Donnerstag, 15. September 2016

Meine Gedankensprünge zum Thema Spinne

Als ich dieser Tage im Pflanzenbereich unseres Balkons eine Spinne entdeckte, interessierte mich für den Augenblick nur, ob mein Fotoapparat fähig sei, das gesponnene Netz dieses Wesens einzufangen. Ja, er machte mit.

Rechts im Bild zeigt die erste Foto eine räuberische Spinne. Links am Spinnennetz hängt ein verpacktes Insekt. Ich vermute: Eine Fliege. Ihr muss das tötende Gift schon verabreicht worden sein. Es sieht so aus, als würde die Spinne – nach getaner Arbeit – heimwärts gehen. Wie das verpackte Raubgut ausgesaugt wurde, konnten wir nicht mitverfolgen.
Spinne auf dem Heimweg
Gut getarnt kauerte sie im Gebüsch jenes blühenden Grashalms, der in die Nische des Eisenwinkels hineingewachsen war. Dort konnte sie sich verstecken und ruhen. Zeitweise dachten wir, sie sei fortgegangen.
Der im Nest befestigte Faden

Hier sehe ich das weibliche Element

Von Spinnen weiss ich nicht viel. Sofort fiel mir aber ein Sprichwort ein, das ich als Kind in der Grossfamilie im Zürcher Oberland aufgefangen hatte:
Spinne am Morgen, bringt Kummer und Sorgen.
Spinne am Mittag, glückliche Heirat.
Spinne am Abend, erquickend und labend.
Erstaunt stellte ich dann fest, dass die erste und letzte Zeile sogar im DUDEN-Universalwörterbuch aufgeführt sind. Kein Wunder: Die deutschen Eltern meiner Grossmutter werden sie in die Schweiz mitgebracht haben.

Und beinahe gleichzeitig «hörte» ich den verstorbenen Redaktor Walter Hess auf einen zugesandten Beitrag in sein Blog-Atelier antworten, dass dieser noch am selben Abend ins Netz gestellt werde.

Das Netz im Internet war gemeint. Es umspannt die ganze Welt. Es löst Begeisterung und Freude aus und lässt doch manche Menschen im Netz hängen. Es kann uns alle treffen, dass wir als Gefangene z.B. von unseren Sehnsüchten eingepackt und ausgesaugt werden, wie es jenem Insekt ergangen ist, das meine Foto verewigt.

Kein Wunder, dass das Wort Spinne auch als Schicksalsgöttin verstanden wird. In alten Mythen hält sie die Fäden des Lebens in ihren Händen und Beinen. Sie weiss, wie der Faden, der alles zusammenhält, entsteht. Die Kelten haben die Spinne als Symbol für alles Leben gewählt. Wenn wir heute das Wort Spinnen hören, denken wir vermutlich in erster Linie ans Spinnen am Spinnrad, wenn Fasern zum Faden zusammengedreht werden. Oder wir verstehen sofort, wenn über Menschen gesprochen wird, sie würden spinnen, weil nicht verstanden wird, was diese denken oder tun. Wer ausruft: Du spinnst, zeigt an, dass er andere, vielleicht sogar sehr originelle Gedanken gar nicht verstehen will oder verstehen kann.

Dann habe ich im Zürichdeutschen Wörterbuch noch einen Satz gefunden, der mir gut gefällt. Es heisst da: Wie mer spinnt, so tuchets. Mir sagt dieser Satz, wie man spinne, zeige sich im Tuch (im gewobenen Stoff).

Donnerstag, 1. September 2016

Rezepte zu den Geschichten
«Das esse ich am liebsten»

Wie versprochen, werden die dazugehörigen Rezepte hier nochmals aufgeführt.

Wie schon erwähnt, wurden sie im Jahr 1993 aufgeschrieben. Da stand mir in der damaligen Wohnung im Bernoullihaus ein Gasherd zur Verfügung. Ihm trauere ich immer noch nach. Mit Gas kochen empfand ich, feinfühlig kochen zu können. Auch das Wasser, das wir benützen, ist nicht überall dasselbe. Da wo ich jetzt wohne, empfinde ich es härter. Die Teigwaren z.B. brauchen hier längere Kochzeit. Das sind Faktoren, die beim Kochen im voraus berücksichtigt werden müssen. Eine angegebene Zeit im Rezept muss nicht stur eingehalten werden. Probieren ist wichtig. Das trifft auch aufs Würzen zu. Und es gilt auch fürs Salzen. Ebenso soll man das Fleisch probieren, um zu prüfen, ob es angenehm weich gekocht ist. Eine Uhr kann das nicht feststellen.

Das Kalbsvoressen-Rezept habe ich dieser Tage noch nachgekocht. Obwohl es im Titel heisst, dieses Rezept komme ohne Fett aus, habe ich ein Markbein als Weichmacher in den Sud gelegt. Es kam gut an, erfüllte seinen Dienst.

Dieses Kalbsvoressen entwickelt sich besonders gut, wenn wir seiner Entwicklung viel Zeit einräumen. Es sollte nicht sofort auf den Tisch kommen. Wenn es noch stehen bleiben darf, entwickelt es sein Aroma besser. Man kann es gut vorkochen und dann einfach nochmals erwärmen. Auch am Tag danach. Mit diesem Rezept kann man Kocherfahrung machen.

Rezept von Rita Lorenzettis weissem Kalbsvoressen

Weisses Kalbsvoressen
Das Grundrezept kommt ohne Fett aus. Siehe Einzelheiten in der obigen Einleitung dieses Rezeptes
*4 dl Wasser
*4 EL Weisswein
*1 mit Gewürznelken gespickte Zwiebel
*1 Stück Rüebli (Karotte)
Diese Zutaten aufkochen.

*500 g Kalbsvoressen
in den heissen Sud geben und zugedeckt während einer halben Stunde leise kochen. Dann
*2 gehäufte KL Maizena (Maisstärke) in ½ dl Weisswein auflösen und dem heissen Sud beigeben. Nochmals eine halbe Stunde leise kochen lassen.
Ist das Fleisch lind geworden, ungefähr
*2 KL Fleischgewürz (Bouillonpaste) dazugeben und aufkochen.
Nach Belieben nachwürzen.
Dieses Nachwürzen nach eigenem Geschmack ist wichtig.

Rezept von Rita Lorenzettis Polenta

Polenta
250 g Maisgriess
½ KL Salz
1 KL Bouillonpasta oder Gemüseextrakt
1,1 L Wasser

Dieses Rezept verlangt ständige Aufmerksamkeit.

Der Maisgriess wird in das siedende, gesalzene Wasser gegeben und auf mittlerer, gleichbleibender Hitze während 20 bis 30 Minuten zu einer Polenta gekocht. Anfänglich ständiges Rühren, später Schütteln. Die Polenta muss sich aus einem Brei in einen Kuchen verwandeln. Wichtig: Es eignet sich nur eine schwere, dickwandige Pfanne dazu.


Maisbrot
150 g Maisgriess
120g Weissmehl
1 EL Zucker (am besten Vollrohr-Zucker)
3 Prisen Salz
1 EL Backpulver
1 ½ dl Olivenöl
2 ½ dl Milch
1 Ei

Die trockenen Zutaten mischen. Öl, warme Milch und das aufgeschlagene Ei darunterziehen. In einer gefetteten Gratinform auf mittlerer Hitze etwa 25 Minuten backen. In Stücke schneiden.


Rezept von Rita Lorenzettis rohem Fenchel

Roher Fenchel
Mit einem scharfen Messer im Wurzelbereich des Fenchelknollens ein paar feine Scheiben abschneiden und die äusserste Fenchelschale ausdrehen. Und weiter fortfahren, bis alle Schalen einzeln daliegen. Je nach Grösse können diese hälftig aufgeschnitten werden. Grundsätzlich sind diese Schalen sauber und können mit etwas Olivenöl eingerieben werden. Selbstverständlich können sie vorher auch in klarem Wasser abgespült werden. Dann muss man sie aber abtrocknen. Die eingeölten Fenchelteile noch mit etwas (wenig) Salz bestreuen. Von Hand essen!

Meist schäle ich die äusserste Fenchelschale wie eine Kartoffel, weil ich nicht weiss, wer sie schon in Händen gehalten hat.


Riz de l’enfer (Reis aus der Hölle) Heute nennen wir es Fegfeuerreis.
2 Tassen Reis
5 Tassen Wasser
1 Prise Salz
400 g gehacktes Rindfleisch
1 Zwiebel gehackt
Paprika süss und scharf
Pfeffer ganz und gemahlen
Gewürzsalz
300 bis 400 g Zucchetti
1 Glas oder Büchse Tomatenmark
oder 3 bis 4 frische Tomaten (ohne Haut)
1 Knoblauchzehe
Bouillonpaste oder Gemüseextrakt
etwa 100 g geriebener Käse

Reis kochen und quellen lassen. Rindfleisch und Zwiebeln anbraten und heiss würzen. In kleine Würfel geschnittene Zucchetti darunterziehen. Tomatenmark beigeben. Wenig Wasser zufügen. Knoblauch hineinpressen. Mit Bouillonpaste abschmecken.
Etwa 15 Minuten auf mittlerer Hitze kochen. Mit dem vorbereiteten Reis mischen. Mit Käse überbacken.
Die Überraschung: Wenn sich beim Kauen das Aroma eines Pfefferkorns auftut.


Spinat-Wähe
4-5 EL Paniermehl
250 g Wähenteig
250 g Tofu
500 g Blattspinat
Olivenöl
Gewürzsalz, Pfeffer, Muskat
2 Knoblauchzehen
fein gehackte Petersilie
150 g geriebener Käse
1 Ei
1 Tasse Vollrahm

Zuerst Paniermehl rösten!
Wähenteig für rundes Blech auswallen. Mit in Scheiben geschnittenem Tofu den Boden bedecken. Den gedünsteten und durchs Passevite getriebenen Spinat würzen. Knoblauch hineinpressen. Paniermehl darunterziehen. Petersilie und Käse beigeben. Feinfühlig mischen. Separat ein Ei aufschlagen und mit dem Vollrahm mischen. Unter die Spinatmasse geben und auf dem Tofuboden verteilen.
Etwa 40 Minuten backen.


Rösti
1kg festkochende Kartoffeln

Geschwellte Kartoffeln vom Vortag häuten, auf der Röstiraffel reiben, leicht salzen. In einer Eisengusspfanne Olivenöl erhitzen und Kartoffeln darin anbraten. Die kleingeschnittene Zwiebel daruntermischen. Gut achtgeben, dass sie im Innern der Kartoffelmasse bleibt. Die starke Hitze würde sie schwärzen. Zu einem Kuchen zusammenfügen und mit heftiger Hitze eine Kruste braten. Nicht weglaufen! Grosse Hitze verlangt völlige Aufmerksamkeit. Mit Oel nicht geizen, aber auch nicht geuden. (Nicht zu wenig, nicht zu viel.)
Das richtige Mass ermöglicht die starke Krustenbildung. Die Rösti soll mit Leichtigkeit auf dem Boden herumrutschen, wenn wir die Pfanne schütteln.
Jetzt die Knoblauchzehen leicht unter die noch weiche Kartoffeloberfläche verteilen. Auch sie dürfen nicht anbrennen. Dann wird der Kuchen gewendet und auf der 2. Seite ebenso gebraten. Wieder stürzen. Die Knoblauchoberfläche soll beim Servieren oben sein. 1 bis 2 Drehungen aus der Pfeffermühle. Fertig!
Und wie gesagt, eine echte braune (nicht schwarze) Kruste ermöglicht nur die Gusseisenfpanne


Mah-Meeh
300g schmale «Nüdeli»

Zutaten für die 1. Pfanne:
200 g geschnetzeltes Hühnerfleisch
200 g geschnetzeltes Kalbfleisch
Maisöl zum Braten
1 Zwiebel gehackt
Chilliflocken oder scharfer Paprika*
Pfeffer und Salz
1 dl Weisswein
1/2 dl Soyasauce
wenig Tabascosauce

Zutaten für die 2. Pfanne:
1 Zwiebel gehackt
2 bis 3 Knoblauchzehen
1 rote und 1 grüne Peperoni
Gewürzsalz
milder Paprika (Pulver)
die Hälfte eines Kopfsalates

In der 1. Pfanne wird das Fleisch in heissem Öl angebraten und zur Seite geschoben. Daneben soll die Zwiebel angedünstet werden. Würzen. Mit dem Weisswein ablöschen. Soyasauce dazugeben. Mit wenig Tabasco nachwürzen. Köcheln lassen.
In der 2. Pfanne: Wieder eine Zwiebel erhitzen und Knoblauch dazupressen. Die kleingeschnittenen Peperoni mitdünsten. Den in feine Streifchen geschnittenen Kopfsalat ebenfalls dazugeben und alles zusammen auf starker Flamme kurz, aber heftig kochen lassen. Eventuell etwas Wasser zufügen. Das Peperonigemüse soll noch knackig sein. Mit Gewürzsalz und mildem Paprika würzen. Der Inhalt der beiden Pfannen mischen und lagenweise auf die schmalen Nudel schichten. Es können auch Vollkorn- oder Soyanudeln verwendet werden.
*Die gehackten Paprikas kaufen wir in einem türkischen Laden in unserem Quartier unter dem Namen «gebröchene Paprika» – in» «gebröchenem Deutsch» angeschrieben.

Letizias Original-Rezept kam aus der Kochschule und ist von Betty Bossi.
Im September 2016 hat sie es nachgekocht und eine Neuinterpretation veröffentlicht.


Rita Lorenzettis Rezept für mit Kurkuma gebratenen Tofu

Gelber Tofu
Tofu in Würfel schneiden und diese grosszügig mit Gelbwurzpulver Kurkuma bestäuben. In Maisöl braten.


Rote Grütze
500 g rote Johannisbeeren
100 g schwarze Johannisbeeren
5dl Wasser
150 g Zucker
90 g Tapioka oder Sago
wenig flüssiger Rahm

Die abgezupften Beeren im Wasser mit dem Zucker aufkochen. 5 Minuten köcheln lassen. Durchs Passevite treiben. Den Saft erneut aufkochen. Tapioka oder Sago hineinrieseln und zugedeckt quellen lassen (mindestens ½ Stunde). In eine ausgespülte Form geben und völlig erkalten lassen. Mit etwas flüssigem Rahm servieren.

Rezept von Rita Lorenzettis Finnischem Apfeltee
Finnischer Apfeltee
1 L Schwarztee
1 ungespritzter Apfel
1 TL (Vollrohr)-Zucker

Apfel in Stückli schneiden. In wärmebeständigen Glaskrug legen. Tee-Ei mit den Teekräutern dazu legen und mit heissem Wasser überbrühen. Mindestens 5-10 Minuten ziehen lassen. Tee-Ei herausnehmen. Wenig oder keinen Zucker beigeben.
Variante für die warme Jahreszeit: Den Tee erst trinken, wenn er erkaltet ist und die Apfelstückli weich geworden sind.
Der Glaskrug ist nicht obligatorisch, aber er bringt die schwimmenden Früchte schön zur Geltung. Variante: Mit Kräutertee zubereiten.

Masse:
L = Liter
dl = Deziliter
KL = Kaffeelöffel
EL = Esslöffel
g = Gramm

Samstag, 13. August 2016

Das esse ich am liebsten


Das tägliche Brot

Das Heft NATÜRLICH, 13. Jahrgang, Mai 1993 ruhte gut geschützt im Werkstatt-Archiv meines Mannes. Dieser Tage hat er es entdeckt, aus dem Dornröschenschlaf geweckt und nach Hause gebracht.


Die NATÜRLICH-Redaktion hatte damals von mir wissen wollen, was ich am liebsten esse. Und schrieb dann im Vorwort zu meiner Antwort: Sie isst am liebsten Butterbrot. Aber da gibt es noch anderes. Der liebenswürdige Text vermittelt viele Anregungen für eine ehrliche Alltagsküche. Ja, so war es von mir gemeint.

Die Grundhaltung ist immer noch dieselbe. Ich pflege eine saisonale, marktfrische Küche. Freude macht mir ein Essen, das naturbelassen ist, also ohne die sogenannt bewilligten Hilfsstoffe auskommt.

Bei den Vorbereitungen dieses Textes habe ich die Essgewohnheiten der vergangenen 50 Jahre vorbeiziehen sehen. Ich habe bemerkt, wie sich das liebste Essen immer wieder in etwas anderes verwandelt hat. Und doch: Das Butterbrot ist noch immer ein Liebling von mir. Kein Wunder. Man sprach vom täglichen Brot und meinte die tägliche Nahrung. So bin ich aufgewachsen. Meine ersten Lebensjahre waren vom 2. Weltkrieg belastet. Überfluss kannten wir nicht. Die Rationierung war in jener Zeit eine harte Zäsur für das ganze Volk.

Ich vermute, dass die erste Situation, die ein Kind auf Erden vorfindet, prägend ist. Das Beschränken auf das Wesentliche fällt mir leicht. Und Nahrung ist für mich Bedingung zum Leben, nicht Gegenstand von Spielerei.

In den mageren Jahren sprach meine Mutter mit dem Milchmann, dass es ihr weh tue, dem eigenen Kind nicht täglich etwas Butter auf die Brotschnitte streichen zu können. Es fehlten ihr, wie auch anderen Müttern, die dafür vorgeschriebenen Rationierungsmarken. Der Milchmann zeigte Mitgefühl. Er lud mich ein, am Neujahrsmorgen in die Milchhütte zu kommen. Ich erhielt von ihm gratis und ohne Rationierungsmarken abgeben zu müssen, ein 100-Gramm-Mödeli Ankä (Butter).

Vater pflegte einen grossen Garten. Er sorgte für eine abwechslungsreiche und vor allem gesunde Kost. Gemüse, Früchte, Salate, Beeren und auch Blumen mussten wir nie kaufen. Ich beobachtete in diesen ersten Jahren, wie liebevoll und fürsorglich er das Gewachsene heimbrachte und der Mutter übergab. Solche Momente prägten mich.


Als ich mich, 23jährig, mit der Küche beschäftigen musste, waren die kargen Zeiten vorbei. Die Hochkonjunktur hatte das Leben verändert. Die materiellen Sorgen verkleinerten sich. Plötzlich konnten wir uns allerlei Wünsche erfüllen. Wenn ich mich recht erinnere, waren es Restaurantsbetriebe, die zuerst profitierten. Man freute sich auf bisher unbekannte Gerichte, auf Toast Hawaii, Riz colonial, Poulets im Chörbli und Fondue. Beleibte Männer wurden gefoppt, sie würden einen Poulet-Friedhof mit sich führen. Eine Form von humoristischem Kompliment, das den Wohlstand sichtbar machte.

Meine Geschichten ums Essen, die im NATÜRLICH 1993
veröffentlicht wurden


Ich bin als Unerfahrene an den Kochherd gekommen. Die italienische Familie meines Mannes, alles mehrheitlich sinnesfreudige Menschen, predigten mir öfters, dass es sinnlos sei, aus Rezeptbüchern nachzukochen. Eine rechte Köchin koche aus sich selbst. So habe ich begonnen, Rezepte auswendig zu lernen. Ich wollte mich nicht blamieren. Hilfe bekam ich von Hanns U. Christen in seinem Buch Füttere den Liebsten. Untertitel Winke für kluge Frauen, die Männer fesseln wollen. Männern ist die Lektüre strengstens untersagt. Das war 1964. Ja, liebe junge Frauen, die Zeiten haben sich verändert. Bei Christen lernte ich viel. Zum Beispiel das erste Renommierstück, wie er es nannte: die Tomatensauce. Bei uns zu Hause wurden Spaghettis mit Tomatenpüree gefärbt und mit Knoblauch abgeschmeckt. Christen kochte eine Sauce aus frischen Tomaten. Das faszinierte mich. Damit hat er mich, also (damals) vor 29 Jahren, für das Echte sensibilisiert. Ich zitiere eine Stelle, die ich angestrichen habe: Wenn das Olivenöl warm geworden ist, was man daran erkennt, dass es herrlich nach Süden zu duften beginnt, geben Sie die Zwiebeln hinein. Gut umrühren und dann die Flamme ganz klein stellen. Die Zwiebeln sollen im Öl weich werden, aber nicht etwa braun braten. Nach einigen Minuten werden sie glasartig durchsichtig. Geben Sie nun den Knoblauch hinzu. Es riecht jetzt bereits sehr intensiv nach Süden.

Mit solch präzisen Hinweisen gelang es mir tatsächlich nach und nach, mit den Sinnen zu kochen, mich nicht nur auf die Erfahrung von andern und auf Worte abzustützen. Und heute öffne ich ein Kochbuch nur noch in sehr seltenen Fällen.

Der Schweizer-Käse-Mais, ein Brei, schmeckte mir nicht mehr, als ich lernte, eine Polenta zu kochen. Auch heute noch ist es ein Erfolgserlebnis, wenn ich sie schön kompakt aufs Holzbrett stürzen kann. Mit der Polenta verbinden wir — wieder in der italienischen Sippe — eine romantische Liebesgeschichte, die das Gericht aufwertet. Erst eine dampfende Polenta und das Zusammentreffen mit einer Grossfamilie haben das Herz einer einsamen und stolzen Mutter weichgemacht. Als sie erlebte, wie Meistersleute, Angestellte und Familienmitglieder alle vom selben Maisfladen ihr Stück abstachen, war sie plötzlich bereit, ja zu sagen zur Verbindung ihrer Tochter mit dem Sohn dieses Hauses.

Ist das Brot einmal knapp oder soll ein Frühstück erweitert werden, backe ich das Maisbrot. Dieses wird noch heiss in Würfel geschnitten und wie Brot zu Käse, Trockenfleisch oder zu Salat gereicht.

Nach einer grässlichen Erkältungskrankheit verlor ich einmal den Appetit. Auch die Lebensgeister machten schlapp. Aus dieser Elendssituation heraus holte mich der rohe Fenchel. Mein Mann löste die Blätter vom Knollen und rieb sie mit kaltgepresstem Olivenöl ein. Er bestreute sie mit wenig Salz und trug diese lebendige Köstlichkeit mit einem frischen, über den Arm gehängten Küchentuch auf. Sein Schalk in den Mundwinkeln und die Gewissheit, dass ich bald wieder gesund sein werde, wirkten zusätzlich als Heilmittel. Der Fenchel in dieser Form ist uns geblieben. Wir essen ihn von Hand, was sehr gemütlich wirkt.

Riz de l’enfer ist ein Rezept, das mit meiner Stagiairezeit in Paris verbunden ist. Von zu Hause nur an Pfeffer und Muskat gewöhnt, überraschte mich die Weltstadt mit breitem Spektrum an Gewürzen. Für diesen Fegfeuer-Reis habe ich auch meine Familie begeistern können. Wir schätzen das Eintopfgericht noch heute.

Von Grossmutter Elvira habe ich die Puschlaver Küche kennengelernt. Sie gab mir die eigenwilligen Rezepte ihrer Heimat weiter und achtete darauf, dass sie nicht verändert werden. Es soll alles währschaft und echt bleiben, wie es immer war. Darum habe ich ihr noch nie erzählt, dass mich das Capunet-Rezept zu einer Spinatwähe inspiriert hat. Capunet sind Spinatpflutzen, die ihr unvergleichliches Aroma dem gerösteten Paniermehl, dem Reibkäse und Knoblauch verdanken.

Als ich zur zweiten Tochter schwanger war, las ich viele Kochbücher. Dieses Kind hat offensichtlich mitgelesen; denn Kochen und Essen sind Hauptthemen seines Denkens. Inzwischen zur jungen Frau herangewachsen, übernimmt sie automatisch die Führung, wenn wir zusammen kochen. Sonst gesprächsfreudig, blockt sie jedes Plaudern am Herd ab. Sie konzentriert sich beim Kochen nur auf die Speise, die entstehen soll und gestattet sich keine anderen Gedanken. Ich glaube, darum gelingt ihr vieles. Ihre unvergleichliche Rösti entspricht ihrem italienisch-schweizerischen Naturell; denn sie bäckt sie mit Olivenöl und streicht ausgepressten Knoblauch unter die dicke Kruste. Wenn sie mit ihrer Version von Mah-Meh beschäftigt ist, sehe ich sie als Hexe, die einen Zaubertrank braut.

Uneinig sind wir in der Familie, wie stark Tofu gebacken werden soll. Die einen mögens weich, die andern knusprig. Wir wechseln ab. Einig sind wir aber, dass die gelben Würfel gut zum Risotto passen.

Zu meinen Sommerfreuden gehört die rote Grütze. Sie versüsst mir laue Sommerabende. Das Wort Grütze hat für mich einen altertümlichen Klang, lässt mich glauben, meine Vorfahren hätten sie schon gekocht.

Liisa, die finnische Schwägerin war anfänglich sehr scheu. Wenn in der Grossfamilie lebhaft diskutiert wurde, fragte sie ängstlich: Habt Ihr Streit? Es war so ganz anders hier in der Schweiz. In Finnland seien die Menschen ruhiger, verschlossener und würden eine Anwärmungszeit brauchen, bevor sie aus sich herausgingen, erklärte sie. Heute aber ist das anders. Von der Schweiz beeinflusst, redet auch sie offen und gern. Wenn wir uns gelegentlich treffen, ist keine Scheu mehr auszumachen. Und doch wärmt sie das Zusammensein auf. Sie tut es mit ihrem finnischen Apfeltee, in dem die Apfelstückli schwimmen. (Leicht gezuckerter Schwarztee mit kleinen, frisch geschnittenen Apfelstückli). Auch ihre Kuchen sind Spezialitäten. Z.B. der Marmorkuchen, allein schon wegen seines finnischen Namens Tiikerikakku. Für ihn sei der Tiger mit seinem geflammten Fell Pate gestanden.

Und das Fleisch? Auch in meiner Küche gab und gibt es Fleisch. Es spielt keine aussergewöhnliche Rolle, aber es ist da. Voraussetzung: Es soll aus tiergerechter Haltung stammen. Dieser Ansicht war ich schon vor 23 Jahren.

Meine damals veröffentlichten Rezepte sind verlinkt, bzw. folgen in einem separaten Blogpost.

Rezepte meiner umtriebigen Tochter mit gluschtigen Bildern sind in ihrem Blog www.machetwas.blogspot.com nachzulesen. Sie liess sich im Jahre 2009 ebenfalls von diesem Artikel inspirieren. Lesen Sie hier.

Donnerstag, 21. Juli 2016

Wir Frauen in Köln – Fortsetzung

Geschichten aus der Vergangenheit
Ingrid gehörte auch zu den Frauen, die meinen Aufenthalt in Köln bereicherten. Zusammen besuchten wir den Dom. Sie führte mich durch die Pforte der Barmherzigkeit. Eine Überraschung für mich. Bisher bin ich noch auf keine Kirche gestossen, die ihrem Hauptportal die Aufgabe übergeben hat, den Eintretenden die Barmherzigkeit zu bringen, um sie zur Mitte des Glaubens zu führen. Dieses Anliegen gehört zum Heiligen Jahr, das noch bis zum 20. November 2016 dauert.

Unser Besuch im Dom war von keiner Feier oder keinem Konzert begleitet. Still gingen wir durch diesen hohen Raum. Ingrid bedauerte, dass er zu oft nur noch wie ein Museum betrachtet und behandelt werde. Man sollte ihn doch erleben können, wenn ihn die Menschen mit Gesängen und Musik erfüllen und ihren Glauben feiern. Ich verstehe ihr Anliegen gut. Und doch freue ich mich jedes Mal, auch wenn ich den Dom nur kurz besuchen kann. Der Grund liegt bei den Heiligen Drei Königen, die Köln mit Zürich verbinden. Im Jahr 1164, auf der Überführung ihrer Gebeine von Mailand nach Köln, soll der feierliche Zug in Zürich gerastet haben.

Im Kölner Dom ist der goldene Schrein, der sie beherbergt, nicht zu übersehen.

Ihrer Legende begegnen wir in Zürich z.B. in einem Geschichtlichen Exkurs der Zunft zu den drei Königen. Zusammenfassend heisst es dort, entscheidend sei nicht die wissenschaftliche, sondern die gelebte Wirklichkeit. Es sei unbestreitbar, dass die drei Könige in Zürich eine wesentliche Verehrung erfahren haben. Und es wird auch noch auf die 1950/51 erbaute katholische Kirche Dreikönigen in Zürich-Enge verwiesen.

Am 18. Juni 2016 überraschte uns im Tages-Anzeiger der von Helene Arnet verfasste Bericht «Als die Heiligen Drei Könige in Zürich waren». Ihre Legende wurde plötzlich wieder einmal beleuchtet. Im Zusammenhang mit aktuellen Renovationsarbeiten im Zürcher Fraumünster konnte eine zugemauerte Tür neben dem Chor geöffnet werden. Ebenso wurde es möglich, den Zugang zur bisherigen, auch unzugänglichen Marienkapelle herzustellen. Diese sei ein geschichtsträchtiger Raum, lese ich im Bericht, weil hier die Reliquien der Drei Könige auf ihrem feierlichen Zug nach Köln geruht hatten.

Immer noch im Dom: Abrupter Szenenwechsel
Dieses Boot steht auch im Dom, in einer bescheidenen Nische.
Ingrid kannte seine Geschichte bereits und wies sachte daraufhin. Ich konnte lesen:

Christus sitzt im Flüchtlingsboot

Dieses Boot wurde von der Maltesischen Armee bei einem Rettungseinsatz auf dem zentralen Mittelmeer beschlagnahmt. Mit Unterstützung der Hilfsorganisation MOAS hat das Erzbistum Köln das Boot zur Veranschaulichung der dramatischen Situation von Malta nach Köln bringen lassen. Das 7 Meter lange Fischerboot aus Holz ist typisch für den Einsatz durch libysche Schleuser auf der Route von Libyen nach Italien. Es war mit bis zu 100 Menschen besetzt. Die Flüchtlinge haben keinerlei Möglichkeit, sich vor Sonne, Kälte oder Wellen zu schützen. Gepäck, Proviant oder Wasser dürfen meist nicht mitgenommen werden, um mehr Platz für zusätzliche zahlende «Passagiere» zu lassen.
www.erzbistum-koeln.de


Auch im Rückblick fehlen mir immer noch Worte zu dieser erschütternden Realität.

Samstag, 16. Juli 2016

Wir Frauen in Köln

Die Reise ab Zürich nach Köln vollzog sich nicht wie gewohnt. Ein Unwetterschaden am Geleise zwang die Deutsche Bahn an jenem Tag, den Zug rechtsrheinisch zu führen. Dieser Umweg verlangte seine Zeit. Mein Ziel erreichte ich deshalb über eine Stunde verspätet.

Zugsbegleiterinnen verteilten noch vor der Ankunft in Köln Formulare die berechtigten, die persönliche Verspätung zu melden. Dieser Tage wurde mir bereits der nach dem Fahrgastrecht zustehende Betrag in Form einer Guthabenkarte zugestellt. Reisen nach Köln haben es in sich. Sie vermitteln mir jedesmal ein Zusatzerlebnis.

In Köln angekommen, blieb ich dort stehen, wo ich den Zug verlassen hatte. Andere Reisende waren vor nur wenigen Minuten im Untergrund verschwunden, als mich Tochter und Enkelinnen wartend fanden. Ich stand allein auf dem Perron, war leicht zu finden. Wir freuten uns. Es war ein aussergewöhnlicher Empfang. Alle haben mich gleichzeitig umarmt. Solche Momente gehören für mich zu den schönsten im Leben.
Ich war nach Köln gekommen, um mich wieder einmal mit Felicitas Schwiegermutter zu treffen. In ihrer Familie waren wir beide Mutter und Schwiegermutter und auch Grossmutter. M. lud mich am Tag nach der Ankunft zu einem Spaziergang an den Rhein ein. Da hörte ich einen lange gehegten Wunsch von ihr. Jedesmal wenn sie hierher gekommen sei, habe sie davon geträumt, einmal ihre Hände in den Rhein zu tauchen.

Die hier üblich reissenden Wassermassen stellten sich ihrem Wunsch bisher entgegen. Ich fand, jetzt sei der Moment aber günstig. Machen wir das! Im Umfeld der S-Bahnstation Bayenthal flutete der Rhein über sein Bett hinaus. Leichte Wellen schwappten streckenweise auf den Wanderweg. Hier konnten wir den Rhein sorglos berühren und dem Wasser zuschauen, wie es über die Böschung und den Rand des Fussgängerweges rollte.

Auf dem Heimweg offerierte Nora uns Grossmüttern eine Glacé. Mama hatte ihr Geld zugesteckt, damit sie uns ein Eis kaufen könne. Sie beschrieb zwei Eisdielen. Wir mussten entscheiden. Das näher gelegene Geschäft verkaufe einige wenige Glacésorten, die engros eingekauft werden. In der weiter entfernten Bude würden die Eisspezialitäten nach eigenen Rezepten hergestellt, seien darum viel besser, die Auswahl grösser und auch teurer.

Wir zielten alle auf die grosse Auswahl hin. M. war aber etwas müde geworden und wollte wissen, wie weit und wie lange der Weg dorthin noch sei. Nora begriff intuitiv, dass sie jetzt das letzte Wegstück interessant machen musste.

So zeigte sie auf eine weit entlegene, kaum zu erkennende rote Firmentafel und begann sofort ein Spiel, das uns die Müdigkeit vergessen half und uns gleichzeitig vorwärts brachte. Wir mussten schätzen, wie viele Schritte bis zur roten Tafel noch zu gehen seien. Sie nannte eine Zahl als Grundlage. Und wir schätzten unsere eigene dazu. Und korrigierten diese nach und nach. So vergingen dann Müdigkeit und Langeweile und wir trafen in einer nach italienischem Vorbild aufgebaute Gelateria ein. In einer Ecke entdeckte ich sofort einen kleinen Tisch und Stühle. Dort konnten wir uns niederlassen. Wir wählten unser Eis aus einer nicht gezählten, grossen Auswahl. Es schmeckte uns. Wir fühlten uns gut. Und die ganze Atmosphäre dieses Ladens nahm uns für sich ein.

Die Methode, die Nora anwandte, damit wir den Weg zum Ziel nicht abbrachen, sie kam mir bekannt vor. So wie das Kind die Grossmütter führte, so lenkten wir seinerzeit unsere Töchter auch ab, wenn sie müde oder widerständig geworden waren. Diese Methode funktioniert also immer noch.

Nora hatte dieses Geschäft mit der vielfältigen Glacéauswahl perfekt angepriesen, weil sie es kannte. Sie wusste, dass es sich lohne, dorthin zu pilgern. Wir verstanden sie sofort, als wir dort ankamen.
Die vielfältige Glacéauswahl, die Nora versprochen hatte, war den langen Weg wert. Für den Heimweg waren wir sogar purlimunter geworden, wie wir im Dialekt sagen, wenn wir rundum zufrieden und unternehmungslustig sind. Selfi: Grossmutter und Enkelin

Donnerstag, 30. Juni 2016

Besuch im Hohen Venn und wie es mich beschenkte

Hier begann unsere Wanderung. Dieses Feuchtgebiet nahm mich augenblicklich in seinen Bann. Aus der Ferne – links im ersten Bild – grüsste eine Tannenkrete, bestehend aus einer Armee Zipfelmützen. Gross gewachsene Heinzelmänner aus Köln?

Rechts oben auf der Foto ist der Holzsteg sichtbar. Man gehe auf Brettern, sagten meine Freunde. Ohne diese Stege würden wir im Moor versinken. Das Holz zeigte viele Gesichter. Auch humoristische. Unsere 2-stündige Rundwanderung sprach alle meine Sinne an. Die Fotos erzählen Geschichten.

Und Godwin erzählte die seine. Vor Monaten wanderte er mit seiner Frau auf denselben Wegen wie wir an diesem Tag. Obwohl gut ausgerüstet, rutschte er an einem feuchten Ort, wo sich kleine Bäche treffen aus. Auf dem Holz hatte sich Eis gebildet. Pflotschnass sei er auf festen Boden zurückgekehrt. Total durchnässt, musste er auf dem Rückweg im erstbesten Textilgeschäft Unterwäsche und neue Kleidung kaufen, erzählte mir seine Frau.
Meine Lieblingsfoto. Die Pflanzen im Wasser mit ihrem Schattenbild. Eine Bildkomposition, wie es nur die Natur hervorbringen kann.

Wir befanden uns auf Wanderwegen im Hohen Venn, dem Naturschutzgebiet zwischen Belgien und Deutschland. Da kreuzten junge Menschen unseren Weg. Hallo! tönte es freundlich, als sie an uns vorübergingen. Dieses Hallo ist in meiner Heimat – der Schweiz – so nicht oder nur selten anzutreffen. Ich sage oder rufe manchmal auch Hallo!, aber mehrheitlich nur dann, wenn ich etwas Ungehöriges stoppen will. Und dann ist auch der Tonfall anders, eher streng.

Das Hallo! im Hohen Venn tönte freundlich. Beim ersten Gruss wollte ich gleich mit Grüss Gott antworten, doch dann stoppte ich die Worte, die sich für ein Echo aus meiner Kehle aufgestellt hatten. Wird ein solcher Gruss von jungen Menschen überhaupt noch verstanden, fragte ich mich. Was soll ich antworten? Auf jeden Fall mit keiner leeren Worthülse. Ich blieb stehen und wünschte Guten Tag!

In jenem Augenblick erinnerte ich mich an eine Frage, die mir unsere Tochter Letizia im Sekundarschulalter gestellt hatte, als ich jemanden mit dem erwähnten Grüss Gott angesprochen hatte. Sie empfand dieses anmassend. Sie deutete es so, dass das Gegenüber als Gott verstanden werde.

Meine persönliche Deutung lautete ungefähr so: Wir grüssen die Mitmenschen mit solchen Worten, weil wir das Leben ansprechen wollen, wie es in uns allen wohnt und uns miteinander verbindet.

In der Schweiz gibt es regionale Grussformen. Im Kanton Zürich, wo ich lebe, grüsst man sich mehrheitlich mit dem Wort Grüezi, einer Abwandlung von Grüss Gott. Wir grüssen einander zu verschiedenen Tageszeiten auch mit Guätä Tag! (Guten Tag) Guätän Abig (Guten Abend). Manchmal auch verkürzt: Naabig. Sprechen wir Mitmenschen, die wir gut kennen oder Kinder an, benützen wir gern das Wort Sali oder Salü. Ich vermute, dass dieses aus der französisch sprechenden Schweiz übernommen und an unsere Dialekte angepasst worden ist. Verabschieden wir uns, sagen wir Adiö. Französisch à dieu (zu Gott). Diese Form kann darauf hinweisen, dass wir hoffen, einander in einer anderen Dimension wieder zu treffen.

In der Hochmoor-Welt, in der die Menschen nur Zuschauer sind und nicht in sie eingreifen, müssen auch Gespräche stattfinden. Der Zusammenhalt der vielen Gewächse ist beeindruckend. Sie arrangieren sich, leben in einer vielschichtigen, dicht besiedelten Gemeinschaft. Und diese scheint gesund zu sein. Ich sah keine leidenden Pflanzen.

Schlussendlich wies dieser Besuch im Hohen Venn auf eine Wandlung in mir hin. In jungen Jahren belasteten mich die Farben im Moor. Heute nicht mehr.

Das Internet beherbergt vielfältige Angaben und Fotos zum Hohen Venn.

Freitag, 27. Mai 2016

Velofahrt der Limmat entlang und Znüni in Wipkingen

Blumen, frisch vom Markt, standen schon auf dem Tisch, als wir bei ihr ankamen. Tochter Letizia feierte Geburtstag. Wir trafen uns zum Znüni, der Zwischenmahlzeit am Vormittag. Das immer noch gebräuchliche Wort trägt die Zahl 9 (nüni) in sich und verweist auf den Zeitpunkt der Pause, als man früher den Bauern eine Stärkung aufs Feld brachte. Ungefähr um 9 Uhr.

Mohn und Rosen sorgten an diesem Tag für festliche Stimmung. Ihre Farben strahlten. Ich dachte bei mir: So kann Lebensfreude ausgedrückt werden. Wir fühlten uns wohl in ihrer Anwesenheit, doch haben wir die Blumen nicht ständig beobachtet.

Blumen sind geheimnisvolle Wesen, und wir sind kaum fähig, ihre Entfaltung sehend mitzuerleben. Wer weiss, vielleicht profitierten sie von unserer Energie, wenn wir redeten und lachten. Und vielleicht war es auch wichtig, dass wir sie nicht dauernd anschauten. Auf einmal entdeckte Letizia aufgesprungene oder abgefallene Hüllen, in denen die Blütenblätter geschützt wachsen konnten. Wir staunten und betrachteten die zerknitterten Blütenblätter, die jetzt hervortraten und sich aus ihrem Wachstumsgefängnis befreiten. Passend zum Geburtstag. Erinnerung an Letizias Geburt.
Primo und ich waren mit den Velos nach Wipkingen gekommen. Wieder einmal dem Limmatufer entlang. 37 Jahre war der Fluss unser Nachbar und auf seine Art ein Freund. Wir schätzten seine beiden Uferbereiche als unser persönliches Naherholungsgebiet. An diesem Morgen mussten wir feststellen, dass der einstige romantische Fischerweg aber zu einer Velostrecke geworden ist. An diesem Morgen, etwas nach 8 Uhr, pfeilten viele junge Leute auf ihren Rädern an uns vorbei. Ich mag ihnen diesen gesunden Weg zur Arbeit gönnen. Aber die Hektik, die sie entwickeln und die Rücksichtslosigkeit im Fahren und Überholen, sie schmerzen. Ich nahm mir vor, am Nachmittag nochmals hieher zu kommen, um diesen Ort zu erleben, wenn alle an ihren Arbeitsplätzen «versorgt» sind.
Ich hatte schon am Morgen die neu entstandene Insel im Fluss bemerkt. Lange Zeit vor unserem Umzug nach Zürich-Altstetten (2008) fotografierte ich 2 heranwachsende Grünpflanzen, die sich in einem Kies-Grund in der Mitte des Flusses festgekrallt hatten. Ob der Fluss die Steine dorthin gebracht hat, oder ob sie von Menschen dorthin verfrachtet worden sind, weiss ich nicht.
Was meine Foto jetzt zeigt: Die Insel hat sich halten und entfalten können. Heute wachsen hier 3 Gebüsche. An der Spitze eines, das die Mutter darstellen könnte, dahinter 2 Kinder. Ein Bild, wie wir es von Enten kennen.

Eine andere Erinnerung: Eine Nachbarin aus der Bernoulli-Siedlung mit einer verantwortungsvollen Aufgabe in einer sozialen Institution betraut, erzählte mir einmal, was sie in einer Weiterbildung zum Thema «Inneres Gleichgewicht» gelernt habe.

Um dieses zu stärken oder überhaupt aufzubauen, wurden Spaziergänge am Fluss empfohlen. 1. Mit ihm in der Fliess-Richtung gehen. Ihm alle Sorgen und Unsicherheiten übergeben, dass er sie forttrage. 2. Auf dem Rückweg – gegen dem Strom laufend, sich ihm zuwenden – von Zeit zu Zeit stehen bleiben und bewusst frische Energie empfangen. Dazu streckte sie noch ihre Arme aus.
Am Nachmittag hielt ich mich erneut an der Limmat auf. Im Bereich Hardeggbrücke— Hardturm. Da empfing mich eine mit meinen Erinnerungen deckungsgleiche Atmosphäre. Ruhig und friedlich, wie es der Natur an einem Sommertag eigen ist. Einige Jogger unterwegs, ein junger Mann lesend auf einer Bank beim Hardturm sitzend, Kinder mit Hortnerinnen und ein einzelner Velofahrer unterwegs. Ich ging grösstenteils auch zu Fuss, stellte mein Fahrrad immer wieder ab. Und suchte nach Orten, die mich an die alte Heimat erinnern können.
Nach dem Gesteinsüberrest einer ehemaligen Uferverbauung musste ich suchen. Die Bäume am Ufer verstecken ihn jetzt. Dieser erinnert noch an das alte Wehr für die Wasserkraftwerkbauten im vorletzten Jahrhundert. Diese Restanz verfügt immer noch über eine funktionierende Fischtreppe. Hier sassen wir manchmal an schwühlen Sommerabenden und schlenkerten die Beine im Flusswasser.

So war das damals.

Freitag, 29. April 2016

Geigenklänge unter einer Arkade und
Mittagessen im Gasthaus Le Ramoneur Savoyard

Rückreise aus Südfrankreich. Mittagshalt in der Hauptstadt des Departements Haute-Savoie. Trübes Wetter, leicht garstig und Regen.

Und doch konnte uns diese Stadt sofort für sich einnehmen. Nicht nur weil wir hungrig waren. Annecy ist ein Bilderbuch-Ort mit einer schönen Altstadt, dem Fluss Thion und dem See Lac d’Annecy. Er werde öfters mit Venedig verglichen, wurde uns gesagt. Er zieht Touristen an. Entsprechend der Sturm auf Zwischenverpflegungs-Stände und Gasthäuser.

Stehen geblieben sind wir eine ganze Weile bei einer jungen Frau, die mit einer Geige spielenden Marionette aufgetreten ist. Geschickt führte sie deren Bewegungen so, dass diese mit der Musik ab Band übereinstimmten. Schade, dass mein Fotoapparat keine Bilder mehr aufnehmen konnte.
Etwas später landeten Primo und ich im Gasthaus Le Ramoneur Savoyard, ohne zu wissen, wer ein ramoneur sei. Die Antwort gab uns dann der Dictionnaire und weitere Informationen fanden wir auf den papierenen Tellerunterlagen, den Tischsets.

Der Ramoneur ist Kaminfeger. Zur Zeit, als Savoyen noch nicht zu Frankreich gehörte, seien viele Kinder nach Paris ausgewandert. Dort wollten sie oder mussten sie Kaminfeger werden. Eine harte, undankbare Arbeit, denn jene, die sie anstellten, nützten sie aus. Sie wurden mager entlöhnt und vermutlich wie Sklaven behandelt. Die Arbeitgeber missbrauchten die jugendliche Konstitution und Kraft dieser Kinder. In der Schweiz kennen wir ebensolche Geschichten. Armut und Hungersnot und ein Leben ohne Perspektive brachten Eltern aus der Südschweiz damals dazu, ihre Kinder als Kaminfeger nach Mailand zu verdingen.
Von den Ramoneurs Savoyards weiss man offenbar, was ihnen half, die harten Bedingungen zu ertragen. Mit Singen. Singen auf den Dächern, in den Händen den Russ ihrer Arbeit und den Blick zu den Sternen gerichtet. So ungefähr habe ich den Text auf dem Tischset verstanden.

Diesen jungen Menschen ist das Gasthaus gewidmet. Es besteht seit 1990. Hier werden hochwertige Produkte von lokalen Produzenten verarbeitet. Hier haben wir eine liebevolle Kochkunst kennen gelernt. Und hier seien schon mehr als 30 Lehrlinge als Köche und Serviceangestellte ausgebildet worden. Ein Erfolg.

Aus einer umfangreichen Karte wählten wir Polenta und Saucissons. Polenta haben wir in Frankreich noch nie gegessen. Hier wurde diese Speise für jede Portion einzeln in einer kleinen, gusseisernen Schale gekocht und heiss mit Wärmeschutz-Handschuhen serviert. Separat die Saucissons in einer zu ihnen passenden, heissen Sauce. Und Brot zum Tunken. Sehr fein.

Dazu erwies sich das Amber-Bier als überraschende Ergänzung. Ein Mittagessen mit Geschichte. Das Dessert aus diesem Haus: Le voilà!

Dienstag, 12. April 2016

Provence- und Camargue-Reise / Fortsetzung

Ankunft Camargue

Es war ein emotionaler Moment, als ich realisierte, dass wir am Rand des Naturschutzgebietes in der Camargue angekommen waren. Die Foto entstand zufällig oder litt zu jener Zeit an einer Fehleinstellung, aber sie macht mir Freude. In Wahrheit kamen wir vor Sonnenuntergang am frühen Abend ans Ziel. Anderntags konnten wir an diesem Ort Flamingos auf ihrer Nahrungssuche beobachten.

La Grande-Motte, der Ort, wo wir in einem feinen Hotel erwartet wurden, erstaunte vom ersten Augenblick an. Die weissen Häuser in unserem Umfeld, vermutlich mehrheitlich Wohnhäuser, zeigen eine übergreifend einheitliche Architektur. Und trotzdem nahmen wir sie als Gesamtkunstwerk mit verschiedensten Formen und Details wahr.
Futuristische Architektur

Und dann der Yachthafen! Er gehört auch dazu. Fotos solcher Gestaltungen irritierten noch in den 60-er-Jahren. Man sprach von Futuristischer Architektur. Ich fragte mich damals, ob es noch Menschen seien, die solche Bauten wünschen und sie dann auch lieben. Und heute kann ich nur noch staunen. Die Hochkonjunktur ermöglichte ein solches Projekt. Und ermöglichte grundsätzlich, sich Ferien zu leisten und den eigenen Horizont zu erweitern.

Das Projekt war und ist gigantisch. Zuerst musste die Sumpfgegend entwässert und zu festem Land werden. Es trägt die Handschrift von Jean Balladur, der 30 Jahre seines Lebens für dieses Werk gearbeitet hat. Sein Bruder Edouard Balladur war von März 1993 bis Mai 1995 Premier-Minister der französischen Republik.

Der Besuch in Aigues-Mortes
Aigues Mortes

Aigues Mortes
Dieser Ort hat eine lange Geschichte, sei bis zum 16. Jahrhundert einer der bedeutendsten Verkehrsknotenpunkte gewesen. Ein Ort, 4-seitig von prächtigen Stadtmauern umgeben.
Man sollte ihn aus der Vogelperspektive anschauen können. Oben offen. Die Häuser verschachtelt, aneinander gebaut. Durch 10 Tore kann diese Stadt betreten werden. Ob man sie heute einfach als Ort oder als Dorf bezeichnet, ist uns nicht bekannt. Primo und ich schlenderten um alle 4 Mauern. Und traten dann in diese geschützte Welt ein. Da trafen wir auch auf kleine Läden und unverhofft auf die alte Kirche Notre Dame des Sablons. Sie hat uns sofort eingenommen. Ihr altes Gemäuer und farbige, Aquarell ähnliche Glasfenster aus der Gegenwart verstehen sich gut. Es ist eine Kombination, wie sie besonders den Franzosen gelingt, wenn sie spirituelle Atmosphäre vermitteln wollen.

Draussen, nicht weit von der Kirche weg, aber noch immer im Ort, entdeckten wir sympathische Gartenwirtschaften. Zufällig trafen wir dort unseren Chauffeur. Ihm konnten wir noch Weg zu den Salzsalinen weisen. Die weissen Salzberge hatten wir bereits entdeckt.

Ein anderer Ausflug führte uns zum Pont du Gard
Pont du Gard
Wir wurden zum weltweit höchsten römischen Aquädukt geführt.
Im dazugehörigen neu eingerichteten Museum konnten wir die Geschichte der Römer verfolgen. An Orten, die nach neuesten Erkenntnissen und in einem ebenfalls neuen Museumsgebäude dargeboten werden, könnte man stundenlang verweilen. Doch für den Besuch in der Gruppe muss man diesbezüglich bescheiden sein. Es beklagte sich mir gegenüber eine Mitreisende auf dem Rückweg vom Pont du Gard. Sie vermisste mehr Zeit zum Schauen, als zugestanden werde. Und besonders im Freien auf dem einmaligen Aquädukt hätte sie länger verweilen wollen. Es war wirklich ein spezieller Ort und die Landschaft, in der er sich befindet, etwas Kraftvolles.

Und wieder dachte ich an unsere persönlichen Erfahrungen. Ob wir mit der Bahn, dem Velo oder mit Freunden in ihrem eigenen Auto reisten, immer gab es auch Einschränkungen. Oft mussten wir uns nachträglich eingestehen, dass nicht immer alles Erträumte auch umgesetzt werden kann.

Wenn wir aber trotz allem zufrieden sind, mit dem was möglich ist, dann können wir uns trotzdem freuen.

Reise nach Nîmes
Nîmes Baustelle

Gute Ausfahrt, auch bei Regenwetter. Aber in Nîmes gab es Barrieren wegen Bauarbeiten an einer wichtigen Strasse. Es gelang dem Chauffeur nicht, uns möglichst nahe an die Arena hinzuführen. Schlussendlich parkierte er den Bus am Rand der Baustelle, die ihn gestoppt hatte. Nun fehlte uns allen die Orientierung. Niemand trug einen Stadtplan auf sich. Der Chauffeur verteilte aber für Personen mit Natel Kleber mit seiner Anrufnummer, damit man ihn erreichen könne, falls sich jemand von uns verlaufe.

Es verteilten sich die 30 Personen in 3 unterschiedliche Gruppen. Einige suchten ein einladendes Restaurant, andere versuchten, die Arena auf gut Glück zu erreichen. Auch Primo und ich. Als uns ein Herr mit frischen Baguettes unter dem Arm entgegen kam, sprach ich ihn an und fragte nach der Arena. Sofort anerbot er sich, uns ein Stück weit zu begleiten. Sie befinde sich in der Nähe. Als wir sie von weitem sehen konnten, kehrte er um. Sein Zuhause liege in der Gegenrichtung. Jetzt gehe er einfach wieder zurück. Wenn ich in Zukunft den Namen Nîmes höre, werde ich gewiss wieder an diesen freundlichen Wegweiser denken.
Arena Nîmes
Das Baukunstwerk haben wir gefunden. Es regnete. Der Platz um die Arena war unbelebt, kam aber seiner Majestät entgegen. Wir hatten dieses sehr alte Baukunstwerk schon öfters auf Fotos gesehen. Aber noch nie hat es uns so stark beeindruckt. Der Bau aus grobem Gestein, die Form vollendet.

Es fällt mir das Wort Hexenkessel ein, wenn ich mir das Publikum auf 34 Rängen mit mehr als 23’000 Plätzen vorstelle. Hier fanden Spiele, Hetzjagden, Kämpfe zwischen wilden Tieren, Wagenrennen und Gladiatorenkämpfe statt.

Etwas früher als abgemacht, fanden alle Mitreisenden den Weg zum Bus zurück. Ganz in der Nähe befand sich ein Bistro. Davor sassen einige Männer, tranken hier Bier oder ihren Wein und beobachteten das Leben um sie herum. Sie beschäftigten sich offensichtlich auch mit uns, denn sie erkannten Primo und mich sofort, als wir die stillgelegte Strasse überquerten. Sie riefen uns zu: Die Copains (Kumpels) seien im Bistro. Ob es die Leute aus dem Schweizer-Bus seien? Mais oui! (Aber sicher!)

Die Atmosphäre in diesem Gasthaus war uns sofort sympathisch. Es sassen bereits 7 Personen aus der Reisegruppe an Tischen. Ihre Bestellungen wurden bereits ausgeführt. Durch ein offenes Fenster sah ich in die Küche und dort eine Frau konzentriert arbeiten. Primo und ich gaben unsere Wünsche auch bekannt. Später kamen noch weitere Mitreisende dazu. Der Wirt eilte davon, kam mit Broten und Kartoffeln zurück, derweil seine Frau oder Angestellte die Wünsche der Kundschaft sorgfältig umsetzte. Primo bestellte gleich ein Glas Pastis. Der Wirt strahlte den Schweizer an und zeigte Freude, dass dieses Apérogetränk aus der Provence auch in der Schweiz bekannt sei. Das Essen mundete. Primo lobte den Fisch und ich die gefüllte Omlette, die aussah, als hätte ich eine warme Speise in einem feinen Baumwolltuch verpackt erhalten. Dieses vermeintliche Tuch war Teil der Omlette. Dazu gab es für uns beide Pommes Frites der besonderen Art. Ein Gedicht.

Wie Primo sich die besondere Herstellung dieser aussergewöhnlichen Pommes Frites vorstellt:

Es werden Mittlelfinger lange, flache Streifen, 4—5 mm dick in 2,5 cm breite Scheibchen geschnitten und wie gewohnt fritiert.

Er hat festgestellt, dass sich die Kartoffelscheiben beim Fritieren seitlich aufgebogen haben. Es entstand ein Kanal mit einer bleichen Kartoffelmitte und einem braunen, knusprigen Rand.

Ich sagte zum Wirt, er hätte eine feine Küche. Und die Frites seien sensationell. Er strahlte. Primo hatte ihm gerade die Rechnung bezahlt und schob noch ein Trinkgeld zu ihm hinüber. Er rief herzlich laut: «Vive la Suisse!» Und ich als Antwort «Vive la France!»

Besuch in Les Baux de Provence

Eine eigenwillige Landschaft mit wildem Gestein, in dem viele urtümliche Gesichter zu entdecken sind. Auf einem erhöhten, beinahe 1 km langen und 200 m breiten Kalksteinplateau thront eine imposante Burgruine.

Das Dorf ist auf halber Höhe an den Felsenhügel gebaut. Die pittoresken Häuser und Gässchen mit ihren Geschäften und der Kirche Saint-Vincent ist eine Bilderbuchwelt. Man denkt sofort an die Geschichten von Marcel Pagnol.

In der Kirche Saint-Vincent konnte mir Primo zeigen, wie eine ursprüngliche Felsenhöhle in eine Kirche integriert worden ist. An diesem Ort fühlten wir uns seltsam wohl, verweilten lange, während andere Mitreisende den Weg zur Burgruine vorzogen.

Heimfahrt
Um auf die Autobahn zu gelangen, führten die Fahrten immer landwirtschaftlichen Feldern entlang. Wir konnten blühende Mandelbäume sehen, Felder mit Olivenbäumen bewundern, sich über grosse Baumnussplantagen wundern. Auch Spargeln, Melonen, Kartoffeln werden dort angebaut. Und an gewissen Hängen Reben. Ein landwirtschaftliches Paradies.

Dieses war den Menschen nicht einfach gegeben. Sie mussten die Sümpfe entsalzen und mit Süsswasser ausschwemmen, um den Humus für den landwirtschaftlichen Anbau abgrenzen und nützen zu können. Schon vor Jahrhunderten wurde solche Pionierarbeit in Angriff genommen.

Haben die Menschen aus dieser Region einen besonderen Schutzengel?

Engel Avignon
Wenn ja, so könnte es dieser sein…
Ich fotografierte ihn am 26. März 2016 in Avignon