Freitag, 22. Dezember 2006

Heiterer denn je: Glückwunschkarten als Zeitdokumente

Unter den persönlichen Weihnachtsbräuchen nehmen die Glückwünsche zu Weihnachten und Neujahr immer noch eine dominante Stellung ein. Das war schon in meinem Elternhaus so, auch wenn dort die Auflage der Kärtchen in Visitenkarten-Grösse viel kleiner ausfiel.

Damals wohnten wir noch im Zürcher Oberland. Dort besuchte die Vertreterin einer Druckerei die Familien und zeigte Anfang Dezember jeweils die neue Karten-Kollektion. Immer war das für mich ein emotionaler Moment, wenn sie ihr schwarzes Album durchblätterte und die verschiedenen Karten zeigte. Es waren Hufeisen und Marienkäfer, Kaminfeger, aber auch Glocken und Kapellen, die mir grossen Eindruck machten. Die Eltern wählten dann ein ihnen zusagendes Sujet, und der Drucker setzte unseren Namen dazu. Leider besitze ich kein solches Kärtchen aus dieser längst vergangenen Zeit, doch die inneren Augen können es immer noch sehen.

Primo und ich gestalten jedes Jahr eine eigene Glückwunschkarte. Er ist für das Bild, oft ein Holzschnitt, zuständig, und ich schreibe den Text. Sobald der Drucker die fertige Karte ins Haus geliefert hat, beginnt für mich die Weihnachtszeit. Einpacken, ausgewählte Briefmarken aufkleben und die Menschen, für die meine Post bestimmt ist, an mir vorbeiziehen sehen. Das beflügelt mich. Und da wir nicht allein sind mit dieser Tradition, erreichen auch uns Glückwünsche aus aller Welt. Dieser Brauch, einander schriftlich Glück und Segen zu wünschen, hält viele Kontakte wach. Und er ist Ausdruck unserer Kultur.

Seit 45 Jahren sammle ich diese Karten und Glückwunschbriefe. Es sind bereits 2 Truhen im Format alter Wäschetruhen gefüllt. Meine Töchter haben mir versprochen, die Sammlung nach meinem Tod weiterzuführen und sie dann einmal einem Museum zu übergeben.

Eine solche Sammlung ist selbstverständlich in erster Linie ein emotionaler Wert für mich. Sie drückt die Verbundenheit mit nahestehenden und befreundeten Menschen aus, die ebenfalls Weihnachten feiern und einem neuen Kalenderjahr Glückwünsche vorausschicken wollen.

Darüber hinaus kann die Sammlung für Aussenstehende als ein Zeitdokument betrachtet werden. Je älter sie wird, desto besser kann sie darstellen, mit welchen Illustrationen wir unsere Wünsche ausdrückten und was uns die beiden Feste am Jahresende bedeuteten.

Vom handwerklichen und drucktechnischen Standpunkt aus wird der Blick auf Papierqualitäten, Farben, Lackierungen, Gold und Silber fallen. Mir fällt auf, dass die Farben heiterer geworden sind. Es gibt Holz- und Linolschnitte zu finden, ebenso Karten mit Fadengrafik, die eine Zeit lang in Mode war. Und immer gibt es aus der Fülle eines Jahres eine Karte oder eine Aussage, die herausragt und einen eine Zeit lang begleitet. Mehr und mehr treten Glückwunschkarten von Hilfswerken auf. Diese haben Doppelfunktion. Sie bringen Festtagsgrüsse und der Erlös ihres Verkaufs ermöglicht, dass Menschen in Not geholfen werden kann. Solidarität ist zu einem starken Aspekt von Weihnachten geworden. Jetzt fällt mir gerade ein, dass die vielen Sammelbriefe eigentlich auch in eine Weihnachtskarten-Truhe gehörten.

Weiter können Handschriften ein spannendes Kapitel der Kartensammlung sein und die Briefmarken mit und ohne Weihnachts-Sujets darüber Aufschluss geben, wo die religiösen Motive noch selbstverständlich weitergetragen werden.

Nach meinem Empfinden verstanden es die Graphiker von einst besser, warme Gefühle und staunende Kinderaugen darzustellen.

In die Schatztruhen habe ich zu den einzelnen Karten-Jahrgängen auch Weihnachtsgeschichten aus Zeitungen oder Zeitschriften abgelegt. In letzter Zeit stelle ich fest, dass viele wiederkehren. Es entsteht nicht viel Neues zu diesem Thema. Es ist offensichtlich eine Scheu der traditionellen Weihnachtsgeschichte gegenüber entstanden. Auch in den Schaufenstern der grossen Warenhäuser von Zürich fehlen jetzt definitiv Bilder jener Geschichte, die Weihnachten zu Grunde liegt. (Früher ein Ort, wo Eltern die verschiedenen Etappen der Weihnachtsgeschichte mit ihren Kindern verfolgen konnten.) Offenbar haben junge Dekorations-Verantwortliche keinen Bezug mehr zu ihr. Was jetzt wichtig ist, ist Glamour, der persönliche Auftritt und die mit Glitzer und Glimmer gestaltete Ambience.

Das Titelblatt des „Tages-Anzeigers“ 24.12.2005 mit seiner Karikatur zu Weihnachten befindet sich auch in der Schatztruhe. Letztes Jahr erschreckte uns die Vogelgrippe. Unter diesem Einfluss sind Bild und Text zu verstehen. Im Stall haben sich Maria, Josef und das Kind gut eingerichtet. Es ist hell und sauber, und sie haben ausreichend Platz. Sie scheinen zufrieden. Auf dem Stalldach sitzen viele Engel eng beisammen und beschützen sie. Josef sagt erleichtert: „Wie gut, dass wir das Geflügel endlich wieder ins Freie entlassen konnten“ (Text aus der Erinnerung geschrieben).

Als ich zu sammeln begann, behielt ich nur die sogenannt schönen Karten, und das waren schlichte moderne oder solche mit einem tiefsinnigen Text. Sehr bald aber nahm ich alle auf, auch wenn es kitschige waren. An einem Fest wie Weihnachten soll sich der ihm eigene Zauber in vielen Geschmacksrichtungen ausdrücken dürfen.

Und jetzt wünsche ich übers Blog-Atelier allen Leserinnen und Lesern, wie es in einem alten Lied heisst „Frö-ö-ö-liche Weihnacht – überall“ und alles Gute für ein spannendes und menschenfreundliches Jahr.

Donnerstag, 14. Dezember 2006

Emmentaler Puppenhaus in der „rundumholz“-Schreinerei

Eine solche Arbeit ausführen zu dürfen, sei ein absoluter Glücksfall, eine grosse Seltenheit. Das war die Meinung aller, die das im Massstab 1:12 fertiggestellte Emmentaler Bauernhaus mit seinem traditionellen Walmdach sehen konnten.
Die Anlage beansprucht einen Platz von ungefähr 3 Metern Länge. 4 Dachteile können abgedeckt und einzelne Fronten ausgehängt werden, wenn alle Räume besichtigt oder vielleicht sogar das Puppenspiel in diesem Haus beginnen soll.
Der mit Rosen bewachsene Torbogen führt in den vorgelagerten Garten, der den richtigen Abstand zur prächtigen Hausfront schafft. Es wachsen da Gemüse und Blumen. Ein Baum scheint alles Wachstum beschützen zu wollen.
Auf der Wiese nebenan grasen Kühe. Und es springen Ziegen herum. Schwungvoll um die Linde herum angelegt, führt ein breiter Fahrweg nach oben in die Scheune. Sein geschlossenes Tor wirkt auf mich wie ein Gesicht.
Alle Details an diesem Bauernhof sind getreu nachgebildet, auch Innenarchitektur und Möblierung. Sprossen-Fenster, Fensterläden und Türen können geöffnet werden. Mit Taschenlampen leuchteten wir dort, wo die Fassade festgefügt war, durch Eingänge ins Innere und bewunderten Parkettböden und Täfer nach alter Manier. Die Erbauerin redete von „Tausenden liebevoller Details“, die sich hier aufgedrängt hätten. Es ist mir also unmöglich, sie alle aufzuzählen. Nur eines noch: Auf der Kommode stehen sogar die Hochzeitsfotos.
Wer bestellt ein solches Haus? Herr M. hat sich im Alter von 60 Jahren einen Kindheitstraum erfüllt. Auf Umwegen fand er zu „rundumholz“, brachte eine kleine Holzkuh mit und bestellte für sie den passenden Bauernhof. Und er wünschte, es solle ein Emmentaler Bauernhaus werden.
Zu den Vorarbeiten gehörten Forschungen in Büchern, aber auch solche vor Ort im Emmental selbst. Herr M. begleitete den Bau mit seinem Wissen und der ihm eigenen Begeisterung. Der Auftrag vergrösserte sich laufend.
Ihm ist zu verdanken, dass auch die Tierhaltung auf dem Hof richtig dargestellt ist. Es gibt hier Ställe und Futtertröge für die Kühe, für das Pferd, für die Schweine und Hühner. Ein liebenswürdiger Blickfang auch der Brunnen für die Tränke oder der Miststock, auf dem die Hühner ihr Futter finden. Es gehört zum Emmentaler Bauernhaus, dass Mensch und Tier unter dem gleichen Hausdach wohnen.
Christina Kundert durfte dieses Haus bauen. Sie wendete dafür mehr als 300 Arbeitsstunden auf. Sie und Claudia Furrer führen die Schreinerei und den Laden „rundumholz“. Sie sind Geschäftspartnerinnen, doch jede der Schreinerinnen betreue ihre eigene Kundschaft.
Kundert sagte, nur dank Furrer habe sie diese Arbeit vollbringen können, weil sie sich den normal anfallenden Arbeiten gewidmet habe. In diesem Sinne sei es Zusammenarbeit und Furrer habe demzufolge auch Anteil am Erfolg.
Die beiden Frauen arbeiten in einer mehr als 100-jährigen Schreinerei-Liegenschaft, zu der auch ein Laden für Schreinereizubehör gehört. Kundert sagte, sie habe die Werkstatt mit dem Laden übernommen, weil dieser doch nicht sterben dürfe. Er ist ein Original und hat den alten Charme bewahrt. In Fachkreisen ist er gut bekannt. Bei „rundumholz“ kaufen Schreiner und Heimhandwerker gleichermassen Grundprodukte für ihre Arbeiten ein. Getreu dem alten Leitsatz „Gute Arbeit mit guten Werkstoffen“. Das Schaufenster mit Blick in den Ladenraum wird viel beachtet. Fertige Arbeiten warten hier, bis sie abgeholt werden. Aber auch das Angebot hinter den Türen der verglasten Schrankfront fasziniert. Ähnlich könnte eine alte Apotheke ausgesehen haben. Allerlei Produkte (Leime, Lacke, Beizen) und vorfabrizierte Holzteile (hölzerne Griffe, Knöpfe. Kugeln usw.) liegen da bereit. Ebenso können hier verschiedenartigste Leisten eingekauft werden. Tausende von Einzelteilen in Schränken und Schubladen, auch hier. Vielleicht baut Christina Kundert eines Tages auch ihren Laden in Puppenhausgrösse nach.
Hier brennt das Licht am Abend auch über die Weihnachtszeit hinaus. Er ist ein richtiger Anziehungspunkt und wertet die eher graue Müllerstrasse in CH-8004 Zürich auf.
Die beiden Schreinerinnen erzählen mehr über sich und ihre Arbeit auf www.rundumholz.ch
Ein Gast sagte zu mir: „Dieses Puppenhaus sollte an einem Ort stehen dürfen, wo Gotthelf-Lesungen stattfinden.“ Die Nachbildung dieses traditionellen Emmentaler Bauernhofs löste auch bei anderen Gästen ähnliche Reaktionen aus. Die Geschichten des wortgewaltigen Albert Bizius, besser bekannt als Jeremias Gotthelf, lebten auf. Figuren aus verschiedenen Werken feierten an diesem Abend im Hause „rundumholz“ ihre Auferstehung.
Der Kunde, Herr M., der an diesem Abend zwar anwesend war, aber unerkannt bleiben wollte, nimmt nun das Werk zu sich. Es wird ihn glücklich machen. Christine Kundert aber muss Abschied nehmen. Das falle ihr nicht leicht, gestand sie mir im Gespräch. Es werde ihr fehlen.
Diese schöne und mit Liebe geschaffene Arbeit wird eines Tages gewiss noch eine weit grössere Aufmerksamkeit und Zuneigung erfahren, denn sie ist Trägerin einer alten Wohn- und Lebenskultur.

Montag, 4. Dezember 2006

Feuer und Flamme für Zürich und für die Freiwilligenarbeit

Heute Montagmorgen hatte ich gerade noch Zeit, den heute erschienenen Beitrag im Blogatelier zu lesen, bevor ich in die Stadt fuhr. Der beschriebene Besuch von Walter Hess in Zürich regte mich zu allerlei Gedanken an. Was hätte ich ihm und seiner Frau gezeigt, wenn wir uns getroffen hätten?
In Gedanken begleitete ich dann die (fiktiven) Gäste aus dem Aargau auf den Lindenhof. Ich wollte ihnen Aussicht und Übersicht vermitteln. Also gingen wir am Fraumünster vorbei nach St. Peter und hinauf zum Lindenhof. Gerade dieser Tage hatte mir ein Freund erzählt, dass der berühmte Geomantiker und Landschaftsheiler Marco Pogacnik hier oben auf diesem kleinen Hügel auf ein vital-energetisches Zentrum gestossen sei. Wie gut, das zu wissen.
Wir schauten einfach einmal aus. Zum Zürichberg hin, zu all den Gebäuden und Türmen. Zu den Spitalbauten, zur Universität, zur Eidgenössischen Technischen Hochschule ETH usw. Auch die verwinkelten Hausdächer mit ihrem Charme faszinierten uns. Und natürlich der Lauf der Limmat und der Blick über sie Richtung See. Auf das selbstbewusste Grossmünster musste nicht speziell verwiesen werden. Es steht da und alle wissen: Das ist es.
Wir standen hier oben der Predigerkirche, die im Niederdorf angesiedelt ist, direkt gegenüber. Und da konnte ich ausführlich erzählen: In dieser Kirche gehöre ich zum so genannten Präsenzdienst. Das heisst, ich hüte die Kirche. Ich bin die erste Ansprechperson für Frauen und Männer, die hieher kommen, um etwas zu fragen oder zu plaudern oder sich in der Stille zu erholen. Für Menschen in seelischen Nöten stehen Seelsorger zur Verfügung. Ich beantworte Fragen zu Gottesdiensten oder zur Kirche, Fragen auch, die Touristen stellen. Die bewegte Geschichte dieses Orts ist oft ein Gesprächsthema. Auch Fragen zur Bibliathek (so heisst sie), die zur Verfügung steht. Eine Lese-Insel, reich an deutsch- und fremdsprachigen Bibelübersetzungen, modernen Nachschlagewerken sowie wissenschaftlicher Literatur stehen zur Verfügung. Und moderne Polstermöbel dazu. Kinder können auf kleinen Stühlen und an passenden Tischen die schönsten illustrierten Kinderbibeln und auch sonstige Kinderbücher anschauen. Randständigen, die um Almosen betteln, kann ich Gutscheine fürs Essen abgeben. In Notfällen auch für eine Übernachtung.
Ich habe eine Wächterfunktion, ähnlich der in einem Museum. Je nach Dienstzeit öffne oder schliesse ich die Kirche. Es sind Lichter und Kerzen anzuzünden oder auszulöschen. Am Abend gilt es Kontrollgänge zu machen, damit niemand eingeschlossen wird.
Ich sitze an einem alten, langen Refektoriumstisch, auf dem meist frische Blumen stehen und eine Kerze brennt. Vor mir das Telefon für Notfälle und ein Ordner mit wichtigen Adressen und Hinweisen. Hier fühle ich mich wohl und am rechten Platz. Ich schätze Kontakte, höre zu, was die Mitmenschen beschäftigt. Oft kann ich nicht helfen, kann ihre Probleme nicht lösen. Aber ich spüre immer wieder, was Zuhören bewirken kann. Die Menschen, die ihre Sorgen aussprechen dürfen, hören sich selber zu und ordnen oft ganz von allein verworrene Gedanken und gehen etwas erleichtert weiter.
In dieser evangelisch-reformierten Predigerkirche weht ein guter, offener Geist. Es arbeiten hier auch katholische Christen. Wir sind etwa 45 Personen, die diesen Dienst tun. Zum Präsenzdienst gehören auch katholische Nonnen, und die ökumenische Seelsorge für Menschen in Not wird von Pfarrern beiderlei Geschlechts und auch von katholischen Ordensleuten getragen.
Es besteht eine Zusammenarbeit unter den Konfessionen. Das gefällt mir speziell. Es weht hier ein offener Geist. Das spüren sogar Touristen.
Morgen, am 5. Dezember 2006, dürfen wir Freiwillige feiern. Es wird der internationale UNO-Tag der Freiwilligen begangen. „Feuer und Flamme“ ist sein Thema. Die Freiwilligen aus der Predigerkirche und dem Grossmünster treffen sich mit jenen aus dem Universitätsspital und dem Bewährungsdienst. Es ist eine ökumenische Feier geplant, mit der die Freiwilligenarbeit gewürdigt, aber auch auf sie aufmerksam gemacht werden soll.
Das Programm: Beginn der Feier um 17.30 h im Grossmünster, anschliessend Apéro um ein wärmendes Feuer auf dem Zwingliplatz. Es werden mitwirken: Der afrikanische Chor von der Mission catholique de langue française, alt Nationalrätin Angeline Fankhauser, 4 Freiwillige und Pfarrerin Käthi La Roche.
Zum Abschluss meines fiktiven Besuches umrundeten wir noch das Areal der Predigerkirche und der Zentralbibliothek. Wir wählten den Weg via Mühlegasse, durch die Predigergasse, dem neuen Zentralbibliothek-Gebäudes entlang und schauten auf den Bibliotheks-Hof mit seinen Zeugen aus allen Bauepochen vom einstigen Dominikanerkloster bis zur heutigen Kirche. Die Rückkehr ins Niederdorf mit Blick zu den niederen Häusern liess uns beinahe vergessen, dass wir uns in der Grossstadt Zürich befinden.
Herzlich willkommen ein andermal!

Dienstag, 28. November 2006

Zürich: Der Weihnachtsglanz und das Leben in Armut

Die Vorweihnachtszeit breitet sich aus. An den Adventskalendern werden ab 1. Dezember die Türen geöffnet. Heute sind es manchmal auch Fächer, die zum Vorschein kommen, denen ein kleines Geschenk entnommen werden kann.
Anders früher. Da war alles viel bescheidener und die geheimnisvolle Adventszeit noch ganz unter dem Thema Warten und Vorbereiten zu erleben. Heute, in einer Zeit grosser Beschleunigung, wird der Advent mit intensiver Lichterfülle und vielen verlockenden Veranstaltungen eingefahren, als wären wir schon am Ziel.
Es gibt wieder viel zu bewundern. Die Kreativität schlägt Purzelbäume. Manche umgesetzte Idee fasziniert mich. So auch die Schaufenster des Modehauses Grieder Les Boutiques (früher Seidengrieder) an der Zürcher Bahnhofstrasse. Wo normalerweise vornehme Kleider ausgestellt sind, türmen sich jetzt in allen Fenstern nur rosa und hellbau angestrahlte Glas- oder Plexiglaskugeln, die aus einem Märchenbuch vom Himmel gefallen sind. Aus diesem Kugelberg bewegen sich Symbole aus der Märchenwelt auf und ab. Das wird den Kindern gefallen. Das Spinnrad, der grosse Ring mit funkelndem Stein, die Siebenmeilenstiefel, das Königsschloss usw. Diese Traumwelt ist packend dargestellt. Träume und Schäume, dachte ich sofort, als ich das sah.
Können sich Menschen, die von grosser Armut betroffen sind, an solchen Darstellungen auch freuen? Diese sind ja eine Art Geschenk an die Passanten, eine Art Theater, eine kurze Entführung in die Märchenwelt. Oder macht ihnen das grosse Weihnachtsgeschäft noch schmerzlicher bewusst, wie sich die Kluft zwischen Arm und Reich weiter ausbreitet? Darüber sinniere ich jetzt, nachdem ich die Bild-Ausstellung im Sozialzentrum Albisriederhaus* angeschaut habe. Da ist die Armut das Thema. Die ausgestellten Linol- und Holzschnitte gehören später in eine Wanderausstellung der Bewegung „ATD Vierte Welt“ mit dem Titel „Armut – Leben in Würde, ein Menschenrecht.“
Die Bilder sind sehr ausdrucksstark und offensichtlich unter künstlerischer Anleitung entstanden. Sie liessen mich etwas schauen, das ich als tief weihnachtlich empfinde. Es ist ein Wissen um die wahre Mitmenschlichkeit, auf die die Betroffenen warten und hoffen. Zu einem Familienbild z. B. heisst es: „15 verschiedene Spezialisten wollten unsere Probleme regeln, obwohl sie uns kaum kennen. Jedesmal, wenn es läutet, hoffe ich, dass ein Freund vor der Tür steht.“ Die Familie, die hier gesprochen hat, ist im Bild in einem fahlen, gelben Licht gedruckt. Rund um diese Mitte sind richtungsweisende, also befehlende und farblich kontrastierende Hände eingekerbt.
Oder zu einem anderen Bild steht geschrieben: „Meine Nachbarin suchte einen Platz für einen hilfsbedürftigen Menschen. Ich schlug vor, dass er bei uns wohnen könne. Wir haben ja ein freies Zimmer. Aber da sagte man uns: Sie haben ja selber nicht genug Geld. Ich sagte, ich habe genug zum Leben. Es reicht. Man versteht nicht, dass auch jene, die wenig haben, helfen können.“
Zu den prägenden Eindrücken meiner Kinderzeit gehörten im Advent die Engel mit den Spruchbändern, auf denen vom „Frieden den Menschen auf Erden“ zu lesen war. Darum hat mich wohl die Definition des „Friedens“, aufgeschrieben von einer von Armut betroffenen Person, sofort angesprochen:
„Frieden bedeutet, dass die Familie trotz Armut zusammen bleibt, dass unsere Kinder zu essen haben und nicht bei den Nachbarn betteln müssen;
dass wir keinen Hass und keine Bitterkeit in unserem Herzen haben;
dass ich andern helfen kann;
und dass wir mit unseren Nachbarn und anderen Leuten gut auskommen.“

*Die Ausstellung im Sozialzentrum Albisriederhaus, Albisriederstrasse 330, 8047 Zürich
war bis zum 13. Dezember 2006 offen.

Dienstag, 21. November 2006

Stille und laute Gäste im Altersheim-Café Limmat, Zürich

Eigentlich wollte ich in diesem Blog von Menschen erzählen, die mir im Café Limmat in Zürich 5 begegnet sind. Nach einem Versuch habe ich das wieder verworfen. Es ging da um einen Mann und eine Frau, die ihre Mutter und Schwiegermutter (so vermute ich) im Altersheim besuchten. Sie führten sie im Rollstuhl ins Café, kontrollierten ihr Äusseres, fragten nach, wann und ob ein Coiffeur-Besuch vorgesehen sei. Die Frau zupfte noch ein paar Haare von der Schulter der alten Mutter, nachdem sie in deren Haare gegriffen und sich überzeugt hatte, dass ein Haarschnitt zwingend sei.
Ich wartete auf Frauen, die ich hier treffen wollte, und mein Sitzplatz befand sich diesen Menschen unmittelbar gegenüber. So wurde ich ins Geschehen einbezogen. Ich wunderte mich, wie alle so genannte Zuwendung nur den Äusserlichkeiten galt. Keine Herzlichkeit, keine Nachrichten von draussen, kein Humor, keine Geschichte, kein Familienklatsch. Wie kalt! Da kann ich die Südländer verstehen, die uns Schweizern den Familiensinn oft absprechen.
Und die alte Mutter gab wie ein Schulkind Antwort auf die oben erwähnten Fragen. Sie hörte also gut, trug ein Hörgerät. Auf sie kann die Kommunikationsschwäche nicht abgebucht werden.
Wie traurig, wenn eine Mutter nicht auch im Herzen besucht wird.
Die alte Frau war trotzdem heiter und aufmerksam anwesend. Ich vermute, dass sie auf eine kleine Überraschung wartete, die aber nicht eintraf. Gleichwohl ging von ihr ein Friede aus. Ihr Gesicht leuchtete. Mir fielen auch die schönen Linien in ihrer Stirne auf.
Das zu beschreiben, habe ich vorhin versucht. Der Entwurf hat mir aber nicht gefallen. Meine Töchter hätten dazu sicher gesagt, er sei oberlehrerhaft. Also habe ich nochmals begonnen und das Thema anders aufgerollt. Ohne Schlussfolgerung.
Aber etwas möchte ich doch noch anfügen: Als die Frauen, mit denen ich mich verabredet hatte, hier ankamen, entwickelte sich das Gegenteil der stummen Kommunikation. Jetzt waren vier ehemalige Mitschülerinnen aus verschiedenen Ausbildungsstufen nach Jahren wieder einmal beisammen und hatten viel zu erzählen. Unsere Lebensgeschichten erwiesen sich als unerschöpflich. Gut vorzustellen, dass jemand, der uns zuhörte, denken konnte: Reichlich Stoff für ein Blog im Textatelier.com.

Montag, 13. November 2006

Handgemachte Räbenlichter für die dunkle Jahreszeit

Der Zug mit den Lichtern wird jedes Jahr grösser. Junge Familien schätzen die Räbenlichter-Umzüge mehr und mehr. Es ist eine besinnliche Manifestation, die in Zürich im November in vielen Quartieren ihre Tradition hat.

Da werden dann die Strassenlichter für die Dauer des Umzuges gelöscht. Verantwortliche aus den Quartiervereinen gehen mit Fackeln voran. Kinder in Begleitung der Eltern tragen die ausgehöhlten und mit Schnitzereien dekorierten, an Schnüren hängenden Räben (eine Sorte von Futterrüben) durchs Quartier. In ihnen brennt ein Licht. Die Feuerwehr ist dabei, und was uns allen immer ganz gut gefällt, sind jene Passagen auf sonst stark befahrenen Hauptstrassen, die für die Umzugsdauer nur den Fussgängern gehören dürfen.
Diesmal waren die Enkelkinder aus Paris angereist. Mena, die 4-Jährige, durfte ihre mitgestalteten Lichter tragen. Der Grossvater schnitzte nach ihren Vorgaben die Motive in die Räbenhaut. Einige der Dekorationen nannte Mena „artifices“, Kunstgebilde. Es gehörten wie immer Sonne, Mond und Namen dazu, aber auch Häuser, Bäume, Blumen. Mit einem Bleistift stupfte Mena winzig kleine Löcher in die Haut und brachte zu unserem Erstaunen einen strahlenden Sternenhimmel hervor. Letizia faszinierte uns mit einem Schneestern, den sie mit Hilfe einer Guetzliform (Gebäck-Ausstechform) auf die Räbe zauberte. Der Kinderwagen der kleinen Nora wurde auch mit Räbenlichtern dekoriert.
DieTee-Lichter in den ausgehöhlten Räben brachten ganz allgemein wieder viele Kunstwerke zum Leuchten. Da immer auch Mütter und Väter aus fernsten Ländern mitmachen, kommen neue Ideen dazu. Räbenlichter können nicht fertig gekauft werden. Sie müssen selber geschaffen werden. Gemeinschaftszentren bieten Hilfe an. Auch in Jugendgruppen werden Kinder angeleitet. Wir bewunderten auch diesmal wieder viele Techniken und sammelten Ideen fürs nächste Jahr. Die Räbenlichter-Tradition ist wirklich ein kulturelles Ereignis und mobilisiert die Phantasie.

Als ich heute Abend wieder am Röschibachplatz vorbei kam, war es dort ganz still, unwirtlich und dunkel. Es regnete. Hier stand der Umzug letzte Woche still. Eine Jazz-Band steigerte die Festfreude. Die Kinder staunten. Es war ein Zauber auszumachen.

Die Räben wurden selbstverständlich nach Gebrauch nicht fortgeworfen. Jetzt hängen sie am Balkon von Letizias Wohnung, wo der Umzug jedes Jahr durchkommt. Zwei sind in unserem Garten an Ästen der Kiefer aufgehängt und werden jeden Abend mit neuen Lichtern gefüllt. Obwohl bereits etwas geschrumpft, erfüllen sie weiterhin ihren Auftrag, Licht in die dunkle Jahreszeit zu bringen.

Freitag, 10. November 2006

La goutte d’or: Soziotope urbaner Kultur Zürich – Paris

Das Wort „Soziotope“ gefällt mir, und wo ich es erstmals gelesen und gleichzeitig umgesetzt erlebt habe, zeigte es mir seinen Inhalt.
Es besteht eine Stadtteilpartnerschaft zwischen Paris 18 („La goutte d’or“) und dem Zürcher Aussersihl-Quartier. Und aus ihr resultieren gegenseitige Ausstellungen und kürzlich ein Konzertabend mit Kindern aus den beiden Städten. Kinder aus über 20 Nationen sangen Lieder und musizierten, denn beide Quartiere sind multikulturelle Orte. Aus Paris unter der Leitung von Patrick und Louise Marty, aus Zürich von Sacha Rüegg.
Das Programm umfasste sogar einen „Blues de la goutte d’or“, die von den Pariser Kindern selbst kreiert worden sei. Zürich eröffnete das Konzert mit einem eigenen Rap und demonstrierte gleich zu Beginn das für die französischen Ohren vermutlich wie Kauderwelsch anzuhörende Schweizerdeutsch. So ging es hin und her. Zuerst die Chöre nach ihrer Herkunft einzeln, im zweiten Teil dann gemeinsam. Auch Joe Dassins „Oh Champs Elysées“ war zu hören und riss das Publikum mit. Packend dann alte Kinderlieder aus der Schweiz mit Jodel-Refrains und ganz eindrücklich der über 65 Jahre alte und an diesem Abend auferstandene, durchlüftete Schlager „Nach em Räge schiint d Sunne“ (Nach dem Regen scheint die Sonne). Da zeigte es sich, dass auch Weltstadtkinder begeistert jodeln können.
Auch das Konzert jener Kinder, die in der „Goutte d’or“ Musikunterricht erhalten, beeindruckte. Einen Riesenapplaus bekam der junge Trompeter, dessen unverfälschte, starke Töne weit ausstrahlten und über unsere Rücken rieseln liess.
Pfarrer Anselm Burr, der die Gäste in seiner Citykirche, dem „Offenen Sankt Jakob“ auftreten liess, steuerte noch eine Geschichte zu den Darbietungen bei. Er erzählte den Kindern, dass in dieser über 100 Jahre alten Kirche eine Persönlichkeit ganz zurückgezogen lebe und eine wichtige Aufgabe erfülle. Sie sei aber scheu, ängstlich und verletzbar und er wisse nicht, ob sie ihm den Wunsch erfülle, sich den Gästen kurz zu zeigen. Er bat uns, die Augen zu schliessen und nach einem Zeichen diese langsam und blinzelnd wieder zu öffnen. Da war dann eine Kerze entzündet und Burr lüftete das Geheimnis. Es sei die Stille, die hier lebe und vor der wir uns und unsere Darbietungen hören können. Sie ermögliche uns aber auch, in der Stille die Stille zu hören.
So habe ich das verstanden. Den französisch sprechenden Kindern wurde das Geheimnis in ihre Sprache übersetzt.
Aus der eigenen Jugend weiss ich, dass solche Erfahrungen prägend sein können. Musik als Mittelpunkt, Treffpunkt von Kindern und jungen Menschen verschiedenster sozialer Herkunft. Gemeinsame Erlebnisse. Gemeinsame Anstrengungen. Gemeinsames Unterwegssein. Das alles ist Horizont erweiternd, Gemeinschaft fördernd und offensichtlich Bestandteil der sozitopischen Kultur.
Ich danke allen, die solches ermöglichen. Den an diesem Abend Sichtbaren und offensichtlich von einem Charisma Begleiteten, aber auch jenen wichtigen Mitarbeitenden, die im Hintergrund wirken, wie es die Stille tut.

Dienstag, 31. Oktober 2006

Wenn die Mutteraufgabe als Beruf anerkannt wäre ...

Auch ich verfolge die Diskussionen um die Mütter, um das „Eva-Prinzip“ (Buchtitel), wie es Eva Herman mit ihrem Buch in die Welt gesetzt hat. Ich kann mir gut vorstellen, wie viel Unsicherheit jetzt wieder gesät wird.
 
Und ich erinnere mich an Beatrix, an eine Familienmutter zwischen 45 und 50, die mir im Frühjahr einmal erzählte, wie erschöpft und unglücklich sie sei. Neben ihren 3 Kindern im Primarschulalter hatte sie noch eine Freiwilligenarbeit in einer sozialen Institution übernommen und ihre Kräfte überschätzt. Eigentlich ist sie eine Bilderbuchmutter, die es schätzt, der ganzen Familie ein wohliges Zuhause zu schaffen. Das würde ihr grundsätzlich genügen, sagte sie mir. Aber sie fühle sich minderwertig, wenn sie in Gesellschaft keine Arbeit ausser Haus vorweisen könne. Sie weinte, als sie mir ihre Probleme schilderte.
 
Gestern habe ich sie wieder getroffen. Ich fragte nach, ob es immer noch weh tue, wenn die dumme Frage „Was machst denn Duuu?“ gestellt werde. Sie habe jetzt einen Ausweg gefunden, sagte sie verschmitzt. Sie antworte nun meistens : „Ich bin pensioniert und muss nicht mehr arbeiten.“ Da sei das Gegenüber dann irritiert und sie von weiteren Fragen erlöst. Da stimmt doch etwas in unserer Gesellschaft nicht, wenn sich solche Ausweichmanöver aufdrängen.
 
Am 27.10.2006 gesellte sich noch eine weitere Stimme, diesmal aus dem „Tages-Anzeiger“, zu den Aussagen von Beatrix. Im Beitrag „Die kurze Kinderphase geniessen“ las ich von einer jungen Mutter, wie ich solche Erfahrungen aus meinem eigenen Leben auch kenne: „Man wird nur über den Beruf wahrgenommen. Wenn ich an irgendeinem Anlass jemandem erzähle, ich sei Mutter und nicht arbeitsfähig, dann stoppt das Gespräch. Niemand fragt mich, welches Buch ich lese oder ob ich Hobbys habe.“
 
Diese Haltung, oft unter den Frauen selbst, ist in meinen Augen das grössere Problem als die Entscheidung eines Paares, wie Broterwerb und Familien-Management aufgeteilt werden. Es schafft seelischen Druck und schwächt das Selbstwertgefühl.
 
Es sollte sich in unserer Gesellschaft ein offeneres Denken entwickeln, in dem viele Variationen von Lebens- und Familienentwürfen Platz haben. Wir alle sind gefordert. Es gibt nicht nur eine gültige Entscheidung. Je mehr wir uns selber sein können, sind wir echt und stark. Dann fällt es auch leichter, die Verantwortung für unsere Entscheidungen selbstbewusst zu tragen.

Sonntag, 22. Oktober 2006

Folgen des Lichts: Schatten in Zürich und Ombres in Paris

Herbstnachmittag an der Zürcher Bahnhofstrasse. Die Sonne hat uns auch in der Stadt erreicht. Die Luft ist dunstig. Die tief stehende Sonne blendet. Die Menschen, die mir entgegenkommen, kann ich gar nicht richtig wahrnehmen. Sie sind verschwommen.

Aber ich werde aufmerksam auf die Schatten. Das Trottoir ist wild bevölkert von ihnen. Sie verdichten sich, gehen übereinander und wieder auseinander. Ich erkenne, kurze Augenblicke lang, Silhouetten von Köpfen, Körpern, Taschen, auch Veloräder machen an diesem Meeting mit.

Als Kinder sprangen wir unseren eigenen Schatten nach und konnten sie nie erreichen. Aber in jenen der Freundin hinein hüpfen, das gelang. Der eigene Schatten ist untrennbar an uns gebunden. Er ist eine Abbildung von uns, wenn auch abstrahiert oder verzerrt.
Die Ausstellung „Schatten für Kinder (be)greifbar“, hat mich für dieses Thema eingenommen und begleitet mich seither, wie es eben nur der Schatten tun kann. Er ist immer da, wo auch das Licht anwesend ist. Die Aufmerksamkeit den „ombres“ (Schatten) gegenüber, bereichert seither alle Wahrnehmung. Ich besuchte die Installation im Pariser Park de la Villette mit der 4-jährigen Mena. Zu Hause inszenierten wir an den folgenden Abenden dann im dunklen Korridor „ombres“ und kleine Schattenspiele mit Hilfe einer Taschenlampe.

„Ombres“ ist in meiner Familie nun ein geflügeltes Wort, hat eine ähnliche Wirkung wie das überrascht gerufene „Obacht!“. Unsere Beobachtung ist reicher, seitdem wir den Schattenwurf bewusster wahrnehmen und einander zeigen.

Wenn ein Phänomen für die Kinder fassbar dargestellt ist, finden auch Erwachsene leichten Zugang. Das habe ich erlebt und viele, vor allem faszinierte Väter, gesehen. Mena war besonders angetan von der weissen Wand, vor die man sich stellen und bewegen konnte. Sekunden danach zeigte sich darauf die eigene Silhouette, die alle vorgängigen Bewegungen in einem Gesamtbild vereinigte. Auch das gute alte Schattentheater war ein Anziehungspunkt. Mir ist die Darstellung, wie sich die Schatten auf unebenem Grund anpassen, in besonderer Erinnerung geblieben.

Im Ausstellungsprospekt heisst es zu diesem Thema: „Eine Ausstellung zur Beobachtung und zum Experimentieren mit den Phänomenen des Schattens, dem Schlüssel grosser wissenschaftlicher Entdeckungen und der Inspirationsquelle der Kunst.“

Ich bin gespannt, was ich aus diesem Thema noch alles schöpfen werde.

Hinweis
Die Ausstellung kann noch bis Dezember 2006 besucht werden. Adresse: Cité des sciences et de l’industrie, Parc de la Villette, 30, Avenue Corentin-Cariou, 75019 Paris.

Samstag, 14. Oktober 2006

Zürcher Multikulti-Stadtkreis 4: Die Madonna in der Barke

Velofahrt zum Helvetiaplatz. Der Morgen feucht, frisch. Nebel verhangen. Doch je näher ich dem Escher-Wyss-Platz komme, durchdringt die Sonne die Nebeldecke. Nur ein dünner Schleier bleibt zurück und verzaubert das Licht, das uns erreichen will. In feinste Partikel gebrochen, glitzert es jetzt rund um den Feuerball. Der Morgen beschert mir schon ein Schauspiel. Gratis. Ich frage mich, ob solche Lichtspiele zur Fata Morgana gehören. Und weiter gehts.
 
Der Markt auf dem Helvetiaplatz ist bereits belebt. Ich stelle mein Velo hier ab und gehe zu Fuss weiter. Da begegne ich einem jungen Mann, der aus einem Hof heraus kommt. Seine Kleider sind etwas schmuddelig, sein Gesicht umso heiterer. Vor einem parkierten Auto stoppt er, schaut sich im Fenster an, stellt die Mappe ab, zieht den Kamm aus der Hosentasche, kämmt sich, grüsst mich freundlich und geht beschwingt weiter. Ein Lebenskünstler? Vielleicht.
 
Auf dem Weg in unsere Werkstatt, die sich in diesem Umfeld befindet, entdecke ich an der Müllerstrasse die „Madonna in der Barke“. So nenne ich jetzt die Figur, die an der Hauswand des bei jungen Leuten beliebten Szene-Lokals „Daniel H“ angebracht ist. Die Hälfte einer hölzernen Barke simuliert ein gotisches Fenster. Auf einem Tablar im Bug-Bereich steht die blau und weiss gekleidete Madonna mit ihren offenen, schenkenden Händen. Frisch und unberührt erscheint sie im Kontrast zur Oberfläche des Schiffs. Dieses ist lindengrün gestrichen, aber vom Gebrauch arg zerschunden. An den abgewetzten Kanten schaut die darunter liegende Farbe, ein kräftiges Rot, hervor. Die Hausmauer ist in Rosa gehalten. Es wachsen hier auch kleinere Büsche. Eine Idylle. Es ist auch Licht installiert. Ich muss einmal an einem Abend hier vorbeikommen.
 
Wo hat dieses kleine Schiff seinen Dienst getan? Auf dem Mittelmeer? Einem Fischer gedient, der mit vielen Gefahren umgehen und in der Not auf die Madonna vertrauen gelernt hat. Ist es vielleicht ein Nachfahre, der dieses Gefährt vom Grossvater übernommen und in ein Land entführt hat, das keinen Meeranstoss kennt? Wie dem auch sei: Die Installation hat etwas Unaufdringliches, aber Authentisches an sich, ist nicht kitschig. Ein Wurf. Sie berührt mich und ich vermute, nicht nur mich.
 
Der Stadtkreis 4 ist einfach immer wieder für eine Überraschung gut.

Samstag, 7. Oktober 2006

Nachbars Katze, die ihre Beute am Limmat-Ufer fand

Ich sass am Esstisch, schaute in den Garten, trank den Morgenkaffee. Nachbars Katze sprang diagonal über unsere kleine Wiese und schwang sich wie ein Tiger über das niedere Gartentor. Schwupp. Zwischenlandung auf dem schmalen Weg, der unsere Gärten trennt und nochmals Schwupp über das gegenüberliegende Gartentor, dorthin, wo sie zu Hause ist. Ich hatte ihre Sprünge fasziniert beobachtet und bemerkt, dass sie eine Beute in der Schnauze trug. Eine grosse Beute, die ich aber nicht erkennen konnte. Keine Maus, keine Ratte. Diesen Fang wollte sie sicher ihrer Familie zeigen. Zeitung lesend, vergass ich das Gesehene. Doch Minuten später war sie wieder da, muss also mit gleicher Eleganz wieder ihre Sprünge vollführt haben.
 
Jetzt sehe ich das Beutetier mitten in unserer Wiese: Ein Erpel (männliche Ente). Verletzt ist er, versucht aufzufliegen, streckt seinen Hals, wie nach Atem ringend, in die Höhe. Will er vielleicht seine Verwandten zur Hilfe rufen und kann es nicht mehr? Ein Anblick, der traurig stimmt. Die Katze ist jetzt etwas zur Seite gewichen, hält aber die Ente in Schach. Wie ein Urzeiger wechselt sie ihren Platz. Einmal ist die Stunde voll, dann Viertel nach, dann die halbe Stunde, Viertel vor usw. So wandert der Räuber im Kreis herum. In der Mitte die geschundene Ente, die nicht fliehen kann.
 
Als ich die Nachbarin ansprechen kann, ist sie entsetzt. Sie erkundigt sich sofort bei einer Fachstelle für Wasservögel, was zu tun sei und dirigiert die Katze ins Haus zurück. Nicht mehr verfolgt, watschelt die Ente sehr langsam durch das nun offene Gartentor und erreicht innerhalb einer halben Stunde die Hauptstrasse. Fliegen kann sie nicht mehr. Inzwischen wissen wir, dass ihr Ende gekommen ist, dass Katzenbisse tödlich wirken. Dieser Ente hat vielleicht schon vorher etwas gefehlt, dass sie überhaupt gefangen werden konnte. So tröste ich mich.
 
Solche Kämpfe finden täglich zu Hunderten und unbeobachtet statt. Wir denken nicht daran. Aber wenn sie im eigenen Garten stattfinden, kann diese schonungslose Seite an der Natur nicht ausgeblendet werden.
 
Ich sehe Parallelen zu den Machtkämpfen der Menschen. So ist das Leben. Kampf und Leiden sind inbegriffen.

Dienstag, 3. Oktober 2006

Audiagogin erläuterte Bau und Funktion unseres Gehörs

Das habe ich nicht erwartet, dass ein Referat mit dem Titel „Ganz Ohr“ mein Gehör so stark sensibilisieren könnte, dass ich plötzlich Hintergrundgeräusche und das, was ich wirklich hören will, viel besser auseinander halten und Stille umfassender geniessen kann. Es geschah ohne irgendein Training, allein als Folge eines anschaulichen und spannenden Referats. Frau Gigi Ménard, dipl. Audiagogin (Schwerhörigenlehrerin), sprach im Turmzimmer der Zürcher Predigerkirche über das Hörorgan als das sozialste Sinnesorgan und wie wir Hörstörungen besser verstehen können.
 
Alle Erläuterungen liessen sofort eine grosse Ehrfurcht aufkommen. Ein Staunen über dieses Wunderwerk aus dem Zusammenspiel von Aussen-, Mittel- und Innenohr. Daran beteiligt war ein handliches Rechteck aus durchsichtigem Kunststoff, in dem die 3 Gehörknöchelchen (Hammer, Amboss und Steigbügel) eingegossen waren. Dieses in Händen zu halten, liess Grösse, Perfektion und Vollkommenheit erfassen. Aber noch mehr faszinierte mich die Gehörschnecke vom Ausmass einer kleinen Erbse aus dem Innenohr.
 
Hörstörungen können entstehen, wenn in den Gängen dieser winzig kleinen Schnecke Nervenfasern absterben. Dann findet der eintreffende Ton seine ihm eigene Frequenz nicht mehr. Solche nicht mehr ansprechbare Vokale werden dann anders wahrgenommen. Ein „i“ werde als „u“ und ein „e“ als „o“ gehört. Es nützt also nichts, wenn wir mit Schwerhörigen besonders laut reden und meinen, sie müssten uns doch verstehen. Die Hörbehinderung wird nur noch mehr bewusst.
 
Verständlich wird, dass uns alte Menschen manchmal erstaunt und fragend zuhören, aber nicht zugeben wollen, dass sie uns nicht verstanden haben. Aber da liegen dann die Missverständnisse begründet. Wer einfach ja sagt, um nicht eingestehen zu müssen, dass er oder sie nicht verstanden hat, stimmt vielleicht etwas zu, was gar nicht gewollt ist. Hören und verstehen gehören unabdingbar zusammen. Fehlt das Verstehen, ist eine Person von den andern abgetrennt, also in der Isolation und kann weder über ihr Befinden etwas mitteilen, noch irgendwelche Gedanken austauschen.
 
Ein Hörgerät kann Isolation verhindern. Auch die Referentin bedient sich einer solchen Hilfe, hat sie frühzeitig akzeptiert und wird gerade darum als kompetent und als Vorbild wahrgenommen. Schwerhörigkeit könne übrigens vererbt werden.
 
Als ich dieser Tage im Kanton Nidwalden mit einer Seilbahn wieder ins Tal zurückfuhr und mein linkes Ohr noch mit dem Druckausgleich beschäftigt war, hörte ich eine Weile nicht mehr gut. Diesmal nahm ich den Vorgang ganz bewusst wahr und freute mich, als das Ohr wieder offen und für alle Schwingungen normal zugänglich geworden war. Und ich stellte mir vor, welche Teile an meinem Gehör gerade Schwerarbeit geleistet haben.
 
Und was Frau Ménard noch unterstrich: Das Aussenohr sei grundsätzlich selbstreinigend. Niemand solle mit Wattestäbchen, Zahnstochern, Stricknadeln oder ähnlichen Werkzeugen in ihm herumstochern. Der kleine Finger allein genüge für die Reinigung. Es reiche, wenn wir nach dem Bad oder der Haarwäsche den Kopf zur Seite neigen, das Ohr am Läppchen leicht ziehen und leicht ausschütteln. Zu viel Reinigung ist schädlich, regt nur übertriebene Schmalzproduktion an.
 
Mehr Informationen bei www.pro-audito.ch

Mittwoch, 20. September 2006

Pariser Hinterhöfe: „Geteilte Gärten“ und exotische Bäume

Die Frühstücks-Lektüre von heute führte mich – schwupps – nach Paris. Der „Tages-Anzeiger“ berichtete heute von den „Geteilten Gärten“, die in der Seine-Stadt nun zum Kult geworden seien.

Brach liegende Parzellen werden nach diesem Bericht seit 2001 als Gärten genutzt, sind Alternativen zu den bekannten Parkanlagen und beleben Hinterhöfe und ungenutzte, noch nicht zubetonierte Grundstücke. Das System scheint einfach: „Wer einen ‚Geteilten Garten’ will, muss ein Stück Land finden und einen Verein gründen. Die Stadt liefert die Erde, den Zaun und den Wasseranschluss“, heisst es in diesem Aufsatz vom 20.9.2006. Die Bezeichnung „geteilt“ verstehe ich dahin, dass nicht einer allein einen solchen Garten erblühen lassen kann.

Das schöne Bild zur Reportage zeigt einen farbigen, wild romantischen Gartenfleck, umgeben von typischen Pariser Wohnhäusern und am Rand ein Baum, der alles Wachstum zu beschützen scheint. Sein gefiedertes Blattwerk ist mir sofort aufgefallen. Entstammt er vielleicht einer Akazienfamilie?
Dann wäre er mit der Seidenakazie, auch Schlafbaum genannt, verwandt. Diesen habe ich im Juli im Gelände der grossen Klinik Bichat in Paris entdeckt. Da standen eine ganze Reihe dieser Exoten und fächelten mir einen milden Duft zu. Ich staunte, hatte noch nie so grosse und doch so zart gebaute rosafarbene Blütenquasten gesehen. Ich fotografierte sie, aber sie entzogen sich mir lange. Der leiseste Wind bewegte die extrem feinen, seidenen Fäden unaufhörlich. Die Kamera konnte nur eine Art Aquarell abbilden. Einmal, bei kurzer Windstille, gelang es dann doch, dieses Blütenwunder festzuhalten. Die genaue Bezeichnung dieses Baums konnte ich dann beim Botanischen Garten in Zürich erfragen. Es handelt sich um die „Albizia julibrissin“, auch Seidenakazie genannt. Im Internet sind viele Abbildungen von ihr zu finden. Es wurde auch mitgeteilt, dass ein solcher Baum auf dem Gelände des Botanischen Gartens Zürich stehe und in heissen Sommern auch bei uns blühe. Der Baum stamme ursprünglich aus Asien.

Letzte Woche habe ich einige Exemplare auf dem Friedhof Küsnacht Dorf entdeckt. Dort zieren diese schönen Fremdlinge das Gemeinschaftsgrab. Das gefiederte Blattwerk ist Licht durchlässig, nimmt dem Ort die Düsternis und Strenge. Und der Name Schlafbaum passt wohl ausgezeichnet in einen Friedhof.
Auch in Paris werden jetzt aus den Blüten Bohnen gewachsen sein. Dort stehen die Albizia-Julibrissin-Bäume neben der Maternité und begrüssen die Neugeborenen, wenn sie aus der Klinik entlassen werden.

Diese Bäume haben mich damals als wartende Grossmutter angesprochen. Sie kitzelten meine Nase, führten mich beim Fotografieren im Kreis herum. Sie lachten vielleicht über mein Erstaunen. Auf jeden Fall werden sie ewig mit der Geburt von Nora in Verbindung stehen. Und wer weiss, vielleicht wollten sie mir orakeln, dass das Neugeborene ein heiterer Mensch werde, so beweglich wie ihr filigranes Blattwerk und so feinfühlig und stark wie die Seidenfäden der Quaste.

Freitag, 8. September 2006

China-Garten: Im Herbst „Drei Freunde im Winter“ besucht

Ein paar geheimnisvolle Sätze als Einleitung:

„Die Mauer trennt die äussere, profane Welt vom künstlerischen, idealen Mikrokosmos im Garteninnern – bietet aber auch Schutz vor ungebetenen Besuchern.“

„Neun Nagelreihen und die rote Farbe des Tores sind in Z.-Ch... ursprünglich dem Kaiser vorbehalten.“

„Felsformationen sind wie die Knochen im Körper: Sie geben dem Garten erst Halt.“

„Sobald man den Pavillon betritt, verdoppelt der Wasserspiegel die Gebäude und vermittelt so eine neue Sicht des Raumes.“

„Der Sechseckpavillon suggeriert die luftigen Höhen mit dem Schneetreiben im Winter.“

Der Teichrand ist mit Weiden gesäumt, die im Winde wiegend an die Biegsamkeit und Anmut von Tänzerinnen erinnern.“

Diese Beschreibungen entnahm ich dem Prospekt für den „Chinagarten Zürich – Drei Freunde im Winter“. Die Symbolik nennt drei Bäume, die dem Winter trotzen: Die Föhre, der Bambus und die Winterkirsche.

Ein paar Schritte nur durch den kleinen Gang der oben erwähnten Mauer und wir sind in China angekommen. Die Inschriften würden auf die Eigenart und Kultur Yunnans hinweisen, erfahre ich ebenfalls aus dem Faltblatt.

Dann aber lege ich es zur Seite, wie immer, wenn ich mit Gästen von auswärts hier ankomme. Wir sind es nicht gewohnt, diese hohe Kultur über symbolische Worte ganz zu verstehen, wohl aber wirkt sie ganzheitlich auf uns und stimmt uns heiter. Natur und Kultur sind hier vereinigt, zeigen uns ihre schönsten, vornehmsten Seiten und entführen uns in fremde Sphären. Die Blickpunkte, Sichten und Durchsichten sind mannigfaltig und die Farbspiele wirken wie Musik. Es fällt mir immer wieder auf, wie die Besuchenden, von dieser Atmosphäre berührt, stille werden. Niemand muss hier sagen, verweilen sei wichtig. Bäume, Bauten und Wasser tun das auf ihre Art.

Gestern war ich wieder einmal in diesem China, das die Partnerstadt Kunming der Zürcher Bevölkerung vor 13 Jahren als Dank für technische und wissenschaftliche Hilfe beim Ausbau der Kunminger Trinkwasserversorgung und Stadtentwässerung geschenkt hat.

Diese Oase verdient es, dass im Blogatelier auf sie aufmerksam gemacht wird.

Der Chinagarten befindet sich auf der Blatterwiese an der Bellerivestrasse in Zürich und ist von Ende März bis Mitte Oktober täglich von 11 bis 19 Uhr geöffnet und z. B. mit dem Limmatschiff (bis Zürichhorn) angenehm zu erreichen.

Freitag, 1. September 2006

Schlagzeilen, die zum Sinnieren animieren: „Bin ich ICH?“

Bekanntlich bin ich etwas wortsüchtig. Ich fange gerne Schlagzeilen auf und mache mir meine Gedanken dazu. Heute nun, im Tram Nummer 4 in Zürich, erhasche ich die Frage: „Haben Sie einen bestimmten Grund für das Gesicht, das sie gerade machen?“

Was soll das? Vor dem Aussteigen entnehme ich dem dazugehörigen Prospekt-Behälter ein Reklameblatt mit einer weiteren Frage: „Bin ich ICH?“ Spannend. Aber erst zu Hause habe ich dann die nötige Ruhe, um das Gedruckte zu lesen. Es ist nichts anderes als der Spielplan des Zürcher Schauspielhauses mit einzelnen Zusammenfassungen von Gastspielen, die im „Schiffbau“ oder „Pfauen“ zu erleben sind. Aber keine direkten Bezüge zu den Fragen, die mich angesprochen haben.

Gut gemacht, Werber. Mich habt ihr im Sack.

Die Fragen muss ich also selber beantworten. Und der Spiegel, der mir zeigen würde, wie ich gerade aussehe, fehlte auch. Ich sähe meine Regungen auch im Theater nicht, wenn ich den verlockenden Aufführungen folgen würde. Aber Anregungen zum Sinnieren sind sie schon. Wie schaue ich aus? Wie nimmt mich das Gegenüber wahr? Es können immer nur kurze Sequenzen sein, die etwas ausdrücken, was mich gerade beschäftigt. Bekanntlich purzeln Gedanken hin und her. Bedenkenswert auch, dass wir gar nicht immer gleich aussehen können.

Im Theater wird mit dem Leben abgerechnet. Es wirft schonungslos Fragen auf, wühlt uns auf, um uns und unser Verhalten besser zu erkennen. „Bin ich ICH?“ ist eine Frage nach der Lebensaufgabe. Bin ich die, die ich sein soll oder eifere ich Wunschbildern nach?

Wenn ich mich sein kann, wird sich das in meinem Gesicht ausdrücken. Nicht als Momentaufnahme, sondern als eine innere, wohltätige Ruhe.

Ob diese allen gefällt, sei dahingestellt. Für die, die den Kampf lieben, ist sie wohl zu langweilig.

Mittwoch, 9. August 2006

Leben wie Gott in Frankreich bzw. Paris – bei dieser Luft!

Schon zweimal habe ich den sympathischen Samstags-Markt für Gemüse, Fische und Fleisch unter den Bäumen des Boulevard des Batignolles in Paris besucht und dort reelle, biologische Produkte kaufen können. Dieser Ort hat Charme und ist ein geeigneter Platz für die Präsentation wertvoller Produkte.

Hier kann ich frei atmen. Ganz anders 5 Minuten davon entfernt, rund um Place Clichy, wo ich immer meine, den ganzen Staub und Schmutz der Stadt Paris auf meiner Brust herumzutragen. Ich bedaure alle, die hier leben müssen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Luftverschmutzung über Jahre hinweg ohne gesundheitliche Folgen bleibt.

Zum Glück gibt es für Mena den Hort, den wir Sommerhort nennen, die Betreuung der Kinder, die während der Sommerferien weder ans Meer noch in die Berge fahren können. Oft werden sie im Autobus an geeignete Spielplätze oder in Wälder ausserhalb von Paris gefahren, damit sie dort unbeschwert und in frischer Luft mit Gleichaltrigen spielen und sich austoben können.

Ich erinnere mich gut – es mag etwa vor 30 Jahren gewesen sein − als ich an einem Morgen in Chur (Schweiz) auf dem Bahnsteig auf den Bernina-Express-Zug wartete. Da traf der Nachtzug aus Paris ein. Ihm entstiegen viele bleichgesichtige Kinder. Jedes trug ein Namensschild an einem Bändel um den Hals. Es waren Kinder, die zu einem Erholungsurlaub in die Schweizer Bergwelt eingeladen worden waren.

Und jetzt habe ich 2 Enkelkinder, und diese wachsen gerade in Paris auf. Keine Wunschdestination der Grossmutter. Damit muss ich mich abfinden. Auch ich schätze natürlich die pulsierende Weltstadt mit ihrem Völkergemisch, mit all ihren kulturellen Angeboten, „dem Leben wie Gott in Frankreich“, mit der Förderung der Intelligenz und ihrer Strahlkraft als Weltstadt. Leben heisst aber atmen. Es erkranken oder ersticken einmal nicht nur Menschen an verschmutzer Luft. Der ganze Planet Erde ist in Gefahr. Alle Probleme müssten sich der Luftreinhaltung unterordnen. Das ist immer noch meine Ansicht.

Es tönte wie kleiner Trost und für mich persönlich geschrieben, was ich im „Magazine d’information de la Marie de Paris“ aus der Feder des Stadtpräsidenten, Monsieur Bertrand Delanoë, lesen konnte. Er erklärte, die gravierenden Probleme rund um die Lebensqualität, die Volksgesundheit und den öffentlichen Verkehr seien erkannt und erforderten einen entschiedenen Einsatz.

Nun eilt es aber, das Erkannte umzusetzen. Hoffentlich kommen alle Bemühungen, die jetzt auch in andern Ländern zu beobachten sind, nicht zu spät. Ein Wettbewerb unter den Weltstädten könnte uns allen nur nützen.

Donnerstag, 3. August 2006

Herausragende Erlebnisse der vergangenen Pariser Tage

Nummer 1: Am Samstagmorgen, 29. Juli 2006, der Gemüsemarkt bei Barbès: Ein langgezogenes, sehr, sehr grosses Gelände, überdacht von der Metrobrücke, die hier ein Stück weit aus dem Erdreich herauskommt. Der Andrang riesengross. Die Angebote verlockend. Die Fülle einmalig. Die Ausrufer mehrheitlich Nordafrikaner, die mit ihren seltsamen, gehackten Worten die Kauflust wecken. Ungewohnt für mich. Da herrscht Existenzkampf pur. Wer hier überleben will, muss schreien. In mir riefen diese diktatorischen Wortfetzen eher Widerstand hervor. Gekauft habe ich dann frische Minze. Für sie musste niemand rufen. Ihr starkes Aroma wirkte magnetisch.

Nummer 2:
Am folgenden Sonntagmorgen eine Fahrt mit dem Velo von Place Pigalle bis nach der Cité de la Villette. Mit Mena als Vorfahrerin. Erstaunlich: Ein 4-jähriges Kind im Pariser-Verkehr. Selbstverständlich auf Velowegen und gut behütet von seinem Papa. Die Strecke, die dem Kanal entlang führt, ist besonders eindrucksvoll, und auf allen Abschnitten gab es immer wieder Partien mit Alleen, schönen alten und auch jungen Bäumen. Am Rand einer Wiese ein überdimensioniertes Velorad, zu zwei Dritteln im Rasen versenkt. Eine Skulptur und Hommage an das Fahrrad, französisch bicyclette, die mich sofort ansprach.

Nummer 3:
Der Besuch in der Mütterberatung. Die neugeborene Nora musste gezeigt, gemessen und gewogen werden. Mit uns im Warteraum auch afrikanische Mütter und ein Vater. Diese sicheren Gebärden, mit denen sie ihre Säuglinge beruhigen oder beim Trinken unterstützen. Feinfühlig und stark. Eine dieser Frauen kam mit Zwillingen hierher. Nach dem Untersuch und dem Füttern konnte ich mitverfolgen, wie sie ihren Rücken im rechten Winkel beugte, das vor sich auf einem Tisch liegende Kind in dieser Haltung eigenhändig auf ihren Rücken platzierte, dann das vorbereitete Tuch nach hinten schwang und mit ihm das Neugeborene festzurrte. Es war am Schluss gar nicht mehr genau nachvollziehbar, wie sich alles abwickelte. Es geschah offensichtlich aus altem Wissen und mit viel Erfahrung und vor allem schnell. Der Moment, wo das Kind mit dem Bauch auf Mutters Rücken zu liegen kam, war der spannendste. Ich hielt den Atem an. Verhält es sich ruhig? fragte es in mir. Ganz ruhig und die nachfolgenden, nur vom Fühlen begleiteten Einpackbewegungen der Mutter entsprachen der Sicherheit, die das Kind offenbar gut kennt. Als sie sich aufrichtete, hing ihr Säugling sicher und wohl geborgen an ihrem Rücken. Das 2. Kind wurde ganz gewöhnlich in ein Frottetuch eingehüllt, wie wir das in Europa auch machen, und auf den Arm genommen. So ging die Frau dann weg.

Wie meine Erfahrungen zeigen, begegnet man in Frankreich nicht nur den Franzosen. Viele Kulturen haben hier ihre eigenen Plätze und Räume und in ihnen ihre Geschäfte für die eigene Nahrung und Kleidung. Das Zusammenleben gestaltet sich kulturübergreifend, wenn es um die sozialen Dienste geht, wie beispielsweise die Mütterberatung, die Gesundheitsdienste, die Einschulung usw. Und aus diesen Kontakten können Freundschaften und Gemeinsamkeiten erwachsen.

Donnerstag, 27. Juli 2006

Geburt mitten in Paris: Die natürlichste Sache der Welt

Gute Nachrichten. Menas Schwester ist auf die Welt gekommen. Ein gesundes, schönes Mädchen ist es. Vermutlich eine entspannte, gemütliche Natur. Mit schwarzen Haaren, die bereits nach einem perfekten Haarschnitt aussehen. Sie wird die junge Familie bereichern. Die grosse Schwester freut sich ungemein. Als der Papa die Ankunft am Telefon meldete, hüpfte sie auf dem Sofa wie auf einem Trampolin. Inzwischen haben wir das Kind in der Klinik besucht.

Das ist keine Kleinigkeit. Die Fahrt in der Metro mit der quicklebendigen Mena fordert das Verantwortungsbewusstsein der Grossmutter über die 100-Prozent-Grenze hinaus. Im grössten Gedränge findet sie an einer der Mittelstangen eine Haltemöglichkeit und will an der Umsteige- und Zielstation die Metrotür nach der Deblockierung eigenhändig öffnen. Keine Widerrede. Öffnen. Ein Stadtkind durch und durch.
Ein Neugeborenes in Händen zu halten und dazu wissen, dass dieses ein Ast am eigenen Lebensbaum ist, berührt mich. Hier passt für meine Empfindung das Wort heilig wieder einmal. Ein Kind, wohlgeformt, mit allem ausgerüstet, was es auf seinem Lebensweg brauchen wird. Ein Kind, das atmet, als wäre es schon Monate auf der Welt. Unübersehbares Zeichen für Kraft und Lebensmut.


In der Klinik hörte ich, dass am selben Tag 5 weitere Kinder und am Tag zuvor 30 weitere geboren worden sind. Die natürlichste Sache der Welt und doch auch immer mit Unsicherheiten verbunden. Wie schön, wenn alle aufatmen und sich dankbar zeigen können.

Samstag, 22. Juli 2006

Boulevard de Clichy: Die Reize eines Schulwegs in Paris

Das kurze Gewitter war nur eine sanfte Abkühlung, mehr nicht. Aber es flossen nachher den Randsteinen entlang kleine Bäche. Hoppla! Menas rechte Sandale war gerade untergetaucht. Selbstverständlich musste die linke folgen. Ein fragender Blick zu mir. Keine Rüge. Jetzt ging es erst recht los. Jede neue Möglichkeit, mit beiden Schuhen ins Nasse zu treten, wurde von dem kleinen Mädchen ausgeschöpft. Der Kräuterpfarrer Sebastian Kneipp wäre sicher mit uns einig gewesen, dass diese Abkühlung an den Füssen genau die richtige war.
Auf dem Schulweg via den Boulevard de Clichy gibt es für ein Kind allerhand zu erleben. Da sind die Tauben, die nach Brosamen suchen und auffliegen, wenn Mena ihnen nachrennt. Es sind die Mäuerchen, welche die Rabatten mit den Büschen abgrenzen, die erstiegen und seiltänzerisch begangen werden müssen. Und dann an der Place Blanche die Abluft, die aus der Metro aufsteigt. Da will Mena jedes Mal aufs Gitter klettern und dort oben ihre Runden drehen. Der Luftstrom von unten wirbelt dann ihre Locken frech umher.

Mena ist ein Wirbelwind, fängt alle Reize dieses Wegs auf. Ihr Interesse gilt auch den grossen Autocars und deren Beschriftungen. Grosy (die Grossmutter) sollte dies auch sofort sehen und kommentieren können. Das gelingt nicht immer.

Wir müssen jeweils mehrere Strassen überqueren. Dazu ist mir ein Takt-Vers eingefallen. Sobald Grün aufleuchtet, gehen wir los und sagen „Eis, zwei, drü vier, jetzt chömed mier“ (Eins, zwei, drei, vier, jetzt kommen wir). Auf diese Weise gelangen wir gradlinig und vor allem zügig ans andere Ufer.

Klar, so kann der Schulweg im Alltag nicht jeden Morgen ausufern. Es ist das Vorrecht der Grosseltern, dass sie mehr Zeit und mehr Flexibilität haben und manches zulassen können, was jungen Eltern verwehrt ist. Auch sie müssen einen Stundenplan erfüllen, müssen oder wollen arbeiten. Ihre Zeit ist beschränkt. Ich bewundere sie, wie sie das schaffen. Der Stress ist zwar ihr Motor, doch bemerke ich bei der Übergabe der Kinder im Sommerhort grosse Behutsamkeit.

Das Leben von Vätern und Müttern ist ein anderes geworden. Die Familien von heute stellen grössere Ansprüche an die Gesellschaft, erwarten Unterstützung von ihr. Das stellen vor allem Grosseltern fest.

Freitag, 21. Juli 2006

Im Quartier Abbesses in Paris: Das Karussell des Lebens

Das Quartier Abbesses am Montmartrehügel gibt mir einen dörflichen Eindruck. Die verschiedenen Quartierläden mit den typisch französischen Qualitätsprodukten wie Fisch, Fleisch, Eier, Milch, Brote und Kuchen und die Gemüse in den offenen Nischenläden regen mich zum Kochen an.

Für Mena ist es die Manège am Place des Abbesses, das Karussell, das speziell interessant ist. Und wieder imponiert mir die Post, meine Lieblingsinstitution, die auch daneben steht. Die Metrostation mit den Schmiedeisenarbeiten im Jugendstil ist vielen Touristen von den Prospekten bekannt. Und an diesem Platz gestalten auch alte Bäume mit.

Der Name Abbesses übersetze ich mit Äbtissinnen. Gerne würde ich wissen, welche Rollen diese Frauen in längst vergangener Zeit hier gespielt haben.

Zu diesem Platz, an dem ich täglich vorbei komme, gehört die Quartierkirche St. Jean. Ein eigenwilliger Backsteinbau aus der Moderne. Die junge Familie wohnt direkt hinter ihm. So höre ich in der Küche den Stundenschlag und zu gewissen Zeiten auch das Geläut oder ein Glockenspiel, das mich ans Mittelalter mahnt. Da waren die Klöster das Vorbild für Arbeit und Gebet. Jene, die das mühsame Leben einfacher Menschen leben mussten und noch keine Uhr besassen, orientierten sich an diesen Klängen von den Kirchtürmen, damit sie sich an ihrem Arbeitsort mit dem Gebet der Mönche oder Nonnen verbinden konnten.

Diese Zeiten sind vorbei. Und doch läutern die Glocken auch heute noch an vielen Orten. Und sie rühren die Seele in den tiefen Schichten an. Sie verweisen auf etwas über uns, das die Schicksale in Händen hält. Daran denke ich jetzt ganz besonders, weil unsere Tochter in den Wehen liegt und wir hoffen, dass sie die Geburt normal erleben und das Kind gesund auf die Welt kommen darf. Wir müssen zwar unser Leben leben, wie wenn es nur auf uns ankäme, uns anstregen und unseren Verstand einsetzen und doch auch akzeptieren, dass uns das Gelingen nur geschenkt werden kann.

Donnerstag, 20. Juli 2006

Stadt-Reinhaltung in Paris: Auch Abfall – der ist bei Ihnen

Dem Thema Abfall begegne ich hier in Paris täglich und überall. Eindrücklich beginnt der Lärm auf der Strasse, wenn nach 6 Uhr am Morgen die Müllabfuhr vorfährt und die vor jedem Haus stehenden grünen Tonnen abholt.

Wenn ich die kleine Mena in den Sommerhort begleite, kommen wir am Moulin Rouge vorbei, und oft kippen sie dort gerade die Glascontainer in die Lastautos. Das scheppert und klirrt jeweils und geht durch Mark und Bein. Der Champagner ist ausgetrunken, der Tag wieder angebrochen und mit ihm auch der Alltag.

Ich stelle ein grosses Bemühen fest, die Stadt sauber zu halten, doch zu viele der Menschen sind einfach unerzogen, lassen alles fallen, was sie nicht mehr brauchen. In einer Post z. B., wo im Innern an einem Automaten selbstklebende Frankaturen herausgelassen werden können, liegen im Umkreis dieses Apparates viele der abgezogenen Papiere, die einst die Klebefläche schützte, herum. Wenn hier jemand in Eile vorbeikäme, würde er ausrutschen wie auf dem Eis.

Abfalleimer sind überall vorhanden, doch ein Teil der Kunden, sicher auch Touristen, denken nicht darüber nach, dass es schick wäre, den eigenen Teil zur Ordnung beizutragen.

Von der Kampagne für ein sauberes Zürich habe ich letztes Jahr einmal berichtet. Die gleiche wird auch hier in Paris aufgezogen. Offensichtlich wird ein internationales Thema übergeordnet behandelt. Die Bilder aber sind adaptiert. Ich sah einen Müll-Lastwagen mit dem Plakat eines Hundes, der seinen Stuhlgang im Badezimmer oder in der Küche deponiert. Die Überschrift dazu: PARIS, DAS IST BEI IHNEN.

Auf dem Boulevard de Clichy wurde in den letzten Jahren eine Wohlfühlmeile eingerichtet. In der Mitte wurde ein breiter Weg geschaffen, auf dem auch Kinder unbeschwert daherkommen können. Bäume und Sträucher säumen ihn. Und auf vielen Sitzbänken sitzen jene, die unter den Mitmenschen sein wollen. Einige schlafen auch da.

Links und rechts von diesem erholsamen Weg brausen aber weiterhin die Autos vorbei. Man wird bescheiden. Ich freue mich hier schon an diesen begrenzten Oasen, an den Büschen und Bäumen.

Mittwoch, 19. Juli 2006

Ohne Concierge: Tür-Tücken, die mich in Wallung brachten

Eine Ortsveränderung macht mir immer bewusst, was in der Computer-Welt „einscannen“ umschreibt.

Mein Unterbewusstsein knistert jeweils wie eine Hochspannungsleitung, wenn noch nie Geschautes aufgenommen werden muss. Diesmal sind es nicht die bekannten Monumente hier in Paris, weder das Moulin Rouge noch die Notre Dame, auch nicht die hohen Häuser mit den typischen Keramik-Kaminaufsätzen. Die sind in meinem inneren Archiv gespeichert. Jetzt sind es die Schlösser, Codes und Schlüssel, die meine ganze Aufmerksamkeit verlangen.

Einst sass in jedem grösseren Haus der Concierge (Pförtner), dem nichts entging und der für eine gewisse Sicherheit verantwortlich war. Eine Person also, die im schlimmsten Fall um Hilfe und Unterstützung gebeten werden konnte. Jetzt ist es die Technik, die diesen Beruf ersetzt hat. Jeder Mensch soll selber schauen, wie er seine Tür schützt und wie er ins Haus kommt.

An einem fremden Ort ankommen und sofort alles so begreifen und handhaben, dass es 100%ig richtig ist, das kann ich nicht. Ich muss üben können, sonst kommt Panik auf.

Für mein Studio und für die Wohnung der jungen Familie trage ich je einen Schlüsselbund auf mir und muss für jedes dieser Häuser einen Code auswendig wissen. Den einen kann ich als geometrisches Muster eingeben, den anderen aus Zahlen, die mit einem Geburtsdatum gekoppelt sind.

Wenn ich also ankomme, muss ich die Zahlenkombination und Buchstaben eintippen. Mache ich es richtig, kann ich in den Windfang eintreten. Dann brauche ich einen ersten Schlüssel, der mir den Zugang zum Treppenhaus und zum Briefkasten gewährt. Für meinen Fall ist diese Tür die grosse Knacknuss. Das Schloss verlangt Fingerspitzengefühl. Ich kann den Trick hier natürlich nicht bekannt geben, will Einbrechern nicht auf die Spur verhelfen. Er wäre auch schwer, ihn zu beschreiben. Es ist eine Sache des Gefühls.

Die Wohnungstür dann hat ein Schnappschloss. Wenn ich die Wohnung verlassen will, muss ich sicher sein, dass ich den Schlüssel für diese letzte Hürde beim Heimkommen bei mir habe. Schloss ich die Tür beim Weggehen unachtsam und vergass, den Schlüssel an mich zu nehmen, stehe ich hilflos draussen. Nun habe ich für mich ein Ritual entwickelt, das mich unterstützt und sicher macht.

Und trotzdem ist es verständlich, dass es Schweissausbrüche gibt, wenn nicht alles reibungslos verläuft. Schweissausbrüche, die ganz und gar nicht mit der grossen Hitze zusammenhängt, die auch Paris erfasst hat.

Dienstag, 18. Juli 2006

Ganz ungewohnte Perspektiven in der Weltstadt Paris

Die Amseln haben mich geweckt. Ihr Jubelgesang ist auch hier in Paris verheissungsvoll. Sie singen ihre Lieder schon, bevor die Sonne aufgegangen ist. Eine unbegreiflich friedliche Stille liegt über der Stadt. Ich weiss nicht, ob ich träume. Die Lichter der Strassenlaternen leuchten noch. Am Abhang treten 3 junge Männer aus einem Haus. Sie diskutieren, ohne sich zu ereifern. Sie wirken weder übernächtigt noch sind es dubiose Gestalten. Aus meiner Sicht eher Persönlichkeiten, die Skulpturen sein könnten. Ich schaue vom weltbekannten Hügel, wohne am Berg.

Als die Lampen erlöschen, tritt das Licht auf. Nun wird mein grosses, breites und hohes Blickfeld ausgeleuchtet. Meine Fenster schauen Richtung Süden. Die Sonne strahlt von Osten her und wirft ihre Strahlen wie Scheinwerfer an mir vorbei nach Westen. Die Stadtmitte liegt mir zu Füssen. Ich kann erleben, wie das Morgenlicht alle Prestigebauten, die Hochhäuser, und die alten Kirchen anstrahlt und sie aus der Masse heraushebt. Auch der Stadtrand ist nun markant wahrnehmbar.
Bin ich wirklich da, wo ich erwartet worden bin?

Noch nie habe ich diese Stadt aus solch idealen Aussichtsverhältnissen schauen können. Noch nie habe ich den Himmel wie eine Kulisse vor mir gehabt. Ohne den Kopf in den Nacken zu legen, sehe ich Mond und Sterne. Hier gehören sie zum abendlichen Freundeskreis. Keine Stadtwanderung, kein altes Gebäude, keine Ausstellung hat mich je so eingenommen wie dieser Blick aus meiner derzeitigen Wohnung. Und vor allem faszinieren mich auch die unzähligen Schwalben, die in den Morgenstunden und dann wieder nach Sonnenuntergang vor meinen Fenstern, nah und fern, hoch und tief vorbeipfeilen.
Ich befinde mich in Paris, erwarte die Geburt unseres 2. Enkelkindes, bin als Grossmutter, Haus- und Kindermädchen gefragt. Hier werden die Grossmütter „Mami“ gerufen. Gut bekannt.

Zur Begrüssung habe ich von Mena ein kleines und leichtes Notizbuch bekommen. Damit ich neue Wörter, die mir gefallen, notieren, oder Ideen fürs Blogatelier skizzieren könne.

Mena erklärte mir die Zeichnung, die sie auf den ersten beiden Seiten für mich angebracht hat. Auf der rechten Seite sähe ich sie, links zeichnete sie die Sonne und sagte dazu: „Das ist der Tag.“

Und schon konnte ich Bleistift und Buch benützen und diese schöne Zuschreibung für die Sonne festhalten

Donnerstag, 13. Juli 2006

Zufälle verdichten sich, lassen die Vergangenheit aufleben

Gleich zu Beginn möchte ich wieder einmal für den Zufall werben. Ich habe ein gutes Verhältnis zu ihm. Der Zufall ist für mich nicht „nur“ ein Zufall, sondern ein wichtiger Wink für mein Leben. Meist ist er ein Geschenk.

Der erste Zufall ereignete sich an einem Freitagmorgen im Mai 2006 auf dem Blumen- und Gemüsemarkt am Bürkliplatz in Zürich. Die Herkunftstafel am Stand eines Gemüsebauern wies auf das Dorf Dänikon im Wehntal hin. Da begann es in meinem inneren Archiv gleich zu knattern. Vor über 40 Jahren, als unsere erste Tochter zur Welt kam, war ich mit einer Frau aus Dänikon im gleichen Zimmer einquartiert. Sie hatte am selben Tag einen Sohn geboren. Er bekam den Namen Martin. Martin B. war auch der Name auf der hölzernen Tafel an seinem Stand. Als wir an die Reihe kamen, um einzukaufen, fragte ich zuerst, ob er am Tag so und so Geburtstag habe. Er stutzte, prüfte unsere Gesichter, überlegte, ob er eine so persönliche Frage überhaupt beantworten solle, sagte dann aber „Ja“ und gleich danach: „Herr Lorenzetti!“ Er hatte Primo erkannt.

Für weitere Gespräche blieb aber keine Zeit. Martins Angebote sind von feinster Qualität. Der Zulauf an Kundschaft ist enorm.

Zweiter Zufall: Am Tag danach las Primo in der Kolumne „Hier kocht der Chef“ von Peter Brunner (Restaurant Reblaube, Zürich) im Stadtmagazin „Züritipp“ einen lobenden Hinweis auf die aussergewöhnlichen Bohnen von Martin B.

Auf Martins Hinweis besuchte ich dann seine Mutter an einem Mittwoch auf dem Gemüse-Markt in Oerlikon. Auch dort sind Familie B. und ihre feinen Produkte regelmässig anzutreffen. Hier arbeitet die Mutter noch mit. Wir konnten uns eine halbe Stunde gönnen, für ausführliche Geschichten aus 4 Jahrzehnten warten wir auf den Winter. Wir beide haben Erinnerungen, die wir miteinander vergleichen und ergänzen wollen. Dafür ist ein Wintertag dann der rechte Zeitpunkt. Wer mit Lebendigem arbeitet, muss sich der Jahreszeit unterordnen.

Dritter Zufall: Ich ordnete Schränke in der Winde und stiess auf Schulhefte unserer Töchter. Letizia hatte kürzlich danach gefragt. Jetzt konnte ich die ihren abgeben. Heute nun meldete sie amüsiert, im Aufsatzheft sei der Besuch bei Familie B. in Dänikon beschrieben. Sie las mir vor:

10. Februar 1980
Die ganze Familie ging über den Altberg nach Dänikon zu Familie B. Es gab Vanillecrème und Fruchtsalat. Hm! Das war fein. Etwa um 5 Uhr gab es ein Telefon. Frau B. rief: „Was?...Wo?? Ich will meinen Mann schicken. Adiö!“
 

„Willi, es brennt beim Fritz im alten Haus.“
 

Alle schoben die Vorhänge auf die Seite. Wir sahen den Rauch. Frau B. rannte die Treppen hinauf und holte die Feuerwehr-Uniform. Martin stellte die Sirene ein. Die tönte aber schrill. Von allen Seiten rannten Leute herbei. Herr B. sagte: „Martin, du gehst in den Stall.“
 

Dann rannte auch er fort. Auf der Strasse zog er den Gürtel an. Martin kam mit dem Traktor gefahren, damit die Motorspritze angehängt werden könnte. Ein paar Bauern hatten unten die Stallhosen und oben den Feuerwehrhelm angezogen.
 

Wir blieben im Haus.

Nach ca. einer halben Stunde kam Herr B. wieder und sagte: „Ein Auto ist in der Werkstatt verbrannt. Es sah gar nicht schön aus.“

Alle waren erleichtert.


Ich jetzt auch, weil mir der Zufall noch Stoff für einen Beitrag fürs Blogatelier lieferte.

Freitag, 7. Juli 2006

Der Alltag prägt die Gesundheit. Hektik beim Pulsmessen

Im Briefkasten finde ich neben den Zeitungen eine Broschüre „Gesundheitsförderung Kanton Zürich“. Weiterlesen fördere meine Gesundheit, lese ich auf dem Titelblatt. Prof. Dr. med. Felix Gutzwiller von der Universität Zürich, Institut für Sozial- und Präventivmedizin, empfiehlt uns, zur Gesundheit Sorge zu tragen und gibt für 6 Bereiche unseres Lebens Empfehlungen, wie wir unsere Gesundheit fördern können.

Es sind Übungen für zuhause, für überall und jederzeit, für die (Haus-)Arbeit, für die Freizeit, für besondere Gelegenheiten und für den Ausgang.

In einer Zeit, in der vor allem die Beschleunigung unser Leben bestimmt, sind Übungen, die zur Ruhe und Gelassenheit führen, besonders wichtig. Ruhe ist aber nicht als Stillsitzen oder Autofahren zu verstehen.

Es heisst da unter anderem:
Steigen Sie aus. Zwei Stationen früher. Bewegung entspannt.
Gehen Sie beim Briefkastenleeren gleich noch eine Runde zügig ums Haus.
Steigen Sie auf, aber auf der Treppe, und nicht mit dem Lift.
Augen zu. Legen Sie die Hände auf Ihre geschlossenen Augen und lassen Sie die Wärme fliessen.
Lust statt Frust. Genussvolles Essen entspannt.

Alle Erfindungen, die uns das Leben leichter gemacht haben, zeigen auch eine Kehrseite. Unsere Körperkräfte werden im Alltag nicht mehr auf natürliche Weise gebraucht. Junge, starke und gesunde Männer z. B. können sie am Computer sitzend, im Beruf gar nicht mehr nützen. Der Ausgleich wird mit Joggen, Velofahren, Schwimmen, Fussball usw. gesucht.

An Sommerabenden fühlen sich Fussgänger am Fischerweg, der Limmat entlang, oft fehl am Platz. Da ist eine Hektik, ein Vorpreschen, eine Platzbeanspruchung, die einem weh tut. Es zeigt sich, dass überall, wo wir etwas für die Gesundheit tun wollen, das Abdriften in den Wettbewerb wieder dabei ist. Pulsmesser und Zeitmesser gehören leider auch schon wieder zu diesem Ausgleichssport. Velofahren wird an der Limmat toleriert, obwohl eigentlich Fahrverbot markiert ist. Umso mehr stört es jene, die beschaulich spazieren wollen, wenn von weit her schon aggressiv geklingelt wird, damit für das anfahrende Velo Platz gemacht wird.

Überall gibt es die Masslosen, die Wettbewerbssüchtigen, die Egoisten. Ob sie auf die Horizonterweiterungs-Übung ansprechen, bezweifle ich. Sie heisst nämlich: Erweitern Sie Ihren Horizont. Betrachten Sie abends den Sternenhimmel.

Hinweis
Weitere Informationen: www.gesundheitsfoerderung-zh.ch

Sonntag, 2. Juli 2006

Sommerabende bei Nachtkerzen oder unter Fussballfans

Die Sommerabende in unserem Reihenhausviertel an der Hardturmstrasse in Zürich sind manchmal leise und nur dem versinkenden Tag gewidmet. Sobald die Kinder ins Haus gerufen werden und die Sonne untergeht, ist die Stille da. In den bekannten Abständen fährt noch das Tram vorbei. Der Autoverkehr hält sich in Grenzen. Wer die Rabatten noch nicht bewässert hat, macht das jetzt. Wir grüssen uns über die Zäune hinweg und tauschen Neuigkeiten aus.

Dann gehen die Nachtkerzen auf. Wir sitzen zu ihnen und schauen, wie sie sich öffnen. Von Juni bis September können wir jeden Abend – immer bei Sonnenuntergang − miterleben, wie sie ihre Knospen aufmachen und die Blätter in der Art eines Regenschirmes ausfalten. Noch bevor es dunkel ist, haben sie ihre Antennen zum Universum hin eingerichtet und sind im Austausch mit ihm. In dieser hingebenden Haltung werden wir sie auch am andern Morgen noch finden.

Sobald die Sonne verschwunden ist, fällt ein kühler Luftzug über uns her und weht die Düfte der Nachtkerzen über unsere Wege. Sofort sind Nachtfalter da und verkriechen sich ins Innere der Blumen. Dann treten die Sterne auf. Der Himmel trägt nun Nachtblau und die Bäume werden zu schwarzen Schimären. Spinnen haben ihre Netze gesponnen und warten auf ihre Beute.

Während der Fussball-Weltmeisterschaft aber ist alles anders. Ist ein wichtiger Match angesagt, ändert sich das Szenario um 180 Grad. Pablo, der Schweizer mit spanischen Wurzeln, stellt dann sein Umfeld für die Übertragung eines Spiels zur Verfügung. Das Fernsehen ist eingerichtet und gegen ein allfälliges Gewitter sind Blachen als schützendes Dach aufgespannt. Aus den verschiedensten Höfen erscheinen Männer und Frauen und folgen der Einladung. Viele schätzen hier das unkomplizierte Zusammensein. Hier können auch Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern ein Spiel mitverfolgen.

Ob dabei, im eigenen Garten oder zu später Abendstunde schon im Bett, immer ist aus den wogenden Stimmen zu erfahren, wie es um das Spiel steht. Wie Meereswellen brandet der Jubel oder die abgrundtiefe Enttäuschung unseren Häuserfassaden entlang.

Für die Kinder und Jugendlichen unserer Siedlung ist das wunderbar. Ich beobachtete an einem der ersten Abende, als sogar ich dabei war, wie aufmerksam sie den Spielen folgten. Einige von ihnen und auch junge Frauen, zelebrierten beinahe magische Rituale. Sie meinten, ihrer Lieblingsmannschaft den Sieg herbeizaubern zu können. Spannung erleben, ist offenbar ein Grundbedürfnis. Auch die Kriminalromane leben davon.

Ich verstehe wenig von Fussball. Aber ich nehme die Begeisterung wahr. Ich sehe, wie der Sport Menschen zusammenführt und wie solche Turniere ein Zusammengehörigkeitsgefühl auslösen können. Da unsere Kultur am Abbröckeln ist, bestehen Bedürfnisse nach neuen Formen von Gemeinschaftserlebnissen. Man findet sich zusammen, wie wir Bernoullianer bei Pablo. Wir gehörten für einen Abend zusammen und gingen nachher wieder unsere individuellen Wege. Aber für 2, 3 Stunden verband die Teilhabe an den Emotionen alle, die dabei waren.

Weder für Primo noch für mich ist Fussball ein Thema, obwohl wir das GC-Stadion als Nachbar haben. Trotzdem reagierte er auf meine Aussage, dieser Sport sei doch extrem grob und nicht immer fair, ganz realistisch und humoristisch. „Das ist Kampf. Hier geht es ums Ganze, um viel Geld, und Du kannst zum Verteidiger nicht sagen ‚Bitte gehen Sie doch etwas zur Seite, ich möchte ein Tor schiessen.’“

Und nicht vergessen haben wir beide einen Ausspruch einer Hausangestellten, die uns erzählte, sie besuche jeden Match des FC Frankfurt. Wir fragten, ob ihr Freund Fussballer sei. „Oh nein!“ Was denn die Faszination ausmache? „Wissen Sie, da kann ich schreien.“

Dieses Schreien ist offensichtlich ein Urbedürfnis. Eine Art (Urschrei-)Therapie, die das Ungereimte und Quälende in der eigenen Seele wieder zurechtrücken kann. Und nur eine Facette im Wettbewerb um Tore und Sieg.

Donnerstag, 29. Juni 2006

In der Aareschlucht. Von Reiseeindrücken und Souvenirs

Der Kugelschreiber aus Einsiedeln ist ein Souvenirartikel. Im rechtshälftigen Teil ist die Klosterfassade abgebildet, und vor dieser fährt ein Postauto vorbei, wenn ich den Schreibstift etwas schräg halte. Kinder freuen sich speziell an diesen Mitbringseln. Auch ich habe Spass daran.

Nun besitze ich ein gleiches Modell, jedoch aus dem Kiosk der Aareschlucht bei Meiringen. In der Schräglage bewegen sich ein Knabe und ein Mädchen durch diesen imposanten Raum. Sie staunen, wie alle, die auf den überhängenden Stegen dem Flusslauf ruhig folgen. Auch Primo und ich. Die junge Aare ist hier jungfräulich milchig, fliesst ruhig an den hohen Felswänden vorbei, muss aber auch Enge erleiden. Der Weg ähnelt jenem eines Kindes bei der Geburt.
Diese Schlucht ist eine riesige Kathedrale, misst 1,4 km Länge und 200 m Tiefe. Das Felsgestein ist uralt, in der Kreidezeit als Meerablagerung entstanden. Die Wände ausgebrochen und ausgewaschen, sind wild geformt, mit vielen Gesichtern im Gestein. Das Flussbett eine geschwungene Linie, das Dach grösstenteils offen. Hier wachsen auch Bäume, bringen grüne Farbe hinein.
Der Rat eines Bahnbeamten in Meiringen, den Osteingang in die Schlucht zu benützen, erwies sich als gut. Wir konnten dem Wasserlauf folgen und am Ende der Wanderung fand sich noch ein einladendes Gasthaus.

In der Bahn zum Reichenbachfall, ebenfalls im Umfeld von Meiringen, entdecke ich in der Ferne ein Postauto, das auf einer Höhenstrasse fährt. Es ist so klein wie jenes in meinem Einsiedeln-Kugelschreiber. Obwohl ich weiss, dass es ein reales Postauto ist, wirkt es von weitem wie eine Miniatur. Die Bilder kippen wie auf einer Schaukel vom grossen Postauto, das Menschen transportiert, zum Modell und wieder zurück.

Auch vom Reichenbachfall und der Drahtseilbahn, die zu ihm führt, will ich noch erzählen. Die romantische Bahn fährt heute auf dem aktuellsten Stand der Technik und überwindet eine Höhendifferenz von 244 m in 7 Minuten. Oben angekommen, stehen wir dem tosenden Wasser gegenüber. Der 120 m hohe Fall zerfledert seine Flut und wirft feinsten Wasserstaub auf unseren Weg. Ich lasse mich gern besprühen, fühle die Energie. Auf dem Wanderweg nach Zwirgi können wir diesem Wasser, das weit hinten im Tal dem Rosenlaui-Gletscher entspringt, auf immer wieder anderen Aussichtsplattformen und auch auf einer kleinen Brücke begegnen. Diese Wucht, mit der es seine Kraft zeigt! Atem beraubend.

Gegenüber der Bergstation ist übrigens ein weisser Stern auszumachen. Er bezeichnet jene Stelle, an der nach dem Roman von Conan Doyle Sherlock Holmes und sein Erzfeind Professor Moriarty ihren tödlichen Kampf ausfochten. Eine flache, aus Holz geschaffene Sherlock-Figur steht zum Fotografieren bereit. Wer sich hinter sie stellt und durch das offene Gesichtsfeld schaut, gibt ihr das eigene Gesicht.

Erstaunt hat mich an beiden Orten nur, dass wir wenig Schweizerdeutsch hörten. Sind nur Japaner, Kanadier, Amerikaner, Engländer und Österreicher darüber informiert, dass hier echte Naturwunder zu bestaunen sind?

Als ich dem Bahnbegleiter auf dem Rückweg vom Reichenbachfall meine Eindrücke schildere und ihm sage, dass wir in Zürich davon schwärmen werden, antwortete er erfreut: „Ja, machen Sie das!

Sonntag, 18. Juni 2006

Johanna Spyri, Heidi-Gefühle im Ort Hirzel und die Linden

Es war vor Jahren und atemberaubend. Ankommen auf dem Aussichtspunkt „Chaserenlinde“ ob dem Weiler Hirzel Höchi. Im Herbst. Die Winde pfiffen und die Drachen stiegen auf. Und die Aussicht über die Moränenlandschaft eine grosse Überraschung. Nach einem Fussmarsch von Sihlbrugg her hier anzukommen, ohne vorher zu wissen, was einen erwartet, das war ein Erlebnis.

Diesmal sind wir mit dem Postauto eingetroffen. Primo und ich wollen das „Heidi-Museum“ besuchen. Und wieder berührt uns die Landschaft mit ihren Drumlin-Hügeln ganz eigenartig. Hirzel ist ein von Gletschern gestaltetes, hügeliges Gebiet. Auf vielen Hügeln steht auf der Kuppe ein einzelner Baum, meist eine Linde. Es sind diese Bäume, die der Landschaft das aussergewöhnliche Gepräge geben. Darum gehört Hirzel sowohl ins „Bundesinventar für Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung“ wie auch in jenes für „Moorlandschaften von besonderer Schönheit und nationaler Bedeutung“. Diesen Hügeln begegnen wir oft auf Kalenderblättern und jetzt, wo wir sie in der Natur vorfinden, denkt es in mir: Ah ja, die gibt es wirklich.
In dieser Landschaft wuchs die Schriftstellerin Johanna Spyri auf. In Hirzel ging sie zur Schule. Das kleine Schulhaus von einst, in einem schönen Riegelhaus untergebracht, ist heute „Heidi-Museum“. Am Sonntag-Nachmittag geöffnet. Wir sind nicht die einzigen, die sich für die reiche Sammlung interessieren. Obwohl Heidi vor bald 130 Jahren zum ersten Mal erzählt worden ist, strahlt sie immer noch weit aus. Hier will ich mich über aktuelle „Heidi“-Ausgaben informieren und finde sogar ein Bilderbuch fürs erste Lesealter, das ich hier kaufen kann.

Ich möchte meiner Enkelin Mena Heidis Geschichte erzählen, ihr das Leben in der Bergwelt von einst beschreiben. Gerade weil sie in Paris aufwächst, soll sie auch ein anderes Lebensumfeld kennen lernen und von der Natur etwas zu spüren bekommen.

Ende der 50er-Jahre kam ich nach Korsika, noch bevor diese Insel für den Tourismus erschlossen wurde. Fremde wurden sofort erkannt. Es war leicht, mit der Bevölkerung ins Gespräch zu kommen. Als ich sagte, ich käme aus der Schweiz, wurde ich gleich mit dem „Heidi“-Etikett versehen. So sähe ich aus, wie das Naturkind dieser Geschichte. Wie dieses Beispiel zeigt, strahlte Johanna Spyris Figur in viele Länder aus. In Hirzel lese ich, dass „Heidi“ in 50 Sprachen übersetzt worden sei. Viele Belegexemplare können dort besichtigt werden.

„Heidi“ wurde auch in Film, Fernsehen und Comics übertragen. Nicht immer unverfälscht, schrieb Jürg Winkler, der die Texte zum Bilderbuch verfasst hat. Er war Lehrer und wirkte in Hirzel und gilt als hervorragender Kenner von Spyris Werk. Die Bilder gestaltete die Illustratorin Margrit Roelli.

Ich freue mich, mit Mena zusammen erneut in die „Heidi“-Geschichte einzutauchen und von vielen Gemütswellen ergriffen zu werden. Sich mitfreuen und Ängste und Nöte teilen, das ist Training für die Seele, fürs Leben. Auch Kinder von heute werden mit ähnlichen Situationen, wie sie Heidi widerfahren sind, ergriffen. Die Gefühle, die „Heidi“ auslösen kann, sind nicht von einem Zeitgeist abhängig. Nun kommt es nur noch auf mich an, dass ich lebendig und spannend erzähle.

Hinweis
Zum Thema „Hirzel“ sind im Internet via Google-Suchmaschine interessante Details zu finden. Spannend sind auch die Beiträge einer 5. Primarklasse. Diese Kinder von Hirzel sind sich bewusst, dass sie an einem sehr schönen Ort leben dürfen.

Dienstag, 13. Juni 2006

Distanz und Nähe signalisieren wir mit „Sie“ und „Du“

Ich stand an der Ampel und wartete auf Grün. Hinter mir fuhr ein Lastauto einen Abhang hinauf und hielt auf dem Trottoir in meinem Umfeld an. Der junge Chauffeur sprang aus der Kabine, befestigte eine lose Blachenschnur und hetzte wieder zurück. Noch bevor er einstieg, rief er in meine Richtung: „He Du, gang uf d Sitä!“ (He Du, geh zur Seite, mach Platz).

Ich schob mein Velo nach links, rief aber dazu: „Chasch mer scho ,Sie' säge!“ (Du kannst mich schon mit „Sie“ ansprechen.)

Da schaute er auf, begriff, dass ihm eine Grossmutter geantwortet hatte. Er lachte schallend, und ich schmunzelte. Besser hätte er gar nicht reagieren können.

Diese Episode lässt mich über „Du“ und „Sie“ nachdenken. Einst trat das „Du“ nur im vertrauten Familien- und Freundeskreis auf. Am Arbeitsplatz gab das „Sie“ auch unter den Angestellten eine höfliche Distanz. Es galt grundsätzlich den Vorgesetzten gegenüber, jeder Autorität und jedem Menschen, den wir nicht näher kannten.

Als ich 1958 in die Kaufmännische Lehre eintrat, wurde ich, wie alle andern Lehrtöchter, mit „Sie“ angesprochen. Erst nach erfolgreichem Lehrabschluss boten die Vorgesetzten dann das „Du“ an. Als wir unwissend und scheu begannen, stärkte das „Sie“ unser Selbstwertgefühl und das „Du“ am Schluss der Ausbildung das Selbstbewusstsein.

In den 80er-Jahren, die wir heute als die unbeschwerten taxieren, wurde alles etwas lockerer. Die Lebensfreude schwang obenauf. Es bestand da ein Bedürfnis nach mehr Nähe, und wir lernten, uns zu umarmen. Von Plakaten hiess es einmal: „Sag doch einfach Du!“ Da brauchte es schon einen inneren Ruck, um aus der anerzogenen, höflichen Reserve herauszukommen. Aber gerade aus diesem Umbruch heraus ist uns ein gutes Stück Offenheit erwachsen und bis heute erhalten geblieben. Wir gehen seither unverkrampfter aufeinander zu, stellen uns öfters nur mit dem Vornamen vor.

Wenn ich im „Chornlade“ einkaufe, werde ich immer auf der Du-Ebene bedient. Das schätze ich sehr. Ich fühle mich dann zur Philosophie und zum Idealismus dieser Genossenschaft für Bio-Lebensmittel zugehörig.

Aber auch das „Sie“ hat einen neuen Stellenwert bekommen. Es ist entstaubt, hat etwas Glanz und respektiert eine Persönlichkeit in natürlicher Art. Es ist nicht mehr nur Formsache wie früher. Ich schätze es, wenn zum „Sie“ der Familienname angesprochen wird, und das geschieht meist dort, wo ein Geschäft nicht nur die Kundschaft, sondern auch den Menschen ansprechen will.

Und: Das „Du“ gehört selbstverständlich der Jugend.

Auch unter nächsten Nachbarn fehlt manchmal diese vertraute Anrede. Verständlich, denn sie ist verletzbarer als das distanzierte „Sie“. Ich habe es schon erlebt, dass ein angebotenes „Du“ aus Angst, ausgebeutet zu werden, zurückgewiesen worden ist. Widerstand gegen das „Du“ entwickelt sich auch, wenn es einen Befehl enthält, ohne dass wir einander kennen.