Dienstag, 29. November 2016

Unsere Liebesgeschichte mit dem Rhein vergrössert sich um ein weiteres Kapitel

Der Rhein ist immer wieder ein Thema in unserer Familie. Allerlei Geschichten mit ihm befinden sich bereits im Blogarchiv. Die Urgeschichte veröffentlichte ich am 25.3.2007. Sie sensibilisierte uns von jeher auch für andere Flussläufe und animierte zu manchen Wanderungen und Reisen. Obwohl wir ihn schon lange kennen, ist uns sein ganzer Lauf bis zur Mündung noch nicht bekannt.
Unsere Gastgeber, die gefundenen neuen Verwandten V. und S., fanden für uns ein Hotelzimmer mit Ausblick auf den Rhein. Auf uns zugeschnitten. Besser hätten sie nicht wählen können. Uns gegenüber die Festung Ehrenbreitstein, eine der grössten Festungsanlagen Europas. Es sei keinem Feind je gelungen, sie einzunehmen, wurde uns gesagt. Aber uns für sie einzunehmen, das gelang ihr. Sie war beleuchtet, als wir das Hotel bezogen. Sie strahlte uns an. Da wussten wir bereits, dass uns die Seilbahn an einem kommenden Tag dort hinauf befördern werde. Diese überquert den Rhein und überwindet 112 Höhenmeter. Sie führt in einen Landschaftspark, der seinerzeit für die Bundesgartenschau Koblenz gestaltet worden ist. Überall, wo sich Einflüsse dieser Schau zeigten, bewunderten wir eine feinsinnige Gartenarchitektur.
Und aus der Höhe konnten wir den Zusammenfluss von Rhein und Mosel überblicken. Obwohl wir zuvor um das deutsche Eck spazierten, schenkte uns erst der Blick aus der Höhe das Gesamtbild der Flüsse Rhein und Mosel, die sich hier vereinigen. Das Prospektblatt spricht von einem spektakulären Ausblick über das UNESCO Welterbe Oberes Mittelrheintal.

Imponiert hat mir auch die Römerbrücke über die Mosel kurz vor dem Zusammenfluss mit dem Rhein. Wenn wir jeweils am Abend ins Hotel zurückgefahren wurden, schaute ich regelmässig nach ihr aus. Sie war immer illuminiert. Sie wirkte auf mich wie ein Wegweiser aus ferner Zeit. Sie ist auf der Prospektfoto gut sichtbar.
Wer Übersicht liebt, dem wird Ehrenbreitstein gefallen. Ihr Ort in der Höhe und die Festung als solche, sie imponieren. Wege, Gänge, Hallen und Plätze beanspruchen und gestalten viel Raum. Sie dürfen begangen werden. Alles ist grossräumig, grossartig. Man kommt sich klein vor und freut sich gerade deshalb, dass diese machtvolle Anlage besucht werden darf und dass man den Heimweg problemlos wieder findet.

Hier oben werden im Jahreslauf auch Feste gefeiert und Veranstaltungen inszeniert.
Wir staunten über dieses grandiose Werk. Eine Anlage, die dem Land offensichtlich viel Ehre eingetragen hat. So deute ich den Namen Ehrenbreitstein. Ganz oben auf der offenen Plattform, dem Himmel nahe, erlebten wir den Sonnenuntergang. Und danach trug uns die Seilbahn lautlos wieder ins Tal zurück.
In Koblenz lernten wir Gaststätten mit Tradition kennen. Und wir besuchten Kirchen. In der Nähe unseres Hotels die Basilika St. Kastor. Diese Kirche schaut einen an. Ein Ort mit viel Geschichte und künstlerischem Reichtum. Ebenso berührte uns ihre Umgebung. Der Blumenhof im ehemaligen Umfeld einer Klostergemeinschaft trägt auch Züge der Bundesgartenschau. Eine natürliche Schönheit.
Ausserhalb der Kirchenmauer sind es dann Werke von Künstlern, die den Ort mitgestalten. Es sind weder Engel, die das Tor bewachen noch Heilige, die ihre Geschichte erzählen wollen. Nein, es sind Prestige-Objekte der Menschen von heute. Zum Schmunzeln.

Und nochmals zum Rhein zurück. In Koblenz habe ich ihn nicht nur als Fluss, sondern als Wasserstrasse erlebt. Diese Bezeichnung fiel mir erst ein, als ich Frachtschiffe, Ausflugsschiffe und Hotelschiffe beobachtet habe. Tag für Tag zogen sie zahlreich an uns vorbei oder legten an. Erwachte ich frühmorgens noch vor Sonnenaufgang, stand ich meist eine halbe Stunde am Fenster oder auf dem Balkon und beobachtete das hektische Treiben auf dem Wasser. Und liess mich bezaubern von den mannigfaltigen Lichtspielen.

Einerseits von Lampen an den Schiffen vorbeiziehender Kähne und andererseits von fixer Verkehrs- Beleuchtung. Ich fotografierte eine solche Schau und war dann enttäuscht über meine banale Aufnahme. So beeinflussen uns Emotionen. Sie können alles vergrössern.

Ich schaute auch immer ans rechtsrheinische Ufer und beobachtete die Zugskompositionen mit Frachtgütern. Sie folgten einander in nur geringen Abständen und machten viel Lärm. Die dort wohnenden Hausbesitzer sind nicht zu beneiden. Die Unruhe, die sie ertragen müssen, ist gewaltig.

Abschliessend grüsse ich die Vogelschwärme auf ihrem Zug ins Nachtquartier. Sie haben mich begeistert. Mehrmals konnte ich sie vom Balkon aus beobachten. So tief fliegend erlebe ich sie hier in Zürich nicht. Ich bewunderte ihre Schwünge und auch ihren Zusammenhalt. Wie gut es sich anfühlen muss, zu einem Ganzen zu gehören und von ihm gehalten zu sein.

Sonntag, 20. November 2016

Nach der Beerdigung öffneten sich Türen und Tore

Es gibt Wünsche, die jahrzehntelang auf ihre Erfüllung warten. Unerwartet erwachen sie eines Tages und werden wahr. Primo erlebte kürzlich einen solchen, beinahe magischen Moment.

Die Beerdigung einer Verwandten aus seiner Grossfamilie fand in kleinem Rahmen statt. Wir trafen uns im Feld des Gemeinschaftsgrabes im Zürcher Friedhof Sihlfeld. Der Sohn der Verstorbenen und seine Frau waren aus den USA angereist. Eine Nichte, von ihrem Mann begleitet, war aus Deutschland nach Zürich gekommen. Dieses Paar kannten wir noch nicht.
Wir standen um das vorbereitete Grab. Da entdeckte ich am Boden abgefallene Blätter eines Parkbaumes, dessen Name ich immer noch nicht kenne. Ich hob eines auf und sagte mehr zu mir selbst als zu anderen, hier sei Leben und Sterben abgebildet. Es war eines von vielen. Sofort wurde ich verstanden. Jedes der abgefallenen Laubblätter trug nämlich neben dem vertrockneten Braun auch ein Stück lebendig wirkendes Grün.
Wenige Augenblicke später sah die Frau aus Koblenz ein vierblättriges Kleeblatt in der Wiese. Sie pflückte es und schenkte es mir.

Es fand keine religiöse Zeremonie statt. Und doch wurde die Lebensgeschichte einer Mutter sehr einfühlsam und liebenswürdig erzählt. Dankbar skizzierte der Sohn ihr Leben und wir Verwandte werden unsere persönlichen Erlebnisse mit ihr denkend dazugefügt haben.

Die Enkelin der Verstorbenen, ebenfalls in Amerika lebend, übergab ihrem Vater einen Text und bat ihn, jemanden zu bestimmen, der ihn am Grab vorlesen könne. Ihr war es nicht möglich, nach Zürich zu reisen. Sie liess ausrichten, dass ihr die Grossmutter diesen Reim beigebracht habe. Vermutlich hat sie ihn immer wieder hören wollen. Darum sollte er auch am Grab nochmals erklingen. Mangels anwesenden italienisch sprechenden Personen, wurde Primo gebeten, den Text L’orfano (La neve) di Giovanni Pascoli zu lesen. Er spricht aber nicht italienisch.
Bevor er zu lesen begann, sagte er, dass er als Italiener geboren worden sei. Kindergarten und ein Jahr Primarschule habe er in der Casa d’Italia erlebt. Der Umzug in die Schweizer Schule verhinderte dann eine weitere Entwicklung der italienischen Sprache.

Die Musikalität aber ging nicht verloren. Seine Seele hat sie am Leben behalten. Und gerade darum, dass der Text am Grab der Verstorbenen nicht übersetzt werden musste, konnten die klangvollen Worte wirken. Es war für alle ein berührender Moment.

Beim anschliessenden Mittagsmahl entstanden zwischen dem Verwandten aus Koblenz und Primo interessante Gespräche. Ihre Berufe wurden besprochen. Als Primo berichtete, dass er als selbständiger Möbelschreiner arbeite, wollte der Mann aus Deutschland wissen, ob ihm Möbel von Abraham und David Roentgen ein Begriff seien. Und das war dann Primos magischer Moment. Er erzählte, dass er vor 60 Jahren, zur Zeit seiner Berufslehre als Möbelschreiner auf David Roentgen und seine Luxusmöbel aufmerksam gemacht worden sei. Sein Lehrer in der Gewerbeschule zeigte den Lehrlingen Lichtbilder von Verwandlungstischen, Kommoden, Stühlen, Schatullen usw. Alles hochkarätige Kunstwerke, denen er immer nacheifern wollte. In späteren Jahren festigten jeweils Publikationen von Roentgen-Möbeln in der Schreinerzeitung die Begeisterung aufs Neue. Und manchmal mag er geträumt haben, das Roentgen-Museum doch einmal aufsuchen zu können.
Promenade in Koblenz
Und plötzlich ist der Weg dorthin gebahnt. Wir wurden nach Koblenz und nach Neuwied ins Roentgen-Museum eingeladen.

Unsere Gastgeber haben darüber sinniert, ob vielleicht die verstorbene Tante Leni dafür gesorgt habe, dass wir einander kennen lernten.

Und mehr noch staunten wir, als wir erfuhren, dass dieses Paar zu den Donatoren des Roentgen-Museums Neuwied gehört.

Freitag, 4. November 2016

Schuhe gekauft und Haustürschlüssel verloren

Meine Füsse verlangen Achtsamkeit. Trage ich neue Schuhe, jaulen Schwachstellen meist sofort auf. Das Zusammenspiel mit der Wirbelsäule, aber auch mit einigen Muskeln melden sich sofort, wenn die Füsse ein neues Fussbett akzeptieren müssen.

Etwas naiv glaubte ich, ich könne nach 7 Monaten nochmals dasselbe Schuhmodell kaufen. Dieses war eine sehr gute Wahl. Füsse und auch die Wirbelsäule arrangierten sich sofort mit ihm. Darum wollte ich dieser Tage ein Doppel anschaffen, um dem bereits vorhandene Paar das Leben zu verlängern. Ich wollte sie beide abwechselnd benützen.

Nicht mehr möglich. Auch diese (teuren) Schuhe würden laufend neue Veränderungen erfahren, sagte mir der Schuhmacher und Schuhändler. Es liess sich dann beim Grossisten doch noch ein ähnliches Modell mit demselben Leisten finden, dem ich nun zwangsläufig zustimmte. Wie schade, dass ich zu spät gekommen bin. Hoffentlich zeigt sich das neue Paar bald auch von der guten Seite.

Das ist der neue Teil der Geschichte. Der 7 Monate alte erzähle ich auch noch.

Frühjahr 2016 – Damals kaufte ich die erwähnten Schuhe, die ich heute beim selben Schuhändler im Quartier Seefeld wieder zu finden glaubte.

Als ich damals nach Hause zurückkam, fehlte mir der Schlüsselbund. Ich konnte nicht ins Haus eintreten. Erschrocken kippte ich meine Tasche auf den Plattenweg vor dem Haus. Keine Schlüssel. Die Haustür wie üblich abgeschlossen. Glücklicherweise war Frau B. zu Hause. Ich läutete bei ihr. Sie öffnete mir die Haustür und lud mich zu sich ein. Sie half mir beim Suchen. Aber auch sie fand keinen Schlüsselbund.

Ich durfte bei ihr telefonieren, wollte mit dem Schuhändler sprechen und nachfragen, ob die Schlüssel vielleicht in seinem Geschäft gefunden worden seien. Aber auf der Kassenquittung fehlte seine Telefon-Nummer. Frau B. fragte nach dem Namen des Schuhgeschäftes und wusste sofort Bescheid. Auch sie hätte dort schon Schuhe gekauft. Gerade dieser Tage sei ihr ein Reklamegutschein zugekommen. Und diesem Papier konnten wir dann die Telefon-Nummer entnehmen. Ich rief an. Es wurde kein Schlüsselbund gefunden. Seine Kundschaft hätte ihn gewiss aufmerksam gemacht, wäre er in seinem Geschäft liegen geblieben, sagte der Schuhhändler.
Und gleich danach läutete das Telefon bei Frau B. Es meldete sich die Stadtpolizei vom Hottingerplatz. Es wurde nach mir gefragt.

Ich sässe neben ihr. Sie beantwortete Fragen, dann wurde der Hörer weitergereicht. Ich musste dem Polizisten mein Schlüssel-Etui beschreiben und die Schlüssel benennen. Irritiert war ich einen Moment lang, warum sich meine Schlüssel in Hottingen befänden. Ich sei nicht dort gewesen. Aber im Seefeld, wurde mir geantwortet. Dort sei das Etui gefunden worden. (Aus der Jackentasche gefallen).

Die Signatur meines Wohnungsschlüssels wies auf meinen Wohnort hin. Warum die Polizei bei Frau B. anrief, erklärte sie mir. Bei einer Namenssuche stehe Ihr Familienname mit seinem «B» immer oben. Dort werde eine Suche begonnen. Sie sei es gewohnt, in solchen Situation angesprochen zu werden. In meinem Fall enthielt die Liste offensichtlich die Namen der Einwohner unseres Hauses.

Der Polizist lud mich ein, auf den Posten zu kommen. Frau B. hatte mitgehört und gab mir gleich Bus- und Tramlinie an. Ihre Stille Art beruhigte mich. Obwohl innerlich unsicher, fand ich den Weg dorthin. Während der ganzen Tramfahrt hielt ich mich an einer Halterung, die ich sonst nur beim Aussteigen benützte. Ich stand unter leichtem Schock.

Bei der Polizei war schon alles vorbereitet. Ich konnte eine Empfangsbescheinigung mit der Auflistung meiner Schlüssel unterschreiben. Dann erhielt ich meinen Schlüsselbund zurück. Es wurde mir noch Name und Adresse des Finders mitgeteilt, damit ich mich bei ihm bedanken konnte. Ich freute mich, mit ihm zu sprechen. Es war mir ein Anliegen, ihm zu danken. Dieser Mann ist der Meinung, wenn man andern helfe, werde einem auch geholfen. So denke ich auch. Trotzdem schickte ich ihm gern noch einen Finderlohn.

Im Polizeibüro dankte ich mit dem mir seit der Kindheit bekannten Slogan:
Die Polizei, dein Freund und Helfer.

Auf dem langen Heimweg konnte ich den Schrecken loslassen. Ich hatte mir vorher überlegt, welch hohe Kosten entstünden, wenn eine Schliessanlage für alle Mieter neu installiert werden müsste.

Ich habe also Glück gehabt.

Samstag, 22. Oktober 2016

Vilnius. Die Weitsicht auf dem Gediminas-Burghügel

Vom Rundblick über das Stadtzentrum habe ich noch nichts erzählt. Zum Gediminas-Turm führt ein sogenannter Schrägaufzug (Standseilbahn.) Streckenlänge 71 Meter. Die Fahrt dauert 35 Sekunden. Diese Zahlen bewegen sich in kleinem Rahmen. Um so grösser ist das Erstaunen, wenn man auf dem Wiesenhügel angekommen ist und die Stadt von oben überblicken kann. Der dickwandige Turm und Reste von der zugehörigen oberen Burg sind fein renovierte Zeugen aus alter Zeit.
Der Zeitpunkt für unseren Ausflug dorthin erwies sich als günstig. Es baute sich langsam ein gewaltiges Gewitter auf und lieferte fantastische Bilder. Die Sonne, kurz vor ihrem Untergang, war daran beteiligt, leuchtete die Wolkenfrachten aus oder durchdrang sie. Und der Wind gab den Wolkenschiffen die nötigen Schübe.


Das war unser letzter Spaziergang und Ausflug in Vilnius. Wenn ich an diese Stadt zurückdenke, «sehe» ich helles Licht, den weiten Platz vor dem Glockenturm und der Kathedrale und einen Himmel, der als ein Gewölbe erscheint.

Primo sagte dieser Tage, eine solche Rundumsicht, wie wir sie erlebt hätten, gehöre nur zu Ferien. Unsere Arbeiten und Pflichten verlangen Detailtreue und einen Blick für die Nähe.

Und ich dachte zu unseren Erlebnissen, es müssen nicht immer Zwei- oder Dreitausender sein, um Weitsicht zu erlangen. 35 Sekunden haben für uns gereicht, um wundervolle Himmelsbilder zu erkennen. Ebenso entdeckten wir das moderne Vilnius mit seinen Glasbauten, als wir in die Tiefe schauten.

Auf dem Rückweg regnete es leicht. Es störte uns nicht. Den Schirm hatten wir mitgenommen.

Freitag, 7. Oktober 2016

Vilnius kennen gelernt. Erlebnisse meiner Reise ins Baltikum

Als wir bei der Ankunft das Flughafengebäude verlassen hatten, begrüsste uns die untergehende Sonne. Wir blieben stehen, schauten ihr eine Weile zu, wie sie den Tag beendete, aber noch geraume Zeit rotgolden ausstrahlte. Nach der Taxifahrt ins Hotel und nach dem Zimmerbezug sank dann die Nacht über uns herein. Die Innenstadt empfing uns aber mit warmen Lichtern und nahm uns sofort für sich ein.

Die warmherzige Atmosphäre übertrug sich auf uns. Und Letizia, die diesen Ort bereits kannte, führte uns in ein Gasthaus, das für seine traditionellen Speisen bekannt sei. Zum Schriftzug dieses Hauses gehört ein stilisiertes grünes Blatt. Es hat mich sofort angesprochen und mir auf seine Art versprochen, dass hier natürliche, also lebendige Nahrung aufgetischt werde.
Die litauische Sprache ist ein Geheimnis für mich. Gäste aus dem Ausland werden hier hauptsächlich englisch sprechen. Letizia konnte für Primo und mich Wünsche und Worte übersetzen. Hilfreich war in diesem Restaurant, dass die Speisekarte mit Fotos von den Gerichten ergänzt war. Dieses erste Abendessen wurde dann auch zu einem Festessen, weil wir es mit Hilfe der Abbildungen nach unseren Gelüsten bestimmen konnten.

Anderntags, als wir uns im Umfeld des Rathauses aufhielten, entdeckte Primo im Schaufenster der Buchhandlung den Titel Litauische Zaubermärchen, das einzige Buch in der Auslage, das uns in der eigenen Sprache ansprechen konnte. Es stand dominant platziert, ganz vorne am Fenster. Wartete es auf uns? Wir bildeten es uns ein. Wir kauften es sofort.

Letizia entdeckte im Laden zusätzlich ein wertvolles litauisches Kochbuch, das in englischer Sprache vorlag. Auch dieses wurde nach Zürich mitgenommen. Beide Bücher sind für uns Türöffner ins Land Litauen.

Schade, dass die kleinen Gespräche ausbleiben mussten. Wenige Worte und Gesten halfen uns, ein Geschäft abzuwickeln. Und eine zusätzliche Geste half jeweils, um auszudrücken, dass wir die Auslagen und den kulturellen Reichtum bewunderten. Letizia flüsterte uns immer zum rechten Zeitpunkt die litauischen Worte für Dank und Gruss zu, wenn wir diese wieder vergessen hatten. Unser Aufenthalt in Vilnius vermittelte unter diesen Umständen vor allem Bilder und daraus resultierende Gefühle. Und dort wo gesprochen werden musste, sorgte ihr Englisch für gegenseitiges Verständnis.

An einem Abend schlenderten wir durch die Altstadt. Da wurden wir aufmerksam auf einen Mann, der vor einer Haustür stehend eine missionarische Rede hielt. Halb singend, halb sprechend. Zürichdeutsch wäre das Wort luurggä hier passend. Ich blieb auf der gegenüberliegenden Strassenseite stehen und hörte zu, weil ich den Sprachklang erleben wollte. Plötzlich hob er seinen auf dem Trottoir liegenden Rucksack auf, hängte ihn über die Schulter, winkte und kam auf uns zu. Ich verstand, dass er wissen wollte, woher wir kämen. Aus der Schweiz. Switzerland. Aus Zürich. Ah! Das verstand er, kratzte sich hinter den Ohren und antwortete, wie man in der Schule antworten musste. Langsam zählte er Städte auf. Geneva (Genf), Bern, Luzern, St. Gallen, Basel. Alles markante Orte, die zur Schweiz gehören. Und er freute sich, dass wir ihn verstanden. Dann begann er zu singen. Er packte mich am Arm, wollte mit mir auf der Strasse tanzen. Primo machte mich später darauf aufmerksam. Ich aber wollte weitergehen und wünschte, dass er mich loslasse. Er war betrunken, aber nicht bösartig. Da tauchte hinter uns ein stramm daherkommender, fein gekleideter Mann auf, packte ihn am Arm, schupfte ihn weg von mir und ging zwischen uns beiden hindurch, ohne einen Augenblick stille zu stehen. Ein Moment mit einem Messerschnitt vergleichbar. Primo und Letizia standen in der Nähe, betrachteten das Schauspiel und hätten gewiss eingegriffen, wenn es nötig gewesen wäre. Es beruhigte mich dann, dass der weggeschubste Mann nicht traurig oder böse wurde.

Am nachfolgenden Tag besuchten wir verschiedene Kirchen. Aus Reiseführern wusste ich, dass sie in dieser Stadt sehr zahlreich sind. Die genannten Zahlen sprechen von 40 oder sogar 90 Kirchen. Ich konnte sie nicht zählen. Ihre Türme und Kuppeln grüssten aus vielen Winkeln heraus. Die filigran gestalteten Kreuze und auch Wetterfahnen belebten in feinfühligster Art das Himmelsbild.

Alle Kirchen waren geöffnet. Wir durften sie betreten und ihre architektonische Frömmigkeit erfahren. Wir besuchten auch die Russisch-orthodoxe Romanow-Kirche. Prächtig ihre Gestalt, der hohe Raum und vor allem die satt grünen Wände, die eigenartig ausstrahlen. Wir blieben stehen, schauten uns vielsagend an. Waren wir in Russland angekommen?

Besonders angetan hatte uns die Marienkapelle auf dem Tor der Morgenröte. Die einstige Stadtmauer war früher mit 9 Toren ausgerüstet. Jenes der Morgenröte hat als einziges überlebt. Der Name Morgenröte verweist auf den Sonnenaufgang und für die Richtung nach Osten. Dieses Marienheiligtum auf dem Tor der Morgenröte sei eines der heiligsten Orte in Litauen, las ich im Prospekt Polnisches Kulturerbe in Vilnius. Pilgerwege aus aller Welt führen auch heute noch hierher. Wir konnten die Kapelle mit der schwarzen Madonna an einem frühen Nachmittag zu einer ruhigen Stunde besuchen. Dieses Heiligtum, das viele Kriege und Okkupationen überstanden hat, befindet sich exakt über dem Tor der Morgenröte. Es ist von weither sichtbar und zieht einen an.

Der schmale Raum ist erfüllt vom Abglanz der dargestellten Madonna mit ihrem milden, barmherzigen Blick. Aber auch vom Gold ihres Strahlenkranzes und Kleides. Der Künstler, der das Gesicht auf Holz gemalt hat, malte Augen, die irritieren können. Gehen wir dieser Marienfigur entgegen, schaut sie uns an. Gehen wir an ihr vorüber, schaut sie uns nach.
Bilder gibt es auf der offiziellen Tourismus-Website von Vilnius: www.vilnius-tourism.lt

Markthalle
Ganz andere Sinne sprachen dann die Auslagen in der grossen Markthalle an. Vorab das Riesenangebot an Fleisch. Sämtliche Innereien und Muskelfleisch von Tieren. Schmunzelnd wurde uns noch ein Ochsenauge angeboten. Wir sahen wieder einmal offene Fleischbänke. Da gab es kein in Plastik verpacktes Fleisch. Es waren hauptsächlich Frauen, die es nach den Wünschen der Kundschaft zuschnitten. Hier entdeckten wir auch gepresstes Speckfett, Fettschwarten, Hühnerbeine und Würste.

Im weiteren Umfeld wurden Schuhe und Kleider feilgeboten. Und Strickwolle. Riesig das Angebot. Wie zu Zeiten, als die meisten Frauen noch strickten. Und dann fand ich auch noch eine grosse Auswahl an quadratischen Foulards (Seiden- oder Baumwolltüchern), die in dieser Art in Zürich kaum mehr zu finden sind. Die Marktfahrerin wird mir noch ewig in Erinnerung bleiben. Theatralisch präsentierte sie die Tücher und begriff sofort, was ich suchte.
Glockenturm und Kathedrale
Gediminas: Gründer der Stadt Vilnius
Wir drei fühlten uns wohl in Vilnius, waren immer zu Fuss unterwegs, die Augen offen und sich am weiten Himmel freuend. Auf dem grossen Platz beim Glockenturm und der Kathedrale kam immer ein bestätigendes Gefühl auf: Ja, wir befinden uns in Vilnius.

Auf diesem Platz machte uns Letizia auf zwei Fussabdrücke aufmerksam. Sie erinnern an die grösste Menschenkette der Geschichte für die Freiheit. (23. August 1989, von Vilnius über Riga bis Tallin.) Diese läutete das Ende des Ostblocks im Baltikum ein. Den Anfang vom Ende der Sowjetunion.

Das schönste Geschenk, das ich heimgebracht habe, ist das Litauische Märchenbuch. Die Geschichten und dazugehörige Illustrationen sind Fenster zur Seele dieses Landes. Ich bilde hier den Buchdeckel und einen Ausschnitt aus dem rückseitigen Einband ab. Da offenbaren sich die Altvorderen, die schon lange unter der Erde sind. Der Weg zu ihnen und ihrer Lebenserfahrung ist aber offen. Wer das Buch dreht, sieht das auferstandene, uralte Paar. Dieses schaut auf den Rand der Erde, auf seine Wesen, Tiere und eine menschliche Person. Illustration und Texte sind eine Einheit. Die Zeichnungen grandios. Sie verbinden Wort und Bild zur ganzen Geschichte.

Und zum Schlusspunkt eine überraschende Erkenntnis:
Wir hatten in Vilnius Parkbäume mit roten Beeren entdeckt, die wir nicht benennen konnten. Zurück in Zürich suchten wir in Baumbüchern nach ihrem Namen. Wie wir feststellten, handelt es sich um die Schwedische Mehlbeere. Von einem Friedhofgärtner erfuhren wir noch zusätzlich, dass die Beeren dieser Baumart im Altertum gemahlen und als Mehl verarbeitet wurde. Ganz neu für uns. Und dann einen Tag später, entdeckte ich an unserer Strasse, auf der Höhe unseres Wohnortes, 4 solcher Bäume. Auch sie jetzt voller roter Beeren. Durfte ich deshalb nach Vilnius reisen? Eine passende Antwort könnte ein Zitat von Albert Camus abgeben: Das Reisen führt uns zu uns zurück.

In Vilnius gelandet

Im Frühjahr 2016 lernte unsere Tochter auf einer Presse-Reise zur Lancierung der neuen Flugdestination Zürich–Vilnius die Hauptstadt von Litauen – Vilnius – kennen. Begeistert von den ersten Eindrücken, wollte sie nochmals dorthin reisen. Sie lud uns ein mitzukommen. Ich hätte ja vor Jahrzehnten schon davon geträumt, einmal im Baltikum zu landen.

Panorama Katedros aikštė Vilniuje, Kathedrale Vilnius

Ihre Berichte vom Frühjahr 2016 und Fotos geben meinen Geschichten nun den nötigen Hintergrund:
Vilnius. Die lebensfrohe Hauptstadt Litauens
10 Dinge die man in Vilnius tun sollte
Vilnius klassisch oder doch lieber hip?
Trakai – Die Wasserburg und die Ruhe mitten in der Natur

Angaben zum Buch Litauische Zaubermärchen:
Herausgegeben von Bronislav KERBELYTÉ, Illustriert von Irena ŽVILIUVIENĖ
ISBN 978-9955-736-60-8 © R.Pakni leidkykla

Angaben zum Kochbuch TASTE LITHUANIA von Beata Nicholson:
Herausgegeben von Beatos Virtuve; 1st edition (2015)
ISBN-10: 6098157022 ISBN-13: 978-6098157024

Donnerstag, 15. September 2016

Meine Gedankensprünge zum Thema Spinne

Als ich dieser Tage im Pflanzenbereich unseres Balkons eine Spinne entdeckte, interessierte mich für den Augenblick nur, ob mein Fotoapparat fähig sei, das gesponnene Netz dieses Wesens einzufangen. Ja, er machte mit.

Rechts im Bild zeigt die erste Foto eine räuberische Spinne. Links am Spinnennetz hängt ein verpacktes Insekt. Ich vermute: Eine Fliege. Ihr muss das tötende Gift schon verabreicht worden sein. Es sieht so aus, als würde die Spinne – nach getaner Arbeit – heimwärts gehen. Wie das verpackte Raubgut ausgesaugt wurde, konnten wir nicht mitverfolgen.
Spinne auf dem Heimweg
Gut getarnt kauerte sie im Gebüsch jenes blühenden Grashalms, der in die Nische des Eisenwinkels hineingewachsen war. Dort konnte sie sich verstecken und ruhen. Zeitweise dachten wir, sie sei fortgegangen.
Der im Nest befestigte Faden

Hier sehe ich das weibliche Element

Von Spinnen weiss ich nicht viel. Sofort fiel mir aber ein Sprichwort ein, das ich als Kind in der Grossfamilie im Zürcher Oberland aufgefangen hatte:
Spinne am Morgen, bringt Kummer und Sorgen.
Spinne am Mittag, glückliche Heirat.
Spinne am Abend, erquickend und labend.
Erstaunt stellte ich dann fest, dass die erste und letzte Zeile sogar im DUDEN-Universalwörterbuch aufgeführt sind. Kein Wunder: Die deutschen Eltern meiner Grossmutter werden sie in die Schweiz mitgebracht haben.

Und beinahe gleichzeitig «hörte» ich den verstorbenen Redaktor Walter Hess auf einen zugesandten Beitrag in sein Blog-Atelier antworten, dass dieser noch am selben Abend ins Netz gestellt werde.

Das Netz im Internet war gemeint. Es umspannt die ganze Welt. Es löst Begeisterung und Freude aus und lässt doch manche Menschen im Netz hängen. Es kann uns alle treffen, dass wir als Gefangene z.B. von unseren Sehnsüchten eingepackt und ausgesaugt werden, wie es jenem Insekt ergangen ist, das meine Foto verewigt.

Kein Wunder, dass das Wort Spinne auch als Schicksalsgöttin verstanden wird. In alten Mythen hält sie die Fäden des Lebens in ihren Händen und Beinen. Sie weiss, wie der Faden, der alles zusammenhält, entsteht. Die Kelten haben die Spinne als Symbol für alles Leben gewählt. Wenn wir heute das Wort Spinnen hören, denken wir vermutlich in erster Linie ans Spinnen am Spinnrad, wenn Fasern zum Faden zusammengedreht werden. Oder wir verstehen sofort, wenn über Menschen gesprochen wird, sie würden spinnen, weil nicht verstanden wird, was diese denken oder tun. Wer ausruft: Du spinnst, zeigt an, dass er andere, vielleicht sogar sehr originelle Gedanken gar nicht verstehen will oder verstehen kann.

Dann habe ich im Zürichdeutschen Wörterbuch noch einen Satz gefunden, der mir gut gefällt. Es heisst da: Wie mer spinnt, so tuchets. Mir sagt dieser Satz, wie man spinne, zeige sich im Tuch (im gewobenen Stoff).