Montag, 26. Dezember 2005

Spannend, berührend: Wilma aus Senigallia im Textatelier

Auch mich hat Wilma angesprochen. Ihre Lebensgeschichte, die seit kurzem in der Rubrik Literatur im Textatelier.com abrufbar ist, ist spannend und berührend. Schon die Einführung von Thomas Jancke, der ihre Aufzeichnungen vom Italienischen ins Deutsche übersetzte, führte mich sofort auf lichte Wellen.

Wilma muss eine hochsensible, feinfühlige Frau sein. Als 2-Jährige fühlte sie ein Erdbeben voraus, das eine halbe Stunde später eintraf. Sie sei scheinbar grundlos um und unter dem Küchentisch hindurch gelaufen und habe mit durchdringenden Uh-Uh-Uh-Rufen auf etwas aufmerksam gemacht, das die Erwachsenen vorerst nicht deuten konnten.

Gerade weil diese Aufzeichnungen (laut Vorwort) von einer Fachperson als „belanglos“ abgetan wurden – es sei keine Literatur –, las ich sie besonders aufmerksam. Ich wollte dieser Abqualifizierung auf den Grund kommen. Ich erkläre mir das Urteil so, dass diese Lebensbeschreibung ohne künstliche oder künstlerische Ausformung auskommt. Es ist so ehrlich geschrieben, dass es auf diese verzichten und einem gerade deshalb packen kann. Hier spricht das Leben, das in keine Schule passt. Und das ist spannend. Wir fühlen das Echte. Es ist die Lebensquelle, die von Wilma nachgezeichnet wird. Und es berichtet von einem Leben, das es heute nicht mehr gibt.

Die Stadt Senigallia möchte ich jetzt gerne einmal besuchen, die Meerluft von dort atmen, die Wege gehen, die Wilma vertraut sind. Die Menschen, die hier ansässig sind, reden hören und ihr Temperament fühlen.

„Die Männer unseres Hafenbezirks, besonders die Alten, waren zumeist Anarchisten, die Frauen dagegen folgsame Katholiken, und wir Kinder wuchsen auf in einer Mischung aus Religion und Aberglaube.“ So stellt sie in ihrem Buch die grundlegenden Einflüsse aus der Kindheit vor.

Die Weihnachtszeit klingt mit dem Dreikönigsfest auch in unserer Zeit am 6. Januar aus. In Senigallia war das der Tag, an dem man die Hexe Befana erwartete. Die Worte Epifania und Befana scheinen eng verwandt zu sein. Dieses Fest schliesst die so genannten Rauhnächte ab. „Diese Periode zwischen den Jahren galt in ganz Europa bis in unsere Tage als Spukzeit, in der die Wilde Jagd umgeht, die alten Winterdämoninnen nochmals kräftig rütteln und schütteln, die Luft reinfegen für das Neue“, schreibt Ursula Walser-Biffiger in ihrem Buch „Wild und weise“ – Weibsbilder aus dem Land der Berge. Auch in ihren Forschungen kommt die Hexe Befana vor, die im Tessin und in Italien die Kinder an diesem Epifania-Fest durch den Kamin beschenkte. Nach der Legende dieser gutmütigen Hexe, lese ich in einem Internet-Beitrag, habe sie wie die Hirten die Botschaft von der Geburt Christi gehört, sei aber zu spät nach Bethlehem aufgebrochen, habe den Weg verfehlt und sei deshalb immer noch auf der Suche nach dem Jesuskind. Deshalb bringe sie heute noch allen Kindern Geschenke, weil sie hoffe, es irgendwann und irgendwo doch noch zu treffen.

Braven Kindern bringt Befana Geschenke, böse Kinder werden mit Asche und Kohle bedacht. Wilma erzählt, dass sie und die Geschwister Geschenke und „das unvermeidliche Stückchen“ Kohle bekommen hätten.

Wir hören: Die Hexe auf dem Dach sei vom verkleideten Onkel, der mit einer Kartonröhre als Megaphon durch den Kamin redete, verkörpert worden. Seine Stimme habe die Kinder glauben lassen, Befana befinde sich auf dem Dach. „Seid ihr auch brav gewesen?“ „Jaa!!“ „In der Schule und im Kindergarten?“ „Jaa!!“ Nach einem auferlegten, gesprochenen Gebet schwebten dann die Gaben durch den Kamin hinab.

Geheimnisvolle Zeit mit Bräuchen, die dem modernen und nüchternen Denken fern sind. Für die Kinder aber sind solche von unverzichtbarem Wert für ihr Gemüt und für die Erwachsenen eine Art Reichtum, der sie an ihre Ursprungsorte anbindet. Befana, Sankt Nikolaus und wie ich jetzt aus Paris höre auch Père Noël sind offensichtlich auch heute noch wichtige Figuren, die mithelfen, dass sich in den Kindern ein feinmaschiges Gewissen entwickeln kann.

Mich, die ich Befana bisher nicht kannte, hat sie vielleicht dieser Tage auch besucht. Wollte sie mir beweisen, dass es sie noch gibt und hat sie mir darum einen gnadenlosen Hexenschuss verpasst?

Der Link zum Buch „Wilma, das Hafenkind aus Senigallia“

Donnerstag, 15. Dezember 2005

Der Zürcher Hauptbahnhof – pulsierender Ort für Emotionen

Meine Wege führen oft durch unseren Hauptbahnhof Zürich. Am liebsten durchschreite ich die Halle, wenn sie leer ist. Der Raum ist wunderschön und schenkt einem ein gewisses Freiheitsgefühl.

Jetzt, zur Vorweihnachtszeit, aber ist er prall gefüllt und wieder Magnet für alle, die den Zauber der Weihnachtszeit auskosten wollen. Der Christkindlimarkt entwickelt sich auch hier mehr und mehr zur unverzichtbaren Tradition. Da sind ein Gedränge und ein Stimmengewirr. Die Angebote vielfältig. Jedes Häuschen mit eigenem Angebot, eine Welt für sich. Düfte regen die Sinne an. Gold und Silber glitzern. Käsespezialitäten und Fleischwaren lassen die Säfte im Mund zusammenfliessen. Und die Swarowski-Kristalle geben der grossen Tanne auch heuer wieder die vornehme Ausstrahlung. Wichtig sind auch der Auftritt von Helvetas, der Organisation für internationale Zusammenarbeit, und die Angebote aus therapeutischen Arbeitszentren. Im Magazin, das zu diesem Markt gehört, erzählen die Stadtpräsidenten von Luzern und Zürich, was ihnen Weihnachten bedeutet. Es sind die liebevoll gehüteten Erfahrungen aus der Kindheit, die auch für sie mit dem Geheimnis dieses Festes verbunden sind. Für mich sind gefühlsmässigen Erfahrungen wichtig, und wenn ich höre, dass Mitmenschen ähnliche ebenfalls als Schätze hüten, fühle ich mich ihnen verbunden.

Hier im Bahnhof, wo die Menschenströme zusammenkommen, frage ich mich manchmal: Woher kommt ihr, wohin geht ihr? Oder wenn ich Menschen aus fernen Kontinenten sehe: Wo hast du laufen gelernt? Und: Was sind die Motive, dass du hier durchkommst? Was oder wen suchst du hier? Was ist denn bei uns besonders interessant?

Und ich verstehe plötzlich, was Mütter früher meinten, wenn sie auf die quengelnden Forderungen ihrer Kinder nicht eingehen wollten und dann sagten: „Ich höre nur Bahnhof.“ Dies ist wirklich ein pulsierender Ort mit dauernd wechselnden Bildern, Informationen und verführender Reklame. Niemand kann auf alle im Detail eingehen, wie Eltern auch nicht auf alle Wünsche der Kinder.

Am letzten Freitag ging ich, von der Bahnhofstrasse herkommend, auf den Bahnhof zu und bemerkte 3 Personen, die eben angekommen sein mussten. 2 Frauen gesetzten Alters und ein Mann an ihrer Seite. Dieser ist mir besonders aufgefallen. Er stand da, staunte über die Menschen, wie sie in Strömen daherkamen, über die vielen Lichter, die Hektik. Offensichtlich unvertraut mit dem Stadtleben, stand er nur da und muss sich gefragt haben: Wo bin ich? Was geht hier vor? Eine Scheu und eine Art Verlorenheit in seinem Blick berührten mich. Und ich dachte dabei: So habe ich auch schon dagestanden. An einem anderen Ort, aber ebenfalls aus meiner gewohnten Alltagswelt herausgetreten ins Unbekannte und Unfassbare. Noch kenne ich diese schüchternen Gefühle und gleichzeitig die Faszination, die selbstvergessen machen. Es sind unvergessliche Momente, die einem in eine andere Ebene katapultieren.

Dienstag, 6. Dezember 2005

Der unbekannte Samichlaus an der M-Kasse im Kreis 5

Letztes Jahr, am 6. Dezember 2004, traf ich vor der Migros-Kasse mit einer mir nicht bekannten Frau zusammen, die sich nach unserem „Samichlaus“ (Sankt Nikolaus) erkundigte. Sie sehe hier viele Zeichen von ihm und interessiere sich für die dahinter liegende Geschichte. Sie komme aus Berlin, kenne eigentlich nur die Figur des Knechts Rupprecht. Weiter erzählte sie, dass sie heute Geburtstag feiere. Sie heisse Nicole. Das ist die französische und weibliche Form von Nikolaus. Als ich daraufhin wies, staunte sie. Sie kannte diese Zusammenhänge noch nicht.

Ich konnte ihr dann in groben Zügen erzählen, dass unserem Samichlaus die Figur des Heiligen Nikolaus von Myra zugrunde liege und dass diese die Mildtätigkeit verkörpere. Der Samichlaus, wie wir ihn heute feiern, komme aus dem tiefen Wald, vor allem zu den Kindern und prüfe, ob sie artig seien. Er beschenke sie mit Nüssen, Äpfeln, Mandarinen, Lebkuchen und „Gritibänzen“ (aus Hefeteig gebackene Mannli) und anderen Leckereien. Die Kinder würden für ihn Verse aufsagen und Lieder singen.

Wenn ich die Berlinerin heute wieder träfe, würde ich noch auf die diesjährigen Sonder-Briefmarken aus der Schweiz hinweisen und ihr jene zu 85 Rappen zeigen, auf der die Insignien des christlichen Ur-Nikolaus zu sehen sind. Die Mitra (Bischofshut) und der Bischofsstab. Die zur gleichen Serie gehörende Briefmarke zu 100 Rappen stellt übrigens einen Gritibänz dar. Die grafische Darstellung dieser beiden Werte fängt den Zauber ein, den ich als Kind in mich aufgenommen habe und der mir immer noch Massstab ist. Sankt Nikolaus ist für mich eine Figur aus der Anderswelt. Eine mythische Figur, die sich der jeweiligen Gegenwart und der Wellenlänge der einzelnen Menschen und Familien anpasst, und doch unverkennbar sich selbst bleibt.

Aus einem Internetbeitrag des Historikers Martin Leuenberger erfahre ich jetzt, dass auch die Indianer aus dem Südwesten Amerikas eine solche Figur gekannt haben. Eine maskierte und kostümierte Person, die jährlich wiederkehrte, die Kinder belohnte oder bestrafte. Wie bei uns. Der oben genannte christliche Ur-Samichlaus ist also nicht der älteste.

Zurück zur Berlinerin: Denkt sie heuer an unser damaliges, zufälliges Zusammentreffen zurück? Hat sie die Legende, die ich ihr beim anschliessenden Tee bei mir zu Hause übergab, gelesen und verinnerlicht? Und die Kassiererin, ist sie vielleicht auch noch auf die Antwort gestossen, die sie selbst nicht geben konnte? Nicole richtete die Frage zuerst an sie. Beantworten konnte diese Frau sie nicht, obwohl sie aus unserem Kulturkreis stammte und nicht mehr jung war. Sie blieb still, einfach still und sass auf ihrem Stuhl wie ein Kind, das am Examen nicht zu antworten weiss. Was die Kunden doch immer alles wissen wollen! So kam es, dass ich mich einmischte.

Nicoles Begleiterin hatte schon nach der peinlichen Stille beim Einpacken ihrer Einkäufe mitfühlend gesagt: „Gälled Sie, mer machts eifach, wie mers immer gmacht hät!“ („Nicht wahr, man macht es einfach, wie es schon immer gemacht worden ist.“)

Eine solche Haltung ist dem Samichlaus vielleicht lieber als wir meinen. Sein Auftreten und seine Anliegen können sowieso nur mit dem Herzen verstanden werden.

Hinweise auf Links
Die Legende, wie sie die St.-Nikolaus-Gesellschaft von Zürich weitergibt:
St. Nikolaus als Kirchenpatron von heute
Nikolaus und Bezüge auf alte Winterbräuche
Nikolaus, der Türke, aus heutiger Sicht

Dienstag, 29. November 2005

Zürichs neue Weihnachtsbeleuchtung gibt zu reden

Immer, wenn wir uns von etwas verabschieden müssen, werden wir unsicher und unzufrieden. Und was vordem eine Selbstverständlichkeit war, bekommt einen überdimensionierten Stellenwert. So erfahren wir das jetzt in Zürich, seitdem die neue Lichtinstallation für die Vorweihnachtszeit eingeschaltet ist. Ich zitiere Titel und Leserbriefe aus Zeitungen von Zürich:

Nordlicht über Bahnhofstrasse (TA = Tages-Anzeiger), Polarlichter statt Glühwein–Romantik (TA), Kalt, lieblos – aber ehrlich (Leserbrief TA), Badezimmer-Atmosphäre, die nichts Weihnachtliches verspüren lässt (Leserbrief TA).

Jedenfalls ist sie eine starke Intervention, die mit Erwartungen an romantischen Weihnachtszauber wie auch dem Fussgängerzonenkitsch radikal bricht. (Barbara Basting im TA). „Wir mussten radikal neu starten“ (Matthias Kohler, einer der Väter der neuen Installation).

Es handelt sich bei dieser neuen Beleuchtung um ein Lichtband aus 7 m hohen Stäben, das sich vom Bahnhof bis zum See erstreckt und dort am schönsten zu betrachten ist, wo sich die Strasse schlängelt. Dort können wir das Spiel am besten beobachten und den Verlauf der ganzen Anlage überblicken. Licht und Schatten huschen einander nach. Von Zeit zu Zeit gestalten Licht und Schatten fleckige Bilder, die sich auf grösseren Abschnitten zeigen und dann wieder erlöschen.

Mir gefällt diese neue Auffassung von Advents-Licht. Sie ist ruhig und dezent und sie erinnert mich an Ada aus der Expo 02, die mit den Besuchern kommunizieren wollte. „Ada“ wurde uns damals als „der intelligente Raum“ vorgestellt, und wir wurden eingeladen, mit ihren Funktionen, die einem Gehirn nachempfunden sind, in Kontakt zu treten. Ada reagierte auf uns, weil sie uns wahrnehmen konnte (sehen, hören, tasten). Sie spielte mit allen, die sich auf sie einliessen (www.ada-ausstellung.ch).

Offensichtlich von Erkenntnissen dieser Forschung beeinflusst, haben die Gestalter dieser neuen Bahnhofstrassen-Beleuchtung (Fabio Gramazio und Matthias Kohler) ein Computerprogramm geschaffen, das auf das Leben in der Bahnhofstrasse reagiert. Es wird uns erklärt, dass auch die Besucherströme einen Einfluss auf die Lichtbewegungen hätten. Dort, wo viel los ist, lösen Sensoren Bewegungsimpulse aus. Wir Stadtgänger sind also Mitgestalter, ohne zu wissen, wie das geschieht. Darüber dürfen wir uns doch freuen. Das Innenleben dieser Leuchtstäbe ist zudem so konzipiert, dass die Lichtmuster auf die Festtage hin feingliedriger werden und einen Höhepunkt erreichen werden. Wir sollen also immer wieder kommen und uns begeistern lassen.

Noch wird beklagt, dass die 34-jährige Weihnachtsbeleuchtung (u. a. auch altershalber) aufgegeben worden ist. Ja, sie war schön, und als sie neu war, war sie auch revolutionär. Sie verabschiedete die gegenständliche Dekoration und verwies nur noch auf den Sternenhimmel. Doch mit den Jahren genügte dieser wirklich berührende Lichterhimmel vielen Geschäften nicht mehr. Sie fügten ihre Version von Weihnachtslichtern bei und in den letzten Jahren steigerte sich diese Konkurrenz zu einem Sammelsurium und zu einer Überhelligkeit, die ganz und gar nicht mehr zum Geheimnis von Weihnachten passte.

So freue ich mich am neuen Anblick. Er zeigt einen neuen Weg. Er verweist ganz speziell weg vom Blick nur auf die Erde, nur auf das Geschäft. Um die sich verändernden Lichter anzuschauen, müssen wir nämlich nach oben blicken.

Link zur Weihnachtsbeleuchtung

Montag, 21. November 2005

Ist eine muslimische Frau eine Muslima oder Muslimin?

In der Schweiz hat sich der Ausdruck „Muslima“ für eine Frau aus der muslimischen Kultur eingebürgert. Auch im Internet ist sie an vielen Stellen zu finden. Ich habe diese Bezeichnung auch schon aus dem Mund einer Muslima persönlich gehört. Darauf baute ich, als ich im Blog über den multikulturellen Flohmarkt auf dem Kanzleiareal in Zürich 4 berichtete. Weil ich von drei Frauen sprach, fügte ich der Muslima, offenbar etwas naiv, nur ein „s“ an. Der Blogatelier-Betreuer sah aber sofort, dass diese Mehrzahl nicht stimmen konnte.

Für eine kompetente Antwort wandte ich mich an Nima Mina von der „School of Oriental and African Studies“ in London. Ich fragte: „Nach meinem Wissensstand ist eine muslimische Frau eine Muslima. Ist das richtig? Und wenn es mehrere muslimische Frauen sind, nennt man sie Muslimas?“

Seine Antwort: „Ich würde einfach ’Moslemin’ oder ’Muslimin’ sagen, d. h. das Wort Moslem/Muslim + die deutsche feminine Endung ’in’. Bei ’a’ wie in ’Muslim+a’ handelt es sich auch nur um die arabische feminine Endung. Warum? Es gibt 1,2 Milliarden Angehörige der islamischen Religionsgemeinschaft auf der Welt, und nur ein Bruchteil von ihnen ist arabischsprachig.

In Indien, Pakistan und Bangladesch allein gibt es fast 700 Millionen Moslems, und sie sprechen in erster Linie Bengali, Urdu und Hindi, aber sie sind keine arabischen Muttersprachler/innen.

Daher glaube ich, dass es nichts zur sprachlichen Korrektheit beiträgt, plötzlich im Deutschen eine arabische Wortendung zu verwenden. Ich habe den Verdacht, dass dieser Sprachgebrauch auf den Wunsch nach politischer Korrektheit, Toleranz und Anerkennung der ’Andersheit’ usw. zurückgeht. Aber es scheint dabei mehr guter Wille im Spiel zu sein als Sachverstand.“


Also konnten wir den Fehler in meinem Aufsatz korrigieren. Aus den Muslimas sind nun korrekterweise die Musliminnen geworden.

Nun stelle ich diese Antwort unseren Leserinnen und Lesern gerne zur Verfügung, damit unser aller guter Wille vom Sachverstand unterstützt werden kann.

Samstag, 12. November 2005

Multikulturelles Brocken-„Haus“ unter freiem Himmel

Neuerdings führen meine Wege vermehrt in den Kreis 4 und endlich besuche ich einmal den Flohmarkt auf dem Kanzleiareal in Zürich.

Samstagmorgen. Es regnet. Der Himmel ist grau, aber auf dem gesamten Umfeld des Kanzleischulhauses sind Sonnenschirme aufgespannt. Es ist Flohmarktzeit. Die Brocken liegen auf Plastikplanen, Schachteln oder einfachen Tischen. Multikulturell das Publikum und auch die Händler. Auch einige Schweizer sind dabei. Wir befinden uns hier in jenem Stadtkreis mit dem grössten Ausländeranteil. Der Ort hat Charme, auch wenn der Regen die Auslagen angreift und vieles unter Plastik versorgt werden muss. Was da alles feilgeboten wird!

Ich entdecke 2 Unterkieferknochen inklusive Zähne von einem Hirsch. Fein säuberlich gereinigt. Der gleiche Anbieter hat auch blitzblanke Nagetier-Schädelknochen im Angebot. Kurios! Neben Baumaschinen, Kettenfräsen und einem Schiffsmotor liegen auch viele Musik-Instrumente da. Ein verbeultes Saxophon, sehr alte Geigen, Gitarren. Sie alle haben offenbar ein wildes Leben hinter sich. Dann das Übliche wie im Brockenhaus: Bücher, Taschen, Geschirr, Lampen, Stühle, Kochgeschirr, Bilderrahmen, ein Fleischwolf, auch Kleider und sehr viele Schuhe.

Primo, der mich begleitet und schon oft hier war, zeigt mir alles, wie wenn er zu einer Führung angestellt wäre. Wir schauen den Stand mit dem Uhrenservice an. Hier können die Batterie ausgewechselt oder das Uhrenarmband erneuert werden. Ein Afrikaner zeigt auf den defekten Zeiger an seiner Uhr. Ihm kann aber nicht geholfen werden. Die Dienste sind beschränkt. Grosser Andrang am Stand „Natel-Service“, wo offensichtlich Probleme gelöst werden. Er wirkt vertrauenerweckend. (Primo sagt, er habe auch schon Polizeikontrollen beobachtet.) 3 nigelnagelneue (brandneue) in Plastikfolie eingeschweisste Fernsehgeräte stehen auf einem Tisch und Händler wie Wächter hinter ihnen. Nebenan allerlei Kabelstränge und Leitsysteme. Und viel Schnickschnack, angefangen von Masken über eine Buddha-Figur bis zu Wilhelm Tell. Von Snowboards und Rollbrettern ganz zu schweigen. Im Bereich Textilien feilschen 3 Musliminnen um einen guten Preis.

Ein Warenhaus unter offenem Himmel, alles für das kleine Portemonnaie und für die Schnäppchenjäger. Und auch für jene, die wie ich einfach gern durch einen offenen Markt gehen.

Obwohl karg in der Präsentation, ist ein besonderes Fluidum auszumachen. Die Angebote führen uns rund ums Schulhaus. Ich staune über die Vielfalt. Und niemand scheint sich am Regenwetter zu stören. Schon möglich, dass sich unter einem strahlenden Himmel ein regerer Austausch entfalten würde. Aber gerade weil es hier ruhig ist und niemand zu einem Kauf drängt, schaue ich die Angebote gerne an. Primo spasst mit einem jungen Mann über seine Angebote hinweg, und derweil entdecke ich Ersatzstücke für mein Langenthaler-Kaffee-Service.

Schnell entschlossen kaufe ich sie und wundere mich, wie billig sie mir überlassen werden. Zu nur 5 Franken. Primo sagt: Du hättest sicher auch 10 dafür bezahlt. Ja, so ist es. Ich habe einen triftigen Grund: Jetzt habe ich endlich wieder alle Tassen im Schrank. So ein Glück!

Dieser Floh- und Kuriositätenmarkt, findet jeden Samstag von 8 bis 16 Uhr im Kanzlei-Areal beim Helvetiaplatz in CH-8004 Zürich statt.

Samstag, 5. November 2005

Ein weiter Horizont ist an vielen Orten zu finden

„Wir alle haben den gleichen Himmel, aber unseren eigenen, persönlichen Horizont.“ Diesen vieldeutigen Satz sprach Ingrid aus Köln aus, als wir uns über die Eindrücke der weiten Landschaft äusserten. Während ich den tiefen Horizont so erlebte, als könnte ich den Himmel betreten, wenn ich nur genügend lange in gleicher Richtung führe, sprachen unsere deutschen Freunde mit Begeisterung von den Horizonten in den Schweizer Bergen.

Gerne hätte ich sie am letzten Sonntag auf eine Wanderung zur Farneralp ins Zürcher Oberland mitgenommen und ihnen das Panorama vom Toggenburg bis zu den Berner Alpen gezeigt. Für Primo und mich war es ein goldener Tag, ausgeleuchtet von einer milden Herbstsonne, einem blauen Himmel und mit Farbtupfern noch belaubter Bäume. Kontraste zu den stotzigen, grünen Hängen.

Das Zürcher Oberland ist eine faltenreiche, abwechslungsreiche Gegend, voralpin, mit vielen Wandermöglichkeiten für alle, die gerne aufwärts gehen.

Am Abend, anstatt sofort wieder mit dem Postauto ins Tal zu fahren, setzten wir uns in Faltigberg auf eine Bank vor die Höhenklinik und schauten zu, wie sich der Tag verabschiedete. Wie die Sonne unterging. Wir blieben so lange, bis sich das fahle Gelb über die Silhouetten senkte und bald einmal die Venus als Abendstern aufging. Da sassen wir ganz alleine an einem Ort, wo noch vor Stunden viel Bewegung war. Das Panorama von den Glarner bis zu den Berner Alpen ist hier beeindruckend und hat sicher alle, die heute auch hierher kamen, so fasziniert wie uns.

Dann bei einbrechender Dunkelheit waren alle Menschen plötzlich verschwunden. Unser modernes Leben will es so. Nachtet es ein, gehen wir in die Häuser, zünden das Licht an und alle Schönheit von draussen ist ausgesperrt und ausgelöscht. Für diesmal fügten wir uns diesem Automatismus nicht. Wir blieben sitzen, länger als eine Stunde, offen für die kleinsten Veränderungen am Himmel. Bis die Nacht dann endgültig angekommen war. Wie gut, dass uns das Postauto danach sicher und bequem nach Wald ZH führen konnte. Ein Rückweg zu Fuss hätte mir etwas Angst gemacht. In Rüti ZH, als wir den Zug nach Zürich erwarteten, tanzten goldene Fetzen vor meinen Augen. Es war offenbar etwas viel, was ich ihnen heute zugemutet hatte.

Ferdinand Hodler malte in seinen Bildern Farbstimmungen aus dem Gebiet Genfersee, wie wir sie geschaut hatten. Und der Fotograf Otto Eggmann fotografierte für seinen Fotoband „Zürcher Oberland“ die erlebte Szene am ähnlichen Standort. Kunst und Natur brauchen einander. Kunst will die schönen Momente bewahren und Natur regt zum Malen und Fotografieren an.

Die Farben des letzten Sonntags will ich nun in die dunkle Jahreszeit mitnehmen. Nicht nur wie eine Konserve im Fotobuch oder auf einem Gemälde. Als etwas Lebendiges, als bewegtes Licht.

Freitag, 21. Oktober 2005

Schweizer Post: Doppelgesichtige Sondermarke Matterhorn

Stephan Eicher, der bekannte Musiker, gestaltete eine Sondermarke für die Schweizer Post. Sie ist schon seit März 2005 im Umlauf. Eine ganz eigenwillige Erscheinung. Gar nicht so leicht zu beschreiben. Sie weist den Wert von 85 Rappen auf und ist doppelgesichtig.

Sie zeigt uns das Matterhorn. Der Aufdruck HELVETIA, den jede Schweizer Briefmarke auf sich trägt, ist hier aber absichtlich verkehrt aufgedruckt. Nur die Zahl 85 ist normal zu lesen. Wende ich dann die Marke, kann ich HELVETIA lesen. Nun stehen aber die Zahlen auf dem Kopf. Und aus dem Matterhorn ist der Kontinent Afrika geworden.

Wie man heute weiss, stammen die letzten rund 1000 Höhenmeter des Matterhorns ursprünglich aus Afrika. Es sind Teile der afrikanischen Kontinentalplatte, die sich in vielen Jahrmillionen zu uns hin verschoben und aufgetürmt haben. Eicher bedankt sich deshalb beim afrikanischen Kontinent dafür und nennt seine Briefmarke „Merci“.

Ich habe jetzt gleich nochmals einen Vorrat solcher Sondermarken angelegt. Ich möchte sie noch oft benützen und mich weiterhin verunsichern lassen. Denn jedesmal, wenn ich sie aufgeklebt habe, ist mein Ordnungssinn irritiert. Entweder ist die Zahl 85 nicht normal zu lesen oder dann schauen die HELVETIA-Buchstaben aus, als seien sie aus einer russischen Schrift gestaltet.

Es ist hier unmöglich, alles in herkömmlicher, braver Norm zu sehen. Und das tut gut. Die eigene Sicht der Dinge ist sowieso nicht allumfassend. Ebenso verhält es sich mit den Gedanken. Nur wenn wir sie drehen und wenden, können wir zu neuen Anschauungen und kreativen Lösungen gelangen.

Ich hoffe, dass ich eines Tages auch eine so geniale Entdeckung mache wie der Künstler, der im Matterhorn den afrikanischen Kontinent gesehen hat.

Hinweise
Link zur Abbildung der Briefmarke

Freitag, 14. Oktober 2005

Reise nach Genf: Beobachtungen und Begegnungen

Erst Tage danach ist mir aufgegangen, dass der Ausflug nach Genf ein Thema in sich trug, das uns vom Zufall zugespielt worden war. Was sich uns zeigte und ansprach, handelte durchwegs von Verbindungen, Beziehungen und vom Einswerden.

„Schau ein Hochzeitspaar!“ rief Primo, als wir an der Ampel standen. Aus dem Tunnel, aus dem sich der Autoverkehr neben dem Hauptbahnhof in die Innenstadt ergiesst, sausten 2 Velos an uns vorbei. Voraus ein Mann in feinem, dunkelgrauem Tuch, in der Brusttasche eine grün unterlegte weisse Rose. Hinter ihm, auf dem eigenen Rad, eine Frau mit einer hochgeschlossenen, edlen weissen Jacke. Den Brautstrauss aus weissen Rosen und grünen Blättern hatte sie auf dem Gepäckträger eingeklemmt. Die abfallende Strasse schenkte den beiden leichte, fast fliegende Fahrt. – Dieses Paar imponierte mir. Menschen von heute. Ohne Firlefanz oder rauschenden Auftritt, dessen Muster ja einer fernen Zeit entlehnt wären. Das könnten wir beide sein, dachte ich dazu und an unsere eigene Geschichte.

Stunden später standen wir am Zusammenfluss von Rhone und Arve. Wir haben ein Faible für solche Orte. Von Carouge herkommend, dieser charmanten Kleinstadt mit menschlichen Massen, kultureller Ausstrahlung und viel handwerklicher Kreativität, schlenderten wir der wilden Arve entlang bis zum Busbahnhof, der dort das Ende des Wegs markiert. Vielleicht 100 Schritte nebenan liess sich das Rhoneufer finden und bald auch die Landzunge, wo sich die Wasser treffen. Sie taten es in unserer Anwesenheit in beinahe schüchterner Art, indem sie sich berührten und wieder losliessen und so ein Zickzackmuster auf dem Wasser erfanden. Etwas weiter entfernt, beim Stützpfeiler des imposanten Bahnviadukts, wurde die Strömung stärker und das Ausufern in den jeweils anderen Fluss mächtiger. So sahen wir die beiden davonfliessen und sich mehr und mehr vereinigen. Bis zur ganzen Durchmischung wird es lange dauern, wenn das überhaupt möglich ist. Fest steht, dass die Arve in diesem Moment ihre Identität verliert. Die Rhone zeichnet fortan für sie beide. Primo bemerkte sofort, dass die Wände der beiden Flussbetten am Ort, wo sie einander treffen, ganz verschieden geartet sind. Die Arve trifft auf Moos, die Rhone wird von Wandermuscheln begleitet. Welche Polsterung erfindet nun die gemeinsame Wasserqualität auf dem weiteren Weg?

Auf der Heimfahrt im voll besetzten Zug trafen wir erneut auf das Tagesthema. Ein ungleiches Paar neben uns konnte beim besten Willen nicht übersehen werden. Das Rascheln im Proviantsack erinnerte an Nächte im Pfadfinderlager. Der Mann zauberte immer wieder kleine Leckereien daraus hervor, doch seiner Partnerin war fast nichts gut genug. Auch landschaftliche Schönheiten oder der über dem Kanton Fribourg legendäre Sonnenuntergang liessen sie kalt. Die Hinweise von ihm wurden einfach ignoriert. Und doch blieb er der Fröhliche und strahlte über den Gang zu uns hinüber aus. Noch jetzt beim Schreiben kann ich seine Gelassenheit und seinen Humor sofort abrufen. Er hat uns die Heimreise verschönert.

Wir haben keine Ahnung, wer uns jeweils beobachtet, wer von uns etwas weiterträgt und wem wir ein persönliches Erlebnis schenkten, ohne es zu wissen.

Als die Nacht hereingebrochen war, begleiteten uns der Mond und in seiner Nähe die Venus. Tanzend erschienen uns die beiden Himmelskörper, wenn die Bahn ihre Kurven fuhr. Auch sie zeigten uns Nähe.

Wieder zu Hause, fanden wir, das sei ein sehr schöner 43. Hochzeitstag gewesen.

Weitere Reise-Blogs von Rita Lorenzetti
09.10.2005: Unter Kontrolle: Rückreise Köln—Zürich und Reise-Allerlei
07.10.2005: Über Aachen-Eupen in den Naturpark Hohes Venn
28.09.2005: Von Köln Richtung Aachen: Lebensräume, grüne Auen
17.08.2005: Im Zug-Fahrpreis inbegriffen: Kontakte und Geschichten
18.06.2005: Jutzen und Beten in der Cabane: Expo-02-Souvenirs
08.06.2005: Geheimtipp geheimnisvoller Üetliberg (Zürichs Hausberg)
18.05.2005: Gedankenblitze auf einer Velofahrt durch Zürich
24.04.2005: Frühlingsfest im Tessin: Amore e Nostalgia
23.04.2005: Hier dreht sich alles um den Gotthard-Mythos
11.04.2005: Unabhängig und beweglich sein: Ab ins Tessin!

Sonntag, 9. Oktober 2005

Unter Kontrolle: Rückreise Köln–Zürich und Reise-Allerlei

Köln Hauptbahnhof. Unser Zug war eingefahren. Grosses Gedränge. Durch dieses hindurch zwängt sich ein Bahnbeamter und stürmt dann durch die Wagen. Offensichtlich muss er noch etwas erledigen, bevor der verspätet eingetroffene Zug weiterfahren darf. Ich vergesse diese Beobachtung aber gleich wieder. Die Heimreise beginnt.

Letzte Grüsse an unsere Freunde. Winken. Ade! Für Sekunden nochmals auf Kirchtürme und Hochhäuser schauen. Ins Polster sinken und wissen, jetzt gehts heimwärts. In Bonn steht unser Zug dann aussergewöhnlich lange still. Über Lautsprecher werden wir informiert, es müsse eine polizeiliche Kontrolle stattfinden. Man bitte um Verständnis und Geduld. Andächtige Stille im ganzen Wagen. Was steht uns bevor? Jetzt hasten mehrere Kontrolleure durch die Wagengänge. Plötzlich kommt einer zurück, hält abrupt neben meinem Sitznachbarn an und verlangt dessen Ausweis. „In Ordnung! Danke!“, heisst es, nachdem dieser überprüft worden ist.

Diesen jungen Mann habe ich beim Einfinden am reservierten Platz als eine höfliche und zuvorkommende Person wahrgenommen, und ich hätte mir nicht vorstellen können, was er verbrochen haben könnte. Auch er ist ratlos, sagt vor sich hin: „Die haben mich als Kriminellen angesehen!“

Dann fährt der Zug weiter. Nach geraumer Zeit, als ich die beschriebene Episode schon etwas vergessen habe, wird über Lautsprecher informiert, warum die Kontrolle stattfand. Eine hilfsbedürftige Person sei aus einer psychiatrischen Klinik entwichen und soll sich in unserem Zug befinden. Ob sie diese nun gefunden haben, wird aber nicht mitgeteilt. Jetzt lachen alle, als des Rätsels Lösung bekannt ist, verlegen auch der Verdächtigte. Aber es bleibt eine fragende Stille. Niemand spricht. Denken andere auch darüber nach, wie rasch wir abqualifiziert oder sogar vorverurteilt werden könnten. Noch bevor mein Sitznachbar in Koblenz aussteigt, sage ich zu ihm: „Sie können heute Abend etwas erzählen.“ — „So ist es. Tschüüss.“

Und wir reisen weiter, geniessen den Abschnitt, der uns dem Rhein entlang führt. Der Computer hat uns einen Fensterplatz auf der richtigen Seite zugesprochen. Wir danken ihm. Ich geniesse diese Strecke ganz besonders, schaue auf Schiffe und Transportkähne und natürlich auf den Felsen der Loreley. Dem Rhein zu begegnen, fasziniert mich immer. Wir sind Freunde. Ich kenne seinen Ursprung, den Tomasee. Primo zwinkert mir zu. Er weiss von meiner Begeisterung.

Dösend erreichen wir den badischen Bahnhof in Basel. Die Bahnbegleitung wechselt. Schweizer Bahnbeamte wollen die Fahrkarten sehen. „Züri!“ ruft jener, der unsere Billette entwertet, „Chönd grad sitze bliibä!“ (Zürich. Sie können sitzen bleiben.)

Wauw! Wir sind wieder in unserem Land. Wir hören unsere Sprache. Dieser eine Satz elektrisiert mich und beendet unsere Ferien. Ab jetzt muss ich nicht mehr aus dem Fenster schauen. Ich entdecke kein Neuland. Ab jetzt spult der innere Film die letzten beiden Wochen aber in mir ab.

Wenn ich von Zürich wegfahre und jeweils den Schienensträngen zuschaue, wie sie sich verdichten und dann wieder auseinander driften, denke ich öfters an den Text, der an der kleinen Kirche in Hospenthal, einer wichtigen Kreuzung früherer Säumer- und Pilgerwege, zu lesen ist. Es heisst da:

Hier trennt der Weg, o Freund, wo gehst du hin.
Willst du zum ewigen Rom hinunterziehn.
Hinab zum heilgen Köln, zum deutschen Rhein.
Nach Westen, weit ins Frankenland hinein?

Wanderer müssen ihre Weichen immer noch selber stellen. Uns Bahnfahrenden aber ist jede Entscheidung abgenommen. Wir nennen nur noch das Ziel, erhalten eine Fahrkarte und die dazugehörige Abfahrtszeit und alles ist für uns geregelt. Um keine Abzweigung müssen wir uns selber kümmern. Und Wegelagerer im alten Sinn sind ausgeschlossen. Aber manchmal gibt es auch auf einer solchen Bahnreise noch eine Überraschung.

Blogs zu Rita Lorenzettis Deutschland-Reise
07.10.2005: Über Aachen-Eupen in den Naturpark Hohes Venn
03.10.2005: Einmalig: Konzert mit Gemshörnern und Cornamusen
28.09.2005: Von Köln Richtung Aachen: Lebensräume, grüne Auen

Freitag, 7. Oktober 2005

Über Aachen-Eupen in den Naturpark Hohes Venn

Unsere Freunde wollen uns auch das Naturschutzgebiet „Hohes Venn“ zeigen. Auf dem Weg dorthin lerne ich Eupen kennen, eine Stadt, vergleichbar mit Fribourg in der Schweiz: Ebenfalls am Berg und im Tal angesiedelt, ebenfalls mit historischer Ober- und Unterstadt. Quirlig die Atmosphäre auf der Strasse, einladend die Kaffeehäuser mit den leckeren Kuchen. Hier wird deutsch gesprochen, obwohl wir uns in Belgien befinden.

In der Unterstadt zieht uns der Friedensbrunnen zu sich. Hier fliesst Wasser spiralförmig um eine Brunnensäule, von Schale zu Schale. Diese Gefässe sind aus der abstrahierten Form einer Taube gestaltet. Obenauf sitzt die Friedenstaube.

Das Grenzgebiet um Eupen wurde im 1. und im 2. Weltkrieg wiederholt hin und her gerissen, gehörte abwechselnd zu Deutschland und zu Belgien. Den hier ansässigen Menschen muss wohl niemand ein solches Friedenssymbol erklären.

Unsere Reise geht weiter. Wir verlassen das Gebiet der deutsch sprechenden Belgier. Mont Rigi ist unser Ausgangsort für eine Wanderung im Hohen Venn. Ein Naturschutzgebiet von imponierender, nicht überschaubarer Grösse.

Hier gurgelt das Wasser dann unter uns. Auf Holzstegen gehen wir im grossen Kreis herum. Wir fühlen uns sicher, obwohl der Weg nicht nur am Rand, sondern eben durchs Moor hindurch führt. Im Hinterkopf melden sich Geschichten aus Skandinavien, die ich in jungen Jahren gelesen habe. Das Moor als unsicherer Boden, der uns verschlingen kann. Ort des Todes. Das Moor, das in jenen Erzählungen nur im Winter und bei tiefsten Temperaturen auf der Eisschicht überschritten werden kann. Das Moor als Ort von Angst und Schrecken. Und wir sind hier getragen von stabilen Stegen und können uns allen Eindrücken angstfrei hingeben.

Moore entstehen dort, wo die Niederschlagsmenge extrem hoch ist und das Wasser nicht sofort abfliesst. An diesem Samstagmorgen erleben wir den Himmel in Aufruhr und den Wind damit beschäftigt, weisse Wolkenfrachten zu transportieren. Licht und Farben wandeln sich oft. Manchmal sind wir von totalem Grau umgeben. Bäume im Moor erscheinen dann wie schwarze Scherenschnitte. Der Wind pfeift, spielt und schafft die Wolkentürme vorwärts. Es ist spannend, einerseits zum Himmel zu schauen, dann durch das rostbraune Pfeifengras auf den Grund zum schwarzen Torf. Die Ansichten wechseln ständig. Es scheint, als sei die Erde wirklich eine runde Scheibe, an ihren Rändern von schützendem Fichtenwald begrenzt. So präsentiert sich der Rundgang. Im Laufe unseres Ausfluges entdecke ich dann auf einmal einen Ausgang und eine dahinter liegende Landschaft. Aus ist die Vorstellung von der Erdenscheibe.

Die allein stehenden Bäume imponieren mir immer. Sie geben einer Landschaft das Gepräge. Sie sind auch Symbole von eigenständigem Leben, von Standhalten, Festigkeit und Persönlichkeit. Hier sind es Fichten, Espen, Birken und Buschgruppen, die die Moorlandschaft bilderreich gestalten. Unzugänglich ist eine Gruppe – vermutlich Birken –, die um eine Fichte herum wie schützende Feen stehen. Gerne wäre ich zu ihnen hingekommen, doch der vorgeschriebene Weg lässt es nicht zu.
Auf dem Weg für die Kinder finden wir blühende Erikastauden. Und Grasflächen, die den Sonnenstrahlen Tautropfen hinhalten. Farn ist dabei und Espen (in der Schweiz nennen wir sie Aspen). Mein Lieblingsbaum. Wenn das Espenlaub zittert, sehe ich ein Bild von meiner Innenwelt. So bewegt sie sich, wenn ich berührt werde. Wir hatten gerade über Lieblingsbäume gesprochen, und Primo sagte von der Aspe, sie könne singen. Und dann, als wir in die Nähe von noch jungen, niederen Aspen kommen, zittern sie gleich für uns. Sie sirren und tönen, weil der Wind ihre Blätter aneinander reibt. Es ist, wie wenn sie uns das vorher Gesagte bestätigen wollten.

Als sich der Kreis unserer Wanderung schliesst, haben wir viel erlebt und doch nur ein Bruchteil dessen gesehen, was dieses Hochmoor zu bieten hat. Es soll noch viele Wege geben, auch solche, die nur in Stiefeln zu begehen sind.

Wenn ich je hierher zurückkomme, will ich die 3 eigenwilligen Fichten besuchen, die aus einem liegenden Stamm entsprungen sind. Ihr „Grossvater“ wurde gefällt. Die Schnittstelle und der Strunk sind noch zu sehen. Aus ihm entsprang ein Trieb, der sich zum liegenden Stamm entwickeln konnte. Ja, er liegt wirklich auf dem Waldboden. Diesem wiederum entsprossen dann 3 Triebe, die sich zu 3 aufrechten Stämmen entfalten konnten. Und in ihrer Umgebung stehen zwei weitere Fichten, die ihre untersten Äste harfenförmig nach oben heben. Wirkt hier ein „Ort der Kraft“ oder spielt da die Natur einmal zum eigenen Spass ein bisschen verrückt?

Weitere Reiseblogs von Rita Lorenzetti

Montag, 3. Oktober 2005

Einmalig: Konzert mit Gemshörnern und Cornamusen

Der Ursprung des Namens Gemshorn sei unbekannt, erfuhren wir noch vor der Aufführung. Es handle sich hier nicht um das Horn von der Gemse, die jetzt übrigens Gämse oder Gams heisst, sondern um Instrumente aus Rinderhörnern. Natürlich gewachsen und als Form belassen, keines gleich wie das andere, aber alle von weichem, tragendem Klang.

Seit 10 Jahren treffen sich die Gemshornspielerinnen und -spieler (hauptsächlich Frauen) aus kleinen und grösseren Ensembles aus Wuppertal, Köln und Bochum einmal im Jahr, um Erfahrungen auszutauschen und gemeinsam zu musizieren. Als Abschluss gestalteten sie in der Evangelischen Kirchgemeinde Köln-Buchheim am 18. September 2005 eine musikalische Vesper mit Werken aus dem 16. und 17. Jahrhundert.

Die Klänge dieser rund 60 Gemshörner, teilweise unterstützt von einer grossen Bassflöte, entführten uns in alte Zeiten, als die Menschen Himmel und Erde noch als eine Ganzheit erfuhren. So drückten es die Texte einzelner Lieder aus. Es liess sich gut auf der Welle dieser Harmonie abheben und zeitweise mitsingen.

Als die Cornamusen dann auftraten, erwachte ich aufgeschreckt in der Gegenwart. Fremde, aber faszinierende Töne! Sie könnten dem Dudelsack entsprungen sein, zeitweise wie kurze Schreie oder gedehntes Stöhnen. Noch nie gehört oder bewusst wahrgenommen. Erstaunt habe ich später erfahren, dass der Cornamusen-Klang nicht ganz perfekt dahergekommen sei. Und mir hat gerade diese leicht schräge Einlage speziell gut gefallen.

Je älter ich werde, desto mehr kann ich mich am Ungereimten und Unvollkommenen freuen, sofern es in homöopathischer Dosis auftritt. Leben ist so, kann nicht in strenge Ordnungen oder Denkmuster eingezwängt werden. Auch die natürliche Form des Instruments passte zum Eindruck, den mir die Töne vermittelten. Mir fiel sofort auf, dass es etwas Eigenwilliges, Gewachsenes behalten durfte und nicht in die strenge Gerade gezwungen wurde, wie das z. B. bei der Blockflöte üblich ist.

Dass ich in der Grossstadt Köln mit Rinderhörnern in Kontakt kommen würde, hatte ich nicht vorausgesehen. Es ist das Verdienst von Freunden. Nur sie können einen an ihnen bekannte Orte und zu leisen Tönen führen. Der normale Tourismus kann das nicht.

Mittwoch, 28. September 2005

Von Köln in Richtung Aachen: Lebensräume, grüne Auen

In der Grossstadt angekommen und sogleich aus ihr herausgeführt, sehe ich zuerst lange nur grüne Busch- und Waldstreifen, welche die Autobahn von Köln Richtung Aachen begleiten. Manchmal winken einige der grossen Windräder. Das Land ist flach. Der Horizont tief. Die Landschaft erscheint, oberflächlich betrachtet, als etwas immer Gleiches. Erst als wir auf die Landstrasse abzweigen, um das Dorf Ameln zu erreichen, öffnen sich mir die Seelen der Orte. Bäume, die die Strassen säumen, stehen wie zu einer Perlenkette aufgereiht da und markieren Geborgenheit. Dörfer und Kirchtürme werden sichtbar. Die dunklen Backsteinbauten haben Stil und gehören seit langer Zeit hierher. Hier leben Menschen. Und wir werden aufmerksam auf den nun etwa 20 Jahre alten Berg, der die Landschaft verändert hat. Er wurde aus dem so genannten Abraummaterial, unter dem die Braunkohle hervorgeholt werden konnte, aufgebaut. Als mein Mann und ich vor 25 Jahren hier zum ersten Mal durchkamen, fanden wir nur flaches Land. Nun steht ein Berg in der Landschaft, wie wenn er schon immer da gewesen wäre. Grün. Auf vielen Wegen begehbar. Er sei zum beliebten Erholungsgebiet geworden, erfahren wir von unseren hier ansässigen Freunden. Hier könnten sie im Winter sogar rodeln (schlitteln).

Die Insel Hombroich (im Umfeld von Düsseldorf) lassen wir uns dann nicht nur beschreiben. Wir besuchen sie. Wir finden eine Auenlandschaft von grossem Ausmass. Ein Format, wie ich es noch nie gesehen habe. Unberührte Natur, wenn wir von den Bauten absehen, die, wie es heisst, „parallel zur Natur“ hier eingefügt worden sind. Kunst und Natur als 2 Welten, die nebeneinander bestehen. Bäume, wie sie die Auenlandschaft hervorbringt, aber auch Bäume von Menschenhand als gestaltete Flächen gepflanzt. Schlichte und strenge Architektur, die Kunst aufnimmt und Räume, in denen wir singen können und eine verblüffende Akustik erleben. Eine alte Parklandschaft gehört zu diesem Gelände, in dem wir uns während 6 Stunden aufhalten, ohne uns eine Minute zu langweilen. Viele gepflegte Wege und hinter jeder Wegbiegung ein anderer Kunstaspekt. Zum Beispiel auch Steinsetzungen. An der Wand des Steinhauerateliers lese ich „Kunst ist Seelsorge“.

In der Insel-Cafeteria können wir uns verköstigen. Erstaunt stellen wir fest, dass das Essen im Eintrittspreis inbegriffen ist. Wunderbar! Und die Menschen, die in der Schlange dafür anstehen, sind alle geduldig, freundlich und von der Stimmung auf dieser Insel wie verzaubert.

Als ich an der Theke, wo ich eine Tasse Tee holen kann, mit der jungen Frau, die dafür zuständig ist, ins Gespräch komme, erfahre ich, dass sie Innenarchitektin ist und hier eine Teilzeitstelle innehat. Es seien hier viele Persönlichkeiten aus unterschiedlichster Herkunft und Kulturen anwesend (Bildende Künstler, Sänger, Musiker, Dichter, Gärtner usw.) und ebenfalls an anfallenden Arbeiten und Visionen beteiligt. „Vielleicht ist die Insel nur zu erleben, nicht zu beschreiben“, heisst es im einführenden Bericht über Hombroich auf der Homepage.

Hombroich ist wirklich etwas Anderes. Etwas Spirituelles. Es liegt etwas Achtsames über allem. Ein Ort für den mündigen Menschen, scheint mir. Ohne Hinweise, ohne Beschilderungen. Alle Wege dürfen vorerst einmal Überraschungen sein. (Ein Faltblatt mit einem Plan der gesamten Anlage ist dann aber doch hilfreich.) Dieser natürliche Ort wirkt ausgleichend auf alle, die zu Besuch gekommen sind.

„Die Insel ist urweiblich.

Sie gebärt, hält zusammen, stützt, dient und lässt frei. Sie ist kein Muss, sondern ein Darf. Sie ist nicht entweder – oder, sondern sowohl – als auch.

Sie fordert jeden zur täglichen Auseinandersetzung mit sich selbst. Sie ist kein männliches Feld für Organisation, Hetzjagd, Anhäufung, Macht und Demonstration.“

(Von einem Mann geschrieben: Karl-Heinrich Müller)

Beim Verlassen des Geländes am Abend empfinde ich die Parallel-Welten Kunst und Natur als nicht nebeneinander stehend. Für mich ist hier die Natur die grosse Gastgeberin, die die Versuche der Menschen, das Leben zu verstehen und es mitzugestalten, aufnimmt, unterstützt und begleitet.

Hinweise
Ich verweise zudem auf meinen Beitrag „Die Aue“, der im Textatelier.com unter „Glanzpunkte“ (Nr. 79) aufgeführt ist.

Donnerstag, 8. September 2005

Brüche: Aufbruch, Abbruch, Durchbruch, Zusammenbruch

Sommer ade! Die Zwetschgen sind geerntet. Die Rosskastanien haben sich aus ihren stacheligen Hüllen befreit. Die Nachtkerzen bringen nur noch vereinzelt Blüten hervor. Die Abende dunkeln rascher ein. Wir kommen zurück ins eigene Haus. Die Schulferien sind beendet. Die Rückkehr ins Schulhaus hat stattgefunden. Für einige Kinder war es der Eintritt in den Kindergarten oder in die Primarschule, also ein Aufbruch.

In Frankreich nennt man diese Zeit „rentrée“. Rückkehr aus der Entspannung, von Reisen, vom Haus am Meer. Die unbeschwerte Zeit ist beendet, abgebrochen. Auch dort beginnt das neue Schuljahr nach den Sommerferien. Dazu habe ich Fotos aus Paris erhalten, aus dem Schulhaus Orsel, wo letzte Woche auch meine Enkelin in die École maternelle eingetreten ist. In ihrer Klasse hätten alle 22 neu angekommenen Mädchen und Buben geweint, als sich Mütter und Väter verabschieden mussten. Sie sind auch erst 3-jährig. Für diese Kinder, die sich im Laufe des Tages von ihrer Traurigkeit erholt haben sollen, ist es ein Durchbruch in die Zukunft, die Vorbereitung auf die Eingliederung in eine leistungsorientierte Gesellschaft. Dieser Satz stammt nicht von mir, sondern von einer Mutter aus Paris.

„Der Zürcher Sommer ist besser als sein Ruf“ titelte der „Tages-Anzeiger“ vom 1. September 2005 und lieferte auch die Begründung dazu. Zahlen und Vergleiche mit Vorjahren rechtfertigen die Aussage. Juli aussergewöhnlich trocken, Juli im Schnitt von früher und August zu feucht, zitiere ich die erschienene Bilanz etwas knapp. Es hiess da auch, dass der Juni 2005 2 bis 3 Grad °C zu warm gewesen sei. Und es wurde selbstverständlich auch auf die katastrophalen Regenfälle zwischen dem 21. und dem 23. August hingewiesen.

Eine Schlagzeile, die positiv stimmte, aber nicht für alle stimmen kann. Wetter-Statistiken geben nur einen Rahmen, in dem unser Leben stattgefunden hat. Für einige war es ein wundervoller Sommer, für andere nur ein nasser. Für einige eine Zeit voller Entdeckungen, weil sie dem Leben nicht vorschreiben, wie es sich abwickeln muss. Andere hadern, weil sich Wünsche nicht erfüllten usw. Sicher beschwingt uns ein heiterer Himmel, und die Wärme der Sonne entspannt uns. Doch ist das nicht alles. Auch Regen kann schön sein. Es kommt auf die Einstellung, den Regenmantel und das gute Schuhwerk an.

Ganz und gar ausserhalb des obigen Titels stehen die Betroffenen der Klima-Katastrophe. Der Zusammenbruch ihrer Heime und Existenzgrundlagen ist unvorstellbar grausam und hat hoffentlich manches Gewissen erschüttert. Unsere wirkliche Hilfe neben der materiellen Aufbauhilfe kann nur das Umdenken sein. Die Fakten sind bekannt. Wir verhalten uns in keiner Weise als faire Partner von Natur und Umwelt. In der vorpatriarchalen Kultur wurde die lebensspendende Mutter Erde noch mit Festen geehrt und ihr für Wachstum und Fruchtbarkeit gedankt. Wir aber beuten die Lebensgrundlagen nur noch aus.

Was wird in 20 Jahren sein, wenn die eben eingeschulten Kinder erwachsen geworden sind? Werden sie noch an Gewinnmaximierungen als Lebensinhalt glauben? Ist ihr Leben immer noch so laut, wie das der 20- bis 25-Jährigen von heute? Oder läuten sie dann ein neues Paradigma ein? Ich wünsche mir, dass sie die leisen und feinen Töne entdecken und auf das Leben hören lernen. Das wäre dann ein wirklicher Aufbruch in ein neues Zeitalter.

Dienstag, 30. August 2005

Versorgt, vergessen, plötzlich gefunden: Schweizer Fahne

Das Dach eines unserer Reihenhäuser an der Hardturmstrasse in Zürich wird renoviert. Die Ziegel werden abgetragen und eine neue Isolation eingesetzt. Von meinem Arbeitsplatz im 1. Stock kann ich den Männern bei der Arbeit zuschauen. Ich bewundere die Leichtigkeit und Sicherheit, mit der sie sich bewegen und einander die Ziegel zuwerfen.

Dann wende ich mich wieder meiner Arbeit zu. Und doch nimmt meine linke Gesichtshälfte alle Bewegungen dieser Arbeiter wahr, obwohl ich mich doch auf den Bildschirm konzentriere. Männer auf dem Dach vis-à-vis und Bewegungen dort oben sind eben ungewohnt. Auf einmal „sehe“ ich rot und schaue auf. Da kann ich beobachten, wie einer der Dachdecker sorgsam eine Schweizer Fahne aus der Seitenwand der Lukarne herauszieht. Jetzt rollt er sie auf und bewegt sie leicht, schaut den Stoffwellen nach. Wie feinfühlig er das macht! Dann nimmt er den Hammer in die Hand, holt aus der Hosentasche einen Nagel und befestigt die Fahne am obersten Punkt des Giebelfensters. Dann strahlt er. Er weiss gar nicht, dass er beobachtet wird.

Nun öffne ich mein Fenster und rufe herüber: „Super!“ Er lacht. Er hoffe noch auf ein kleines Aufrichtefest. Diese Fahne diene nun als Aufrichtebaum. Der Mann spricht gebrochen deutsch. Dass er die Fahne beinahe liebkost hat, heisst vielleicht, dass er das Schweizer Bürgerrecht bekommen hat oder dass er froh ist, hier arbeiten zu können.

Donnerstag, 25. August 2005

Platzspitz Zürich: Wo sich auch Limmat und Sihl treffen

Durch den Platzspitz spazieren heisst, dem hektischen Zürich den Rücken kehren. Das Gebiet hinter dem Landesmuseum wurde von den beiden Flüssen Limmat und Sihl in jahrhundertelanger Arbeit zu einem Dreieck geformt. Der Platz, heute ein Park, mündet in einen Spitz. Dort treffen die beiden Flüsse aufeinander und vereinigen sich.

Hier wurde 1883 die erste schweizerische Landesausstellung abgehalten. Den Park erlebte ich als Kind als einen Ort zum Flanieren. Die Rasenflächen gehörten dem Auge, die Wege den Füssen. „Rasen betreten verboten“ war damals eine respektierte Weisung. Niemand lag auf öffentlichen Wiesen herum. Das schickte sich nicht. Manchmal erklang romantische Musik oder Belcanto-Gesang vom Pavillon herab. Für die Kinder aus dem angrenzenden Industriequartier war der Park etwas Sonntägliches und das Grün der Flächen und alten Bäume ein Kontrast zum Schulweg und Alltag in der Umgebung von Fabriken.

Dieser Ort erlangte mit der offenen Drogenszene als „Needlepark“ dann traurige Berühmtheit. Seit 1993 steht der Park aber wieder allen offen. Er ist gereinigt, saniert. Die alten Bäume formen sich gegen den Spitz hin zu einem beeindruckend weiten Raum. Draussen, vor dem Gitter, plätschert kühles Wasser. Die Brunnenfiguren – eine Seejungfrau und ihr männlicher Partner – tanzen zur Vereinigung der beiden Flüsse. Seit Jahrzehnten steht der schöne Brunnen an diesem Ort. Hier gehen viele Menschen vorüber. Es sind Wege, die der Alltag bestimmt. Touristen kommen seltener bis hierher.

Nun ist das Drogenelend im Park erneut sichtbar, in Form einer Fotoausstellung im Freien. 30 Panoramafotografien von Michael von Graffenried säumen den Hauptweg und führen uns das von Drogen bestimmte, elende Leben vor Augen. Ein Gegenstück zu den hier lebenden Bäumen. Was sagt wohl der Ginkgo dazu, wenn er das erneut ansehen muss? Er, der Lebensfreude und Lebenskraft verkörpert und von uns als Lebensbaum verehrt wird.

Und im Landesmuseum selber wurden Heiligenfiguren aus dem Schlaf geweckt. In der Mittelalterabteilung stehen jetzt Fotos von Michael von Graffenried mit ihnen „im Gespräch“. Und eine der Rahmenveranstaltungen weist auf die Sehn-Süchte beider Gruppen hin. Das Thema des Vortrags von Prof. Jakob Tanner: „Von religiöser Ekstase zu Ecstasy.“
Jetzt nochmals zurück zum Brunnen am Spitz: Gehen wir über die Limmatbrücke, treffen wir am andern Ufer auf die 1928 erbauten Rotach-Häuser, die neuerdings auf der Pro-Patria-Briefmarke (85 Rp.) abgebildet sind. Hinter ihrem Grün-Versteck auf der schmalen Insel, die einen Kanal abtrennt, musste auch ich sie suchen, als ich von ihrer Auszeichnung las.

Zum Sihlquai zurückgekehrt, finden wir einen grossen Fliegenpilz, der aus dem Strunk eines abgeholzten Baumes geschnitten und farbig angemalt worden ist. Nochmals eine Markierung der einstigen offenen Drogenhölle. Das Sihlquai, früher sicher ein Ort zum Promenieren, gehört heute nur noch dem Autoverkehr. Hier fahre ich trotzdem gern mit dem Velo heimwärts. Die Luft ist durch den Wasserraum frischer. Ich mag auch die Rosskastanienbäume, die das Trottoir überdachen.

Im Juli entdeckte ich im Flussbett, das wenig Wasser führte, aus Steinen gestaltete Figuren, vermutlich Werke von Ueli Grass. Seit Jahren überrascht er uns mit seinen Steinsetzungen am See. Nun erstmals in der Limmat? Ich weiss es nicht. Fest standen sie da, wie Wächter eines Reviers und mir schien, in freundlichem Austausch untereinander. Wie kommt es, dass sich aufgeschichtete Steine aneinander festhalten, dem Wind trotzen, ohne dass ein Hilfsmittel verwendet worden ist?

Alles was es dazu brauche, seien schwere Steine, ruhige Hände und Zeit, lese ich auf Grass‘ Homepage.

3 Tage waren die Steinsetzungen für mich sichtbar. Dann kam der grosse Regen, und die Wassermassen zerstörten sie.

Ein Spiel, ohne traurig zu werden, wenn es aus ist. 

Hinweise
Infos zur 1. Landesausstellung 1883
Platzspitz

Mittwoch, 17. August 2005

Im Zug-Fahrpreis inbegriffen: Kontakte und Geschichten

Der Zug fährt los. Die alte Maria winkt. Sie hat mich auf den Bahnhof begleitet. Sie freute sich, dass ich sie besuchte und ihr zuhörte, wie ihr Leben war und ist. Sie zeigte mir Orte, wo Primos Vorfahren lebten und erzählte spannende Geschichten.
Nun bin ich wieder allein, freue mich auf die Heimfahrt. Eisenbahnfahrten sind für mich Erholung und eine Form von Meditation. Nur auf die Landschaft schauen, wie sie vorbeizieht, und wissen, dass sie doch stillsteht, tut mir gut. Ihren Formen und Linien folgen, einzelne Bäume bewundern, die Farben und Lichteinfälle aufnehmen, das ist Glück für mich.

Im Nu sind wir in Sargans. Es steigen etliche Leute zu. Zu mir setzt sich ein klein gewachsener, älterer Mann und grüsst freundlich. Seine wachen Augen signalisieren Kontaktfreude und Offenheit. Ich spüre, dass er mit mir plaudern will. „Oh nein!“, denke ich. Ich möchte auch den Rest der Heimfahrt mit der Landschaft und ihren Bergen allein geniessen, meine Ruhe haben.

Der Mann achtet nicht auf meine zurückgezogene Haltung, gibt nicht auf, auch wenn ich seine Fragen äusserst knapp beantworte. Aber bald einmal bewundern wir zusammen das, was die Fahrt uns bietet. Wir freuen uns an Gleichem. Der Mann, der von einer Wanderung heimkehrt, erzählt dann, wie es ihm heute ergangen ist, wie das Wetter war, wie sich die Wege präsentierten und wie er Kraft bekomme, wenn er wandere. Als der heutige Tag beschrieben war, blätterte er in seinen Erinnerungen weiter zurück und berichtete von einer lange zurückliegenden, gefährlichen Passüberquerung, wo er den Weg verloren hatte und auf einer Geröllhalde abstürzte. Unten sei er überraschend von einem unbekannten Mann aufgefangen worden. Dieser habe ihm auf die Beine geholfen und den weiteren Weg gezeigt. Glücklicherweise blieb er unverletzt. Ehe er recht zu sich gekommen sei, war der Retter verschwunden.

Jetzt wird es still in unserem Abteil. Der Gesichtsausdruck des Erzählers erscheint plötzlich seltsam verklärt. Die Erinnerungen berühren ihn offensichtlich stark. Er frage sich immer noch, wer ihm geholfen habe. Dann sagte er: „Da gehst du 50 Jahre deiner Wege, meinst alles aus dir selbst heraus zu können und die Ziele allein zu finden – und dann das! Das macht bescheiden.“

Nun ist der Redefluss versickert. Erst kurz vor Zürich höre ich noch, dass er mit seinem behinderten Sohn im gleichen Haushalt lebe. Eine grosse Aufgabe für ihn, die ihn immer wieder an Grenzen führe. Darum schätze er Ausflüge und Wanderungen und die sich ergebenden Kontakte. Daraus schöpfe er die nötige Zuversicht.

Als wir uns verabschieden, weiss ich, dass ich nun jedes Mal, wenn ich mit dem Zug zwischen Sargans und Zürich unterwegs bin, an ihn denke.

Montag, 15. August 2005

Die Zürcher Street-Parade-Strassen sind jetzt wieder sauber

Die Strassen der Stadt Zürich sind nun wieder sauber, harmlos, der Urin-Geruch dank des Regens aufgelöst, die Ruhe eingekehrt. Meine Tochter Letizia, die am Sonntag sehr früh durch die Bahnhofhalle kam, erzählte, dass die Schuhe im Schmutz kleben geblieben seien.

Ich war am Samstag auf dem Weg in meinen Dienst innerhalb der Menschenströme, die an die Street Parade gekommen waren, unterwegs. Da konnte ich gerade froh sein, dass ich das Limmatquai noch überqueren konnte. Trotz des kühlen Wetters sah man viele entblösste Leiber. Viele Frauen im Bikini mit Netzstrümpfen. Da war einfach jeder gute Geschmack unbekannt.

Am schlimmsten für mich: Jede kleine Bar und beinahe jeder Kiosk in meinem Umfeld war mit einer Verstärkeranlage ausgerüstet. Wo ich auch hinkam, dröhnte es. Da werden sicher Gehörschäden davongetragen.

Das grosse Problem: Die Drogen! Der „Tages-Anzeiger“ titelt heute (15. 8. 2005): „Positive Partybilanz trotz Drogenrekord“ und schreibt: „... die Zahlen der Polizei überschatten die Bilanz: 182 Personen mussten wegen Drogen- oder Alkoholmissbrauchs betreut werden, 70 % mehr als an der letztjährigen Parade. 40 Personen wurden wegen Dealer-Tätigkeit verhaftet.“

Wenn ich heute die Bilder in der Zeitung anschaue, dann weiss ich wieder einmal: Ich bin von einem anderen Planeten. Ich kann dieses Ausflippen auf „Teufel komm raus!“ nicht nachvollziehen. Dabei freute ich mich am Samstag, als ich die 15 Tips („Tun und Lassen“) las. Z. B. „NO DRUGS, NO DEALING, GOOD FEELING!“

„Werdet nicht selber Opfer des Klischees, dass man nur mit Drogen feiern könne. Niemals Drogen mixen! Alkohol und Partydrogen zusammen können lebensgefährlich sein. Glaubt den Dealern nichts; denen ist euer Leben egal. Lügt euch nicht selbst an. Drogenfrei abtanzen ist geil genug.“

Das diesjährige Motto hiess TODAY IST TOMORROW − Heute ist Morgen! – auf Schäden hinweisend, die in der Zukunft auftreten können. Mir imponierte der Blick auf die Vernunft.

Ich bezweifle aber, dass solche Aufrufe im Massentaumel überhaupt noch gehört werden können.
Keine Freude habe ich verspürt, als ich vor einer Stunde den Organisator am Radio verkünden hörte: Auch nächstes Jahr (2006) findet die Street Parade statt.

Sonntag, 7. August 2005

Friedhöfe: Orte der Trauer, Geschichte und Sinnfindung

In diesen Tagen beschäftige ich mich mehr als sonst mit dem Friedhof, dem Tod, den Sinnfragen, ohne dass ich einen Mitmenschen zu beklagen hätte. Ich bin auf einen von Historikerinnen geführten Rundgang durch den Friedhof Sihlfeld in Zürich mitgegangen. Als Kind betrat ich diesen Ort eher ängstlich. Heute aber ist er für mich ein Fried-Hof, wo die Alltagshektik ausgeblendet ist. Die Grünflächen tun das ihre, so dass wir uns da wohl fühlen können, an einem Ort, wo hauptsächlich die Trauer dominiert. Friedhöfe sind Oasen für die Lebenden. Seltsam. Da, wo Menschen in die Erde gebettet werden, weil sie den Atem aushauchten, atmen die Lungen der Stadt besonders kräftig.

Der Friedhof ist heute ein Park und nicht mehr ein Gottesacker wie zu Ulrich Zwinglis Zeiten. Nach einer Abbildung, die uns die Historikerinnen zeigten, war derjenige, der zu St. Peter gehörte, zur Zeit des Reformators, nur ein umgegrabenes Ackerfeld, ohne Schmuck, ohne verewigte Namen. Alle Menschen sollten nach seiner Auffassung im Sterben gleich sein. Die Toten im Erdreich waren dem Vergessen übergeben. Heute pflegen wir die Gräber und mit ihnen die Erinnerung an Verstorbene mit persönlichen Grabmalen. Sie bleiben zirka 25 Jahre unberührt. Erst dann wird das jeweilige Feld umgegraben. Die Stadt Zürich verfüge über 24 Friedhöfe und 60 000 Gräber, hörte ich auf diesem spannenden „Frauenstadtrundgang“ zum Thema „Die Frauen und der Tod“.

Die Historikerinnen hatten vor allem die Stellung der Frau in der früheren Gesellschaft im Fokus. Sie wiesen auf Bräuche früherer Jahrhunderte hin. Sie zeigten uns Gräber mit symbolischen Darstellungen als Zeugen sich wandelnder Anschauungen. Sie berichteten auch über frühen Kindstod und Kindbettfieber und dass für diese Mütter und Kinder damals am Rande des Friedhofs ein speziell abgestecktes Feld zur Verfügung stand. Man wusste noch wenig über die Ursachen dieser grossen Sterblichkeit und grenzte die so verstorbenen Frauen und Kinder als Vorsichtsmassnahme aus.

Die jungen Historikerinnen stellten fest, dass es keine Gräber mit Familiennamen der Frau gäbe, auch keine Frauengrabmale mit Hinweisen auf ihren Beruf. In solchen Momenten berührt es mich eigenartig, dass ich von jungen Frauen darüber belehrt werde, was in meinem Leben Normalität war. Noch nicht lange können Frauen ihren angestammten Familiennamen auch in der Ehe weiter benützen und die berufliche Förderung der Frau ist ebenfalls noch nicht sehr alt.

Ganz anders das Thema im Friedhof Enzenbühl. Beim Teich mit der Figur der trauernden Frau konnten wir uns auf einfache Bänke setzen und beim Einnachten ein vom „Theater Elch“ inszeniertes „Streit- und Trostgespräch vom Tode“ – ich würde es „mit dem Tode“ nennen – mitverfolgen. Faszinierend. Der Ort, die Stimmung, die alten Bäume, die uns grossräumig umschlossen, die feine, durch das ganze Stück tragende und uns entführende Musik, sie öffneten uns für die letzten Fragen unseres Menschseins.

Der „Ackermann aus Boehmen“, so der Titel des Stücks, streitet mit dem Tod, der ihm seine gute und treue Frau genommen hat.

Trauer kennen wir alle, nicht aber die Argumente des Todes. Und diese lieferte der Autor (Johannes von Tepl, 1428) in nachvollziehbarer Weise. Wie viele er davon vortrug! Und die an Bildern reiche Sprache! Udo Thies, der den Tod verkörperte, trat nicht als Sensemann auf. Seine Kleidung liess ihn nicht als Tod erkennen. Die schöne Jacke, die er trug, wüsste ich gern mein eigen! Er kam näher, ganz nahe. Vom andern Ufer kommend, überschritt er auch das Wasser. Aber die Kontrahenten konnten sich nicht einigen. Erst auf anderer Ebene und im Gespräch mit dem Ewigen wandelte sich die Trauer.

Nun liegt das Reclam-Taschenbuch mit dieser Geschichte auf meinem Arbeitstisch. Es ist mir auch innerlich nahe. Wo ich es auch öffne und hineinschaue, bin ich gepackt. Solche Kost habe ich jahrzehntelang nicht mehr bekommen. Ein Kontrapunkt zum Leben, das gegenwärtig in der Stadt fast ausschliesslich nur auf Spass und Unverfrorenheit ausgerichtet ist.

Dieses Spiel mit seinen grossartigen schauspielerischen Leistungen wird im August in Basel auf dem Friedhof Hörnli und in Bern im Bremgartenfried ebenfalls mehrmals aufgeführt. Am liebsten würde ich nochmals dabei sein.

Freitag, 29. Juli 2005

Oft stört mich das Wort „verkaufen“

Oft stört mich das Wort „verkaufen“. Ich kann mich einfach nicht damit abfinden, dass wir jetzt alles verkaufen müssen. Unser Land, die Berge, Landschaften, Orte, unsere Kultur, Gefühlswelten und vermutlich noch die Sonnenuntergänge. Verpackt als „Produkt Schweiz“ wird das alles auf den Tourismus-Markt geworfen.

Was heisst verkaufen? Etwas abgeben gegen Bezahlung. Konsequent verstanden, ist die Schweiz dann nicht mehr da, wenn sie verkauft worden ist. Dann hat sie jemand mitgenommen, weggetragen, anderswo integriert. Das Bedeutungswörterbuch umschreibt das Wort verkaufen in gleichem Sinn: „(Als Händler) Ware zu einem bestimmten Preis gegen Bezahlung an jemanden abgeben.“

Auch Menschen werden häufig angetrieben, sich selbst oder sich selbst sogar noch besser als bisher zu verkaufen. In einem Vorstellungsgespräch heisst es jetzt häufig: „Verkaufen Sie sich!“, wenn Talente und Erfahrungen beschrieben werden müssen.

Auch Interessengruppen, politische Parteien usw., die sich und ihre Qualitäten ins Rampenlicht stellen wollen, befehlen sich: „Wir müssen uns besser verkaufen!“

Sich selber verkaufen? Eine neue Form von Sklavenhandel? Absurd.

Ich frage mich, wie sich diese ausbeuterische Bedeutung von „verkauft“ weiterentwickeln wird. Steht dieses Wort nach einigen Jahrzehnten vielleicht einmal für „futsch“ (unwiederbringlich verloren)?

Samstag, 23. Juli 2005

Ins Samstagabend-Läuten in Zürich eingetaucht

Es war wie immer. Einfach schön. Bewegend. Etwas für die Seele. Ulli und Norbert, die Gäste aus Deutschland, kamen mit. Wir wollten miteinander ins Samstagabendläuten eintauchen.

Nach einem Rundgang durch Altstadtgassen sind wir auf dem Lindenhof angekommen. Kurz vor 19 Uhr. Hier erwarten wir den abendlichen Siebenuhr-Stundenschlag. Dann wird der Sonntag eingeläutet. Ein schwacher Wind spielt heute mit und trägt die Klänge stärker und schwächer zu uns.

Jetzt, beim Schreiben, erinnere ich mich ans Liebfrauen-Geläute aus der Ferne, dann ans Grossmünster, das einstimmt, an die Klänge der Glocken der Kirche zu Predigern, ein Geläute, das stark auftritt, weil uns direkt gegenüber. Fraumünster und St. Peter sind selbstverständlich auch dabei, aber von unserem Standort aus in der ersten Sequenz nicht speziell wahrnehmbar. Wir gehen langsam weg, bewegen uns auf die andere Seite dieses Hofs und werden dort von den Glocken der Augustinerkirche begrüsst. Hell und mit unbekümmertem Selbstbewusstsein empfinde ich ihren Klang. Dann verlassen wir den Lindenhof, gehen über die Treppe zum Rennweg und weiter nach St. Peter. Dort empfängt uns ein Geläut mit warmer Tiefe, das dem dicken Turm entspricht. Die Wände der Stützmauern vibrieren. In mir schwingt es, wie wenn ich russischen Chören lauschte. Hier möchte ich bleiben und weiss doch, dass wir zum Münsterhof weitergehen müssen, wenn wir innerhalb dieser wichtigen Viertelstunde auch das Grossmünster noch erreichen wollen.

So nehmen uns sehr rasch die leichter schwingenden Glocken von Fraumünster in ihren Bann, wenig später stehen wir auf der Münsterbrücke und finden das gemeinsame Schwingen und Klingen aller Glocken, dominiert von St. Peter. Das Ausklingen geniessen wir endlich vor dem Grossmünster. Unter der Linde sitzen wenige Menschen, still und beschaulich. Eine kleine, hell klingende Glocke setzt den Schlusspunkt. Da fliegen die Mauersegler nochmals um die Türme. Ich hatte schon vom Lindenhof aus bemerkt, dass sie beim Stundenschlag aufflogen.

Dann fährt ein Tram vorbei. Der Lärmpegel des Verkehrs übernimmt wieder das Szepter.

Unsere Gäste zeigen sich bewegt. Norbert hat bemerkt, dass wenige Schritte oder eine Drehung um sich selbst ein ganz anderes Hörerlebnis hervorrufen kann. Es ist auch immer spannend zu erleben, wie Mauern und Gassen Glocken ausschliessen oder zulassen. Und wir im Gehen ermöglichen, dass alle irgendwann Mittelpunkt sein können.

Donnerstag, 14. Juli 2005

Der Ampèresteg in Zürich: Vorurteil und Auswirkung

Letzte Woche haben wir eine neue Brücke bekommen. Den Ampèresteg für Fussgänger und Velofahrende über die Limmat. Er verbindet Zürich-West mit Wipkingen.

Als die Betonpfeiler geschaffen und im Fluss verankert waren, wurden die beiden Brückenelemente angeliefert. Das Regionaljournal berichtete über das Schauspiel, als der grösste in der Schweiz verfügbare Baukran die eine Brückenhälfte durch die Lüfte hievte. Es musste dann leider vorzeitig abgebrochen werden. Die Bohrungen im Pfeiler entsprachen nicht den Verankerungsteilen am 2. Element. Dieses konnte erst später eingesetzt werden.

Vorerst also nur eine halbe Sache. Der Radio-Berichterstatter befragte dann einzelne Zuschauer, wie ihnen das Werk gefalle. Da hörte ich einen Mann voller Abscheu sprechen: Es handle sich bei dieser Brückenkonstruktion um ein U aus Beton. Die Seitenwände seien extrem hoch, aber mit Löchern versehen, damit wir Ausblick aufs Wasser fänden.

Eine Betonbrücke! Ich war enttäuscht und rechnete mir aus, dass mich dieser neue Schandfleck überleben werde. Solche Arbeiten können nicht sofort entsorgt werden, wenn sie den Anwohnern nicht gefallen. Als ich am Mittagstisch davon berichtete, stand ich auf und stellte mich in den Türrahmen meiner Küche und zeigte meinem Mann, wo ich die Ausgucklöcher vermute. Auf Augenhöhe – natürlich auf der meinen!

Am Nachmittag schaute ich mich einmal auf dem Bauplatz um. Die eine, schon gesetzte Hälfte wirkte nicht plump. Der andere Teil jedoch, auf der Ampèrestrasse liegend, wies viel höhere Seitenwände auf als ich sie mir vorgestellt hatte. Doch war die Brücke nicht aus Beton, sondern aus Stahl geschaffen. Trotz der grossen Ausmasse wirkte sie leicht. Und ich fand viele Löcher in den Seitenwänden, für viele Augenhöhen, nicht nur für die meine.

Jetzt ist der Steg eingeweiht. Dass er mir gefällt, verdanke ich jenem Mann, der sich übers Radio sehr abwertend äusserte. Das Vorurteil mit allen bösen Befürchtungen traf nicht zu. Darum freue ich mich. Die schwungvolle Konstruktion, die auf der Wipkingerseite schmal beginnt und sich nicht nur nach Zürich-West, sondern auch in die Höhe schwingt, gefällt mir jetzt. Sie deckt sogar noch die Brücke der Westtangente vorteilhaft ab. Noch meckern etliche Anwohner. Sie mussten keine Vorurteile ablegen wie ich, sehen die Sache unbeeinflusst an. Unter einem Steg verstehen sie etwas Bescheideneres. Aber er dient uns allen, erleichtert uns den Flussübergang. Ich würde mich nicht wundern, wenn er nach Jahren zu den schützenswerten Bauten gehören sollte.

Nur eines missfällt mir: 3 Tage nach der Einweihung finde ich schon schwarze Sprayer-Motive auf der roten Innenwand. Nichts wird von diesen Schmierern verschont. Ein Spatz versöhnt mich dann. Aus dem Flussraum angeflogen, pfeilt er durch eines der Gucklöcher, schwingt sich über den Steg und setzt sich in ein gegenüberliegendes Loch ab. Da sitzt er. Interessiert schaut er zu, wie Menschen vorübergehen. Es gefalle ihm ausnehmend gut hier, vernehme ich. Prima Plattform, der Sitz im Rund wie für ihn geschaffen.

Freitag, 8. Juli 2005

Mitgefühl bei Eiltempo, Quelle des schnellen Glücks

Jedesmal wenn ich den Laden betrete, lese ich im Bereich der Einkaufskörbe „Fühlst du dich auch manchmal alleine, verlassen, im Stich gelassen?“ Diesen Worten kann ich einfach nicht widerstehen.

Unter diesem schwebenden Traktat stehen die Einkaufskörbe mit den dunkelroten Herzen. Wer sie benützt, signalisiert die persönliche Einsamkeit sowie den Wunsch nach Kontakt und Beziehung. Ich habe aus Versehen auch schon mit einem solchen Herz-Korb eingekauft, bin aber nicht angesprochen worden. Verständlich! Grossmütter werden keine gesucht. Hier verkehren junge Menschen, auch viele Schüler. Sortiment und Personal sind auf sie ausgerichtet. Das Durchschnittsalter dürfte 35 Jahre nicht überschreiten. Hier pulsiert die Zukunft. Wir befinden uns im Trendquartier Zürich-West, im Haus „Puls 5“ neben der alten umfunktionierten Giessereihalle, wo das hipe Leben stattfinden kann.

Als ich zum Zahlen anstehe, fällt mir eine Frau auf, die deutlich älter ist als jede Mitarbeiterin in diesem Laden. Sie trägt schon die schwarze Bluse, die hier Uniform ist, jedoch noch ohne aufgesticktes Firmenlogo. Offenbar wird sie in die Arbeit einer Kassiererin eingeführt. Sie sieht überfordert aus. Ich kann mir gut vorstellen, wie sie sich fühlt. Alles, was sie aufnehmen muss, zieht viel zu schnell an ihr vorbei. Die junge Vorgesetzte ist ein Profi, arbeitet flink und effizient, aber nicht einsichtig für uns, die wir zuschauen. Ich zwinkere der Neuen zu und signalisiere, dass ich sie verstehe. Sie lächelt. Ich sage auch: „Es geht schnell, nicht wahr?“ Sie scheint erleichtert, dass das jemand bemerkt. Jetzt weist mich aber die Verantwortliche zurecht. Sie hätten später Zeit, Details langsam anzugehen. Und ich rechtfertige mich: „Es war kein Vorwurf, nur Mitgefühl.“

Auf dem Heimweg treffe ich auf ein Plakat mit der Foto des Dalai Lama und dem Hinweis auf die bald stattfindenden Unterweisungen, die er in Zürich halten wird. Das Thema: „Mitgefühl, Quelle des Glücks“.

Mein Thema von vorhin. Aber nicht alle waren glücklich dabei. Ja, ich hätte auch Mitgefühl für die erfahrene Kassiererin entwickeln müssen, denn es war Pausenzeit und viele Schüler mussten im Eiltempo bedient werden.

Freitag, 1. Juli 2005

Zahlungsmoral: Die „30 Tage“ werden immer länger

Eine Kundin bestellte bei uns Grundlagenmaterial für ihre Malerei. Sie sagte schon im Voraus, sie würde die Rechnung aber erst anfangs des nächsten Monats begleichen können. Ich lieferte die Teile ab, wurde von ihr zum Kaffee eingeladen, und danach wollte sie vor meinen Augen den Einzahlungsschein ausfüllen und die Zahlung sofort ins gelbe Quittungsbuch der Post eintragen. Damit ich es auch glaube, dass sie die Zahlung nach Eintreffen ihrer AHV-Rente sofort ausführen werde. Von uns wurde sie aber in keiner Weise gedrängt, die Lieferung sofort oder sogar noch bar zu begleichen.

Das ist aussergewöhnlich. Diese Künstlerin ist älter als ich und verkörpert noch jene seriöse Schweizer Mentalität, die einmal das Markenzeichen unseres Volkes war.

Als ich noch Briefpost austrug, hörte ich immer wieder einmal den Ausruf: „Hoffentlich bringen sie uns keine Rechnung!“ Meist ging ich nicht näher darauf ein. Für mich ist eine Rechnung immer eine Antwort auf eine vorher erbrachte Leistung. Darum habe ich Freude, wenn sie eintrifft. So kann ich meine Schuld bezahlen und mich danach wieder frei fühlen. Zudem gehört dann die Leistung, auf die sie sich bezieht, ganz mir. Eine prompte Zahlung kann auch Ausdruck von Dank für eine gute Arbeit oder für die prompte Lieferung eines gewünschten Produkts sein.

Früher wurde die Zahlungsfrist so angegeben: „Zahlung innerhalb von 30 Tagen.“ Dann fiel unversehens das Wort „innerhalb“ weg und das Ziel lautete nur noch „30 Tage“. Wie ich in Gesprächen, aber auch von meiner Mitarbeit in Buchhaltungen weiss, wird heute ab dem 30. Tag begonnen, an die offene Rechnung zu denken. Wie kürzlich veröffentlichte Statistiken zeigen, zahlen Schweizer heute die „30-Tage-netto-Rechnungen“ erst nach 60 Tagen und glauben noch, das sei normal.

Viele Mitmenschen setzen Lieferanten ohne deren Einverständnis als ihre Bank ein. Sie überbrücken Engpässe, indem sie jene warten lassen, die ihnen das geliefert haben, was sie brauchten. Oder sie spielen Macht aus, lassen Lieferanten zappeln. Ich habe auch schon das Argument gehört, Rechnungen sofort zu begleichen, sei übertrieben.

In wirtschaftlich schwierigen Zeiten sollten wir einander helfen. Dazu braucht es zuerst die Einstellung, dass wir alle voneinander abhängig und auch auf einander angewiesen sind. Wenn wir uns kulant verhalten, unsere Verpflichtungen rasch und unkompliziert erfüllen, dient das allen. Wir können mithelfen, Engpässe zu vermeiden und Löhne sicherzustellen. Solche Rücksichtnahme kann auch bewirken, dass Arbeitsplätze erhalten bleiben.

Würde ich nur die Erfahrung aus meiner Mitarbeit in der Schreinerei meines Mannes kennen, ich müsste diesen Aufsatz nicht schreiben. Es gibt diese Kunden, denen der Inhalt des Worts „Zahlungsmoral“ noch geläufig ist. Sie ermöglichten, dass unser Kleinbetrieb seit 45 Jahren bestehen darf.

Donnerstag, 23. Juni 2005

Stimmfilmcabaret in Zürich: „Doppellaut zu dritt“

Obwohl ich es mir nicht vorstellen konnte, was ein Stimmfilmcabaret sei, wirkte die Einladung auf mich magnetisch. Passend auch zum Tag der Première in Zürich: Es war der längste Tag. Das cabarettistische Programm entsprach ihm. Einem Höhepunkt wurde noch ein weiterer aufgesetzt.

Clara Buntin und Eva Enderlin, die beiden Sängerinnen und Komödiantinnen dieses Programms, waren seinerzeit Gründungsmitglieder der A-Cappella-Gruppe „The Sophisticrats“, die von 1985−1991 in der Schweiz, Deutschland, Italien, Frankreich, Namibia und Zimbabwe auf Tournee waren. In Cannes gewannen sie den „Prix de Coup de Coeur“, in Hamburg die Herzen der Seemänner. Sie spielten in der Berliner Bundeskriminalanstalt (BKA) und landeten in Paris auf dem Olymp. Sie produzierten 2 CDs und gingen dann getrennte Wege. Für das Programm „Doppellaut zu dritt“ haben sie sich zum ersten Mal wieder zusammengetan.

An diesem Abend nehmen sie uns im Kulturmarkt in Zürich auf Reisen mit, entführen uns mit ihren Liedern von der italienischen Serenata bis zum finnischen Volksrap in immer wieder andere Kulturen. In einer live vertonten Filmvorführung reisen wir mit ihnen nach Finnland, Berlin, Hamburg, Bayern, Zürich und schliesslich noch an einen italienischen Strand. Mit einer alten, an die ersten Stummfilme erinnernden Film-Technik erzeugen sie jene komische Hektik, die Menschen zu Marionetten macht. Mit Methoden aus alter Zeit, als das Leben gemächlicher gelebt wurde, wird uns grotesker Stress vorgeführt.

Munter wird mit Sprachen und Wortspielen jongliert. Keine Sekunde Langeweile. Es hiess in der Pressemitteilung, es handle sich um eine leichtfüssig unterhaltsame Angelegenheit. Das kann ich bestätigen. Wir lassen uns entführen. Wir lachen. Viele pfeifen zustimmend. Von meiner Platznachbarin in diesem Saal erfahre ich später, dass sie die im Film persiflierte Hafenrundfahrt in Hamburg auf ihrer vorgesehenen Reise unbedingt nacherleben will.

Nach einem solchen Abend fällt es leichter, die eigene Welt etwas schräg, also nicht mehr so streng, anzusehen. Die Mundwinkel sind entspannt, weisen wieder nach oben. Danke Clara, die an diesem Abend Oktavia hiess und danke Eva, die als Henriette aufgetreten ist. Danke auch der Stimme aus der Tonband-„Kommode“, der Dritten im „Doppellaut zu dritt“. Es sei wirklich die italienische Mutter von Clara gewesen, die uns in die typisch südländische Familien-Atmosphäre mitgenommen habe, konnte ich noch erfahren.

Und jetzt weiss ich endlich, was Stimmfilmcabaret ist: Ein wunderbarer Mix aus Sprache, Witz, Gesang, Film und Cabaret.

Samstag, 18. Juni 2005

Jutzen und Beten in der Cabane: Expo-02-Souvenirs

Obwohl ich die Windjacke, die ich an der Expo 2002 gekauft habe und sie öfters trage, schaue ich das rote Logo nicht mehr speziell an. Es ist eine gute Jacke. Sie dient mir. Sie entspricht mir. Ich weiss, woher sie kommt. Das genügt. Gestern schien mir aber, als leuchtete das rot aufgestickte Expo-Zeichen strahlender als sonst, wie wenn es mich an die verschiedenen Ausstellungsbesuche erinnern wollte. „Weisst Du noch?“, schien es zu fragen.

Dann tauchten Bilder auf. Murten z. B. und seine „Cabanes“. Die von Jean Nouvel entworfenen Häuschen, in denen die Beiträge zur Religion einquartiert waren. Unvergesslich ist mir jenes, das sich mit dem Tod befasste. Wir Besuchenden schritten auf einen grossen Hohlspiegel zu, sahen uns auf dem Kopf gehen und sobald wir in seine unmittelbare Nähe – der hier den Tod markierte – zuschritten, kippte das Bild, und wir sahen uns dem eigenen Antlitz gegenüber. Aug in Auge mit sich selbst. Sehr eindrücklich. So kann ich mir den Tod vorstellen. Als einen Augenblick von grosser Klarheit, wo ich alles über mich weiss. Ich war so fasziniert darüber, dass ich mich nochmals in die Schlange einstellte und ein zweites Mal dem Spiegel entgegenschritt. In meiner Begeisterung kam ich ihm dann zu nahe und eine Sirene heulte los. (Es war noch nicht Zeit zum Sterben!)

Anderswo stand die Frage im Raum: „Wer bist du für Gott?“ Unsere Antworten, die in einen Computer eingegeben werden konnten, schritten kurze Zeit später als Leuchtschrift auf der gegenüberliegenden Wand an uns vorüber. Auf das damals versprochene Buch mit diesen ganz persönlichen Aussagen und Vorstellungen warte ich noch immer.

Und jetzt stosse ich doch wahrhaftig noch auf ein Foto mit einem dieser Jean-Nouvel-Häuschen. Es stehe in Aarau, diene als Kapellen-Provisorium und werde zusätzlich am Eidgenössischen Jodlerfest mit den rund 10 000 Beteiligten, das jetzt bereits im Gang ist, für die Sänger offen gehalten. Zum Jauchzen und Beten. „Jutzen und Beten in der Cabane“ hiess der Titel zu diesem Hinweis. Ich freue mich über dieses Zeichen, dass aus den Expo-Impulsen etwas weiterlebt und uns unverhofft wieder anspricht.

Freitag, 17. Juni 2005

Kinder, Eltern, Schule: Den Nachwuchs outsourcen

1980 hielt ich in meinem Tagebuch einen kurzen Radiobericht zum Thema „Tagesschul-Versuch in Zürich“ fest. Darin war das idyllische Bild vom Mittagstisch skizziert worden: „ Der Vater ist gerade nach Hause gekommen. Die Mutter tischt ein dampfendes Essen auf. Marili steckt die Finger in den Kartoffelstock und Hans, noch aufgeregt von der Schule, leert seinen Most aus.“ – „Dieses Bild gibt es nicht mehr,“ hiess es dazu.

Das war nicht ganz richtig, denn meine Familie lebte noch so. Ich musste zweimal leer geschluckt haben, denn ich fragte mich, ob wir die einzigen seien, die solche Idyllen noch weitertragen. Würden wir uns bald als Wunder oder als Abartige betrachten lassen müssen? Ich wusste natürlich schon damals, dass viele Väter nicht mehr an den Mittagstisch kommen konnten, dass viele Zwänge da waren, welche die bis dahin gültigen Alltagsformen veränderten.

Nun, 25 Jahre später: Am 5. Juni 2005 wurde in einer Abstimmung die ausserfamiliäre Kinderbetreuung der Stadt Zürich als Aufgabe übertragen. Mit 67,4 % Ja-Stimmen. Im Stadtkreis 5, wo ich lebe, waren es sogar 83,3 %. Das klare Resultat wird von den Stadträtinnen Monika Weber und Monika Stocker als ein „Meilenstein auf dem Weg zu einer modernen familien- und schulergänzenden Betreuung in Zürich“ gewertet.

Kinder auf die Welt stellen und sie dann abgeben, das konnte ich mir nie vorstellen. Für mich und meinen Mann waren unsere Kinder Aufgaben, denen wir uns gerne stellten. An einem Elternabend sagte damals ein Lehrer, es sei nicht die Aufgabe der Eltern, den Kindern Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen. Wir seien dort zuständig, wo es um unsere eigenen Talente und die eigenen Erfahrungen und Werte gehe. Diese hätten wir zu vermitteln. Das entsprach vollkommen meinen Vorstellungen. Eine Betreuerperson kann das nicht.

Ich weiss: Leben ist Wandel. Unaufhörlich suchen wir nach neuen Modellen, finden sie, erproben sie, stellen Mängel fest, verändern sie, und eines Tages haben sie wieder ausgedient.
Darum möchte ich gerne nach weiteren 25 Jahren, dann aus dem Jenseits, in eine junge Familie hineinschauen und ihre Motive und Werte zu diesem Thema sehen.

Mittwoch, 15. Juni 2005

Alles in Unordnung: Littering auf Strassen und Plätzen

Zuerst ein Erlebnis aus der S-Bahn in Zürich: Der Zug fährt ab Stadelhofen Richtung Hauptbahnhof. Ich stehe auf, gehe langsam dem Ausgang zu. Im Vorraum treffe ich auf einen jungen Mann, aus dem ein Gewitter hervorbricht. Mit einem Fusstritt wirft er den Abfallbehälter aus der Verankerung und schaut mich herausfordernd an. Verschiedenste Abfälle liegen jetzt am Boden. Ich runzle die Stirn, sage aber kein Wort.

Er fragt: „Ist etwas nicht in Ordnung?“

„Das wissen Sie selbst.“ 

„Weiss ich nicht. Was haben Sie jetzt gerade gedacht?“ 

„Welche Ordnung hat dieser Mann zu Hause?“ 

„Dieselbe wie hier!“ 

Glücklicherweise hält jetzt der Zug an, und ich kann aussteigen. Es ist sehr ungemütlich geworden.
Jetzt hoffe ich, dass die Werber gegen Littering Menschen ansprechen können, denen ein kultiviertes Zuhause wichtig ist. Ihre Plakate zeigen ja Zimmer, die einer Mülldeponie gleichen und texten dazu: „Was im Wohnzimmer (Kinderzimmer, Restaurant) stört, stört auch auf dem Trottoir.“

Der Ausdruck Littering steht für die zunehmende Unsitte, Abfälle im öffentlichen Raum achtlos wegzuwerfen oder liegen zu lassen, ohne die dafür vorgesehenen Abfalleimer oder Papierkörbe zu benützen (englisch heisst litter = Abfall, herumliegendes Papier, Durcheinander, Unordnung).

In diesem Zusammenhang veröffentlichte das „Tagblatt der Stadt Zürich“ im Laufe der letzten Woche Zahlen zu den immer noch zunehmenden Abfallbergen. Es heisst in diesem Bericht, diese hätten in den letzten Jahren kontinuierlich um 10 % zugenommen. Im Jahr 2003 waren es z. B. 7929 Tonnen gewesen. 70 % davon wurden in Eimern deponiert, 30 % auf den Boden geworfen. Und im Sommer seien generell 50 % mehr Abfälle zu entsorgen als in der übrigen Jahreszeit. Manche sind offenbar der Meinung, für die Entsorgung sei gesorgt und jene, die den Dreck aufwischen müssen, seien ja bezahlt dafür.

Ein neues Verhalten wird jetzt aber eingeübt. Lehrer von der Pusch (Stiftung Praktischer Umweltschutz) unterrichten Kinder in den städtischen Schulen, wie sie mit den Ressourcen unserer Erde rücksichtsvoller umgehen sollen. Sie zeigen auch auf, wie der Abfall fachgerecht entsorgt werden kann.

Und die aktuelle Plakatkampagne erreicht hoffentlich auch noch ältere Semester.

Montag, 13. Juni 2005

„Limmatsprützer“ auf der Zürcher Werdinsel

Das Windrad mit dem Namen „Limmatsprützer“ gefällt mir noch immer. In den 80er-Jahren wurde das Wehr bei der Werdinsel in Höngg modernisiert, und im selben Zeitraum entstand auch dieses fröhlich-farbige Windrad. Mit hellem Rot am Rad und heiterem Grün an der Flügelschraube. Die Farben scheinen einander foppen oder verdrängen zu wollen, und doch sind sie auf ihre Plätze fixiert. Sie tanzen zusammen, wenn sie der Wind antreibt. Auch das Schattenspiel am Boden ist lustig, wie es sich aus dem Rund in die Ellipse und schliesslich nur noch in einen breiten Strich verwandelt.

Dieses Windrad ist Kunst- und Anschauungsobjekt in einem. An ihm geht eigentlich niemand unberührt vorbei. Es stimmt heiter, will aber auch veranschaulichen, wie Windenergie zum Wasserpumpen genützt werden kann. Das Windrad-Getriebe pumpt Wasser aus der Limmat und spritzt es danach in weiten Bogen wieder in den Fluss zurück.

In den letzten Jahren stand es still. Verschleisserscheinungen, hiess es. Gefährlicher Zustand. Dank einigen Idealisten ist die Sanierung nun gelungen. Das Windrad erfreut nun wieder alle, die auf die Insel kommen. Wer weiss übrigens noch, dass hier einmal der Autofriedhof angesiedelt war? Sind es 15 oder schon 20 Jahre her, seitdem er abgetragen worden ist? Heute ist die Insel ein romantischer Ort und Anziehungspunkt für alle Sommerfreuden. Sie hat viele Namen: Werdinsel, Inseli, Hönggi, Bad Au-Höngg.

Beim Wehr sind neuerdings geschichtliche und technische Daten abzulesen und zu meiner Freude auch Gedichte zum Thema Fluss und Wasser angebracht. Z.B.

Blick in den Strom
sahst du ein Glück vorübergehn,
das nie sich wiederfindet,
ist‘s gut in einen
Strom zu sehn,
wo alles wogt und schwindet.

O starre nur hinein, hinein,
du wirst es leichter missen,
was dir und sollt’s dein liebstes sein,
vom Herzen war gerissen.
Niklaus Lenau

Dank diesen verschiedenen Hinweisen weiss ich jetzt auch noch, dass das ewz (Elektrizitätswerk der Stadt Zürich) im Wehr schon damals eine Fischtreppe eingebaut hat, auf der Barben, Trüschen, Forellen, Schwalen und Hechte das Gefälle überwinden können. Ich lebe nun schon über 40 Jahre in diesem Umfeld, und immer wieder gibt es etwas zu entdecken.

Mittwoch, 8. Juni 2005

Geheimtipp geheimnisvoller Üetliberg (Zürichs Hausberg)

Einst war der Felsengarten („Felsegärtli“) auf dem Üetliberg ein offener Raum. Der Waldboden von Buchenlaub bedeckt, die Krone der Bäume zu einem Dach vereint. Die von der Natur wild hingeworfenen Felsbrocken gut sichtbar. Hier spielten wir als Kinder.

Heute ist dieser Ort vor allem grün, verwachsen, verwunschen, geheimnisvoll versteckt. Kurt Derungs, der kürzlich in Zürich im Zentrum „Karl der Grosse“ über diese natürliche Steinstätte sprach, weckte in uns den Wunsch zum Wiedersehen. In einer Kartenreproduktion der Gelände- und Flurnamen am Üetliberg entdeckte ich danach die Einträge „im Felsegärtli“ und „Chindlistein“. Es handelt sich hier also um eine anerkannte Stätte.

Derungs stellte sein Buch „Geheimnisvolles Zürich“ vor und erzählte von seinen Forschungen und Entdeckungen. Wir hörten von ihm, dass in diesem Felsengarten in vorkeltischer Zeit ein so genannter „Kindlistein“ als Sitz der Ahnenseelen verehrt worden sei. Ein Ort der spirituellen Empfängnis also, wo die Frauen den Kontakt zu einer Seele suchten, um sie wieder ins Erdenleben einzuladen.

Darum sind wir für ein Wiedersehen hierher gekommen. Weil wir den Platz kannten, haben wir ihn rasch wieder gefunden. Wer nichts von ihm weiss, geht vielleicht achtlos an ihm vorüber. Grosse ehrfürchtige Stille ist um ihn. Achtsam gehen wir um die Felsen, erklettern einige und fühlen uns leicht und wohl. Später sitzen wir auf einer Bank am Weg unterhalb des Kulms Richtung Staffel neben einem Brunnen mit der Jahrzahl 1929. Sein Wasser wird aus einem ebenfalls grossen Steinbrocken herausgeleitet. Die Steinstätte liegt in diesem Umfeld. Nach Derungs ist es heute nicht schlüssig, welcher der Brocken der Kindlistein sei. Das macht es spannend, alle Steine besonders genau zu betrachten.

Wir gehen weiter, verköstigen uns auf der Terrasse des Restaurants „Uto Staffel“, geniessen die weite Sicht auf Alpen und den Jura. Dann steigen wir auf zum Kulm, dem heutigen „Top of Zurich“, wo die Touristen sind, wo ihnen die Sicht auf den See und über das Häusermeer Zürich geboten wird. Der erst in letzter Zeit sanierte Aussichtsplatz auf dem Kulm erscheint mir von unten her gesehen immer wie ein Serviertablett. Da wird traumhafte Sicht angeboten. Neu können Besuchende auf Holzliegen entspannen und sich der Sonne aussetzen.

Den Turm besteigen wir heute nicht. Unser Weg führt zum Teehaus „Jurablick“, einer alten, liebevoll gepflegten Hütte, die nur am Freitag, Samstag und Sonntag ab 9 Uhr geöffnet ist.

Auf dem Weg nach Ringlikon finden sich Hinweise auf sie. Hier gibt es Brennnessel-Reissuppe und Waldmeister-Bowle. Draussen sind alle Gartensitzplätze für den Blick ins Säuliamt besetzt. Primo und ich gehen ins Haus, atmen die alte und die neue Zeit dieser ehrlichen Atmosphäre ein. Sie liegt auf derselben Wellenlänge wie der Felsengarten.

Wir sind da und gleichzeitig weit fort. Wir erholen uns. Solche Ausflüge machen nicht müde.

Diverse Links zum Blog
http://surf.agri.ch/tschumi/kindlistein_uetliberg.htm

Freitag, 3. Juni 2005

Indianische Pflanzen, die sich mir in Zürich offenbaren

„Botanica Indiana im Botanischen Garten von Zürich“: Für diese Ausstellung wirbt ein geschmackvolles Plakat. Mit Hinweisen auf indianische Pflanzenwelten. Die getrockneten Pflanzenäste, die in der kultischen Tischplatte stecken, wirken auf mich wie Antennen. Ich meine sogar, Räucherdüfte wahrzunehmen. Die Werbung funktioniert. Ich fühle mich angesprochen.

Als Stadtbewohnerin mache ich eine wichtige Erfahrung. Ich besuche eine Ausstellung und erwarte indianische Heilpflanzen, die blühen – und finde sie nicht. Wegen der bis anhin eher kühlen Witterung könnten südamerikanische Pflanzen erst jetzt ins Freie versetzt werden, sagt mir eine Gärtnerin. Darum sehe ich jetzt hauptsächlich Grün. Ich bin keine Botanikerin, erkenne Pflanzen nicht an ihren Blättern oder Stängeln.

Wenn ich in der Stadt eine Ausstellung besuche, kann ich meist alles vorfinden, worauf in einer Einladung oder in einem Prospekt hingewiesen wird. Beschämt stelle ich nun fest, dass Pflanzen doch ihren eigenen Gesetzmässigkeiten folgen müssen und sich nicht nach Kalendern von Menschen richten. Ich bin zu früh gekommen, aber nicht zu früh für einen Rundgang in diesem schönen Gelände mit seinen Beeten, Wegen, Sümpfen, Steinplätzen und bestandenen Bäumen. Ich kann viele herausragende Informationen zu indianischen Heilpflanzen lesen, doch bleibt wenig haften. Ich spüre, die Pflanzen müssen sich mir selber offenbaren. Worte sind zwar wichtige Hinweise, aber nicht die Hauptsache. Das heisst, dass ich mehrmals zurückkommen soll.

Es ist still. Ich bin allein da. Es ist noch früh, erst halb 8 Uhr. So lasse ich jetzt einfach den Morgen auf mich wirken. Und ich werde aufmerksam auf die aus Ostafrika stammenden Kapkörbchen. Sie stehen in Gruppen, einige aber auch verstreut und allein auf weiter Flur. Und alle bieten der Sonne Richtung Osten ihre offenen Kelche dar. Wie Parabolantennen sind sie auf eine ferne Welt ausgerichtet und offenbar mit ihr im Austausch. Was vermitteln sie und was empfangen sie? Teilen sie dem Universum vielleicht etwas über uns Menschen mit? Das wüsste ich gern. Als ich einige Tage später wieder hierher komme, ist es Nachmittag und die Kapkörbchen schauen nach Süd-Westen. Sie folgen der Sonne.

Beim Garten-Ausgang Richtung Hegibachplatz ist eine Auflistung vieler Krankheiten und, zu ihnen gehörend, die Namen indianischer Heilpflanzen zu sehen. Ich staune über die Fülle. Ich wunderte mich schon vorher über einen Hinweis beim Stachelmohn. Mit ihm linderten oder heilten die Mayas die Migräne. Ist sie demzufolge keine Zivilisationskrankheit der gehetzten europäischen Moderne?

Die Auflistung zeigt mir, dass Krankheiten in allen Erdteilen auftauchen, dass Menschen Lebewesen mit Stärken und Schwächen sind. Ihre Gesundheit ist nichts Statisches, sondern labil. Sie braucht unsere Sorge und das Bemühen um Balance. Heilpflanzen wollen uns dabei unterstützen. Erfreulich der Hinweis aus dem Leseheft dieser Ausstellung: „Viele überlieferte Äusserungen von Indianern wurden früher von Ärzten und Botanikern als Aberglaube und Zauberei abgewertet. Je tiefer die Forscher jedoch in die verborgenen Zusammenhänge auf allen Wissensgebieten Einblick erhielten, desto mehr Sinn bekamen zu ihrer Verblüffung die indianischen Erkenntnisse.“ Endlich!

Diese Ausstellung mit den Themen Heilpflanzen, Färbepflanzen, Kultpflanzen, Nahrungspflanzen, dauert bis Ende Oktober 2005. Es gibt viel zu entdecken. Siehe auch Themenprogramme unter „Agenda“ und weitere Teile des Gemeinschaftsprojektes in der „Sukkulenten-Sammlung“ und im „Nordamerika Native Museum“.

Ergänzend ist ein schönes, so genanntes Leseheft erschienen. Zu beziehen im Café des Botanischen Gartens. Dieses und auch die Gewächshäuser sind jeweils ab 9 Uhr offen.