenigen Minuten als innerlich freier Augenblick. Ohne rückwärts oder vorauseilende Gedanken. Ich war nur da. Und dann lief vor den inneren Augen ein kleiner Film ab. Unerwartet und spannend. Ich sah ein breites Band vorbeiziehen. Es sah aus, als ob es auf der linken Seite aufgerollt werde. Es füllte anfänglich mein ganzes Blickfeld, dann wurde ich aber auf einen schwarzen Balken aufmerksam, der die Bildfläche unterteilte. Nur wenige Millimeter breit. Das Band, das ich bisher wahrgenommen hatte, bewegte sich ab dieser Grenze. Und bis zu ihr hin bewegte sich ebenfalls eines und endete scheinbar an dieser harten, geradlinigen Sperre. Der linke Teil entsprach etwa 2 Dritteln des gesamten Bildes, derjenige rechts der Grenze einem Drittel. Vielleicht wurde der von rechts fliessende Teil unter der Trennlinie hindurchgeführt, doch ist das nur eine Vermutung. Aber ich wusste sofort, dass ich hier die Darstellung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sehe.
 
Die Vergangenheit rollt sich in diesem Film zur Geschichte auf. Die Gegenwart ist kurz, streng beschnitten, dem Augenblick vergleichbar. Und die Zukunft kommt aus dem Nichts daher. Dieser eine Drittel hat noch keine Geschichte, führt vielleicht Ideen und den Zeitgeist in die Gegenwart, in der die zukünftige Geschichte entsteht.
 
Ich war schon wieder in meiner realen Umgebung angekommen, als mich die erwartete Person ansprach. Ich wurde nicht aus dem Erlebnis herausgerissen, konnte es in der Zwischenzeit noch überdenken und es mir merken.
 
Ein zweites Augenerlebnis
Barbara Hutzl-Ronge, die Autorin von „Magisches Zürich“ und „Magischer Bodensee“ führte uns – etwa 30 Personen – ab Wilchingen-Hallau zum Osterfinger Aussichtspunkt „Uf Stuel“. Dort befindet sich ein ausgedientes Wasserreservoir, das von der Künstlerin Anna-Maria Bauer in einen Klangkörper umgewandelt worden ist. Wassertropfen fallen aus einer geometrischen Linienstruktur von der Decke, und wo sie auftreffen, bringen sie Metallschalen und das gefallene Wasser zum Schwingen und Klingen. Es tönt zuerst so, wie es zu Hause in der Küche tönt, wenn der Wasserhahn nicht mehr dicht ist. Nur sind hier verschiedene Tropfen am Fallen so angeordnet, dass sie ein Klangmuster hervorbringen.
 
Ich gehörte der 1. Gruppe an, die in die Tiefe hinabstieg. Wir wurden angehalten, uns den Wänden entlang hinzustellen. In der Mitte, am Boden, standen die erwähnten Messingschalen. Die junge Frau, die unsere Gruppe hinunter führte, trat ebenfalls ein und schloss dann die schwere Bunkertür. Augenblicklich umfing uns totale Dunkelheit. Wie geheissen, standen wir still, hörten auf die Klänge der Wassertropfen. Die Begleiterin stand mir gegenüber und vor der Tür. Sie muss sich immer wieder einmal hin und her bewegt haben, denn dann sah ich ein kleines Licht durch das Schlüsselloch.
 
Es beruhigte mich, dass sie da war und das Eingeschlossensein mit uns teilte. Nach etwa einer Viertelstunde summte ein Mann kaum hörbar eine Melodie. Wir erkannten das Lied, stimmten ein. Der Raum fing es auf, mischte unsere Stimmen und gab uns den gemeinsamen Klang als unser Kunstwerk zurück. Es war eines, das von tiefen Männerstimmen geprägt war und der Tiefe dieses Ortes entsprach.
 
Und doch: Für mich war die Arbeit der Augen noch grösser. Auch ein Kunstwerk. Sie passten sich der anfänglich vollkommenen Dunkelheit an und hellten mir nach und nach den Raum auf. Noch bevor uns die Begleiterin die Tür wieder öffnete, konnte ich die Personen, die sich hier aufhielten, sehen. Sie trugen weiss-gräuliche Kleider, obwohl doch alle farbig gekleidet waren. Alle verhielten sich geduldig und still. Ich fühlte mich in einem Warteraum zwischen Tod und Auferstehung. Dann wurde die Tür geöffnet. Licht drang ein. Wir kehrten ins Freie und in unser Leben zurück, still und in uns gekehrt. Und draussen wunderten wir uns über das Sonnenlicht und die weite Landschaft. Alles erschien jetzt grösser und noch schöner.
 
Foto-Hinweis
Unter Klangreservoir Anna-Maria Bauer können im Internet Fotos gefunden werden.

Sonntag, 2. Oktober 2011

Der Durchfall, wie wir ihn kennen und sonst noch nennen

Ich fühle mich erleichtert, weil ich endlich weiss, warum so viele Fruchtfliegen in der Küche herumtanzten. Das war gar nicht so schnell auszumachen. Ich staune immer, wenn sie auftauchen und ich noch nicht die geringste Ahnung habe, welche Süsse sie angezogen hat.
Ich fühle mich auch erleichtert, dass sich die Magen-/Darmgrippe nach und nach zurückzieht, auch wenn ich nicht weiss, welche Wesen dafür verantwortlich sind. Ich konnte keine Darmfliegen wahrnehmen, die mich gewarnt hätten.
 
Es war ein Überfall und der Schrecken gross. Die Sturzbäche der grüngelben leimigen Masse nicht aufzuhalten. Diese Sauerei. Wie gut ich mich auch immer eingepackt hatte, um die Sturzbäche aufzufangen, sie fanden ihren Weg gleichwohl an den Rändern der Textilien vorbei, weil sie flüssig waren und unter Hochdruck standen.
 
Diese mehrtägige Tortur ist gewiss ein Eingriff meiner Selbstheiligungskräfte und einer Hochdruckreinigung in den Rohren unserer Abwässer vergleichbar. Erschüttert war ich gleichwohl, denn eine Magen-Darm-Grippe nimmt schnell alle Energie! „Viel trinken, gell. Und dann Reis-Schleim, Hühnerboullion, und später geraffelte Äpfel mit zerdrückter Banane! – Jetzt lachst Du sicher!!!" schrieb mir Felicitas, denn das war immer die aufbauende Nahrung nach Durchfall oder Erbrechen, als die Kinder/Töchter noch bei uns zu Hause lebten. Ähnlich tönte es von der jüngeren Tochter. Ich freute mich über diese unerwarteten Rückmeldungen und die Gewissheit, dass alle Erfahrungen zum Lebensreichtum gehören. Das waren auch Lichtblicke, die meinen diffusen Zustand etwas erhellten.
 
In den Träumen tauchten alte Geschichten auf, Fragen, Worte, klebrige Antworten. Aber nur als Fetzen und Teile eines Ganzen. Es war, wie wenn sie bei der Reinigung aus ihrem Zusammenhang gerissen worden wären und nun versuchten, noch einige Worte davon in die Welt hinaus zu schreien. Wird das auch so sein, wenn uns der Tod aus dem Leben holt?
 
Döste ich leicht und erwachte von Zeit zu Zeit, standen oft Dialektworte rund um diesen Schissdräck (Kot) vor mir. Ich fühlte, dass ich mich in einem sehr menschlichen Zustand befinde und dass alle Mitmenschen diesen gut kennen müssen. Denn alte, und vor allem vulgäre Worte, um die es sich hier handelt, reden von zutiefst menschlichen Erfahrungen, denen wir von Zeit zu Zeit ausgeliefert sind. Als dann die Kräfte etwas zurückkamen, holte ich das vom Verlag Neue Zürcher Zeitung herausgegebene „Zürichdeutsches Wörterbuch“ hervor und suchte nach dem Begriff Schiiss (Exkrement, Kot) und fand allerlei mir gut bekannte Begriffe, die mich an den schleimigen Kot erinnerten. Schiisser = Feigling, Schiissfras = schlechtes Essen, Schiisswar, schlechte Ware, Schiiszüg = schlechte Sache usw. Und immer wurde ich an die grüngelbliche klebrige Masse erinnert, besonders auch im Wort schiissfrüntli = übertrieben freundlich. Von ganz unfolgsamen, nicht lenkbaren Kindern sagte man zu meiner Zeit „Die Chind folged en Schiissdräck“. Und diese Redewendung befindet sich auch im Wörterbuch.
 
Der Klang der erwähnten Worte führen mich denn auch an meinen Herkunftsort, ins Zürcher Oberland. In die Familie, zu den Verwandten, die kaum Schriftdeutsch sprechen konnten. Ich höre sie gern, auch wenn sie nicht salonfähig sind. Sie führen mich an meine Wurzeln zurück.
 
Zu den Erfahrungen in der Familie gehört aber auch das Gegenstück. Die Ordnung und Sauberkeit, damit ein Patient gesunden kann. Die Hilfe, dass die Lebenskräfte zurückkehren können. Langsam, behutsam. Und diese fängt bei einem sauberen Bett an. Daran erinnere ich mich besonders gern. Waren wir krank, wurden wir am Morgen in die Stube geschickt. Mutter erfrischte das Bett, schüttelte Leintücher und Decken unter dem Fenster aus, richtete alles neu. Sie lüftete den Raum. Und dann durften wir zurückkehren. Das war ein Hochgenuss für mich. Auch heute noch. Steige ich ins frisch bezogene Bett und ziehe den frischen Duft der sauberen Leintücher in mich ein, immer ist meine schon viele Jahre verstorbene Mutter auch dabei.

Mittwoch, 14. September 2011

Paris (5): Orte mit Erinnerungen wieder aufleben lassen

Nach der Ankunft waren es die Gerüche, die mir sofort signalisierten, Paris sei immer noch Paris. Ich ging durch die Strassen und fühlte mich wie von einem Erinnerungsgewebe aufgefangen. Daheim.
 
Und hier war einmal die Fremde. So nannte man früher das Ausland. Ich hatte Heimweh, weil eben alles fremd war. Die Ordnungen, die Namen, die Beschriftungen, die Sprache, die Menschen.
 
Als ich 1958 hier erstmals ankam, befüchteten viele Franzosen, dass ein Bürgerkrieg ausbreche. Es war die Zeit, als die 4. Republik aufgelöst wurde und General Charles de Gaulle eine neue Verfassung durchsetzte, mit der dann die 5. Republik begründet wurde.
 
Wegen dieser politischen Turbulenzen schickte mich der Chef der Pariser Filiale eines Schweizer Verlages nach Zürich zurück. Er wollte für mich keine Verantwortung übernehmen, weil ich noch nicht volljährig war. So kam ich zum ersten Swissair-Flug.
 
Nach etwa 6 Wochen hatte sich die Lage beruhigt. Ich konnte meine Stelle als Stagiaire wieder aufnehmen. Das war dann ein Neustart wie im Computer. Und er gelang. Ohne Heimweh. Schon damals kam ich bei der 2. Ankunft heim.
 
Paris war aber dazumal noch nicht die heiter strahlende Stadt. Wohl standen schon damals die imposanten Prachtbauten, aber sie waren grau, beinahe schwarz. Der Russ vom Heizen mit Kohle hing schwer an den Mauern. Erst nach 1970 begegnete ich der erfrischten, herausgeputzten Stadt. Das war sehr eindrücklich. Jetzt wirkte sie weiss.
 
Beim neuerlichen Aufenthalt besuchten wir La Défense/Die Verteidigung, die gegenwärtig grösste und höchste Bürostadt Europas. Dieser Ort befindet sich nicht mehr auf Pariser Boden, dehnt aber die Weltstadt gleichwohl aus. Der Name erinnert an den deutsch-französischen Krieg von 1870 und ein eindrückliches Denkmal ehrt die Soldaten, die hier die Stadt verteidigten.
 
Auf einem Gelände ist eine 1,2 km lange und 250 m breite Fussgängerzone geschaffen worden. Eingerahmt von Banken, Versicherungen, Hotels, Geschäfts- und Kongresszentren. Futuristisch die Architektur. Hier verweilten wir, bestaunten einen Morgen lang die baulichen Verrücktheiten. Alle Gebäude scheinen die Nachbarbauten in Bezug auf Originalität zu übertrumpfen. Da, wo Normalsterbliche Einlass finden – in Warenhäusern, Spezialgeschäften und Selbstbedienungsgaststätten­, wirkte die Fülle und der Reichtum auf uns eher abweisend, des Guten zu viel. Aber gut gegessen haben wir hier.
 
Als wir uns um 12 Uhr auf einer Steinbank ausruhten, hörten wir eine Kirchenglocke läuten. Eine katholische Kirche gibt es hier auch. Über einer Buchhandlung mit interessantem und vielfältigen Angebot, befindet sich – über eine Treppe erreichbar – die Kirche Notre Dame de Pentecôte. Erstaunt, dass es eine solche in der Zukunftsstadt auch gibt, haben wir sie besucht. Ein wirklich geistiger Raum nimmt hier die Menschen auf. In einer Schrift dazu konnten wir lesen:
 
„In der zeitgenössischen Umwelt des Geschäfts- und Bürozentrums der Défense hat Notre Dame de Pentecôte (Maria, Mutter Gottes von Pfingsten) als Haus der Christen seinen Platz." Das ist erstaunlich für einen laizistischen Staat und doch wieder nicht, denn in keiner europäischen Stadt sind die Heiligen so zahlreich auf Strassenschildern verewigt wie hier. Schon vor Jahrzehnten hat mich diese geschichtlich begründete Tatsache dazu angeregt, einmal alle Strassennamen, die an Heilige erinnern, zu zählen. Es sind etwas mehr als 120.
 
Die bronzene Madonna wurde von einem französischen Künstler Namens Etienne geschaffen. Es ist ein modernes, abstraktes Werk, das nichts Weglassbares mehr an sich hat. Reduziert auf das Wesentliche. Ein Frauenantlitz ohne Körper, mit geschlossenen Augen, verinnerlicht, mit goldener Aura und frei schwebenden Händen, die Feuerzungen auffangen. Die Darstellung von etwas Geistigem. Etwas ganz Neues. Ein Wurf.
 
Später, während der einstündigen Fahrt ab Gare Montparnasse nach Dreux öffnete sich gleich zu Beginn der Reise ein weites Blickfeld zur Défense hin. Diese Sicht hatte uns noch gefehlt. Am Tag zuvor waren wir die kleinen Menschen, die zu den gigantischen Bauten aufschauten und die auf der Anhöhe unter dem neuesten Triumphbogen vom Sturmwind beinahe fortgetragen wurden. Und jetzt, am Tag danach, zeigte sich die ganze Skyline in einer Gesamtübersicht. Vom Eiffelturm bis zur Grand Arche hin. Ein geschenkter Augenblick, eine beeindruckende Schau. Sie mag keine Minute gedauert haben, prägte sich aber ein.


Die Reise nach Dreux wünschte ich mir, um ein weit zurückliegendes Erlebnis aufzufrischen. Um die Kirche Saint Pierre nochmals zu besuchen. Als ich in Paris lebte, wohnte ich bei einer alten Dame, die im Umfeld der mittelalterlichen Stadt Dreux ein Landhaus besass. Dorthin wurde ich manchmal für ein Wochenende eingeladen. An einem Sonntagmorgen überliess mir Madame ihr Fahrrad für den 6 km langen Weg zur Kirche. Sie verlangte, dass ich ihr Velo mit in den Kirchenraum nehme und es dort abstelle, damit es nicht gestohlen werde. Unmöglich für mich. So etwas war eine Zumutung. Wo ich es dann abstellte, weiss ich nicht mehr. Es wartete jedenfalls auf mich.
 
Die Kirche war noch geschlossen, als wir in Dreux ankamen, und da Bauleute mit Reparaturarbeiten an den Mauern beschäftigt waren, befürchtete ich, dass man sie gar nicht betreten dürfe. Nach der Mittagssiesta aber waren die Tore offen. In der Zwischenzeit hatte wir auf der Anhöhe die Chapelle Royale, die Kapelle mit den Königsgräbern besucht. Von der tiefsten Stelle der Stadt wird die Kuppel wie eine Königskrone wahrgenommen. Diesen Ort kenne ich ebenfalls dank meiner Schlummermutter. Ähnlich wie bei den Etruskern sind die verstorbenen Könige auch hier in Stein verewigt, ruhen auf ihrem Sarg. Und ebenso erscheinen die steinernen Figuren sehr lebendig. Der liebevoll gepflegte Park, in dem sich die Nekropole befindet, bietet einen weiten Blick auf die Stadt, auf ihre alten Dächer, aber auch über das moderne Dreux und die Landschaft, in die es eingebettet ist.

Den Altstadtkern habe ich beinahe nicht mehr erkannt. An die Farben der alten Häuser konnte ich mich nicht erinnern. Mehr oder weniger alle erscheinen jetzt in neuem Glanz und in einer bezaubernden Frische. Es ist ein mittelalterlicher Ort. Die niedrigen Häuser lehnen aneinander. Manche sind etwas schief. Zusammen gestalten sie lebendige Strassen und Gassen. Hier fühlten wir uns gut. Dreux ist, auch wegen seiner schönen Repräsentationsbauten und Türmen ein liebenswürdiger Ort, der beweist, dass es Bilderbuchstädte gibt.
Auf dem Hauptplatz stand ein Karussell, die Manège, der Traum aller Kinder. Ich beobachtete Väter und Mütter, die den Kindern eine Fahrt spendierten und ihnen im voraus erklärten, es gebe nur eine einzige Tour. „Oui, oui!“ riefen sie zustimmend; doch als ihre Runden beendet waren, quengelten alle und wollten noch eine und noch eine Fahrt.

Dann der Besuch bei Saint Pierre. Diese mittelalterliche Kirche, die ich in jungen Jahren mit einer Kathedrale verglich, muss viel erlebt haben, wurde im Krieg möglicherweise bombardiert. Dem rechten Turm fehlt nicht nur der Hut. Es ist ihm ein ganzes Stück Bausubstanz messerscharf amputiert worden. Im Innern ist sie unversehrt, durfte sich selber bleiben. Ich erkannte sie sogleich wieder. Ihren Baustil, der noch Züge der Romanik trägt und doch schon der Gotik verpflichtet sein will. Mit ihrem runden Chorumgang für Prozessionen. Dann die für Frankreich typischen Kirchenstühle mit den geflochtenen Sitzflächen. Der Raum erschien anfänglich dunkel, weil wir aus dem Sonnenlicht kamen. Um so mehr strahlten die Farben der ehrwürdig alten Kirchenfenster in den nicht künstlich erleuchteten Raum und warfen farbige Abbilder auf den Boden. Das Klima erfrischte uns. Es war gut durchlüftet. Die Tore standen weit offen. Wir fühlten uns willkommen. Berührt hat uns der sphärische Klang eines leisen Choralgesanges ab Band. Von den Schwingungen angetrieben, erzählten die Steine von ihrer Geschichte, von ihrem Alter und von all dem, was sich hier drinnen im Laufe von Jahrhunderten ereignet hat. Und sie bewegten auch uns. Es war ein ergreifendes Wiedersehen.
 
Wieder draussen, kam Primo auf meine Velogeschichte zurück. Schmunzelnd sagte er: „Im hinteren Bereich, beim Beichtstuhl, hätte es Platz gehabt. "

Montag, 29. August 2011

Paris (4): Eile mit Weile oder: Mensch ärgere dich nicht

2 Namen für dasselbe Spiel. 2 Inhalte, die sich ergänzen. Eile mit Weile kenne ich seit meiner Kindheit. War es anfänglich nur ein spannendes Würfelspiel, habe ich irgendwann seinen Namen hinterfragt. Und dann begriffen, dass es ein wertvolles Lebensmotto ist. Eilen ja, aber auch verweilen ist wichtig. Und jetzt noch der gute Rat: Mensch ärgere dich nicht.
 
Mena wollte mit uns Grosseltern und ihrer kleinen Schwester Mensch ärgere dich nicht spielen. In digitaler Form. Neu für uns.
 
Die Regeln schienen anfänglich dieselben wie beim Brettspiel aus Karton, auf dem die hölzernen Spielfiguren unterwegs waren.
 
Als Mutter galt für mich immer auch eine persönliche innere Regelung: Wenn Kinder mit grossem Altersunterschied am gleichen Spiel beteiligt sind, das kleinste hie und da zu schonen, um es nicht zu entmutigen. Vorausgesetzt, dass ich Wahlmöglichkeit habe. Dass sich mehrere meiner Figuren ausser Haus befinden. Da ich in der Familie die einzige war, die sich so verhielt, gab es für die Jüngste immer noch genügend Widersacher, die sie herausforderten.
 
Jetzt, im digitalen Spiel, eckte ich an. Es meldete „Fehler“. Es liess meine moralische Richtlinie nicht zu. Als ich die kleine Nora nicht überholt und sie nicht heimgeschickt hatte, weil ich sie aus den beschriebenen Gründen schützen wollte, befahl mir das Gerät, mit allen Figuren heimzugehen. Kein Problem für mich. Ich kann verlieren. Aber es wurmte mich schon, dass eine Automatenautorität meine vermeintliche Wahlfreiheit ignorieren musste. Ich hatte auch schnell begriffen, dass das System Blockaden auf der Bank nicht zulässt. Und das war doch immer ein spannendes Detail, das uns kribbelig machte und echte Spielfreude aufkommen liess. Kurz: Ich empfand diese Spielform fad. Es konnten keine Wagnisse eingegangen werden. Hier musste nur ein Programm abgewickelt werden. Mein persönlicher Gestaltungswille meldete Opposition.
 
Felicitas beobachtete mich und sah schnell, was in mir vorging. Sie kennt meine Abneigung, wenn es darum geht, einem Automaten Macht abzutreten. Hier also die automatische Steuerung nach einem mir nicht genehmen Muster. Selbstverständlich spielte ich mit, und die Kinder freuten sich. Und das war ja das Wichtigste. Und kein Unglück für sie, dass sie nicht gewonnen hatten. Das neutrale Gerät – ich nenne es hier Computer – hatte entschieden. Er ist kein Mensch und darum keine Bedrohung für sie.
 
Später suchte Felicitas das Gespräch mit uns. Sie habe meine Skepsis von meinem Gesicht ablesen können und möchte uns noch die Hintergrundgeschichte erzählen. Mit dieser digitalen, starren Form und dem Resultat, das das Gerät melde, könne Mena gut leben. Bis anhin sei sie eine schlechte Verliererin gewesen, habe ihre Fassung verloren, konnte kaum beruhigt werden.
 
Wir erfuhren auch, dass dieses Spiel später noch anspruchsvoller programmiert werden könne. Als Heilmittel für ehrgeizige Kinder, die nicht verlieren können, wirke es auf der erlebten Grundstufe aber phänomenal.
 
Wunderbar. Eine Belehrung, die ich gern annehme. Der Titel stimmt: Mensch ärgere dich nicht!
 
Dieses Erlebnis führte dann noch zu einer anderen Anschauung. Wir könnten den Computer in diesem Spiel im übertragenen Sinn als jene Schicksalsmacht ausserhalb von uns deuten, von der wir abhängig sind, sie aber nicht beeinflussen können. Ob alle Entscheidungen auf unserem Lebensweg auch wirklich gelingen, hängt nicht nur von uns selbst ab.
 
Und jetzt noch der Witz der ganzen Geschichte: Ich hatte das Spiel gewonnen.

Samstag, 27. August 2011

Paris (3): Velofahren und austoben, wo es gestattet ist

Nora hatte alles ganz liebenswürdig arrangiert. Auf ihrem Hochsitz stand ein illustriertes Liederbuch, und auf dem Tisch lag ihr Abspielgerät, aus dem Lieder und Gedichte ertönten, die Primo und ich vor einiger Zeit für sie aufgenommen hatten. Verschmitzt sah sie mich an und freute sich, dass ich meine Stimme erkannte. Dann suchte sie im Liederbuch entsprechende Bilder, die zu unserem Gesang oder den Versen passten. Für solche Momente gibt es eigentlich keine Worte. Da gibt es nur das übereinstimmende, glückliche Gefühl. Und dieses machte den Abschied nachher schwer.
 
Wir waren gekommen, um Mena abzuholen, nicht um mit Nora zu spielen. Als sie bemerkte, dass sie bei der Mama bleiben musste, wurde sie wütend und traurig. Ich konnte sie gut verstehen, musste aber auch einsehen, dass wir einer 5-Jährigen die bereits beschriebene Tour mit Mena als Reiseleiterin nicht hätten zumuten können.
 
In solchen und ähnlichen Situationen rettete der Schwiegersohn die Situation. Nora durfte dann mit ihm ausfahren. Da war sie die Königin. Mit Velohelm, Ellbogenpolster und Knieschoner, gut gesichert im Kindersitz. Da strahlte sie. Sie war sich bewusst, dass diese Fahrten auf seinem Fahrrad nur ihr zustanden. Alle anderen mussten sich aus eigener Kraft fortbewegen.
Velofahren in Paris ist populär geworden. Im Internet sind alle Angaben unter Fahrrad-Verleih Paris abzurufen. Dort ist auch zu erfahren, dass in dieser Grossstadt zur Zeit beinahe 400 km Radwege zur Verfügung stehen.
 
Wenn wir alle zusammen als Familie ausfuhren, blieben Fussgänger manchmal stehen. Vom Schwiegersohn angeführt, schlängelten wir uns als geschlossener Konvoi über Velowege und Verkehrsachsen aus dem Stadtverkehr hinaus.  Beispielsweise zum Park de la Villette. Felicitas auf dem Trottinett, Nora auf ihrem kleinen Zweirad, das wie ein Anhänger am Velo von Bappa fest montiert war.
 
Der Park de la Villette ist eine riesige Anlage auf dem ehemaligen Schlachthof von Paris. Wo früher Tiere getötet wurden, wird heute das Leben gefeiert. Auf den riesigen Grünflächen, in der Konzerthalle, dem Museum und Bibliothek. Mit ständig wechselnden Veranstaltungen. Dieser Ort kann übrigens auch mit dem Ausflugsschiff aus der Innenstadt über den Canal Saint Martin erreicht werden.
 
Hier hielten wir uns lange auf einem asphaltierten Platz auf, wo die Kinder mit Mama zusammen ihre Schleifen zogen. Nora hatte erst kürzlich gelernt, ohne Stützräder Velo zu fahren. Jetzt war sie im Element, fühlte sich der grossen Schwester ebenbürtig. Sie pfeilte los und lag in die Kurven. An diesem Ort war es ruhig. Der Platz gehörte uns lange allein.
Ganz anders im Bereich, wo sich die Kinder mit sportlichen Spielgeräten austoben können. Herausragend das neuartige, übergrosse Trampolinfeld. Hergestellt aus schlauchartigen Gummituch-Matratzen. Noch nie so gesehen. Der Lieblingsort aller gerade anwesender Kinder. Begehrt aber auch ein Tretrad, eine Schwungseilbahn, das Mäuselaufrad für Kinder, eine Ballspielanlage, ein Feld mit verschieden hohen Poldern (Hocker) zum darüber Hüpfen usw. Die Installationen sind verschiedenen Altersgruppen zugeordnet und entsprechend bezeichnet.
Der Andrang war gross. Die Kinder mussten in Warteschlangen anstehen, sich in Geduld üben. Am Tag unseres Besuchs geschah das vorbildlich. Und dann, wenn sie am Ziel ihrer Wahl angekommen waren, warfen sie sich ins Spiel, lachten und schrien. Was für eine fröhliche Ausgelassenheit! Das Gekreische der vielen Kinder in Ekstase.
 
Ich weiss nicht, ist die geschaute, überschäumende Fröhlichkeit darauf zurückzuführen, dass Kinder in Grossstädten in ihrem natürlichen Bewegungsdrang zurückgebunden sind und solchen Ausgleich brauchen. Hier gibt es keine kindergerechten Schulwege, keine Möglichkeiten, Entdeckungen ganz allein zu machen. Hier muss man aufpassen und spuren. Das trifft die Kleinen am meisten. Hier werden Kinder lange begleitet.
 
Oder öffnen uns die exaltierten Kinder hier ein Fenster in die Zukunft und zeigen uns eine hoch gespannte Menschheit, wie sie immer neue technische Erfindungen dazu benützt, um sich in rauschhaften Zuständen zu erholen?

Donnerstag, 25. August 2011

Paris (2): Zu Fuss unterwegs. Mena, unsere Reiseleiterin

„Wie sollen Eure Tage aussehen?“, fragte Felicitas nach unserer Ankunft. Mena notierte unsere Vorstellungen und die Wünsche der Kinder rechtsseitig auf einem grossen Papier. Der übrige Platz wurde in 9 Felder für 9 Tagebucheintragungen eingeteilt. Über Wünsche und Erfüllung sollten wir jederzeit Klarheit haben.
 
Die Kinder wünschten ein Picknick in einem Park, einen gemeinsamen Kinobesuch und ein Abendessen im Restaurant. Auch unsere Vorgaben wurden notiert. Wichtig für mich: Dass ich Felicitas endlich einmal „mein“ Quartier zeigen könne. Den Arbeitsort an der Rue de Vaugirard und den Wohnort an der Rue Saint Placide. Von den Kindern wünschte ich mir speziell, dass sie uns das zeigen können, was ihnen in ihrer Stadt gefällt.
 
Einmal haben wir die 9-jährige Mena als Stadtführerin engagiert. Sie begleitete uns zu Fuss von ihrem Zuhause im Umfeld der Metrostation Abbesses über Place Blanche zur Kirche Trinité und dem vorgelagerten Spielplatz, wo sie sich als kleines Kind gern vergnügte. Darauf wies sie hin. Sie war besorgt, dass wir die Strassen korrekt überquerten und schaltete an jedem Fussgängerübergang die Glocke für Blinde ein, die dann läutete, wenn die Ampel auf Grün schaltete. Wir haben immer gute Erfahrungen gemacht, auch mit den eigenen Kindern, wenn wir ihnen Verantwortung übergaben, im Hintergrund aber alles überwachten.
 
Als wir dann bei den grossen Boulevards eingetroffen waren, übernahm der Grossvater die Führung. Und wir landeten im berühmten Warenhaus Galeries Lafayette. Drinnen aber ging uns Mena voran. Wir durchwanderten jedes Geschoss, fuhren mit der Rolltreppe in die nächste Etage, betrachteten die Angebote aber nur so nebenbei. Uns drei interessierte der Baustil mit seinen kreisrunden Galerien, von denen wir in jedem Geschoss übers Geländer in die Tiefe schauen konnten. Mena bewunderte die Relikte an den alten Liften aus der Jugendstilzeit, und vor allem interessierte sie sich für die mit farbigen Gläsern ausstaffierte Kuppel. Wir kamen ihr ganz nahe und sahen ihre Konstruktion, die Verschraubungen und sahen auch, dass einige Gläser leicht verletzt sind. Die Rolltreppe führte dann aus einem Anbau nebenan noch höher, und von dort aus konnten wir sogar auf sie herunterschauen. Die höchstmögliche Aussicht war nun erreicht, und wir waren gleichzeitig in der Spielzeugabteilung gelandet.
 
Erschien uns Mena bisher älter als sie ist, wurde sie hier oben wieder ganz Kind. Sie verliebte sich in Kuscheltiere, betastete haptische Materialien, bestieg Schaukelpferde, setzte sich an Kinderklaviere und dirigierte eine Gokart-Bahn. Derweil entdeckten wir Grosseltern das enorm vielfältige Spielzeugangebot und besonders die jetzt gängigen Figuren von Barbie. Während sich Mena in diesem Kinderland irgendwie heimisch fühlte, realisierten Primo und ich, wie weit weg wir von ihm sind.

Nach dem Mittagessen und auf dem weiteren Weg – immer zu Fuss – trafen wir auf ein Strassen-Orchester und lauschten dort eine Zeit lang Vivaldis „Jahreszeiten“. Spannend auch für ein 9-jähriges Kind. Endlich landeten wir vor der Kirche Notre Dame. Dort wollten wir den Turm besteigen und Mena die steinerne Figur zeigen, in der Globi sich selbst erkannte. Globi ist ein Wesen zwischen Mensch und Papagei und die erfolgreichste Kinderbuchfigur der Schweiz. Wenn die Enkelkinder zu uns kommen, gehen sie jedesmal sofort zum Schrank, wo seine Bücher versorgt sind.
 
In der Geschichte „Globi erlebt Paris“ besuchte er ebenfalls den Turm von Notre Dame und erschrak, als er in einer Ecke der Balkonbrüstung eine dämonische Figur wahrnahm, die seinen Gesichtszügen ähnelte. Der Globi-Texter sah in dieser und anderen Figuren Wasserspeier. Aus meiner Sicht sind es vom Steinmetz erschaffene Figuren. Schimären, die das Böse erschrecken und das Heiligtum beschützen müssen. Als wir aber die unzähligen Menschen in der Warteschlange sahen, änderten wir das Programm. Von weit her sahen wir Globis Verwandte dann doch noch. Zusätzlich kaufte ich für Mena eine Postkarte mit einer Nahaufnahme von ihm.
 
Eindrücklich bleiben die vielen Menschen in Erinnerung, die Notre Dame besuchen wollten. Quer über den ganzen Vorplatz dieser weltberühmten Kathedrale stand man in der Schlange an. Niemand drängte vor. Dieser Ort strahlt eben aus. Die Menschen, die hieher kommen, fühlen rasch, dass die Atmosphäre einmalig ist. Alt und Jung wollen Notre Dame sehen und erleben. Das lange Warten wird akzeptiert. Bald einmal fühlt es sich sogar wohltuend an. Wartend vermischen sich Temperamente und persönliche Energien zu einem Fluidum, das heiter und friedlich stimmt. Das ist meine persönliche Erfahrung. Und davon sprechen auch Fotos, die ich hier schon vor Jahren aufgenommen habe.
 
Wir begleiteten Mena dann in den Square Johannes XXIII. an der rechten Seite der Kathedrale. Dort befindet sich ihre Lieblingsschaukel. Sie verfügt über ein höheres Gestell, eine längere Kette als üblich. Zum Schwung kann weiter ausgeholt werden. Mena kann nicht genug schaukeln. Hin und her, hinauf, hinunter, vom Diesseits ins Jenseits, scheint mir. Als sie ihren Platz einem Amerikaner abtrat, schaute sie bewundernd zu, wie er, ohne zu stoppen, aus dem Schwung absprang. Da wollte sie es ihm gleich tun und stürzte. Die Schürfungen waren nicht bedrohlich, aber der Schreck hing noch eine Weile an ihr. Sie hinkte, meinte, das Knie nicht mehr beugen zu dürfen.
Nicht lange, denn wir trafen auf einen Gaukler, der mit seinem Velo Kunststücke vollführte. Eine Attraktion löste die andere ab. Den Schlusspunkt bildete eine Glace, die auf der Promenade am Seineufer angeboten wurde. „Grosy, du wirst dich wundern“, sagte sie, als sie eine Kaffee-Glace wählte.
 
Diese überbrückte dann die Müdigkeit und den kleinen Schmerz. Gut gelaunt kamen wir nach Hause zurück.

Dienstag, 23. August 2011

Paris (1): Meditative Reise und Empfang im Gare de l'Est

Diesmal verlief vieles anders. Primos Beobachtung von früheren Reisen nach Paris wiederholte sich nicht sofort. Es hiess da, ich sei jedesmal ein anderer Mensch, wenn ich die Grenze zu Frankreich passiert habe. Quirliger, erlebnishungriger, lustiger. Dem riesigen Adler gleich, nach dem wir jeweils in Saint Louis ausschauen. Die mächtigen Flügel zum Abflug ausgebreitet, bewacht er das Museum für Gegenwartskunst im ehemaligen Weinlager von „Fernet Branca“. Und er stellt, auf der Weltkugel sitzend, das Logo dieser Firma dar. Eine imposante Erscheinung.
 
Abfliegen wollen und doch an einen Ort festgebunden sein, in solchem Spannungsfeld fühlte ich mich diesmal beim Grenzübergang. Wir hatten gerade bemerkt, dass Primo die Identitätskarte nicht auf sich trug. Wohl dachten wir ans Schengen-Abkommen, das die Grenzen in Europa öffnete, aber da kam doch die Grenzpolizei in unseren Bahnwagen. In stoische Ruhe versunken, fragten wir uns, was auf uns zukomme. Es wurde aber nur eine Person und deren Gepäck von 3 Grenzwächtern sorgfältig überprüft. Wir blieben unbehelligt, aber auch weiterhin still.
 
Nach Strasbourg führte die Reise im TGV-Hochgeschwindigkeitszug durch die Champagne. Diese Route ist neueren Datums und führt durch riesige Felder auf sanften Hügeln. Sie waren grösstenteils abgeerntet und zwischen den verbliebenen Getreidstorzen wuchs schon wieder zartes Grün. Einen solchen Farbteppich beige-silber-grün würde ich gern für meine Stube erwerben, wenn es ihn gäbe. Von solchen Bildern begleitet, erlebten wir die Reise meditativ. Nach 5 Stunden waren wir schon in Paris.
 
1958/59, als ich in Paris arbeitete, benötigte die Bahnreise ab Zürich noch 10 Stunden. Ich erinnere mich an Halte in grösseren Städten, wo den Reisenden auf rollenden Verkaufswagen vom Perron aus Zwischenverpflegung und sogar mit Kapok gefüllte Kissen angeboten wurden. Damals gehörten zum Reisen auch Zufallsbekanntschaften im selben Abteil und Gespräche mit ihnen. Heute schläft man in der Bahn. Die Landschaft wird kaum mehr bewusst wahrgenommen. Dies meine Erfahrung, auch in der Schweiz. Ausgenommen sind gut informierte Touristen, die wissen, wo die landschaftlichen Schönheiten zu erwarten sind.
 
Im Zug reiste auch eine japanische Reisegruppe. Die meisten schliefen. Der Reiseleiter sass mir gegenüber. Als er seine Papiere geordnet, alle Informationen verteilt hatte, zog er eine eng anliegende Brille aus Stoff über die Augen und tauchte ab in einen ruhigen Schlaf. Ich dachte auch Tage danach noch an diese Reisenden und frage mich jetzt wieder, wie man solche Monstertouren in fernste Länder und zu touristischen Höhenpunkten erträgt. Wie verkraften Herz und Kreislauf die ständig wechselnden Höhenunterschiede und die wechselnden Wettereinflüsse? Was kann überhaupt wahrgenommen werden?
 
Im Abteil uns gegenüber hatten sich eine Grossmutter, ihre Tochter und 2 Enkelkinder aus Basel eingerichtet. Die beiden Frauen strömten eine liebenswürdige Präsenz und auch Gelassenheit aus, die sich auf die Kinder übertrug. Das vielleicht 10-jährige Mädchen strickte an einem Schal, und der kleinere Bruder füllte Bilder in einem Malbuch aus. Es wurden Rätsel gelöst, Proviant gegessen, Fingerspiele gemacht und auch ein bisschen gedöst. Sobald aber die ersten Häuser der Pariser Banlieue sichtbar wurden, erwachten alle, auch die Reisenden aus Japan und das Mädchen von nebenan. Es fragte nach der Sprache in Paris: Ob sie frankrichisch heisse (aus dem Wort Frankreich abgeleitet). Solche Fragen gefallen mir.
 
Paris! Auch Primos und meine Lebensgeister erwachten. Das markante Häusermeer hiess uns willkommen. Ebenso unsere Tochter Felicitas und ihre Töchter. Mena und Nora schauten am Perroneingang nach uns aus. Als sie uns erkannten, rannten sie los, uns zu begrüssen und zu umarmen. Nora, 5-jährig, ist besonders dem Grossvater zugetan. Darum rief sie, schon während sie uns entgegenlief: „Dä Gropi isch für mich. Dä Gropi isch für mich“ (Der Grossvater sei für sie reserviert).
Nora sorgte auch sofort für einen Ersatz, als wir erzählten, dass Gropi die Schweizer Identitätskarte zu Hause liegen gelassen habe. Sofort stellte die 5-Jährige eine Ersatz-ID für ihn aus. Auf einem mit der Karte vergleichbar grossen Papier zeichnete sie das Porträt ihres Grossvaters. Die Fröhlichkeit in Person. Stimmt. Ich staune immer wieder, wie Kinder im Vorschulalter mit wenigen Strichen Stimmungen festhalten können. Hier das lustige Gesicht, das vom Wind aufgestellte Haar (man nannte ihn zeitweise Tintin), die grosse Nase, die ausgestreckten Arme und rund um ihn schwebende Kugeln, die als lustige Einfälle zu deuten sind.
 
Dieses Papier kam in die Brusttasche jedes Hemds, das er in Paris trug. Es erwies sich als wichtiger Datenträger. Auf der Rückseite vermerkte uns Felicitas ihre Telefonnummer, ihren Haustürcode, die Strasse und Hausnummer unserer Ferienwohnung und auch deren Haustürcode.
 
Nach 3 Tagen traf Primos ID im Original in Paris ein. Die in Zürich zurückgebliebene Tochter Letizia hatte dafür gesorgt. Dass wir von einander Haustürschlüssel besitzen, hat sich nicht zum ersten Mal als hilfreich erwiesen.

Dienstag, 2. August 2011

In Zürich singen die Vögel sogar im öffentlichen Bus

"Wenigstens einmal täglich sollten wir unsere Aufmerksamkeit nach innen richten." Dieses Dalai-Lama-Wort stand am 26.07.2011 auf meinem Kalenderblatt.
 
Als ich an jenem Tag im VBZ-Bus in die Innenstadt fuhr, waren wohl die meisten Fahrgäste drinnen, bei sich selbst. Zuhörend und in den Schwingungen eines Vogelgesangs schaukelnd. Und erfüllten, ohne es zu wissen, die buddhistische Vorgabe vom Abreisskalender.
 
Kaum war der Bus losgefahren, hörten wir Vögel singen. Ich fragte mich, wer diese hier so gut nachahmen könne. Beim Einsteigen war mir ein wackerer Mann aufgefallen, dem ich diese Kunst zutraute. Ein Weltreisender vielleicht. Mit Rucksack und Sombrero.
 
Möglichst unauffällig schaute ich nach hinten und beobachtete ihn. Er sass aber ganz ruhig da. Mehr noch, er schien in sich versunken. Er hörte zu. Nichts bewegte sich in seinem Gesicht. Sofort schied er als Imitator aus.
 
Der Gesang wiederholte sich. Kurz vor einer Haltestelle setzte er aus. Fuhr der Bus wieder los, ertönten auch die Vogelstimmen wieder. Niemand fragte, woher sie kämen. Wir hörten einfach zu. Sie hoben uns ab. Gedanken, die mich bis dahin umtrieben, verflüchtigten sich. So mag es auch anderen Fahrgästen ergangen sein. Es entstand eine friedliche Stimmung. Eine Art Andacht. Es wurde nicht gesprochen. Niemand stellte eine Frage. Den singenden Vögeln galt unsere ganze Aufmerksamkeit.
 
Ich fühlte mich in den Bergen. Dort werden Reisen im Postauto oft mit diskreter Musik begleitet.
 
Ich dachte auch an „unsere“ Amsel, die vor dem Eindunkeln ihr Abendlied singt. Dafür fliegt sie, ungefähr eine Stunde vor Sonnenuntergang, auf den First des Nachbarhauses, setzt sich dort an die Front, richtet sich ein, schaut aus, wartet auf den richtigen Augenblick und beginnt dann zu singen. Wir können sie vom Balkon aus beobachten und hören. Manchmal warten wir auf sie, manchmal ist sie es, die uns ruft. Immer ist das ein schöner Abschied vom Tag. Wir fragen uns, ob es ein Loblied sei. Eines für die anbrechende Nacht oder einen Dank an den vergangenen Tag?
 
Jetzt, bei bedecktem Himmel und Regenwetter, ist sie nicht erschienen. Ist das ihre Antwort an uns, sie singe nur für den Sonnenuntergang?

Samstag, 16. Juli 2011

Martigny: Die Rhône beugt das Knie oder den Ellbogen

Eine Erinnerung, die mich immer noch umtreibt. In der Primarschule erfuhr ich, dass der Fluss mit dem Namen Rhône im Umfeld von Martigny VS einen abrupten Richtungswechsel vollziehe. Anfänglich in der Richtung von Ost nach West fliessend, verlangt hier die Topographie einen Richtungswechsel nach Norden. Der Lehrer zeigte uns die markante Biegung auf einer grossen Landkarte. Er sprach von etwas Aussergewöhnlichem. Darum blieb es in mir haften. Vor allem auch wegen der Bezeichnung, die man diesem Ort gegeben hat: Rhôneknie.
 
Ich war schon etliche Jahre verheiratet, als wir auf einer Ferienreise in Martigny anhielten und versuchten, das Naturwunder zu sehen. Jahre später fuhren wir mit den Velos ab Oberwald im Goms durch das Rhônetal und machten selbstverständlich wieder Halt im Umfeld der einst römischen Stadt. Von Saillon und Fully herkommend, auf derselben rechten Flussseite wie beim ersten Besuch.
Und jetzt, das dritte Mal, fanden wir die Mitte dieses Naturphänomens, näher geht es nicht mehr.
 
Das Rhôneknie ist kein touristischer Ort, also still, geheimnisvoll, eine Überraschung, wenn er gefunden wird.
 
Diesmal verwischte die neue Zufahrt zur Autobahn unsere Erinnerung. Wir mussten den Weg zuerst suchen. Den markanten Taleinschnitt Richtung Genfersee vor Augen, gingen wir vorwärts. Wir kamen an einer grossen Aprikosenplantage vorbei und folgten der Pappelallee, einer Art Spalier für die dahinter kanalisierte La Dranse. Da wussten wir noch nicht, dass ihr Wasser in die Rhône mündet und dass wir den Zusammenfluss bald sehen würden.
 
Unser Fussweg führte uns unter der Autobahnbrücke hindurch und danach auf einem breiten Wanderweg auf der linken Flussseite weiter. Von weit her schon sah Primo weisses Wasser als eine Strömung quer zur La Dranse fliessen und ortete dort die Rhône, die wir suchten. Sie schien sich zu verstecken. Erst später bemerkten wir, dass wir die wild verwachsene Flussbettmauer als einen Ausläufer des Waldes am dahinterliegenden Abhang verstanden hatten. Sie ist von Gras, Bäumen und Sträuchern wild überwachsen und schirmte aus unserem Blickwinkel den Raum der Rhône ab. Je näher ich dem Zusammenfluss der beiden Wasser kam, desto mehr freute ich mich. Es bewegt mich jedes Mal, wenn ich an Orten stehe, wo sich Wasser vereinen. Hier treffen die milchig-weisse Rhône, die sich aus dem Rhônegletscher im äussersten Nordosten des Kantons Wallis ergiesst, mit dem Gebirgswasser aus drei Flüssen, der Dranse d'Entremont vom Col du Grand Saint Bernard, der Dranse de Bagne und der Dranse de Ferret zusammen.
Eine Zugabe für uns, schon bevor wir unser angestrebtes Ziel erreicht hatten. Ein Ort mit wohltätiger Energie, mit feinsten Schwingungen. Die Freude war mir ins Gesicht geschrieben, wie ich später aus Fotos lesen konnte. La Dranse führte wenig Wasser. Wir konnten in ihr Bett steigen und angeschwemmte Steine bewundern. Sie lagen in feinem, schillerndem Sand. Mit farbigen Adern, Mustern und Gesichtern, keines dem Anderen gleich. Aber alle beflügelten unsere Fantasie. Mitten im Flussbett lagen mächtige Gesteinsbrocken, und das Wasser sauste über sie hinab. In diesem Geröll hatte sich ein dünner, aber knorriger Baumast verfangen. Es sah aus, als würde hier gerade ein Kranich vorüberziehen. Er und die grossen Steine gaben dem begradigten Fluss mit seinen strengen Mauern etwas Liebliches zurück.
 
Und da lag auch ein Stück trockene Baumrinde, die zum Spielen animierte. Primo brach sie in 3 Teile. Wir warfen 2 von ihnen ins Wasser und schauten zu, wie sie sich forttragen liessen. Beide gaben sich den Strömen offensichtlich lustvoll hin. Locker wurde der Übergang vom einen ins andere Wasser geschafft. Dann ging die Reise auf der reissenden Rhône stürmisch weiter. Der dritten Borke verpasste Primo mit dem Sackmesser einen dünnen Ast und machte sie zu einem Segelschiff. Auch dieses wollte ebenfalls verreisen, eiferte den vorangegangen nach. Ich konnte es noch fotografieren, dann kenterte es, ging aber nicht unter. Solche Spiele haben oft etwas Magisches an sich, weil wir sie mit Fragen behängen. Hier unsere Lebensschiffe, haben sie noch einen weiten Weg vor sich oder gehen sie bald unter ...?


Wir blieben lange an diesem Ort, schauten auch auf das Wasser, wie es sich kräuselte, weil der bekannte Rhônetalwind vom Genfersee her den Fluss manchmal rückwärts schicken will. Ein Kräftespiel zwischen Luft und Wasser. Meine Haare standen zu Berge. Dieser Wind ist unerbittlich, frischt aber auf. Wir kennen ihn gut, hatten ihn auf der erwähnten Velotour als Gegenwind erlebt.
 
Nach diesem schönen Aufenthalt überquerten wir die Fussgängerbrücke über La Dranse, und schon waren wir am Rhôneufer angekommen. Jetzt wurden die Zusammenhänge klar. Von hier aus liefen wir wie der Wind dem Fluss entgegen. Konnten zuschauen, wie er um die Ecke pfeilt, wie sein Wasser diese hier erzwungene Biegung vollzieht. Sehr schwungvoll. Mit Lebensfreude vergleichbar. Und doch auch sich ins Unabänderliche fügend. Der Halt, den der pyramidenähnliche Berg bis hieher geben konnte, ist plötzlich verschwunden, ins Nichts aufgelöst. Doch nach dem Ausflippen in die Kurve kommt der Fluss zum Berg zurück, schmiegt sich erneut an ihn, jetzt einfach an einer anderen Seite.
 
Eine Geschichte von Jahrmillionen, stelle ich mir vor. Was sich hier alles vollzogen hat und was Menschen dazu beigetragen haben, dass wir die Rhône heute so sehen können, wie eben beschrieben, das weiss ich nicht.
Ich hatte mich schon gewundert, dass wir nirgends einen Hinweis auf dieses Naturereignis entdeckt hatten. Doch zum Finale unseres Besuches wurde er uns noch vorgesetzt. Am hölzernen Elektromast fanden sich zwei gelbe Wanderwegtafeln, je nach links und rechts weisend, um das ganze Umfeld einzubeziehen. Dazu die Angabe Coude du Rhône 460 M. Und da befanden wir uns erstmals im Herzen oder in der Mitte des Rhôneknies. Als ich die Tafel mit der Ortsbezeichnung fotografiert hatte, gab der Fotoapparat den Geist auf. Für alle hatte sich etwas vollendet.
 
Das Rhôneknie befindet sich in jenem Teil des Kantons Wallis, in dem französisch gesprochen wird. Dort reden sie vom coude (Ellbogen) und wir in der Deutschschweiz vom Knie der Rhône.

Donnerstag, 7. Juli 2011

Die SBB führen uns vom Ticketbezug am Schalter weg

Wir standen in der Schlange am SBB-Schalter in Zürich-Altstetten. 5 Personen. Anstatt einen 2. Schalter zu öffnen, kam eine Mitarbeiterin zu uns Wartenden hin und befragte jede Person nach ihren Wünschen. Die vor mir stehenden Männer und Frauen brauchten eine persönliche Beratung. Ich wurde gebeten, zu den Automaten ins Freie mitzukommen. Ich benötigte ZVV-Mehrfahrtenkarten, ebenso solche für den 9-Uhr-Pass.
 
Diese könnten auch am Automaten bezogen werden, erfuhr ich. Das wusste ich noch nicht. Die versierte SBB-Mitarbeiterin tippte meine Wünsche schnell in die Tasten, doch der Kasten akzeptierte meine Postcard nicht. Wir wechselten an einen anderen Apparat, und dort waren die Fahrkarten dann erhältlich. Die SBB-Mitarbeiterin hatte mir zwar jeden Schritt erklärt, damit ich mir die Abfolge einprägen könne, doch mir ging das alles viel zu schnell.
 
Ich empfand es in diesem Augenblick als eine Zumutung, dass man auch Kunden im Pensionsalter keine Billette mehr am Schalter verkaufen will. Das sprach ich auch aus. Vor dem Reiseantritt wolle ich keine Aufregungen mit Automaten. Sie hätte jetzt selber erlebt, dass die erste Variante nicht funktioniert habe, fügte ich bei.
 
Sie regte an, hier immer wieder zu üben. Dieser grundsätzlich richtige Rat überzeugte mich aber nicht. Hier ist so viel Leben. Die Automaten sind meistens besetzt. Wie kann ich da gemütlich üben? Die Unruhe um mich herum würde mich sofort bedrängen. Als ich diese Situation schilderte, meinte sie lakonisch: „Kommen sie doch am Sonntagmorgen, wenn die jungen Leute ausschlafen. Dann ist es hier ruhig.“ Dieses Gespräch fand im April 2011 statt. Seither habe ich da und dort von dieser Erfahrung erzählt, und immer hiess es eindringlich: Beschreibe das! Du musst das machen. Und dieser Rat für den Sonntagmorgen, hiess es übereinstimmend, er sei ungehörig.
 
Auch mich oder uns stört es, dass wir unsere Billetteinkäufe nicht mehr am Schalter tätigen sollen. Wir sind doch oft auf zusätzliche Informationen über eine Reiseroute, nicht nur auf eine Fahrkarte, angewiesen. Es fällt uns schwer, auf die vielen kleinen Dienste am Schalter zu verzichten. Es fehlt in meiner Generation der spielerische Umgang mit Automaten. Für uns sind manche Begriffe und Abfolgen fremd. Und Menschen mit Sehschwächen haben es ganz besonders schwer. Da können sich unerwartet Probleme einstellen, die nur ein Mitmensch lösen kann.
 
2 Monate später stand ich wieder in der Kolonne. Diesmal brauchte ich ein Billett ins Wallis. SBB und Postauto. Wieder das Szenario, dass eine SBB-Frau einzelne Personen aus der Schlange zu den Automaten herausholen wollte. Zuvorderst eine Italienerin, die nur vage Deutsch verstand und mit Gesten ausdrückte, hier am Schalter wolle sie bedient werden. Die 2. Frau wollte ein Abonnement mit Foto bestellen. Ihr wurde der Schalterbereich sofort zugestanden. Und dann wurde ich befragt. Ich wünsche ebenfalls Schalterbedienung. Man wolle mir am Automaten behilflich sein, hiess es. Ich wünsche Bedienung am Schalter. Die SBB-Frau war sichtlich enttäuscht. „Sagen sie es doch ihrem Chef, dass wir eine persönliche Bedienung wünschen.“ Auf diese Bitte reagierte sie dann hilflos: „Das nützt nichts.“
 
Die Frau in der Schlange vor mir kehrte sich um und stimmte mir zu, unterstützte mich. Sie sagte: „Man will offensichtlich Stellen abbauen.“ Und ich folgerte: Wie traurig, da müssen Angestellte ihr eigenes berufliches Grab schaufeln.
 
Als mein Mann und ich in Visp ein Billett nach Saint-Maurice kaufen wollten, sprach uns ein SBB-Mitarbeiter in orangefarbener Veste am Eingang in den Schalterbereich an. „Kann ich ihnen behilflich sein?" "Wir wollen ein Billett lösen.“ „Kommen sie mit!“ Wir gingen zusammen ins Freie an den Automaten, und der Helfer tippte unseren Wunsch ein. Er vergewisserte sich, ob wir nicht vielleicht nach St. Moritz reisen wollten und gestand freimütig, er wisse nicht einmal genau, wie Saint-Maurice geschrieben werde. Da half ihm dann der Computer mit dem Angebot an Varianten. Wir konnten den Ablauf gut verfolgen. Der Mann strahlte Ruhe aus. Er wollte uns auch nicht belehren. Er wollte uns offensichtlich nur zu einem Billett verhelfen.
 
Für meine Reise nach St. Gallen versuchte ich, ein Billett am Schalter im Zürcher Hauptbahnhof zu erhalten. Kein Problem. Nachdem ich bezahlt hatte, dankte ich, dass ich bedient worden sei. Warum? Mein Dank irritierte. Weil man jetzt offenbar schweizweit möglichst an die Automaten verwiesen werde. Aha! Und dann: „Also, wenn sie hieher kommen, bekommen sie ihr Billett.“
 
Neu ist im Hauptbahnhof die schlangenförmige Abschrankung vor den Schaltern. Wir müssen uns nicht mehr für eine einzelne Schlange entscheiden. Nur noch anstehen und zuvorderst dann überblicken, welcher Schalter soeben frei geworden ist. Einladend wirkt die Leuchtschrift über den offenen Schaltern: WILLKOMMEN WELCOME.
 
Ich beobachtete, dass der Willkommensgruss ausgeschaltet wird, wenn der letzte Kunde, der bedient werden soll, eingetroffen ist. Ich beobachtete einen Mann, der etwas aufmüpfig und seiner Übersicht sicher rief: „Immer etwas Neues lernen!“ und dann vor einem Schalter eintraf, der kurz zuvor geschlossen worden war. Da stand er dann vor der Tafel „Schalter geschlossen“. Wichtig ist also das leuchtende Wort WILLKOMMEN. Es bedeutet: Schalter geöffnet.
 
In Saint-Maurice gelang es uns, am Automaten Zusatzbillette Visp‒Brig zu lösen. Bedingung für Deutschschweizer: Französisch verstehen. Hilfreich war die Ruhe an diesem Ort. Es warteten keine nervösen Menschen hinter uns. Ein gutes Erlebnis, auf dem wir aufbauen können.
 
Nach den beschriebenen Erlebnissen wirkte der Beitrag „Nie mehr an ein Bahnticket denken“ auf mich wie ein Magnet. Im Tages-Anzeiger vom Samstag, 02.07.2011 wurde informiert, dass ein elektronisches Ticket in den öffentlichen Verkehrsmitteln der Schweiz die heutigen Billette und Abonnemente ablösen soll. Universell verwendbar, hiess es und über Funk kontrollierbar.
 
Erste Schritte sind nach diesem Bericht 2014 zu erwarten.
 
Nach meinen erwähnten Erfahrungen kann ich mich über eine solche Revolution freuen. Mich beschäftigt jetzt nur eine Frage: Wie bekommt es unserem Nervensystem, wenn die Chipkarte in unseren Jacken- oder Hosentaschen täglich beim Ein- und Aussteigen vom Funk aus der Ruhe geweckt wird?

Dienstag, 21. Juni 2011

Das blutunterlaufene Auge irritierte und zog Blicke auf sich

Die Sicht war nicht beeinträchtigt, obwohl das Auge violettrot blutunterlaufen war. Deshalb vielleicht habe ich keine Brille aufgesetzt und bin auch Tram, S-Bahn und Bus gefahren. Das Verbot, bis zur Heilung nicht Velo zu fahren, das halte ich ein.
 
Es schauten mich viele Leute kritisch an. Die meisten stellten freimütig Fragen, wollten wissen, was geschehen sei. Eine Frau wechselte sogar die Strassenseite, um mich genauer zu betrachten, als sie mich daherkommen sah. Wir leben im selben Umfeld, grüssten uns bisher nur. Das geplatzte Blutäderchen hat uns nun zu einem richtigen Kontakt zusammengeführt.
 
Ich erzählte der Augenärztin, wie mitfühlend ich überall behandelt werde und erfuhr, dass mein Fall zwar erschrecke, aber heilbar sei. Ich befände mich auf der besseren Seite. Die wirklich gravierenden Augenleiden sähe man nicht und beurteile sie deshalb falsch. Da könne eine Person das Gegenüber nur noch schemenhaft erfassen und grüsse deshalb nicht mehr. Und schon werde ihr das falsch und als Beleidigung ausgelegt.
 
Es gab auch Leute, mit denen ich verabredet war und die, als sie mich grüssten, nicht bemerkten, dass sie von 2 ganz verschiedenen Augen angeschaut worden sind. Erst eine Weile später und mit etwas Distanz zu mir, riefen beide: Ui-ui! Was ist denn da passiert?
 
In der S-Bahn im Hauptverkehr am Abend zwischen 17 und 18 Uhr störte es eine Frau, dass ihre papierene Tragtasche, die am Boden stand, von einer vorbeigehenden Person gestreift worden war. Vielleicht war da etwas Zerbrechliches drin. Empört schaute sie zu mir auf, wollte vielleicht meine Zustimmung und erschreckte gleich nochmals. Dieses Auge! Entsetzt wandte sie sich ab. Auf der weiteren Fahrt ignorierte sie mich konsequent. Wäre nicht das Gedränge im Zug gewesen, ich hätte sie angesprochen. Doch das war hier unpassend.
 
Ich beobachtete auch, wie Männer mein blutendes Auge betrachteten. Wie ein Arzt, wie um eine Diagnose zu stellen. Sehr aufmerksam, sehr kritisch. Ohne Scheu. Schauen und wegschauen, immer wieder. Es kam mir vor, als ob sie mein Auge fotografieren oder einscannen wollten. Im gegenüberliegenden Coupé der S-Bahn sitzend, war das gut möglich. Von ihnen kam keine Reaktion. Für sie war es vielleicht ein Rätsel, was meinem Auge fehle, und dem wollten sie nachgehen. Ebenso verhielt sich der Stift (Lehrling) vom Format eines Familienoberhauptes, der im Lebensmittelgeschäft an der Kasse sitzt. Fast unanständig lange schaute er mein Auge an und ich war danach stolz, dass ich diesen unverfrorenen Blick ausgehalten habe.
 
Ebenfalls an der Kasse des gleichen Ladens, aber an einem anderen Tag, wusste die junge und quirlige Südländerin sofort, was mir geschehen war. Sie nannte gleich ein Medikament, das ihr schon mehrmals geholfen habe, diese Blutaustritte zu stoppen. Es sei ein natürliches Produkt, ohne Rezept erhältlich, pries sie es an.
 
Im Bahnhof Zürich-Altstetten wollte ich ein Billett kaufen. Noch bevor ich meinen Wunsch aussprechen konnte, sah ich, wie mein Auge die Frau am Schalter elektrisierte. Bevor sie meine Bestellung hören wollte, musste ich erzählen, was mir geschehen sei. Dann berichtete sie, dass sie vor Jahren eine schwere Augenverletzung erlitten habe. 2 Mal sei das Auge operiert worden. Eine furchtbare Leidenszeit. Die ganze Geschichte sei sofort hochgekommen, als sie mich gesehen habe. Sie hätte gedacht: Oh die arme Frau, jetzt muss sie das alles, was ich erlebt habe, auch erleiden.
 
Alle diese Fragen und die Aufmerksamkeit um mein verfärbtes Auge haben mir bewiesen, dass in unserer Stadt viele einfühlsame und hilfsbereite Menschen unterwegs sind. Es war nicht eine billige Neugierde. Manche fragten nach meinem Befund, um herauszufinden, was geschehen sei, wie man mir helfen könne.
 
Ihnen danke ich allen. Solche Erfahrung ist neu für mich.

Sonntag, 5. Juni 2011

Der Marktstand unserer Vorfahren ist immer noch populär

Früchte- und Gemüsemärkte sind beliebt. Sie bringen Farbe auf Plätze und vor alte Mauern. Sie erfrischen einen Ort, machen ihn festlich.
 
Dahin war ich unterwegs. Nach Wipkingen an den Röschibachplatz, wo die Tochter Letizia an einem solchen Samstagsmarkt mitarbeitet. Sie empfindet diesen Arbeitsplatz als Bühne in ihrem Leben, wo sie plaudern, spassen und gute Produkte verkaufen kann.
 
Ich fuhr mit dem Velo kurz nach 6 Uhr von zu Hause weg und hoffte, zuschauen zu können, wie der Stand aufgestellt, Gemüse und Früchte angeliefert werden. Zu spät! Der Lastwagen mit den Produkten ab Hof und den zusätzlichen Einkäufen in der Gemüsezentrale war schon da gewesen. Wackere Männer transportieren diese Ware und stellen auch die Stände auf.
 
Als ich mit Letizia am Röschibachplatz eintraf, war die Fuhre schon zu 2/3 ausgelegt. Ihre Kollegin hatte die Lieferung vor einer Stunde entgegennehmen können. Jetzt mussten nur noch die schweren Kartoffel- und Gemüsekisten an der Rückwand des Standes in Schienen eingehängt und die Palette versorgt werden. Diese hatten dazu gedient, das Transportgut vom Lastauto ins Umfeld des Standes zu kutschieren. Letizia widmete sich danach den Blumen, löste sie aus den Verpackungen, sortierte sie nach Farben in verschiedene Behälter, für die sie vorher vom Dorfbrunnen entsprechend Wasser herbeigeschleppt hatte. Wer hier arbeitet, kann zupacken, kann Lasten tragen, ist nicht zimperlich.
 
Es mussten auch noch die Preisschilder mit der Liste der aktuellen Preise verglichen und angeglichen werden.
 
Das Angebot ist immer vielfältig. Frische Produkte, farbenfroh, gesund und zum Kochen einladend. Gemüse, Salate, Früchte, auch solche aus dem Süden. Und schon Erdbeeren aus der Schweiz. Ebenso im Angebot zu finden: Brote, Zöpfe, Wecken, Freilandeier vom eigenen Hof und oftmals auch Käse aus dem Gotthard-Gebiet. Im Sommer werden hier Heidelbeeren von der Göscheneralp verkauft.
Ein Marktbesuch ist mehr als alltägliches Einkaufen. Eine Spur Gemütlichkeit gehört dazu. Der Gang zu ihm hin kann ein Spaziergang werden. Mit zufälligen Kontakten. Man trifft sich auf diesem Dorfplatz oder im Café Nordbrücke, das kürzlich vor dem Untergang gerettet worden ist. Das markante Gebäude im Rücken des Gemüsestandes stammt aus dem Jahr 1894 und gibt dem Ort einen ganz speziellen Charme. Und nebenan befindet sich der Bahnhof Wipkingen, ebenfalls mit einem markanten Gebäude. Dieses aus den 1930er-Jahren.
 
Es war noch nicht 8 Uhr geworden, als schon erste Kundschaft eintraf. Letizia machte mich auf 3 Personen aufmerksam, die schlurfend und schwankend daherkamen. Erschöpft vom Partyleben. Nach einer wilden Nacht sich mühsam vorwärts schleppend. Der Mann trug seine Frau oder Freundin auf den Schultern. Eine 2. Frau ging hinter ihnen her. Sie stillten ihren Hunger mit weichen Broten vom Stand. Letizia erzählte, dass solche Kundschaft auch zum Markt gehöre. Leute auf dem Heimweg, direkt aus den Clubs, fänden hier den ersten offenen Laden, um ihren Hunger, auch nach Vitaminen, zu stillen.
 
Danach verabschiedete ich mich. Vom Herumstehen war mir kalt geworden, während die beiden Frauen ihre Strickjacken schon längst weggelegt hatten. Die Vorarbeit hatte sie in Schwung gebracht. Mithelfen konnte ich nicht. Ich hätte ihnen höchstens im Weg gestanden. Alle Bewegungen sind eingeschliffen, ihre Freude an der Arbeit darin sichtbar. Beide tragen italienisches Temperament in sich. Das strahlt aus.
 
Ich hatte schon viele Geschichten gehört und die Begeisterung an dieser Arbeit bemerkt. Was wir als Konsumenten sehen und schätzen, ist aber nur die Vorderseite oder das Gegenwärtige. Zum Erfolg gehört auch eine immense Vorarbeit. Einerseits der Anbau, das Wachstum, die Ernte. Oder in den frühesten Morgenstunden der Einkauf in der Gemüsezentrale und später nach Marktschluss die Rücknahme und Weiterverteilung an Gaststätten oder Institutionen.
 
Ich bewundere den Unternehmergeist, die Risikofreude und alle, die in diesen Prozessen ihre Talente einbringen und mit Herzblut zusammenarbeiten. Die nicht müde werden, auch schwierige Kunden zu beraten und freundlich zu bedienen. Wie überall, gibt es am Marktstand auch die knauserigen und unentschlossenen Menschen und solche, die den Verkäuferinnen ihr Herz ausschütten. Am meisten wundert man sich am Stand über das andernorts verlorene saisonale Wissen, was wann geerntet werden kann.
 
Wie ich gehört habe, bekommen Kinder ein Rüebli (Karotte) geschenkt. Einige knabbern dieses sofort an, andere wünschen, dass die Mutter es schäle und wieder andere springen zum Brunnen, um es zu waschen. Einmal, so erzählte Letizia, seien 2 Buben mit ihrem Vater zum Einkaufen gekommen. Sie hätte ihnen je ein Rüebli geschenkt. Später kamen sie in Begleitung der Mutter. Dabei übersahen die Verkäuferinnen die Kinder. Darum wurden sie nicht beschenkt. Seither wollen sie nur noch mit dem Vater Gemüse einkaufen.
 
Letizia erzählte auch von einem Kind, das an den Stand gekommen sei und den Bestellzettel hinstreckte. Es hatte jedes Gemüse, jeden Salat und jede Frucht gut erkennbar gezeichnet und davor die gewünschte Anzahl geschrieben. Beeindruckend schön. Hoffentlich hat die Mutter diese Zeichnung für später aufgehoben.
 
An diesem Morgen, als ich dastand und zuschaute, erinnerte ich mich auf einmal an meinen Vater, der ebenfalls einen Gemüsehandel aufgezogen hatte, aber wegen des Ausbruchs des 2. Weltkrieges und dem befohlenen mehrmonatigen Militärdienst wieder aufgeben musste.
 
Als Erinnerung daran baute er dann später für meine 2 Jahre jüngere Schwester und für mich einen Marktstand zum Spielen in der Art, wie er in Wipkingen jeweils am Samstag zu sehen ist. Mit Kistchen aus Sperrholz und ebenfalls blau-weissem Stoffdach. Das Weiss am Dach in Wipkingen ist aber schon lange zu Grau mutiert.
 
Für alle, die sich für Wipkingens Geschichte interessieren, verweise ich auf die Homepage www.wipkingen.net
Historische Bilder“ und „Historische Geschichten“ sind besonders interessant und spannend.
 
Wipkingen war einmal ein eigenständiges Dorf. Es wurde 1893 von der Stadt Zürich eingemeindet.